Christoph Reichel über "Unverfügbare Natur" von Anne Kemper

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a) Welche Umwelt ist ethisch schützenswert?

Sicherlich ist die Bewahrung von intakten humanen Lebensräumen eines der wichtigsten Anliegen der Umweltethik, allerdings sind „Erhalt und Schutz von stabilen Naturhaushalten in erster Linie Gebote der Klugheit […], nicht in sich selbst wertvoll, sondern zu Zwecken menschlichen Überlebens und Wohlergehens […] unabdingbar.“ (Kemper 2001, 20) Aus dieser anthropozentrischen Sichtweise stellt etwa die Pflanzenwelt nichts anderes „als ein Reservoir zahlreicher, oft noch gänzlich unbekannter Nutzpflanzen, Energierohstoffe und Substanzen für die Krankheitsbekämpfung“ dar. (Kemper 2001, 20) Dieser am Nutzen orientierte Umweltbegriff, obwohl er allein schon eine solide Argumentationsgrundlage pro Umweltschutz darstellt, ist für Kemper zu eng gefasst. Darüberhinaus gibt es aber auch eine Auffassung, die „Natur als etwas bereits in sich selbst Wertvolles“ erachtet. (Kemper 2001, 10) Was ist damit gemeint? Die Beantwortung dieser Frage scheint für Kemper trivial zu sein: „Natur ist etwas ›Schönes‹. Etwas, das man genießen kann, nicht nur zu Erholungszwecken, sondern auch, weil sie uns anzieht, fasziniert, unsere Bewunderung erweckt.“ (Kemper 2001, 10) Auch wenn nicht jeder diese Faszination fühlt, und genau das könnte man Kemper entgegenhalten, so sehe ich auch, dass weitgehend Übereinstimmung darin herrscht, dass Natur etwas Schönes oder zumindest Beeindruckendes ist.

Wenn wir Schönes sehen oder beeindruckt sind, von dem was wir sehen, treten Überlegungen nach der Verwertbarkeit des Gesehenen vielleicht in den Hintergrund. Geschieht dies in Hinblick auf die Natur, kann man von einer absichtslosen Naturbegegnung sprechen und die Möglichkeit einer solchen Begegnung übersieht ein radikaler Anthropozentrismus. Nun ist aber die bestehende Möglichkeit einer absichtslosen Naturbegegnung meines Erachtens der zentrale Punkt von Kempers Argumentation. Sie muss sich also gegen diese Form von Anthropozentrismus äußern, ohne dabei zu übersehen, dass es stets Menschen sind, die ethische oder ästhetische Kriterien entwerfen. Sie übersieht dies nicht. Es sollte daher niemanden wundern, dass Kemper nicht nur einen radikalen Anthropozentrismus ablehnt, sondern auch einen radikalen Physio- oder Biozentrismus, „für den der Mensch nur ein Teil der Natur ist“. (Kemper 2001, 24) „Physiozentrismus beruht auf einer idealistischen Vereinnahmung, indem er der Natur Werte zuschreibt, ohne sich der letztlich auch anthropozentrischen Bestimmungswillkür solcher Unternehmen bewußt zu sein.“ (Kemper 2001, 25)

Gerade in umweltethischen Diskussionen ist der Unterschied zwischen Mensch und Natur und somit die „Sonderstellung des Menschen“ als „Subjekt eines autonomen Willens“ zu berücksichtigen. (Kemper 2001, 23) Es ist nicht die Natur, die uns beauftragt, sie zu schützen. Naturschutz ist etwas von uns Gewolltes. Die Natur ist eben nicht „an sich“ eigenwertig, sondern wir schreiben ihr Eigenwertigkeit zu. Sowohl nützliche als auch unverwertbare Natur ist „für uns“, doch letztere ist darüberhinaus, insofern wir sie um ihrer selbst willen schätzen, „für uns“ „für sich“. Um die Beziehung zwischen Mensch und Natur zu fassen, besonders in Hinblick auf unsere umweltethischen Maßstäbe, legt uns Kemper „die Verwendung des Begriffs (methodische) Anthroporelationalität nahe“. (Kemper 2001, 25)

Wenn wir in erster Linie eigenwertige Natur als ethisch schützenswert erachten, müssen wir uns fragen, auf welcher Grundlage diese Zuschreibung erfolgen kann.


b) Auf welcher Grundlage kann die Schützenswürdigkeit der Umwelt beruhen?

Für Kemper „(kommt) [d]ie gesuchte Verbindung zwischen […] Mensch und Natur ästhetisch zustande.“ (Kemper 2001, 34) Da wir der Natur absichtslos begegnen können, müssen wir ihr Eigenwertigkeit zugestehen. Absichtslosigkeit ist die Voraussetzung für die Erfahrung des Erhabenen und Schönen in der Natur und die Eigenwertigkeit der Natur ist ein wesentlicher Bestandteil in jeder naturästhetischen Erfahrung.

Ein ästhetisches Erlebnis der Natur ist interessiert am „Dasein um ihrer selbst willen“, wobei „weder die Natur als über den Menschen verfügend, noch der Mensch als über die Natur verfügend erlebt wird“. (Kemper 2001, 34) Doch, obwohl die Natur von uns als eigenwertig, als schön oder erhaben, erlebt wird, ist sie nicht „auf unsere ästhetische Freude an ihr reduzierbar“. (Kemper 2001, 35) Für Kemper ist es eine Tatsache, dass uns die „Leistungen“ der Natur, als Beispiel dient ihr die perfekte Organisation eines Ameisenstaates, nicht unberührt lassen, denn „je mehr man sich mit Naturabläufen befaßt, desto mehr steigt in der Regel die Faszination, und diese ist nicht unbedingt eine nur ästhetische.“ (Kemper 2001, 36) Eine ästhetische Herangehensweise an natürliche Prozesse bietet aber eine Alternative zu abstraktem, nach Ursachen fragendem Denken, da nur die ästhetische Betrachtungsweise den Naturgegenstand „von vornherein und anfänglich in einer selbstgenügsamen Eigenwertigkeit in den Blick kommen“ lässt und „nach keiner weiteren Begründung verlangt, da ästhetische Erfahrung sich ganz und gar schon selbst genügt.“ (Kemper 2001, 37)

Da jede ästhetische Naturbegegnung frei von praktischen Interessen ist, kann Furcht vor der Macht der Natur kein Motiv dafür sein, diese zu schätzen. Vielleicht ist diese Furcht Anlass, die Natur zu schützen, doch dann nicht um ihrer selbst willen. Um ihrer selbst willen ist die Natur nur schützenswert, wenn wir sie wertschätzen. Wertschätzung setzt aber „Freiheit von, Sicherheit vor und Freiwilligkeit gegenüber dem zu Schätzenden“ voraus. (Kemper 2001, 38) Ehrfurcht kann daher kein Grund für die Schützenswürdigkeit der Umwelt sein, insofern Naturverehrung, motiviert durch Furcht vor Rache, niemals Ausdruck von Wertschätzung der eigenwertigen Natur ist. Von einer absichtslosen Begegnung kann angesichts einer unmittelbaren Bedrohung durch ein Naturschauspiel nicht die Rede sein. Absichtslosigkeit bzw. Interesselosigkeit ist aber ein wesentlicher Bestandteil einer ästhetischen Begegnung und eine Voraussetzung dafür, dass wir die Natur nicht bloß als Mittel für unsere Zwecke begreifen, sondern ihr darüberhinaus Eigenwertigkeit zuschreiben. Mit Interesselosigkeit ist natürlich nicht Desinteresse gemeint, sondern das Fehlen von Überlegungen und Absichten, die die Verwertbarkeit von Natur betreffen.

Dem Einwand, dass auch ästhetisches Erleben keineswegs absichtslos sei, da es lediglich unserem Vergnügen diene, begegnet Kemper indem sie meint,

„daß nicht nur mit dem ›interesselosen Wohlgefallen‹, sondern auch mit Kants Auszeichnung der ›Selbständigkeit der Natur‹ als entscheidendem Topos des Naturästhetischen der Verdacht einer Funktionalisierung der Natur für eigene Interessen, auch im Sinne einer ästhetizistischen Zurichtung, nicht mehr stichhaltig wäre.“ (Kemper 2001, 40)

Die selbständige Natur ist weder von uns noch für uns gemacht und das „Interesse an der Interesselosigkeit, mit der wir der Natur begegnen, lebt gerade davon, daß sie uns begegnet als etwas, das sich selbst gehört und aus sich selbst entfaltet.“ (Kemper 2001, 41) Dies beinhaltet aber auch, dass unsere ästhetischen Maßstäbe nicht unhinterfragt an die Natur angelegt werden können.

Die Möglichkeit einer ästhetischen Naturbegegnung erfordert, dass wir die Natur als eigenständig und eigenwertig begreifen. Wenn wir dies tun, wird uns die Natur zum Objekt ethischen Handelns. Eigenwertigkeit und Unverfügbarkeit der Natur setzt aber die Möglichkeit einer absichtslosen Begegnung mit der Natur voraus. Diese Möglichkeit ist, so Kemper, allerdings gegeben und in zahlreichen ästhetischen Abhandlungen geschildert.


Fußnoten:

(1) Ich verwende in diesem Essay die Begriffe „Natur“ und „Umwelt“ synonym.


Literatur:

Anne Kemper, Unverfügbare Natur – Ästhetik, Anthropologie und Ethik des Umweltschutzes (Frankfurt/ Main, Campus, 2001)