Vermittlung von Bildung (MuD09): Unterschied zwischen den Versionen

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::'''Komplizierte Sprache =  ungebildet?'''
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::»Vielleicht ist es etwas extrem zu sagen, dass jemand, der sich einer unklaren komplizierten Sprache bedient, um sein Wissen kundzutun, beweist, dass er nicht gebildet ist.« (Zitat von rebecca r., siehe oben). Allerdings ist es zu extrem, ich finde, dass das absolute Gegenteil der Fall ist.
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::Eine komplizierte Sprache, die freilich Verwirrung stiften kann, spricht nicht für die Ungebildetheit des Autors, sondern des Lesers. Der Autor sollte per se darauf bedacht sein, verstanden zu werden, jedoch besteht unsere Sprache aus vielen scheinbaren Synonymen; sie sind deshalb scheinbar, weil sie oftmals einen kleinen, diffizil zu erkennenden Unterschied beinhalten. Die Bildung des Schreibers kommt dann zutage, wenn er diese scheinbaren Synonyme pedantisch zu ordnen weiß, will heißen, den passenden Begriff dafür zu finden, was er ausdrücken will. Einige Sachen lassen sich eben nicht einfacher ausdrücken oder drückte man sie simpler aus, verlieren sie an Genauigkeiten, könnten gar eine ganze Philosophie zum Einsturz bringen. Wie oben erwähnt, streben die meisten Autoren generell danach, sich verständlich zu machen; falls nicht, wartet man eben wie Kant Jahre lang auf irgendeine Kritik seiner Schrift.
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::An dem Beispiel der »Kritik der reinen Vernunft« liegt es also auf der Hand, dass, insofern möglich, komplizierte Sätze so einfach wie möglich ausgedrückt werden sollten; überdies manifestiert eine komplizierte Sprache zumindest die linguistische Kompetenz des Autors, nicht aber unbedingt die soziale (falls es überhaupt das Anliegen des Verfassers ist, seine Theorie vielen Menschen zugänglich zu machen).
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::Auch muss der Schwierigkeitsgrad der Sprache immer im historischen Kontext verstanden werden. So nimmt der französische Einfluss auf die deutsche Sprache ab und der englische immer mehr zu; in der Literatur des 19. und anfänglichen 20. Jahrhunderts (vor allem in der russischen Literatur: Tolstoi, Dostojewski, Turgenjew…) zeigt sich, dass Französisch, ähnlich wie heute Englisch, als eine nicht erwähnenswerte Voraussetzung angesehen wurde. Ein extremes Beispiel findet sich bei Thomas Manns Zauberberg (vgl. S. 462-474, Fischer-Verlag), der teilweise seitenlang in Französisch geschrieben wurde.
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::Abschluss: Es würde wohl niemand wagen Kant oder Mann als ungebildet zu diffamieren, trotz ihrer komplizierten Sprache. Sprache ist definitiv das Medium, um Bildung auszudrücken, inwiefern es dann jedoch sinnvoll ist unsere Sprache möglichst kompliziert darzustellen, ist eine subjektive Ansicht.--[[Benutzer:Legastenika0742392|Legastenika0742392]] 12:40, 19. Jan. 2010 (UTC)

Version vom 19. Januar 2010, 12:40 Uhr

Wie viel Ausbildung ist zu Bildung nötig?

von Simpkin

In unserer Diskussion haben wir den Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Philosophien entdeckt: die eine Denkweise hält es für notwendig, dem Lernenden ein Werkzeug mit auf den Weg zu geben, mit dem er arbeiten kann. Die andere Denkweise spricht sich nur dafür aus, dem Schüler soviel wie möglich an Freiraum zu bieten, damit er selbst das Wissen entdecken und sich so Bildung aneignen kann. Beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile, aber im Zuge der Diskussion ist uns aufgefallen, dass sich die Naturwissenschaftler vielleicht noch eher „an der Hand nehmen und etwas zeigen lassen“ als die Geisteswissenschaftler, die prinzipiell alles in Frage stellen wollen können. Wodurch sich die Universität meiner Meinung nach von einer Fachhochschule unterscheidet, ist die Pflicht der Professoren und der Studenten, sich kritisch mit einem Thema auseinander zusetzen. (Nicht, dass auf Fachhochschulen nicht auch das kritische Denken gelehrt werden kann, aber ich glaube nicht in dem intensiven Maße, wie es an der Universität der Fall ist oder der Fall sein sollte.) Dazu ist ein hohes Maß an Freiheit und Eigenverantwortung von beiden Seiten (Lehrende und Lernende) notwendig, dass im Moment auf recht wackeligen Füßen steht: einem Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, sich über ein Thema ausreichend zu informieren wenn er es wünscht (in diesem Artikel werden Sie keine –Innen-Formen finden. Ich interpretiere den Begriff „Student“ als geschlechtsneutrale Berufsbezeichnung und spreche damit Männer und Frauen gleichermaßen an). Dies war am 23. Dezember am NIG nicht der Fall, als ich, Student der Philosophie, von einem eigens engagierten Sicherheitsdienst am Betreten „meines“ Institutes und damit „meiner“ Bibliothek gehindert wurde, da „die Gefahr bestehe, ich könnte die Uni neu besetzen“. Abgesehen davon, dass hier die österreichische Lösung der sogenannten Studentenproteste eindrücklich gezeigt wird („anstatt an den Studienbedingungen etwas zu ändern, sperren wir jetzt einfach die Universitäten zu, damit die aufsässigen Studenten nicht mehr rein können“ wurde ich an meinem Recht ein öffentliches Gebäude zu betreten und in der Bibliothek mein Wissen zu erweitern gehindert, denn vom nächsten Tag an, sind bis Anfang Jänner Ferien. Ich werde mich hier weder über die Sinnhaftigkeit der Studentenproteste noch über den Zynismus, mit dem den Studierenden hier begegnet wird (wie soll man sich ohne ausreichende Möglichkeiten informieren /bzw. warum holen wir nicht gleich alles aus Wikipedia) näher äußern. Aber es erscheint mir bemerkenswert, wie in diesem Land mit dem Begriff der sogenannte „Freien Bildung“ umgegangen wird.

Wieviel Bildung braucht denn der Mensch überhaupt? Der Ansatz „was ist Wissen und wie ist es vermittelbar?“ reicht von Sokrates („Ich weiß, dass ich nichts weiß“ bis zu Poppers antropomorphistischer Idee (sehr kurz zusammengefasst: Wissen ist genetisch im Menschen veranlagt und je nach Bedarf und Umweltsituation hervorgeholt bzw. angepasst). Während sich einige Schulen für die absolute Freiheit der Entwicklungsrichtung und höchsten noch etwaige Förderung der Stärken ihrer Schüler aussprechen (z.B Montessori), sind andere der Ansicht, nur durch Vorgabe, Drill und Disziplin könne dem Menschen die Bildung vermittelt werden, die er braucht (und hier wird vom Lehrer ausgesucht, was für den Schüler von Relevanz ist) (Beispiel: jede Militärschule rund um den Globus). Ich persönlich bin der Ansicht, dass man als mündiger Mensch einen Mittelweg zu gehen hat, zwischen Disziplin und Vorgabe und eigenem Infragestellen der Dinge. Wenn mir niemand beibringt, eine Sprache zu sprechen und ein Alphabet zu lernen, kann ich mich später nicht darüber aufregen, wenn mir Zutritt in eine Bibliothek verweigert wird. (Natürlich besteht die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir eine Sprache ganz von selbst aneignen und auch das Alphabet ganz allein lernen könnte, allerdings ist sie relativ klein. Abgesehen davon ist die andere Methode schneller und effizienter.) Obwohl man zwischen Bildung und Ausbildung differenzieren muss, stehen sie doch in einem Spannungsverhältnis zueinander, denn ich glaube, ich brauche eine gewisse Ausbildung zur Bildung, damit Bildung überhaupt möglich wird. Der Naturwissenschaftler sind noch eher geneigt, ein mathematisches System zu akzeptieren, oder eine physikalische Formel, die Vorgänge in der Realität erklärt. Der Geisteswissenschaftler akzeptiert dies vielleicht nicht so ohne Weiteres bzw. zweifelt alles an („Was ist Bildung?“, „Was kann ich wissen?“, „Wozu denn überhaupt Bildung?“ , „Und was ist denn diese Realität überhaupt?“).

Die Geisteswissenschaftlerin akzeptiert ein mathematisches System vielleicht deswegen nicht, weil Formalismen im eigenen wissenschaftlichen Umfeld (in der community) nicht praktisch (also handelnd) relevant werden. Hingegen werden bei den Naturwissenschaften oder in den technischen Wissenschaften bestimmte formelhafte Zusammenhänge (z.B. das Ohm'sche Gesetz in der Elektrotechnik oder die Energieerhaltungssätze in der Physik) heruntergerattert, durchgearbeitet, verinnerlicht, verwendet so wie in der Philosophie der Kategorische Imperativ oder Platons Höhlengleichnis. Dass aber Geisteswissenschaftlerinnen als Geisteswissenschaftlerinnen alles anzweifeln, schließe ich daraus nicht. Niemand gibt gern seine Konventionen und Überzeugungen auf, auch wenn es das Ziel akademischer (nicht allein philosophischer) Tätigkeit ist, diese zu prüfen und wenn nötig fallen zu lassen. Kurz gesagt: Etablierte (Geistes-,Natur- und Sozial)Wissenschaften schöpfen aus einem begrenzten Methodenschatz und handeln mit einem vorgezeichnetem Denkraum. Nicht jede Wissenschaftlerin kann (und soll?) den Denkraum in Frage stellen; oft hilft es, ihn genauer auszuloten, aus ihm heraus andere Kontexte zu erschließen. Im Studium gehts schon darum, mit dem Methodenschatz und dem Denkraum vertraut zu werden (durchaus mit wachem Verstand). Und das verstehe ich bereits schon als einen Modus von Bildung.--Andyk 01:16, 4. Jan. 2010 (UTC)
"Ausbildung zur Bildung" finde ich eine sehr treffende Formulierung.
Die disziplinäre Vorgabe der Geisteswissenschaften (und insbesondere der Philosophie) enthält die methodische Maxime des "kritischen Hinterfragens" und der "freien gedanklichen Selbstentfaltung". Genau darum bin ich vorsichtig mit solchen Ausdrücken. Sie sind das Konventionellste, was man sagen kann. Wie wenn man sagt, dass "die Naturwissenschaften" effizient und erfolgreich seien. Es kann schon was dran sein, aber das muss man sich im Einzelnen ansehen. Durch unsere Übung zieht sich die doppelte Perspektive: das Selbstbild der Geisteswissenschaften und die politischen Effekte, die sich damit verbinden. --anna 17:55, 6. Jan. 2010 (UTC)

Aber: In dem Moment, in dem er die Realität anzweifelt, hat er einen Begriff den er anzweifelt. Und diesen Begriff rechne ich der Ausbildung (=Begriffsklärung) zu, um die Bildung (=eigenständiges Denken: hier Zweifel an der Realität als solcher) zu ermöglichen. Der viel gepriesene Begriff des mündigen Menschen lässt, im Zuge des Studiums zum Beispiel folgende Fragen aufkommen: „Will ich /soll ich überhaupt studieren?“, „WAS soll ich studieren?“ und „WIE will ich studieren?“ Welche Methoden gibt es denn für mich, ein Thema zu wählen und einen Lernstoff zu vertiefen? Welche Rolle kann / soll / darf ein Lehrer /ein Professor denn überhaupt für mich spielen? Inwieweit kann ich denn überhaupt vom selbstbestimmten Lernen reden, wenn ich doch zumindest in der ersten Zeit, wenn ich mich neu mit einem Thema beschäftige, einen Lehrer an meiner Seite haben muss, der mich mit den Grundlagen der Materie so wie er sie versteht vertraut macht?

Es gibt Lernverhältnisse, in denen sind diese beiden Erfordernisse im Gleichgewicht. Ich erinnere mich, dass ich im 3.Semester in einem Seminar zu Heideggers "Sein und Zeit" saß und davon nur sehr wenig verstanden habe. Ich habe jede Hilfe angenommen und gleichzeitig den Text wild entschlossen gelesen und gelesen. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dem Professor vorzuhalten, dass er mir etwas anbietet, und ich habe mich auch nicht gefragt, was mir das "eigentlich" bringt. Ich war einfach hungrig. Ich höre auch jetzt von Studierenden, denen es ähnlich geht. Und da sehe ich auch keinen Unterschied zwischen mathematischen, logischen, linguistischen oder philosophischen Vorgaben. Platon, Spinoza, Kant, Carnap sind nicht im Prinzip einfacher. Ich riskiere das Vorurteil: Man kann es sich mit ihnen nur einfacher einfacher machen. --anna 17:55, 6. Jan. 2010 (UTC)

Mir ist klar, dass es eine Lehre gibt, die prinzipiell gegen jede Beeinflussung des Lernenden von außen ist. Mir ist aber schon viel weniger klar, wie das in der Praxis funktionieren soll. Ein Physikstudent muss ein gewisses Grundwissen sowohl der Physik als auch der Mathematik vermittelt bekommen, um Quantenmechanik zu verstehen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass er dieses Gebiet ohne Anleitung „überreißt“ ist verschwindend gering. Abgesehen davon lebt jeder Mensch, ob er will oder nicht, in einem sozialen System, in dem er zwangsläufig mit anderen in Berührung kommt. Dadurch findet bereits automatisch Beeinflussung in bestimmte Richtungen statt. Provokant formuliert: Jede Form der Kommunikation ist bereits eine Form der Manipulation (wahrscheinlich in beide Richtungen). Popper sagt, Adaption ist immer zweiseitig. Wenn ich diesen Gedanken „weiterspinne“ und auf Platos Höhlengleichnis anwende drängt sich mir folgende Frage auf: Wenn ich das Werkzeug (in diesem Fall meinen Verstand, meine Vernunft, meinen Logos,…) irgendwie in die Hand bekommen habe (von einem Lehrer oder durch mich selbst) inwieweit erfolgt dann die Adaption der Wirklichkeit (im Beispiel ist das die Außenwelt) an mich? Um mein Ego nicht in den Mittelpunkt zu stellen kann ich es auch so formulieren: Gibt es einen Unterschied zwischen der Adaption der Außenwelt an den sogenannten gebildeten und dem sogenannten ungebildeten Menschen? Wäre es nicht möglich, dass es viele verschiedene Arten von Bildung gibt, die sich am jeweiligen Leben der Person orientieren? Für einen Indianer am Amazonas ist es sinnlos die Straßenverkehrsregeln zu kennen, da er sich nur im Urwald bewegt. Dagegen muss sich ein Mensch, der in New York lebt, damit auskennen, sonst überlebt er nicht lange. Für zwei verschiedenen Arten Dschungel gibt es also zwei verschiedene Lebensweisen und daher zwei Formen von „gebildet sein“. In unseren Breiten hält sich hartnäckigerweise die Meinung, ein Mensch sei gebildet, sobald er Latein/Griechisch kann oder –besonders österreichisch - einen Titel hat. Ich sehe das anders: für mich ist Bildung auch eine Haltung. Wenn jemand zu seinem Umfeld in einer Sprache spricht, die es nicht verstehen kann, um zu beweisen, wie gebildet er ist, beweist er für mich gerade das Gegenteil. Wirklich gebildet ist für mich dagegen jemand, der vielleicht beides kann, aber sich auf seine Umgebung so einstellt, dass er verstanden wird. Etwas einfaches mit komplizierten Worten zu erklären ist nicht schwer. Der Trick besteht darin, etwas Kompliziertes mit einfachen Worten zu erklären. (Ist sinngemäß auch von Popper zitiert). Ziel aller Studierenden ist schlussendlich die Verleihung eines Titels. Auch das ist, wenn es um Bildung im eigentlichen Sinn geht, grundfalsch aber wirtschaftlich notwendig. Aristoteles lobte den wahren Weisen, der Bildung um der Bildung Willen betreibt. Mit der Verleihung eines Titels bekommt man einen Stempel aufgedrückt, mit der unsichtbaren und doch spürbaren Beifügung „gscheit.“ Ich werde jetzt nicht näher darauf eingehen, warum und wieso Leute mit Titel (und sei er durch Heirat erlangt) anders behandelt werden als Leute ohne. Aber: auch auf die Gefahr hin, altklug zu klingen, ich habe Menschen getroffen, die keine Ausbildung im klassischen Sinn genossen und trotzdem gebildeter waren, als solche die diese Chance hatten. Bildung und Ausbildung hängen also zusammen, gehen aber trotzdem nicht Hand in Hand. Bildung hat für mich auch mit Belesenheit zu tun, mit dem eigenen Willen, ständig etwas Neues lernen zu wollen. Für mich ist Bildung ein lebenslang andauernder Prozess, vielleicht vergleichbar mit der aristotelischen Definition von Glück: der Mensch muss sich mit einer aktiven, selbst handelnden Seite ständig vergewissern, dass er auf der richtigen, besten Seite steht um gut zu sein, da er das nicht von Natur aus ist. - Simpkin,2.1.2010

Es ist richtig, dass leider viele Lehrpersonen zum Lehren / Unterrichten gar nicht geeignet sind. Natürlich haben die meisten eine pädagogische Ausbildung und eine didaktische Ausbildung, dennoch sprechen sie - wie oben bei Simpkin erwähnt - in einer Sprache, die nicht verstanden wird, oder schon eine einschlägige Ausbildung voraussetzt. Ein Lehrer muss in erster Linie die BEGEISTERUNG für ein Thema / einen Stoff/ eine Wissenschaft haben, sich also für diese selbst begeistern, um dies dann einem Schüler in lebendiger Weise vermitteln zu können und zu wollen. So, dass der noch Unwissende von sich aus begeistert wird und wünscht, mehr über das zu Lernende erfahren zu wollen, also regelrecht angesteckt wird von der Begeisterung des Lehrers. Darum muss ein Lehrer auch eine Tiefe von Wissen über den bestimmten Bereich besitzen und nicht nur oberflächlich eine Materie kennen.Also eine Sache nicht nur kennen, sondern auch verstehen. Gleich wichtig ist die Rhetorik, er muss seine Gedanken einfach und klar erklären können.

Das Folgende soll kein Rechtfertigungsgrund für Vortragende sein, die sich überhaupt nicht darum kümmern, ob sie verstanden werden, doch: An manchen Punkten ist es vielleicht hilfreicher, in Rätseln zu sprechen. Ab einem bestimmten Kenntnisstand bringt es nichts mehr, weitere einfach erklärte Fakten gesagt zu bekommen, denn jedes weitere Faktum das du erfragst zeigt, dass das bisher Gesagte deinen modus operandi noch nicht verändert hat. Beim Erlernen von Sprachen kennt man das Phänomen: Irgendwann schließt sich das angehäufte Wissen von Vokabeln und Regeln und du grübelst nicht mehr über die Sprache sondern IN der Sprache. Ähnlich beim Autofahren: Die Tätigkeiten sickern auf eine tiefere Ebene des Bewusstseins und ohne nachzudenken hast du auf den zweiten Gang geschaltet. Wenn du diese Fähigkeit in Regeln und Fakten zerlegen müsstest, hättest du große Mühe, denn du musst dich auf die Tätigkeit konzentrieren, was es ungemein schwerer macht, fehlerfrei zu fahren. Und wie garantierst du jemanden, dass diese Menge an Regeln und Fakten bei ihm zum selben Ergebnis führen wird, wenn du diese selbst erst (re?)konstruieren musstest? Trotz aller Reflexion: Wir brauchen vermutlich diese Art von Reflexen und halbbewussten Abläufen, um uns in komplexe Situationen einpendeln zu können - und um sie erfassen zu können.--Andyk 01:16, 4. Jan. 2010 (UTC)


Vielleicht ist es etwas extrem zu sagen, dass jemand, der sich einer unklaren komplizierten Sprache bedient, um sein Wissen kundzutun, beweist, dass er nicht gebildet ist. Vielleicht kann er es gar nicht anders a) weil er es für sich selbst so verstehen kann und fälschlicherweise annimmt, dass der andere auf der gleichen Verständnisebene steht oder b)weil er eben nicht die oben erwähnten Befähigungen zum Lehren hat. Wir müssen hier aufpassen, Unterrichten zu können (so,dass es auch verstanden werden kann ) nicht mit gebildet sein zu vergleichen. - rebecca r.

Gestaltet sich das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden wie das zwischen Produzent und Konsument? Inwieweit trifft diese Analogie zu? Also wenn ich in der Vorlesung sitze und mir die Redezeit ansehe, komme ich nicht umhin, diese Analogie anzuwenden. Zum Glück sind Vorlesungen nicht das Einzige, was während des Studiums passiert. Wenn wir schon bei Glück und glücklichen (Studien)Bedingungen sind:

Vorhin hab' ich mir Little Miss Sunshine angeschaut. Dort wird Marcel Proust recht oft erwähnt und einmal wird ein bestimmtes Zitat von ihm paraphrasiert, das in unserem Zusammenhang provokant klingt und das ich im Sinne des Zitats gerne zur Diskussion stellen möchte:

  • "Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung." Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3

Ich erlaube mir folgende Deutung: Durch alle Begierden erfüllende Bedingungen würden wir nicht zu dem, was wir gerne kritisches Denken nennen, kommen. Oft schaffen gerade die widrigsten Bedingungen das Spielfeld für kreative Gedanken (ab einem gewissen Grad geht diese Aussage in Geschmacklosigkeit über, nämlich dort, wo Keime für kreative Gedanken schon im Ansatz erstickt werden). Jene irritierende Spannung der ausbleibenden Wunscherfüllung entfacht die Kräfte der Sprache und des Denkens. (Ich würde dies von jeder Art von Masochismus trennen, denn die Spannung wird nicht notwendigerweise genossen) Dort, wo alles glatt läuft, bleiben die Erfahrungen zumeist eher flach und wenig lehrreich.

  • Dieser Überlegung muss ich noch ein Zitat von Proust nachschießen; also noch einmal Name-Dropping: "Aber das Glück kann nie kommen. Sind die Umstände endlich gefügig gemacht, so verlegt die Natur den Kampf von außen nach innen und bringt allmählich in unserm Herzen eine Wandlung hervor, so daß es etwas anderes wünscht, als was ihm zuteil werden wird." Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3 Die Situation, in der es Zustände gibt, wo all das, was wir wollen, erfüllt ist, kann keine dauerhafte sein. Sobald sie eintritt, beginnt der Wille sich zu wandeln.
  • Hat dieser Schmerz und die Widrigkeit der Umstände etwas mit Bildung zu tun? Man könnte hier sofort an Platons schmerzhaften Aufstieg von der Höhle ins Licht denken, aber diese Steigung sehe ich hier noch nicht angelegt. Wenn das mit Bildung zu tun hat, wäre es eine Bildung, die nicht notwendigerweise im akademischen Kontext stattfindet sondern in vielen Lebenszusammenhängen.--Andyk 01:16, 4. Jan. 2010 (UTC)

--Andyk 01:16, 4. Jan. 2010 (UTC) Platon sagt, dass die Bildung eine zweite Sonne sei. Was macht die Sonne ? Sie spendet das Licht und lässt einen die Dinge erkennen. Und so ist es mit der Bildung, sie lässt uns die Dinge, die Welt erkennen. Was kreative Leistungen anbelangt ist es richtig , dass negative Umstände zu Höchstleistungen antreiben. Wenn es um die vermittlung von vorhandenem Wissen geht, ist es keine Voraussetzung, Schmerzen zu durchleben, oder unglücklich zu sein. Wobei auch Zeitdruck eine Art von negativem Einfluss ist, der sich auch positiv auswirken kann. Das hängt vom Menschentyp ab, denn bei anderen bewirkt das eher das Gegenteil, eine Blockade. - Rebecca


Ad Simpkin: Ich möchte hier noch etwas erwähnen, was mir, als ich an der von dir beschriebenen Stelle über K. Popper angelangt bin, eingefallen ist. „Adaption ist immer zweiseitig. “ und „Kommunikation ist immer eine Form von Manipulation.“ Wie ich das gelesen habe, musste ich sofort an die „Sapir-Whorf-Hypothese“ denken.

Edward Sapir, der Lehrer von Benjamin Whorf, und B. Whorf selbst studierten begeistert die nordamerikanischen Indianersprachen, vor allem die Inuitsprache (Das Volk der Inuit wird vermehrt mit dem Schimpfwort „Eskimo“ bezeichnet), welche sich von der Struktur der indogermanen Sprachen in jeglicher Hinsicht unterscheiden. Sie kamen zu der Theorie, dass Sprache nicht nur Ausdrucksmittel für die eigenen Gedanken ist, sondern auch die Gedanken ihrer Sprecher_innen und letztlich sogar deren Tätigkeiten lenkt.

Whorf, der lange Zeit als Versicherungsbeamter tätig war, stellte den Begriff der „sprachlichen Relativitätstheorie“ auf, als er einmal einen Schadensfall abwickeln musste, in welchem ein Arbeiter eine noch glühende Zigarette in ein scheinbar „leeres“ Fass warf, welches jedoch nicht – wie er geglaubt hatte – leer, sondern mit explosivem, unsichtbarem Gas gefüllt war. Whorf begann zu grübeln und hatte den Gedanken, dass der Mann seine Welt falsch interpretiert hatte. Er nahm an, das Fass sei leer, für ihn war das die Wahrheit. Doch das unsichtbare Gas, welches sich in dem Fass befand, konnte ja unmöglich gesehen werden, d.h.: Der Arbeiter war auf den ersten Blick mit Hilfe sensorischer Mittel nicht in der Lage ausreichend Erkenntnis über die Welt um ihn zu erlangen.

Whorf dachte weiter und entwarf seine Theorie von dem „sprachlichen Relativitätsprinzip“. Dieses ist heute unter den Linguist_Innen als „Sapir-Whorf-Hypothese“ bekannt und lautet ungefähr so: „Das Weltbild und somit das Verständnis von der Welt innerhalb einer Gemeinschaft (genauer: innerhalb einer Sprachgemeinschaft) ist durch die Sprache dieser Sprachgemeinschaft vorgegeben.“ Dies würde bedeuten, dass unser Verständnis über die Welt, durch unsere Sprache bzw. Muttersprache prädestiniert ist. Auf der Welt werden nicht nur Standardsprachen gesprochen (In der Linguistik ist mensch sich sowieso schon der Meinung, dass es sowas wie Standardsprachen gar nicht gibt.), denken wir nur an die unzähligen Zwergsprachen überall auf der Welt. Doch dies ist nicht nur „irgendwo auf der Welt“: selbst hier in Europa können wir etwa 70 Sprachen vernehmen (Dialekte eingeschlossen!). Doch auch innerhalb einer Gemeinschaft können wir unzählige „Sprachstile“ wahrnehmen, die sehr gewichtig sein können, jede Gruppe von Menschen hat seinen eigenen Soziolekt. Gehobenere „Schichten“ – Ich wage hier zu behaupten, dass mensch diese „Schichten“ sogar durch die Menge an Kapital, die eine Familie ihr Eigen nennt, eruieren kann. – weisen einen anderen Soziolekt auf als niedrigere Schichten, und gehobenere Schichten untereinander haben ebenfalls einen unterschiedlichen Soziolekt. Dann: bestimmte berufliche Gruppen, wie Ärzt_innen, Jurist_innen oder Linguist_innen sprechen ebenfalls einen eigenen Soziolekt.

Ich, der Philosophie studiert, sehe heute vieles anders, als ich es vor vielleicht fünf Jahren gesehen habe, und ich weiß, ich werde die Dinge immer aus „meinem“ Blickwinkel betrachten, geprägt - oder sagen wir gleich manipuliert - durch Kindheit, Erziehung, Schulbildung, Freunde und Freundinnen, überhaupt durch die Menschen, mit denen ich jeden Tag verkehre, durch bestimmte Ereignisse in meinem Leben, und schließlich durch das Philosophiestudium. Und ich sehe das Ganze sogar als eine Art Kettenreaktion: Wenn mensch bestimmte Ereignisse erlebt, dann erlebt er sie in einem bestimmten Vorverständnis (sein ganzes Leben bis dato). Jedes Ereignis verändert das eigene Verständnis von der Welt und macht dieses zum neuen Vorverständnis für das nächstfolgende Ereignis. Wenn Menschen Bildung vermitteln, dann vermitteln sie sie in einem Vorverständnis über die Welt, welches sie bis dato erlangt haben, und jedeR einzelne Schüler_in rezipiert dieses vermittelte Wissen in einem bestimmten Vorverständnis (Dazu zählt auch der momentane Wissensstand dieser rezipierenden Person.). Wir leben nicht in einer homogenen Sprachgemeinschaft, wo in einer Vorlesung DER Stoff vermittelt wird und DER Stoff von den Studierenden aufgenommen wird und DER Stoff dann schließlich für die Prüfung oder für das eigene Gehirn des Wissens willen gelernt und vorbereitet wird. In einer heterogenen Sprachgemeinschaft - so wie wir sie heute haben (und eigentlich schon immer gehabt haben) - funktioniert das ganze etwas anders.

Um wieder zum Bildungsbegriff zurückzukommen, wage ich hiermit ein wenig weiter zu denken und zu behaupten, dass es für mich (meiner Meinung nach) so etwas wie "Die Lehre Platons", "die Lehre des Aristoteles, des Thomas v. Aquin, Kants, Husserls, Heideggers, Wittgensteins" gar nicht gibt. Jeder Mensch hat seine kognitiven Fähigkeiten innerhalb eines Vorverständnisses ausgebaut. JedeR Philosoph_in, der/die eine bestimmte Hypothese aufstellt, tut dies unter Berücksichtigung eines bestimmten Vorverständnisses. Diese Person berücksichtigt dieses Vorverständnis nicht aktiv, vielmehr liegt dies in den automatisierten Funktionen unseres Gehirns, dass jenes unter bestimmten empirischen Eindrücken anders funktioniert, d.h. jedes Mal, wenn ich etwas neues erlebt habe, fängt mein Gehirn an, anders zu funktionieren. Ich stelle mir das wie eine heiße Herdplatte vor. Wenn ich als Kind einmal auf die heiße Platte gegriffen habe, so werde ich (hoffentlich) gelernt haben, dass dies ein unangenehmes Gefühl (Schmerz) in mir auslöst. Ich möchte keine unangenehmen Gefühle wie Schmerz, Trauer Leid etc. (in diesem Fall eben Schmerz) und daher werde ich auch nicht mehr auf die Herdplatte greifen. Ich werde aber ebenfalls nicht mehr darüber nachdenken jedes Mal, wenn die heiße Herdplatte vor mir erscheint (Vielleicht werde ich dies anfangs noch tun.). Und genauso verhält es sich – so finde ich – mit den unzähligen sensorischen und empirischen Eindrücken, die wir im Laufe der Zeit erfahren und die jedes Mal eine Umfunktionierung unserer kognitiven Fähigkeiten bewirken.

Ich möchte damit sagen, dass jede „Lehre Kants“, die mir von einem/einer Lehrer_in/Vortragendem_n „beigebracht“ wird (die in einem bestimmten Vorverständnis – oder besser auf Grund einer bestimmten Interpretation dieser Lehre von der Lehrkraft „gewusst“ wird), nur durch Interpretation des Stoffes von dem/der Lernenden rezipiert werden kann. Diese Interpretation ist von Individuum zu Individuum verschieden, je nach Verständnis von der Welt, welches wiederum durch das Vorverständnis geprägt ist, das sich im Laufe der Zeit durch die Erfahrung, welche ebenfalls von Individuum zu Individuum unterschiedlich ist, manifestiert. Ich möchte jetzt nicht auf die Seite des reinen Subjektivismus übergehen, wo jede Objektivität auf das Subjektive reduziert wird, da ich weiß, dass ich nicht imstande sein werde, diese Position allzu lange zu halten. Ich finde es einfach nur sehr wichtig, diesen sprachlichen und soziologischen Aspekt besonders im Bereich der Bildung zu berücksichtigen. --Sandmann 13:05, 10. Jan. 2010 (UTC)


---Sandmann, besonders frappant waren für mich folgende Stellen in deinem Beitrag, Zitat:
" [...] ich sehe das Ganze sogar als eine Art Kettenreaktion: Wenn mensch bestimmte Ereignisse erlebt, dann erlebt er sie in einem bestimmten Vorverständnis (sein ganzes Leben bis dato). Jedes Ereignis verändert das eigene Verständnis von der Welt und macht dieses zum neuen Vorverständnis für das nächstfolgende Ereignis."
sowie daran anknüpfend
" [...] Interpretation ist von Individuum zu Individuum verschieden, je nach Verständnis von der Welt, welches wiederum durch das Vorverständnis geprägt ist, das sich im Laufe der Zeit durch die Erfahrung, welche ebenfalls von Individuum zu Individuum unterschiedlich ist, manifestiert." ,
da sie mich an eine Passage aus Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeits des Seins erinnerte:
"Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. ... Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist? Aus diesem Grunde gleicht das Leben immer einer Skizze.
Auch Skizze ist nicht das richtige Wort, weil Skizze immer ein Entwurf zu etwas ist, die Vorbereitung eines Bildes, während die Skizze unseres Lebens eine Skizze von nichts ist, ein Entwurf ohne Bild." - aus Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera (die genaue Seitenangabe folgt noch; ich habe das Buch während der Ferien bei einer Freundin lesen dürfen, habe es jedoch noch nicht für meinen eigenen Bücherschrank erworben - wenn erfolgt, folgt auch der Nachtrag! Dieses Exzerpt stammt von [1]; so habe ich die Stelle auch in Erinnerung!)
Seitenangabe: Milan Kundera – Unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Fischer-Verlag, 1. Teil, 3. Kapitel, S. 11, letzter Abschnitt.

Ich bin übrigens sehr erfreut darüber, dass dieser Roman, den ich noch längere Zeit vor Beginn meines Philosophiestudiums las, aufgegriffen wird, da er für mich eine große Inspiration darstellte. Der Roman regt zu philosophischen, psychologischen und im Hinblick auf die Story (Zeit: Prager Frühlings bis 80er Jahre) zu geschichtlichen, politischen und soziologischen Überlegungen an, ohne jedoch eine wahre philosophische Theorie aufzustellen (weil eben Literatur und kein philosophisches Fachbuch). Im Hinblick auf die Bildungsdebatte will ich an dieser Stelle auch allgemein formulieren, dass man gerade mithilfe der Literatur (freilich, abhängig davon, was man als »Literatur« bezeichnet) zu eigenem Denken und Sich-Weiterbilden angeregt wird, weil man mit Sachverhalten und Gedanken konfrontiert wird, die einem unbekannt oder vor dem Lesen eines Buches uninteressant erschienen. In dieser Hinsicht ist die Literatur beinahe unablässig, um sich bilden, schließlich, um als gebildet (nach unseren Definitionen) zu gelten und damit beziehe ich mich nicht auf das Wissen, welche Autoren welches Buch geschrieben und welchen Preis bekommen haben, sondern auf das, was mal direkt und mal zwischen den Zeilen aus literarischen Büchern herauszufischen ist. --Legastenika0742392 11:48, 19. Jan. 2010 (UTC)


Natürlich kann das Zitat nicht unkommentiert und unkritisch übernommen hier für sich selbst stehen, und trotz des oftmals recht hohen philosophischen Gehalts im zitierten Roman Milan Kunderas sollten einige Aussagen eventuell doch 'mit Vorsicht' genossen werden, zumindest aber hinterfragt werden.
In der Formulierung "weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann" steckt meines Erachtens wenigtens die Annahme, wenn nicht sogar das 'Urteil', die 'Gewissheit', der Mensch habe "nur" ein Leben, und kein vorhergehendes, um aus eventuell damalig getroffenen Fehlentscheidungen (wobei hier natürlich wiederum die Frage 'Was ist überhaupt eine FEHLentscheidung?' gestellt werden kann; hier ist jedoch gemeint, was im Ermessen des jeweiligen Individuums als 'Fehlentscheidung' angesehen, identifiziert wird, und diesem Individuum nach anders, also 'besser', entschieden hätte werden sollen; eine ausführlichere Darstellung würde wohl einmal den Rahmen dieser Seite "Vermittlung von Bildung" sprengen, aber auch meinen persönlichen 'Zeit- und Denkrahmen'!;) zu 'lernen' und in einem nachfolgenden Leben andere Konsequenzen für sich zu ziehen, andere Entscheidungen (eben vor/durch diesen Erfahrungshintergrund) zu treffen. Dies kann, zumindest ich, nicht als gewiss ausweisen.
Gesetzt diese Annahme, haben wir für dieses unsere Leben jedoch wirklich keine Vergleichsmöglichkeit(en), die das Fällen einer Entscheidung erleichtern würden, zumindest nicht aus einem vorhergehenden, eigenen Leben - es bleibt der Vergleich unserer Handlungen, und der Konsequenzen, die sich aus eben diesen ergeben, mit denen anderer Individuen, jedoch sind diese wiederum in ihren ganz eigenen, eben individuellen Kontext eingebettet - es können wohl Parallelen gezogen werden, jedoch keine (vollständige) Identifikation mit der uns doch oftmals so ähnlich, so 'gleich' erscheinenden Situation eines anderen Individuums, und somit erhalten wir auch keine Gewissheit über die 'Richtigkeit' unserer Handlung(en), über alle möglichen Konsequenzen derselben, o.Ä., also kein vollständiges 'Bild' - Wir haben also schon die Möglichkeit uns - vereinfacht ausgedrückt - mit anderen zu vergleichen, aber der Vergleich muss aufgrund des 'individuellen Kontextes' hinken, also doch 'keine (adäquate) Vergleichsmöglichkeit', zumindest nicht in der Form, dass wir anhand dieser die (für uns) 'richtige', 'bestmöglichste', usw. Entscheidung treffen könnten . Demnach ist es dann wirklich, wie bei Kundera geschrieben steht: "Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung.", also "[...]die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist [...]"
Und hier, um auf Sandmanns Beitrag zurückzukommen, sehe ich den Anknüpfungspunkt zum Beitrag;
Wenn wir, zugespitzt, keine Gewissheiten im Leben haben , die Probe gleichzeitig die Durchführung ist, und wir nur in Gedanken mögliche Szenarien konstruieren können, Folgen maximal abschätzen können, so weist das Treffen einer Entscheidung für mich doch eine gewisse Willkür auf (worauf beziehe / berufe ich mich? - könnte es ja immer auch anders machen, und Frage nach der ersten, 'bewusst getroffenen' entscheidung?), markiert aber doch einen Punkt, und somit vielleicht den Anfang jener 'Kausalkette' oder "Kettenreaktion", von der Sandmann spricht. (Ich versuche, die Gedankenfluten zu lichten.) Ist der Prozess einmal in Gang gesetzt, lässt sich die Entscheidung nicht mehr rückgängig machen - sie muss somit zwar nicht die unbedingte, kausale Vorraussetzung für eine weitere Entscheidung, oder gar alle weiteren Entscheidungen sein, diese nachfolgenden Entscheidungen also nicht unbedingt kausal auf dieses eine vorgehende Ereignis rückführbar sind, aber es ist zumindest ein Schritt in eine gewisse Richtung (von einem Punkt zu einem anderen, fortlaufend), und es verschafft uns ein spezielles Vorverständnis, wenn jedes Ereginis unser Verständnis von der Welt verändert. So reiht sich die Kette aneinander.
und
Mensch erlebt "alles" unmittelbar und zum ersten Mal. (schon in seinem eigenen Kontext, aber gewissermaßen 'irreversibel')
Jede Handlung, die vollzogen wird, jedes Ereignis, das erlebt wird, 'steht' fertig da, Handlung, Ereignis wurde ja faktisch vollzogen / erlebt, und lässt sich nicht etwa rückgängig machen, also schon "unmittelbar erlebt", also wie Sandmann: "Jedes Ereignis verändert das eigene Verständnis von der Welt und macht dieses zum neuen Vorverständnis für das nächstfolgende Ereignis. Und die Kette ist - 'willkürlich' - in Gang gesetzt, 'läuft'. Aus dieser Art von Kausalität scheint es keinen Ausweg zu geben, in dem Sinne, dass dieses und jenes Ereignis ein gewisses Vorverständnis bei mensch erzeugt, und Nachfolgendes nicht mehr 'rein' rezipiert, erlebt werden kann, sondern immer schon vor einem gewissen, individuellen Hintergrund. (auch gegeben durch Umfeld, Ausbildung, Erziehung, etc. etc.) Somit erlebt mensch vielleicht auch doch wieder nicht so unmittelbar (zumindest nicht 'unmittelbar' in seiner herkömmlichen Bedeutung(?)), wie postuliert wurde. Er rezipiert es auf seine Art und Weise, vor seinem persönlichen Hintergrund, 'immer schon gefärbt'.
Wir scheinen uns also in einem Spannungsverhältnis zu befinden; einerseits erleben wir immer schon innerhalb eines individuellen Kontextes, Vorverständnisses, andererseits scheinen wir aber auch 'in die Ereignisse hineinzuschlittern' [zwar bewusst dafür entschieden, aber auch nach der Art 'wenn mensch drin ist, ist er drin', das Ereignis hat faktisch stattgefunden, ...(auch wenn die weiteren Schritte, also was man daraus macht, wieder etwas Eigenes sind) - was natürlich nicht in einer Art Fatalismus ausarten soll, aber sicher auch kann].
Jedenfalls denke ich, das Kundera anhand der geschilderten Passage doch sehr deutlich zeigt (und ich versage mir, Kundera selbst die Worte in den Mund zu legen; aber immerhin hat er sie seinem Erzähler in den 'Mund' gelegt), oder zumindest das "Problem des Mensch-sein" oder die Zwickmühle, in der der Mensch sich befindet, vielleicht nach Sartre'scher Art "L'homme est condamné à être libre.", aufwirft / aufzeigt. [Auch wenn Heideggers "In-der-Welt-sein" vielleicht auch passen würde, aber eben ohne speziell den Menschen dadurch auszuzeichnen(?)]Auf was kann der Mensch sich beziehen? „... weil wir (die Existentialisten) den Menschen daran erinnern, dass es außer ihm keinen anderen Gesetzgeber gibt und dass er in seiner Verlassenheit über sich selbst entscheidet" (aus Der Existenzialismus ist ein Humanismus) - vielleicht also die 'Verlassenheit des Menschen', die 'Geworfenheit' des Menschen als Problem oder zumindest Schwierigkeit des Mensch-sein an sich. (als übergeordnet zur Problematik an der Vermittlung von Bildung, oder darüber hinaus reichend, weiterführend, ...)
(Soll nun aber auch nicht in radikalem Subjektivismus, oder Relativismus o.Ä., ausarten - aber dieser Punkt, diese Fragestellung ergab sich doch für mich!)
Ich weiß nicht, ob ich meine Gedankengänge klar oder nachvollziehbar artikulieren konnte, ob der Gedankengang an sich 'in sich stimmig' ist, oder doch grobe 'Fehler', 'Fehlschlüsse', o.Ä. aufweist, oder auch nur puren Stumpfsinn - mein erster Versuch, der Niederschrift meiner Gedanken als wiki-Beitrag. Der letzte Teil vlt noch unausgegoren? Zumindest der Gedankenstrom wurde festgehalten.
Prinzipiell fand ich einfach den Gedanken 'an sich' bemerkenswert. Überlegungen, welche Konsequenzen der Menschen aus solch einer Aussage ziehen könnte (also wie vielfältig auslegbar diese Passage mir erscheint!) - sowie den Vergleich mit dem Theaterschauspieler ohne vorhergehende Probe (Improvisation!? unser Leben) und das Bild des Entwurfs, dem Anfertigen einer Skizze und damit unser Leben verglichen.
Und um die Unterstreichung des Punktes beim vorhergehenden Beitrag!Und dass ich das zumindest ähnlich sehe, in puncto Vorverständnis und Interpretieren 'der Welt', ... .


Eventuell interessante Anknüpfungspunkte für eine weiterführende, vlt doch allgemeinere Diskussion:
  • Philosophie Ludwig Wittgensteins - Über die Gewissheit
  • generell Gedanken, Fragestellungen über 'Gewissheit' [habe kurz etwas von Nietzsche (?) überflogen, zu Decartes' "cogito ergo sum", die 'nur'(?) zu einer Gewißheit aufgrund zweier richtiger Urteile (cogito und sum) führt, in ihnen also schon Vorwissen artikuliert ist und benötigt wird, also somit letztlich in die Problematik der Letztbegründung führt(!?)]
  • Gewissheit - Zweifel - Möglichkeit, "Sinn" des Zweifels!?
All dies würde aber den Rahmen dieser Diskussionsseite sprengen, und hat letztlich nicht mehr viel Bezug zur eigentlichen Fragestellung, deshalb, falls der Beitrag inhaltlich schon was hergeben sollte, und Interesse besteht, die Diskussion vielleicht auf einer anderen Seite (meine Benutzerseite?) weiterführen!
--Eugénie 12. Jan. 2010, 02:27
Komplizierte Sprache = ungebildet?
»Vielleicht ist es etwas extrem zu sagen, dass jemand, der sich einer unklaren komplizierten Sprache bedient, um sein Wissen kundzutun, beweist, dass er nicht gebildet ist.« (Zitat von rebecca r., siehe oben). Allerdings ist es zu extrem, ich finde, dass das absolute Gegenteil der Fall ist.
Eine komplizierte Sprache, die freilich Verwirrung stiften kann, spricht nicht für die Ungebildetheit des Autors, sondern des Lesers. Der Autor sollte per se darauf bedacht sein, verstanden zu werden, jedoch besteht unsere Sprache aus vielen scheinbaren Synonymen; sie sind deshalb scheinbar, weil sie oftmals einen kleinen, diffizil zu erkennenden Unterschied beinhalten. Die Bildung des Schreibers kommt dann zutage, wenn er diese scheinbaren Synonyme pedantisch zu ordnen weiß, will heißen, den passenden Begriff dafür zu finden, was er ausdrücken will. Einige Sachen lassen sich eben nicht einfacher ausdrücken oder drückte man sie simpler aus, verlieren sie an Genauigkeiten, könnten gar eine ganze Philosophie zum Einsturz bringen. Wie oben erwähnt, streben die meisten Autoren generell danach, sich verständlich zu machen; falls nicht, wartet man eben wie Kant Jahre lang auf irgendeine Kritik seiner Schrift.
An dem Beispiel der »Kritik der reinen Vernunft« liegt es also auf der Hand, dass, insofern möglich, komplizierte Sätze so einfach wie möglich ausgedrückt werden sollten; überdies manifestiert eine komplizierte Sprache zumindest die linguistische Kompetenz des Autors, nicht aber unbedingt die soziale (falls es überhaupt das Anliegen des Verfassers ist, seine Theorie vielen Menschen zugänglich zu machen).
Auch muss der Schwierigkeitsgrad der Sprache immer im historischen Kontext verstanden werden. So nimmt der französische Einfluss auf die deutsche Sprache ab und der englische immer mehr zu; in der Literatur des 19. und anfänglichen 20. Jahrhunderts (vor allem in der russischen Literatur: Tolstoi, Dostojewski, Turgenjew…) zeigt sich, dass Französisch, ähnlich wie heute Englisch, als eine nicht erwähnenswerte Voraussetzung angesehen wurde. Ein extremes Beispiel findet sich bei Thomas Manns Zauberberg (vgl. S. 462-474, Fischer-Verlag), der teilweise seitenlang in Französisch geschrieben wurde.
Abschluss: Es würde wohl niemand wagen Kant oder Mann als ungebildet zu diffamieren, trotz ihrer komplizierten Sprache. Sprache ist definitiv das Medium, um Bildung auszudrücken, inwiefern es dann jedoch sinnvoll ist unsere Sprache möglichst kompliziert darzustellen, ist eine subjektive Ansicht.--Legastenika0742392 12:40, 19. Jan. 2010 (UTC)