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"Das Bild zum heutigen Tag stammt aus den Karpaten. Damit Sie es lokalisieren können, das ist die alte Monarchie-Karte vom Königreich Galizien, Lodomerien. Das hier ist die Bukowina und darin gibt es eine Region, die von der ethischen Gruppe der Huzulen bewohnt wird. Die Huzulen sind Bauern und Viehzüchter, das ist ein Foto offensichtlich aus jüngerer Zeit, in dem sie die Situation in etwa sehen, wie Tiere zusammen auf die Weide getrieben werden, auf die Almen. Warum komme ich darauf zu sprechen? – Weil ich beim letzten Mal schon angedeutet habe, dass die Überlegungen zu Aristoteles diese besondere philosophische Gemengelage enthalten, auf der einen Seite beinahe das Selbstverständlichste vom Selbstverständlichen zu sein, eine ganze Reihe von Sachen, die man sich frei Hand auch ausdenken kann, auf der anderen Seite aber ist es so, dass der Anschein, dass das ja alles selbstverständlich ist, daher kommt, dass wir schon seit 2500 Jahren mehr oder weniger zu denken gewohnt sind, was Aristoteles da festgeschrieben hat, was damals schon einen Teil Alltagsverstand beinhaltet hat, aber auch in ganz andere Richtungen hätte gehen können. Die Selbstverständlichkeit, die uns heute vorkommt, ist eine, die zum Teil von Aristoteles mitverursacht ist und zum anderen Teil hinter der Forderung steht, dass wir diese Selbstverständlichkeit zumindest mal präzisieren, schärfen für die Zwecke, die wir jeweils brauchen. Und der Zweck, unter dem ich Aristoteles jetzt hier betrachte, ist letztlich der Zweck des Verständnisses von Wissen und Geld. Die Vorlesung ist beschäftigt mit dem freien Zugang zu Forschungsresultaten und freier Zugang heißt an dieser Stelle also, nicht unter den Regeln der Marktwirtschaft, wie sie (Sie erinnern sich, mit Springer, Elsevier, mit den Baronen der großen Verlage) praktiziert wird. Um in die Gegenwart zu kommen, im Laufe des Jänners werden wir darüber noch mehr hören, werde ich jetzt hier damit auch die Reflexion auf die antike Basis abschließen für die heutige Stunde, werde mich aber den Ausführungen von Aristoteles in der Politik und in den zwei Ethiken, die er geschrieben hat, zuwenden. Genug über dieses Verhältnis von Selbstverständlichkeit und Raffinesse, das an der Stelle zu betrachten ist.

Ich bleibe mal mehr auf der Ebene der Selbstverständlichkeit und beginne damit, dass die Erwerbskunde - das ist ein Zitat aus der Politik hier – von Aristoteles beschrieben und aufgebaut wird ausgehend vom Überleben. Was brauche ich und was braucht eine Gruppe von Menschen, in der ich eine Rolle spiele, um sich zu halten, subsistieren und zu entwickeln, in einer sozusagen prä-prä-prä-modernen, archaischen Lebenssituation. Der Rückblick von Aristoteles und die Systematik von Aristoteles sagen, dass es Unterschiede der Nahrung dafür gibt und die verschiedenen Lebewesen, die die Natur hervorgebracht hat, bedienen sich der unterschiedlichen Nahrungsmittel. Von den Tieren leben die einen herdenweise, die anderen vereinzelt, je nachdem das eine oder das andere ihnen für den Gewinn ihrer Nahrung zuträglicher ist. Sie leben also teils vom Fleisch, teils von den Pflanzen und das machen sowohl die Tiere allgemein, als auch die Menschen. Die Menschen aber sind dadurch gekennzeichnet, dass die Nahrungsmittelbeschaffung auch eine direkte Auswirkung auf die Sozialstruktur hat, die diese Menschen annehmen. Die Sozialstruktur der Nomaden besteht darin, dass es sich um mobile Trupps handelt, die den Tieren jeweils nachziehen. Dann gibt es die Sozialstruktur von Ackerbauer und Viehzüchter, die sich an einer Stelle fixieren und entsprechend ihre Landwirtschaft betreiben. Dann gibt es die Fischerei, die Jagd auf Vögel und wilde Tiere, die man hinzufügen kann, auch zu einem landwirtschaftlichen Betrieb. Und das sind denn nun wohl die sämtlichen Lebensweisen, die eine unmittelbar-natürliche Tätigkeit betreiben und nicht durch Tausch- und Handelsverkehr Nahrung schaffen. Also, das ist die primäre Nahrungsmittelbeschaffung.

Ich erinnere Sie jetzt noch kurz im Vorübergehen, dass wir in der letzten Session schon so weit waren, dass wir abgesehen von einer Diskussion über die Erwerbskunde, also die Ökonomie, schon darüber gesprochen haben, dass menschliche Einzelhöfe, Dörfer und dann Dorfverbände sich zu Staaten zusammenschließen, und dass Staaten (da waren wir sozusagen schon ganz wo anders) der Rahmen sind, in dem so etwas wie Gerechtigkeit stattfinden kann, indem nämlich in einem Staatsverband eine soziale Ordnung definiert wird, aus der heraus ein Gesetzeswerk, eine Gesetzesfestlegung formuliert werden kann, in diesem Staat, gültig für die Angehörigen des jeweiligen Staates. Das Recht ist die Ordnung der staatlichen Gemeinschaft, das ist die dike (griechisch δίκη, Gerechtigkeit). Ich habe beschlossen das letzte Mal damit, Ihnen den rapiden Ausblick auf das Vorlesungsthema kurz vor Augen zu halten und Ihnen nämlich zu sagen: Die Frage, wie viel Wissen wert ist, welches Recht man darauf hat, etwas zu besitzen, was von der Art des Wissens ist, ist eine Frage des Rechtes (es ist nicht etwas, was sich natürlich ergibt), die geregelt wird in einem jeweiligen Staatszusammenhang, und wird uns an dieser Stelle auf die Art und Weise weiter beschäftigen.

Nun ist der zweite Teil des Satzes hier, den ich extra betont habe, natürlich das, was uns von der Idee her beschäftigt und wo die ganze Pointe auch der Überlegungen von Aristoteles hinführt, dass es nämlich eine unmittelbar natürliche Tätigkeit gibt, des Pflanzens und Züchtens, und dass es auch eine andere Art und Weise gibt, Nahrung zu schaffen, nämlich dass man sie durch Handel und Tausch sich beschafft. Also etwas, was man nicht im eigenen Vorgarten aufgezogen hat, sich zum Beispiel dadurch beschafft, dass man einiges von dem, was man selber aufgezogen hat, eintauscht gegen etwas, was man nicht aufziehen konnte. Das sind nun genau die Banalitäten, von denen ich gesprochen habe, aber auf die wir jetzt dann gleich weiter eingehen werden, weil bei Aristoteles selbst sehr eindrucksvolle und erstaunliche Bemerkungen zu diesem kleinen Unterschied gemacht werden.

Die Huzulen (um jetzt wieder darauf zurückzukommen) kommen dadurch in die Geschichte, dass sie in einem Roman aus der alten Zeit, das Zitat habe ich von Martin Pollack aus dem Buch 2001, das ist Anfang des 20. Jahrhunderts, dieser Roman Die Wahrheit der alten Zeit. Und diese Beschreibung führt vor Augen, dass wiederum nicht ganz weit weg von unseren heutigen Erfahrungen, gerade mal 100 Jahre vielleicht statt der 2500 Jahre, durchaus noch in unserem ein bisschen erweiterten Erfahrungsbereich eine Lebensform möglich war, die in der Debatte über freien Forschungszugang wieder eine wichtige Rolle spielt, und das ist Gemeineigentum (englisch commons, in der antiken altertümlichen deutschen Übersetzung ist es das Wort Allmende). Wenn Sie durch das Weinviertel oder auch durch das Waldviertel fahren, finden Sie Dorf-Architekturen, also Dorf-Topografien, Grundrisse, die noch etwas von dem signalisieren, was da einmal als soziale Ordnung stattgefunden hat, nämlich in der Mitte des Dorfes, zum Beispiel ein kleiner Teich, eine Wasserstelle und ein größeres Grüngebiet, also in der Mitte des Dorfes eine Weide (wenn Sie so wollen), und die Häuser herum um die Weide. Das ist nicht naturgegeben und wenn Sie die meisten Dörfer anschauen, die Sie durchfahren, bevor Sie dorthin kommen, wo diese Dörfer sind, dann wird Ihnen sehr deutlich, dass das nicht die Normalform der Siedlungsformen gewesen ist: also das gewöhnliche Straßendorf, das darin besteht, dass (so wie in der Einkaufsstraße) rechts und links von der Straße die jeweiligen Häuser sind und dahinter hat sich jeder (natürlich auch schon aufgegliedert), aber dahinter beginnt das Terrain und das Territorium dessen jeweils, der sich diesen claim abgesteckt hat. So ist die Landschaft gestaltet worden von Menschen, die der Auffassung waren, dass Sie mit ihren Häusern der Reihe nach sich aufstellen und dahinter haben sie ihren Eigenbereich. Siedlergruppen, die einer anderen Auffassung waren, haben eine andere Siedlungsform gewählt, nämlich die, dass sie gesagt haben: Ok, hier haben wir die Weide, da tun wir alle unsere Tiere hin, und unsere Häuser stehen rundherum. Das heißt (de facto, historisch) nicht, dass die die Vorstellung gehabt haben, der Kreis in der Mitte müsste jetzt segmentiert werden, lauter kleine Kreissegmente, die günstigerweise von den einzelnen Häusern zugänglich sind, und da könnte man dann auch noch kleine Zäune aufstellen. Das war genau nicht die Idee, sondern die Idee war: Alles hinschicken, alle schicken ihre Tiere dorthin. Das ist sozusagen Allmende, freier Gemeindebestand, freie Gemeindeweide. Und diese Beschreibung, die von den Huzulen da gegeben wird - Sie können es sich selber dann durchlesen, sie ist ganz witzig, auch deswegen, weil sie deutlich macht, dass noch bis zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts auch sehr stark sakrale Steuerungsmomente eine Rolle gespielt haben, der Glaube an die Weltordnung. Wie schaut das aus? "Wem gehören die Almweiden? Gott und den Schafen, Gott und die Schafe nähren den Watah, die Hirten und die Herdenbesitzer." Da gibt es diese Vorstellung, wir sind alle Naturwesen und abhängig von einem höheren Prinzip, gemeinsam damit abhängig von unseren Tieren, abhängig von unserem Gott und darin gemeinsam. So ganz selbstlos war das an der Stelle auch nicht, geht aus dem Zitat sehr schön hervor – die hatten die folgende Methode, sich ihre Eigentumsrechte doch noch auszudefinieren: Zu Beginn des Almauftriebs gab es eine Probemelkung, der einzelne Tierbesitzer hat seine Tiere hingebracht (diesen Besitz hat es gegeben), eine Testmelkung hat stattgefunden und es ist aufgezeichnet worden, wie viel diese Tiere hergeben – für alle, die die Tiere zusammengetan haben und am Ende der Saison ist der entsprechende Anteil dann zurückgeführt worden an den jeweiligen Tierbesitzer. Also eine relativ elegante Art und Weise eine Verwaltungsvereinfachung durch gemeinsamen Gebrauch des Weidelandes mit einer Lebensunterstützung und sozusagen einer Lebensgrundlage für die einzelnen Bauern und Bäuerinnen zu gestalten – eine Form, wie man, sozusagen ohne darauf zu bestehen, dass jeder sein eingegrenztes Weideland hat, auf der Basis von Gemeingut auch ein individuelles Auskommen finden kann. Also so viel zum kleinen Seitenblick in die Gegenwart.

Ich gehe zurück zu Aristoteles in diesem Politik-Zitat. Aristoteles sagt, wenn ich unter solchen Verhältnissen die Sache betrachte, Nahrungsproduktion durch die verschiedenen Modi (abgesehen vom Tausch, Tausch geht gerade noch, aber das hier ein bisschen in Klammer gesetzt), dann habe ich eine Situation der Hausmeisterkunst, der Haushaltführungskunst, die darin besteht, dass der Vorstand der jeweiligen Hausgemeinschaft, welche einschließt Männer, Frauen, Kinder, Sklaven, Tiere, Grundbesitz, sich darum kümmern muss, dass die ihm anvertrauten Personen und Tiere ihr Auskommen haben, wie man relativ schön sagt an der Stelle, dieses „ihr Auskommen haben“ referiert ein bisschen zurück auf diese allgemeine Situation. Und Reichtum besteht jetzt unter diesem Aspekt darin, einen Vorrat zu sammeln von Gegenständen, "die notwendig zum Leben und nützlich für die staatliche und häusliche Gemeinschaft (koinonia) sind und die daher auch entweder schon vorhanden sein oder durch die Hausverwaltungskunst herbeigeschafft werden müssen", also: die Pflege von Obstbäumen und die Ausnützung von Wasserressourcen, alle diese Dinge. Und dann sagt Aristoteles, weil das eine solche Kunst der Pflege und Beschaffung von Lebensunterhaltsmitteln ist, kann man sagen, dass ein darauf gerichtetes Leben nicht ins Unendliche geht, sondern dass ihm Grenzen gesetzt sind, und die Grenzen sind einfach die, die sich ergeben durch die sachgemäße Pflege dieses Hauswesens. Über das Hauswesen hinaus braucht man für das sinnvolle Leben in dieser Definition nichts. Die Passage, die Aristoteles hier von Solon zitiert, lautet allerdings: "«Reichtum hat keine Grenze, die greifbar den Menschen gesetzt ist»". Das ist sozusagen schon vor ihm ein Hinweis darauf, dass es mit Reichtum ein bisschen einen anderen Zusammenhang hat, aber diesen anderen Zusammenhang, auf den er selber dann jetzt gleich zu sprechen kommen wird, weist er an der Stelle ab und sagt, für Zwecke der Hausgemeinschaft und des gedeihlichen Zusammenlebens gilt nicht die ins Unendliche gehende Maßlosigkeit, sondern das Maß liegt in dieser definierten Situation. Und dass es also eine naturgemäße Erwerbskunst für den Ökonomen und die politikos (Staatsmänner) gibt, ist damit klar. Jetzt ist die Thematik, die durch das Solon-Zitat angesprochen ist, für Sie natürlich alle sehr greifbar, sofort, ist eine Thematik, die dann auch in ähnlicher Weise in Diskussionen um die Reichtumstheorie und die primäre Akquisitionstheorie bei Locke geführt worden ist, und das ist die, dass man vor der folgenden Situation steht: In dieser naturgemäßen Erwerbskunst ist es so, dass man einen Apfelbaum hat und der Apfelbaum produziert Äpfel und vielleicht sogar zu viele Äpfel, als dass man sie überhaupt alle verwenden könnte, weil die also nicht alle aufgegessen werden können zur richtigen Zeit und vielleicht gibt es keine richtigen Mittel, die zu konservieren. Aber der Überschuss der Äpfel, der vielleicht in den Tausch dann gehen kann, ist jedenfalls begrenzt durch die materielle Beschaffenheit dessen, was hier an Überschuss vorhanden ist. Wenn es zu viele Kühe sind, dann hat man keinen entsprechenden Weideplatz und solche Dinge. Es reguliert sich sozusagen ein. Und es gibt einen Faktor, der dieser Beschreibung nicht entspricht, klarerweise, und der jetzt hier den großen problematischen Punkt bedeutet und das ist Geld, weil Sie können Äpfel vielleicht ein Jahr lang aufheben und haben auch ein bisschen beschränkten Speicherplatz. Geld können Sie endlos aufheben und der Speicherplatz ist auch nicht wirklich ein Problem. Die Pointe ist in jedem Fall, dass Sie mit Geld etwas haben, was Wert bedeutet und Wert jetzt nicht im Sinne der natürlichen Nahrungsproduktion, sondern einen davon abgehobenen prinzipiellen Wert. Und da Sie mit dem Geld in eine Dimension geraten, die unabhängig ist von diesen Lebensmittelkreisläufen und es frei verwendbar ist, gelten die Restriktionen nicht mehr, die natürlichen Feedback-Schleifen in einer normalen Nahrungsmittelerzeugung gelten nicht mehr. Sie können Geld aufhäufen, ohne dass es schlecht wird. Das stimmt natürlich auch nicht ganz, aber es wird zumindest nicht so schlecht wie Äpfel oder eingelegte Gurken. Das ist sozusagen das Problem dabei. Während es keinen Sinn macht sich vorzustellen, Sie wären jetzt der allgemeine Gurkenkönig und bauen ganze Lagerhäuser, wo Sie nur Gurkengläser hineinstellen, macht es einen Sinn zu sagen, Sie wären der reichste Mann im Dorf. Sie haben damit einen neuen Zugang zu Ressourcen ganz allgemein. Diese Sache hat Solon im Auge und die gilt nun genau nicht für die naturgemäße Erwerbskunst, und die gilt aber, und das ist jetzt der vorhin genannte zweite Satz, die gilt für die Tätigkeit von Tausch und Handel. In dem Maße, in dem Sie dort hineingehen, in dem Maße haben Sie Möglichkeiten des Erwerbens von Reichtum auf eine neue Art, auf eine andere Art und Weise. Es ist nicht nur die Erwerbskunst (Sie haben hier am Anfang Über die Erwerbskunde), das nächste ist jetzt dann Über die Kunst des Gelderwerbs, der Gelderwerb, der ein anderer ist als der Nahrungsmittelerwerb. Diese Kunst des Gelderwerbs (griech. chrematistike; Erwerbskunst allgemein: griech. ktetike) hat daran schuld, "dass es für Reichtum (ploutos) und Besitz (ktesis) keinerlei Grenze zu geben scheint, und viele halten sie für eine und dieselbe mit jener ersteren wegen der nahen Verwandtschaft mit ihr. In Wahrheit aber ist sie doch, obwohl sie ihr nicht fernsteht, keineswegs einerlei mit ihr. Denn jene ist eine naturgemäße Erwerbsweise, diese dagegen ist keine naturgemäße, sondern sie kommt vielmehr zustande durch Erfahrung (empeiria) und Kunst (techne)." - durch Empirie und Technik. Aristoteles macht an der Stelle einen sehr (wie soll ich sagen) modernen und eingängigen Unterschied dazwischen, zu sagen, Reichtum kann man in einem, heutzutage würde man sagen, organischen Zusammenhang haben und Reichtum kann man haben durch gewisse technische Ausnützung von Erfahrungsmaterial im Zusammenhang mit der Geldwirtschaft. Was er jetzt über Geldwirtschaft sagt, ist etwas, was geradewegs auch für heutige Überlegungen gilt, eine Basis für das, was dann berühmterweise Karl Marx aufgegriffen hat in seiner Analyse des Kapitalismus, nämlich, um es mit dem Schlagwort gleich jetzt einmal zu sagen: Wenn wir diese beiden Erwerbstätigkeiten betrachten und analysieren, müssen wir unterscheiden zwischen Gebrauchswert und Tauschwert.

Gebrauchswert und Tauschwert resultieren in der Unterscheidung gerade aus den beiden genannten Szenarien: der Gebrauchswert eines Apfels, der darin besteht, dass Sie gesund leben und auch etwas Gutes essen wollen und der Gebrauch des Apfels ein Teil Ihres Ernährungsprogrammes ist; und der Tauschwert des Apfels, der darin besteht, dass Sie vielleicht zu viel davon haben und verwendet werden kann in einem Exchange. Nun ist der wichtige Punkt, bleiben wir bei dem Apfel, die wichtige Frage ist jetzt: Da habe ich einen Apfel, dem Apfel als Apfel, als Ding, sieht man einen Gebrauchswert oder Tauschwert nicht an. Er ist etwas, was am Baum wächst und dann vom Baum fällt oder vom Baum gepflückt wird. Das ist der Naturanteil davon, dass so etwas kommt. Die Frage ist jetzt, wenn ich sage, was doch sehr plausibel ist, was da an dem Baum wächst, kann ich in zwei verschiedene Weisen sehen: Ich kann es so sehen, dass ich mir das nehme und es esse, weil es gut ausschaut und gut schmeckt, und ich kann es so sehen, dass ich sage, das packe ich in eine Kiste und tausche es gegen eine Kiste von Eiern. Wo kommt das her? Wie ist das zu bewerten, wie ist das zu beobachten, diese unterschiedlichen Dinge? Ist der Apfel von der Basis her, von dem, was der Apfel ist, ist der etwas, was dazu da ist, dass ich ihn esse? Ist die Bestimmung des Apfels, von mir gegessen zu werden oder ist es die Bestimmung des Apfels, von mir getauscht zu werden? Sie schütteln den Kopf, das sind ein bisschen komische Fragen. Aber was ist er eher, was ist er mehr? Das lässt sich so leicht nicht sagen, es ist aber eine sehr wichtige Frage, weil wir im Umgang mit Äpfeln (und dann natürlich nicht nur mit Äpfeln, sondern mit vielen von diesen Dingen) vor der Frage stehen: Wie gehen wir mit solchen Materialien sachgemäß um? Was ist die Beschreibung, die wir geben, wenn wir mit diesen Dingen umgehen? Aristoteles spricht über Schuhe und das, was ich Ihnen jetzt mit dieser Frage „Was gehört zu dem Apfel?“ verdeutlicht habe, kommt hier gleich noch einmal vor: "Die Benutzung eines jeden Besitztums ist eine doppelte, und beide Male wird das Besitztum als solches, aber nicht als solches in der gleichen Weise benutzt, sondern die eine Art von Benutzung ist die dem Gegenstand eigentümliche, die andere nicht, z. B. den Schuh kann man benutzen zum Anziehen, aber auch als Tauschmittel. Denn beides sind wirklich Benutzungsweisen des Schuhs, insofern auch der, welcher einem anderen, der eines Schuhs bedarf, einen solchen für Geld oder Lebensmittel zum Tausch gibt, damit den Schuh als Schuh benutzt, aber nicht in der demselben eigentümlichen Benutzungsweise, denn nicht zu dem Zweck ist der Schuh gemacht, als Tauschmittel zu dienen. Und ebenso verhält es sich mit allen anderen Besitzstücken: sie alle können als Tauschmittel verwandt werden."

Wenn Sie das jetzt, was ich Ihnen vorgelesen habe, mit dem kontrastieren, was da drinnen steht, merken Sie einen Unterschied: Aristoteles operiert mit einem Gebrauchswert, der in einer gewissen Weise näher an dem ist, worum es bei der Sache geht. Also beim Apfel geht es näher darum, dass der ein Nahrungsmittel ist. Der Bestimmungsweise des Schuhs entspricht es mehr, dass er gemacht ist, damit Leute ihn tragen. Abgeleitet davon gibt es eine zweite Benutzungsweise, die Benutzungsweise den Apfel zu tauschen und den Schuh zu tauschen, diese Benutzungsweise hängt zwar auch am Schuh, beides sind wirklich Benutzungsweisen des Schuhs, aber sie haben ein Gefälle. Und dieses Gefälle spiegelt das Gefälle zwischen dem natürlichen Lebensmittelkreislauf und dem Handelszusammenhang. Das eine ist eben das, wozu der menschliche Reichtum gut ist. Reichtum im Sinn von Verfügung über Ressourcen brauche ich, um das Haus auf die richtige Art und Weise zu führen. Dann gibt es aber auch eine Weise mit Reichtum umzugehen, die aus dem rausfällt und die den Tauschwert betrifft. Die nächste Frage, die sich direkt stellt, wenn man sich das sagen lässt und wenn man darüber nachdenkt, ist natürlich jetzt die, dass man sagt: Da habe ich also jetzt Gebrauchswert und Tauschwert, und beide Male kommt Wert vor, aber das ist doch ein einigermaßen unterschiedlicher Wert. Es wird suggeriert, dass das zwei verschiedene Formen von Wert sind. Jeder versteht das sofort, worum es geht. Es hat einen Wert, weil ich es essen kann und weil es gut schmeckt; und es hat einen Wert, weil es mir möglich macht, was anderes dafür einzutauschen. Aber wie verhalten sich die zueinander, die Werte? Wie soll ich das abwägen? Ich habe auf der einen Seite einen körperlichen Genuss (oder ein körperliches Bedürfnis) und auf der anderen Seite habe ich ein Verhandlungsresultat, habe ich eine Verhandlungsführung. In der Verhandlungsführung kommen Gesetze mit rein, und Regeln und Bedingungen, die mit meinem körperlichen Essgenuss überhaupt nichts zu tun haben. Ich muss an der Stelle beginnen abzuwägen zwischen etwas, was sehr individuell für mich und meine Lebensumstände spezifisch ist und auf der anderen Seite etwas, wo ich abgleichen muss mit anderen Personen, was deren Lebensumstände sind und wie die Bedürfnislage von den anderen ist, und wie die Bedürfnislage der anderen, die da alle mit eine Rolle spielen können (weil es da gibt es dann auch z.B. Konkurrenzverhältnisse sofort), wie die in Griff zu kriegen ist. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Das wird sehr schnell sehr kompliziert, wenn man nicht eine Maßeinheit einführt, die in dieser Dimension des Tauschgeschäftes es möglich macht, die jeweils individuellen Gebrauchswert-Vorstellungen zurückzudrängen und stattdessen eine Ordnung zu erfinden, die es gestattet, sehr sehr unterschiedliche Hintergründe von Gebrauchswerten für Dinge zu homogenisieren - also Äpfel, Birnen, Eier, Hühner, Schuhe, Häuser, sagt Aristoteles, die alle in ganz bestimmten Gebrauchszusammenhängen stehen und Wert haben, auf eine Art und Weise zu taxieren, die es gestattet, diese Dinge als Handelsgut in einem Tauschzusammenhang zu verwenden. "Der anfängliche Tauschhandel hatte einen durchaus natürlichen Ursprung, indem die Menschen von einem Gegenstand mehr und von einem anderen weniger haben, als sie bedürfen." - das habe ich Ihnen ja an Beispielen jetzt deutlich gesagt. "Andererseits aber ist gerade hieraus auch ersichtlich, dass das Handelsgeschäft nicht von Natur zur Erwerbskunst gehört. Nur so weit nämlich, als es für den Lebensunterhalt ausreichend war, musste sich notwendig der Tausch erstrecken." Darüber hinaus gibt es nun die Rolle des Geldes (ich mache das kurz, Sie können sich die Sachen dann genauer noch anschauen). "Denn da die gegenseitige Unterstützung durch Einfuhr des Mangelnden und Ausfuhr des Überflüssigen sich immer weiter örtlich ausdehnte, verfiel man notwendigerweise auf die Einführung des Geldgebrauchs." Es lässt sich leichter transportieren, es ist haltbarer als die anderen Dinge und es gestattet einen Ausgleich zwischen den entsprechenden Gebrauchswerten. Die Frage, die sich damit natürlich auch verbindet, und das ist nach wie vor eine der entscheidenden Fragen für die gegenwärtige Ökonomie, ist die: Wie bildet sich ein Gebrauchswert in einen Tauschwert ab? Welche Art von Verhältnis gibt es da? Die Frage hängt damit zusammen, dass man bei der Verhandlung und Festlegung über einen Tauschwert sich konfrontiert sieht mit Bedingungen, die extern sind, die fremd sind den Bedingungen, unter denen der Gebrauchswert steht. Also, wie viel der Schuh bringt im Austausch, hat zunächst einmal nichts damit zu tun, wie notwendig ich diesen Schuh brauche und die Frage ergibt sich an der Stelle genau durch diese Diskrepanz: Wonach messe ich eigentlich, was der Schuh wert ist? Ich habe ja zwei verschiedene Bewertungssysteme. Messe ich es danach, was er für mich im Gebrauch wert ist, oder messe ich es danach, was er im Tauschhandel wert ist? Und an dieser Stelle merken Sie jetzt die Pointe und die Schwierigkeit einer Festlegung davon, dass es für das Ding wesentlich (oder nicht wesentlich) ist, ob man es gebraucht und wie man es gebraucht, weil wenn ich jetzt fest ausgehe von dem, was Aristoteles hier sagt, dass der Gebrauchswert eigentlich der natürliche Wert ist, um dessen Willen dieses Ding gemacht worden ist, dann habe ich eine Orientierung darüber, wie viel das Ding wert ist und kann mich danach orientieren und kann bestimmte Abweichungen und Überraschungen im Tauschwert kritisieren. Wenn ich sage, diese Art von sachgerecht gibt es nicht, sondern das geht jeweils nach dem jeweiligen Bewertungssystem, dann habe ich keine Kriterien, nach denen ich kritisieren kann, dass etwas z.B. überteuert oder weniger überteuert ist. Das sind dann Sachen des Marktes.

Wortmeldung: Was Aristoteles hier zusätzlich noch nicht sieht, ist, dass auch das Medium, das getauscht wird, nämlich Geld, das ja keinen Gebrauchswert an sich hat, außer dass es ein Medium ist, dass auch das einen Wert hat, im Grunde. Und das Problem ist eigentlich so viel tiefgehender, nämlich um etwas zu tauschen, muss man mal herausfinden, wie viel wert das ist, wodurch getauscht wird (wie das Geld) und dann geht man erst noch weiter und schaut, wie viel was anderes wert ist. Alle Werte hängen voneinander ab.

Was Sie ansprechen, habe ich versucht, auf einer neuen Seite zu verschriftlichen und ich sage es jetzt nur kurz als Antwort auf Ihre Frage: Das Problem ist insofern tiefer, als man unterscheiden muss (und Aristoteles unterscheidet tatsächlich nicht davon, so direkt), man muss unterscheiden zwischen Geld als Geldbetrag und Geld als Geldrahmen. Das ist deswegen wichtig an der Stelle zu unterscheiden, weil Geld als Geldbetrag, als etwas, was ich in der Tasche habe und was ich in einem Geschäftsakt tausche gegen irgendein Ding, erweckt den Anschein und funktioniert auch so, als hätte es einen Gebrauchswert. Ich glaube, ich habe in dem Zusammenhang schon gesagt: der Joker, wenn Sie in einem Spiel den Joker nehmen, dann ist es so, dass der Joker nach einer Betrachtung eine ganz normale Spielfigur ist, die allerdings die Besonderheit hat, dass sie für alle Spielfiguren stehen kann. Das ist die Rolle des Jokers in einem Canasta-Spiel zum Beispiel, eine eigenartige Rolle: eine Karte wie jede andere Karte auch, die einen Wert hat und der Wert ist allerdings höchst gelegen, kommt einem sehr gelegen, ein sehr praktischer Handelsgegenstand ist das. Wenn ich Sie recht verstehe, hat das Geld einen Wert, genauso wie ein Schuh einen Wert hat, insofern ist es auf derselben Ebene. Darum kann ich das eine rausziehen und das andere mitnehmen und so, auf derselben Ebene. Jedoch, dass dieser besondere Wert des Geldes funktioniert, liegt nicht daran, dass der Joker eine Karte ist, sondern es liegt an einer Metaregel. Das liegt an der Metaregel, die für eine einzelne Spielfigur sonst nicht gilt und das ist die Metaregel: wenn du diese Spielfigur in der Hand hast, kannst du das für alle anderen Spielfiguren verwenden. Und das ist ein Wert, der nicht auf derselben Ebene liegt, sondern das ist sozusagen ein von der Regel institutionalisierter Metawert da darüber. Wenn man es jetzt beim Joker nimmt, ist das die Eigenart von Spielen, in denen der Joker vorkommt, kann u.a. dadurch beschrieben werden, dass es diese Form von De-facto-Austausch geben kann. Das Übertragen auf den Bereich des Umgangs mit Dingen, ist es so: wir spielen ein Geldspiel. Wir brauchen nicht unbedingt ein Geldspiel zu spielen, genauso wie wir nicht unbedingt Canasta spielen müssen. Im Tarock gibt es keinen Joker. Wenn wir das Kartenspiel Tarock spielen, dann fällt diese besondere Lösung weg, beim Canasta können wir das haben. Wir brauchen nicht unbedingt das Geldspiel zu spielen, aber wenn wir mit Dingen das Geldspiel spielen, dann funktioniert das Geld in dieser Doppelrolle. Das würde ich sagen, das ist die Tiefe, die da dahinter ist. Hier habe ich es dann nochmal zusammengestellt, ich lasse das mal jetzt nur als Andeutung. Aber warum das extrem wichtig auch für meine Zwecke ist, ist das Folgende (ich sage es jetzt sozusagen geradewegs): die Debatte um Geld und Bildung. Ist Wissen käuflich, ist Bildung käuflich, kann das kommerzialisiert werden? Diese Debatte kann in einer gewissen Weise auf Aristoteles zurückgreifen, und zwar mit einem Zitat, das ich Ihnen hier ganz am Ende gesagt habe: ἐπιστήμη γὰρ καὶ χρήματα οὐχ ἑνὶ μετρεῖται - das heißt: episteme ist das Wissen, kremata ist das Geld, uk heni metreitai: können nicht mit einem Maß gemessen werden. Hier steht es: "da sich Wissen und Geld nicht mit einem Maß messen lassen".

Die von mir angekündigte Perspektive daraufhin, dass wir bei Aristoteles im Rahmen dieser Überlegungen darauf hinweisen können und auf Stellen stoßen, im speziellen auf die, das ist die deutlichste Stelle, die sagt, dass dieser Tausch, der Tauschverkehr, nicht für Wissen gilt. Und das ist eine Überlegung, die sehr populär ist bei HochschullehrerInnen und StudentInnen, vor allem wenn sie dafür argumentieren, dass sie keine Studiengebühren zahlen wollen, und bei Hochschullehrern, wenn sie dafür argumentieren, dass sie eine so wichtige Aufgabe erfüllen, dass sie viel Geld verdienen müssen, aber ihre Freiheit der Wissenserzeugung dabei bewahren und das nicht womöglich nachweisen müssen, in Listen oder Zeitaufstellungen, Publikationen oder so etwas ähnliches. Wissen ist nicht verrechenbar, nur ja keine Wissensbilanz. Ich meine, Wissensbilanzen sind auch ein Schund, aber das ist eine zweite Geschichte. Das erste ist, dass die Zumutung einer Wissensbilanz, so wird instinktiv und gerne geantwortet aus geisteswissenschaftlicher Sicht, die übersieht diese entscheidende aristotelische Frage, dass Wissen und Geld nicht mit einem Maß verrechnet werden können. Da hat man ein schönes Aristoteles-Zitat und damit ist man quasi in der Geschichte verankert. Ich sage das jetzt deswegen, weil Ihre Bemerkung (Aristoteles geht da nicht tief genug) komplett richtig ist. Man muss sich das genauer anschauen, man muss an der Stelle genau die verschiedenen Schichten anschauen, in denen Geld eine Rolle spielt für die Bemessung und Einschätzung von Tauschobjekten (und Tauschobjekte, jetzt sind sie es aber wirklich).

Wortmeldung: Wissen hat schon einen Wert, und zwar wenn ich es in eine Ware verwandle, als Buch zum Beispiel, dann kann ich das normal am Markt anbieten.

Ich habe es Ihnen mitgebracht (Sie haben es schon gesehen dort, ich gehe doch nochmal zurück, muss mich jetzt doch ablenken lassen, wenn das die Diskussion schon ist, hier). Sie kennen es, ein Buch, ein ganz normales Buch, und da steht drauf „Forma Formarum. Strukturmomente der Thomistischen Seinslehre im Rückgriff auf Aristoteles. Inciarte: Forma Formarum/Alber, statt € 41,40 jetzt € 12,90“, und wenn Sie es gestern gekauft haben, kostet es die Hälfte (€ 6,45). Ich empfehle Ihnen, bis zum Ende des Jahres hat die Buchhandlung Winter noch offen, die haben ein gigantisches Buchangebot, alles zu völlig lächerlichen Preisen.

Wortmeldung: Dafür kostet die neue Übersetzung von Dantes Komödie von Kurt Flasch über € 100.

Richtig, aber Ihr Hinweis, gehen wir noch einmal weiter, hier, Käufliches Wissen. Das Buch habe ich natürlich genommen wegen „freiem Forschungsaustausch“. Um es noch ein bisschen plastischer zu machen, wenn ich schon dabei bin: Vorliegende Arbeit setzt da an, wohin die neuere Thomas-Forschung zuletzt geführt hat. Die allerersten Anfänge gehen auf ein Seminar von Prof. Voss in Rom zurück. Forschungsstipendium für Forschung des Landes Westfalen. Und es ist im Prinzip eine Habilitationsarbeit. Wo steht das? – Als Habilitationsschrift auf Empfehlung der Philosophischen Fakultät, gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Meine Überlegungen zum Apfel waren quasi motiviert und waren ein Vorspiel zu dem, was ich Ihnen im Zusammenhang mit diesem Buch auch sagen wollte, und was natürlich jetzt das Problem auch der finanziellen Taxierung von Wissensprodukten ist. Da drin, das ist 1970 publiziert worden, der Typ hat sicherlich 10 Jahre lang daran gearbeitet, der hat damit eine Habilitation geschrieben, der hat eine Professur bekommen. Das hat einmal € 40 gekostet, ich weiß nicht, wie viel es in Zeiten der D-Mark gekostet hat, heute ist es runtergesandelt auf € 6,45. Was ist das Buch wert? Was ist überhaupt der Wert, von dem man hier redet? Welchen Sinn macht es, an der Stelle zwischen „für mich ist es etwas wert“ - vielleicht gibt es Leute, die wollten das genau schon immer wissen, die wollten immer schon die Struktur der thomistischen Seinslehre genau untersucht haben und die sagen „für € 6 ist das ein vollständiger Glücksfall“. Und andere, die noch nie ein Interesse an der thomistischen Seinslehre gehabt haben, „da sind mir 50c zu viel für die thomistische Seinslehre“. Worauf ich hinauswill, ist zu sagen, Sie merken, der Gebrauchswert der Habilitation von Fernando Inciarte innerhalb dessen das hier einzuschätzen ist, zum Beispiel auch die Publikation von dem einzuschätzen ist, ist ein extrem hoher, der ist Professor geworden damit, ohne das würde er nicht Professor geworden sein, der hat damit ein Renommee gehabt, es ist ein extrem hoher Gebrauchswert. Wo liegt nun der Tauschwert von dem, was er da gemacht hat, und wie, in welchen Bereich geraten wir, wenn wir uns im Zusammenhang mit einer solchen Wissensproduktion in den Bereich der Tauschwert-Abschätzung begeben? Ich habe jetzt hier keine Antworten anzubieten parat, ich nenne Ihnen das nur als die Basis von dem, worüber wir handeln müssen, und vor allem, ich habe das sozusagen jetzt mitgebracht, weil das so schön handgreiflich ist, das ist ja die vorletzte Stufe, das Problem, von dem ich da gesprochen habe, ist die vorletzte Stufe, die nächste Stufe ist ja, wenn es jetzt hier noch um digitale Kopien geht von solchen Arten von Büchern, gibt es noch eine neue Dimension von Wert-Zumessung gegenüber solchen Produkten, und das ist die Frage, die sich hier mal speziell stellt. Und um auf dieser Schiene, ich habe jetzt das Problem des wissenschaftstreibenden Buch-Produzierens im Verhältnis zum Verlagswesen da mal kurz beleuchtet. Das ist schon sehr sehr komplex und wird uns am Ende beschäftigen, aber bevor es so komplex wird, schauen wir uns mal ganz simple Beispiele der Käuflichkeit von Wissen an, wo wir keinerlei Bedenken haben zu sagen: Produkte von Wissensarbeit (ich sage das absichtlich ein bisschen vorsichtig). Normalerweise wird unterschieden zwischen Information, das sind sozusagen Daten, und Verarbeitung von Daten, und Erkenntnis, was sozusagen Einsicht wäre, und Wissen vielleicht auch als eine höhergelegene Kompetenz des Umgangs mit verarbeiteten Informationen. Auf diese Details gehe ich jetzt nicht im Einzelnen ein. Aber bleiben wir einmal bei der elementareren Ebene: Wenn Sie eine Fahrplanauskunft wollen, dann werden Sie mittlerweile sich nicht mehr ärgern vermutlich, oder wundern, dass Sie für das Telefonat was zahlen, in dem Sie die Information bekommen. Wenn Sie in eine Kirche oder ein Museum gehen, und sich informieren wollen über den Hintergrund der einzelnen Exponate, dann zahlen Sie € 3,50 für den Audio-Guide, stöpseln ihn in die Ohren und haben für Wissen bezahlt. Man soll nicht so tun, als ob das nicht möglich wäre. Und insofern ist Ihre Bemerkung, ich komme nochmal darauf zurück, korrekt, dass man Aristoteles an der Stelle doch noch mal abklopfen muss, als ob man sich einfach damit begnügen könnte, dass man sagt, Wissen und Geld sind inkommensurabel, sind inkompatibel. Der Grund, warum man das nicht so sehen soll und darf, ist, dass Geld eine Rolle spielt, nämlich eine Rolle in diesem Jokerspiel (als der Joker), und in diesem Quasi-Jokerspiel ist Geld vergleichbar, d.h. es ist kommensurabel. Aristoteles hat nicht ganz unrecht, das Problem liegt darin, dass die Bedingungen dafür, dass das kommensurabel ist, die sind auch nicht naturgegeben – diese Bedingungen muss man erst herstellen. Und die Herstellung dieser Bedingungen, dass es eine solche Kommensurabilität gibt, die ist extra zu bedenken. Da gibt es noch einiges darüber zu sagen, das werde ich dann noch ein bisschen tun. Und da kann man sehr wohl Widerspruch anmelden, man kann sagen: Ich widerspreche dir, ich bin nicht der Auffassung, dass die Kommensurabilität mit dem Geld, die du da spielst, dass das die richtige Verfahrensweise für den Umgang mit Wissen ist. Man kann den Rahmen leugnen, man diesen Rahmen als problematisch finden. Dieses Den-Rahmen-als-problematisch-Finden kann man auch so ausdrücken, dass man sagt: Was Wissen ist, wie Wissen funktioniert, ist nicht adäquat kommensurabel zu machen mit Geld. Das kann man sagen, aber das ist eine systematische Beobachtung und die gilt natürlich nicht nur für Geld, die gilt auch dafür, wie ein Apfel schmeckt, im Prinzip. Im Prinzip können Sie sagen: An der Stelle jetzt einen Apfel gefunden zu haben und in diesen Apfel reinzubeißen, und so wie der Apfel schmeckt, das ist unbezahlbar. An der Stelle, wenn jetzt jemand kommt und sagt: Ich zahle dir so und so viel Geld, dass ich jetzt in den Apfel reinbeißen darf – ist es durchaus möglich, dass man sagt: Tut mir leid, das ist nicht verkäuflich, dass ich jetzt da in den Apfel beiße, das ist kein Gegenstand, den ich dir verkaufen kann. Das ist eine Weise, wie Geld inkompatibel, inkommensurabel ist, mit einem Gegenstand. Und es gibt natürlich hunderttausende von Arten dieser Inkommensurabilität, das ist nicht etwas, was einfach für das Wissen gilt, aber es ist ein Problem.

Wortmeldung: Ursprünglich, bei der Entwicklung des Geldes, hat es vier verschiedene Arten von Geld gegeben, und wenn ich das jetzt anwende auf „eine Professur sollte man sich nicht kaufen können gegen Geld“, dafür die Habilitationsschrift, das ist die erste Ebene. Und darunter setze ich eine zweite Ebene, wenn ich es brutal sage, Restl-Verwertung, dann kann ich die Habilitationsschrift verkaufen, selbstverständlich, haben ja andere auch etwas davon, aber bitte dann ist es in Ordnung, wenn das über Geld läuft. Aristoteles hat noch gebracht, dass man nicht Pferde gegen Frauen tauschen kann, und man kann dann noch weitergehen, eben Sachen, die einem guttun und Sachen, die man zum Überleben braucht. Und wenn man diese Idee im Hintergrund hat, dann löst sich das Problem irgendwie auf.

Sie haben das sehr gut formuliert, ganz am Anfang. Ich sehe es genauso, eine Professur soll man sich nicht kaufen können, aber eine Habilitationsschrift ist in Ordnung. Was steckt da dahinter, warum sind Professuren nicht von der Art, dass man sie kaufen kann? - so ähnlich, wie dass man sich nicht das richtige Gerichtsurteil kaufen kann. Man soll sich nicht kaufen können, z.B. Basis-Gesundheit, es soll nicht so sein, dass Leute einfach sterben, weil sie das Geld nicht dafür haben. Es soll nicht so sein, dass Leute Polizeischutz sich kaufen müssen. Es soll nicht so sein, dass an den Universitäten die Leute lehren, die das meiste Geld für den Job investiert haben. Das soll alles nicht sein. Die Frage ist: Warum soll das nicht so sein? Es gibt genügend Staaten, in denen sich die Polizei auf die Straße stellt, und wenn sie kein Geld hat, Geld einsammelt. Warum soll das nicht so sein? - weil nach den Idealen der modernen Staaten es öffentliche Werte gibt, die nicht reduzierbar sind auf Finanztransaktionen. Genauer gesagt, ist Korruption genau ein schönes Wort dafür, dass jemand sagt „kaufen kann man alles“, das heißt eben an bestimmten Stellen bei uns Korruption. Und wenn das so ist, dann ergibt sich die Unterscheidung, von der Sie reden, nämlich sozusagen die Aufgabe, in der Einschätzung der öffentlichen Geschehnisse im Staat Unterscheidung zu machen zwischen Verläufen, in denen es nicht angemessen ist und nicht sein soll, dass hier der Tauschverkehr Triumphe feiert, und anderen, in denen es ganz selbstverständlich ist. Und dann (ich mache jetzt auch wieder einen Schritt gleich bis zum Ende von dem, was ich heute sagen wollte) gibt es natürlich heikle Übergänge. Ich sage Ihnen einen heiklen Übergang, der noch nichts mit Bildung zu tun hat: Eintritt in Kirchen. Die österreichische Geschichte als einer christlichen Nation (Selbstverständnis, usw.) verlangt eigentlich, dass Kirchen ein öffentliches Gut sind. Schließlich und endlich steht sozusagen viel auf dem Spiel und die Kirche hat eine bestimmte Rolle, und das Mindeste, was man für eine katholische Nation braucht, ist, dass die Leute in die Kirche gehen können und nicht beim Mesner den Schlüssel holen müssen, um dort überhaupt hineinzukommen. Zum Selbstverständnis einer katholischen Nation gehört also eigentlich, dass Kirchen ein öffentlicher Bereich sind und wie wir wissen, ist das zunehmend nicht mehr der Fall. Das heißt, es gibt da die Tendenz der Kommerzialisierung, wie man sagen würde (Coca Cola-Reklame auf der Votivkirche), diese Tendenzen gibt es. Ich beurteile jetzt diese Tendenzen nicht, ich zitiere sie Ihnen, um Ihnen deutlich zu machen, worum es in Wirklichkeit geht. Es geht nicht darum, dass man statuarisch sagt: Wissen und Geld haben nichts miteinander zu tun, sondern es geht darum, dass man sagt: Bestimmte Gebrauchsweisen von Käuflichkeit sind zugelassen und andere sind nicht zugelassen. Und die richtige Balance zwischen dem zu finden, das ist eigentlich das Problem. Also zwischen Professur kaufen und Habilitationsschrift kaufen, dass da ein deutlicher Unterschied ist, das ist eigentlich die Kunst dabei. Um es also provokant zu sagen: Die Kunst des Diskutierens der Studiengebühren liegt ganz einfach darin, einen entsprechenden Konsens zu finden, so wie bei den Rezeptgebühren, würde ich sagen. Rezeptgebühren sind eine Form, wie man das Gesundheitswesen, das in Wirklichkeit vom allgemeinen Steueraufkommen bezahlt wird, am Rande relativ gestaltet (und sozusagen sensibel gestaltet) für die Leute, die es mehr in Anspruch nehmen als andere; also einen gewissen finanziellen Faktor in das hineintut, obwohl im Prinzip das Gesundheitswesen Allgemeinsache und Steuer ist, in dem speziellen Fall. Und ich sehe es bei Studiengebühren genauso, um das mal auf den Tisch hier zu legen.

Wortmeldung: Ich halte den pragmatischen Ansatz zu Wissen und Geld – unter dem Schlagwort lebenslanges Lernen, zweiter Bildungsweg, Bildung überhaupt, Weiterbildung im Leben – es gibt ja mittlerweile eine ganze Industrie, die Kurse, Beratung, usw. anbietet, also das ist nicht mehr wegzudenken. Und da gilt eigentlich: Es ist das mehr wert, was mehr kostet, im Großen und Ganzen. Das ist ein riesen Faktor geworden. Will man in der Arbeit weiterkommen, muss man Kurse belegen und die kosten alle Geld - ob es jetzt die Firma bezahlt oder man selber, ist letztlich egal.

Ich habe vor 1 ½ Jahren einen kleinen universitäts-internen Fight ausgetragen mit unserer Lifelong-Learning-Division (universitäre Weiterbildung), die natürlich auch schon draufgekommen sind, dass sehr viel Geld damit zu machen ist, dass man die berühmtesten Angehörigen der Universität nimmt und den Generaldirektoren anbietet, dass sie mit denen sich schnell einmal auf ein Seminar setzen können, zum Preis von € 20.000, sowas in der Art. Wenn das eine externe Firma macht, sagt man: Ok, das sind die Gesetze des Marktes - die sich an der Stelle eben auch so auswirken. Wenn es Leute gibt, die das zahlen, weil sie das für wichtig halten, ist sehr schlecht etwas dagegen zu sagen. Die Schwierigkeit ist, wie konstruiert man das im Rahmen einer Universität, im Selbstverständnis der Universität – das ist natürlich genau die Frage der Verhältnis-Verteilung. Und wenn man dann sagt: Das Geld, das so eingenommen wird, kommt ja dem Rest der Studien zugute - kann man diskutieren, auf was lässt man sich auf der Stelle ein, wie schaut sowas aus.

Wortmeldung: Ich wollte zu dem Thema „Konsens bei Studiengebühren“ noch etwas sagen. Und zwar, die Fragestellung ist: Wo ist der Konsens z.B. bei Studiengebühren in einer Größenordnung, wie es in England üblich ist oder jetzt üblich sein wird? Das ist ja praktisch nur eine Abnabelung der Oberschicht, die es sich leisten kann. Bei einigen € 100 pro Semester wird das Gros noch mithalten können, aber bei € 10.000 bis 12.000 im Jahr ist das nicht mehr so.

Das ist ein politischer Punkt, natürlich.

Wortmeldung: Irgendwie wird diese ganze Debatte langsam komisch. Eines ist klar, man braucht Geld, aber es ist ein Wahnsinn, eine Hürde, wenn man wirklich einen Marktpreis an Studiengebühren verlangt, dann ist der Hälfte der Leute weg. Ich bin so erschrocken, wie ich gehört habe, in England gibt es (glaube ich) Jahresgebühren von umgerechnet € 30.000. Ich muss sagen, da hätte ich nicht mitgespielt. Auf der anderen Seite muss man was bringen. Warum macht man das nicht wie in der alten Monarchie, wenn jemand nicht beim Militär war, hat er eine höhere Steuer bezahlt. Wenn jemand studiert, dann hat er eine höhere Progression, wenn er am Anfang nicht viel verdient, weil er eine bestimmte Studienrichtung hat, dann wird er das wahrscheinlich nie zahlen müssen, aber wenn er andererseits durch das Studium viel verdient, warum dann nicht? (Soweit ich weiß, kostet ein Meisterprüfungs-Kurs € 5.000.)

Wortmeldung: Die hohen Kosten sind sicher ein Problem. Ich habe mich vor ein paar Tagen angeschaut, was ein Master kostet und bin ziemlich erschrocken, weil ich als Student keine € 60.000 habe. Aber da macht man es sich trotzdem zu einfach, weil es sehr wohl Finanzierungsmodelle gibt, wie das dann doch auch für einen Studenten (der kein Geld hat) leistbar ist. Die Kosten sind das eine, aber die Möglichkeit der Finanzierung ist eine andere Sache.

Das steht nicht im luftleeren Raum, sondern es ist natürlich abhängig von einer gesetzlichen Regelung einer Langzeitfinanzierung, also von Anleihen. Es gibt ja durch die Palette hindurch eine große Anzahl von Möglichkeiten, damit umzugehen, dass man Anleihen nimmt, die niedrig verzinst sind, die Rückzahlungs-Bedingungen sind so, dass man erst rückzahlen, wenn man mehr Geld dann verdient – wie immer das ausschaut. Das ist natürlich Teil der Packages. Wenn man es einfach so darstellt, dass man sagt: Woher kriege ich jetzt meine € 60.000 her? – dann ist es ein unlösbares Problem. Worauf ich hinauswill, warum ich das Thema jetzt hier an der Stelle genannt habe, ist, weil es quasi ein aktuelles Beispiel für die Debatte des Finanzaspekts von Unterweisung (Bildung und Ausbildung) ist. Und das ist ganz nahe bei der Debatte, wie viel ist es wert zu wissen, wie die thomistische Seinslehre sich auf Aristoteles bezieht. Wie viel ist das wert und wer soll es zahlen? Das habe ich bisher noch nicht gesagt, das muss man nämlich in Zusammenhang mit der Öffentlichkeit von Bildung, Gesundheitswesen, Justiz und Polizei noch dazu sagen. Das ist ganz wesentlich, ich muss es sozusagen jetzt doppelt unterstreichen: Es ist ja nicht so, dass das nichts kostet. Das ist der entscheidende Punkt: Es kostet zwar nichts (das ist die neue Geschichte) heutzutage, in dem Moment, in dem man ein digitales File hat, es einfach zu reduplizieren, das kostet praktisch nichts, das ist völlig zu vernachlässigen. Aber die Dinge, von denen wir traditionell reden und von denen wir sagen: Das ist etwas, was aus dem Markt herausgenommen werden soll, also nehmen wir das Justizwesen. Die Richter sollen nicht bestechlich sein, d.h. die sind in einem anderen Bereich angesiedelt, das heißt ja nicht, dass wir sie nicht zahlen müssen, das Justizsystem kostet ja etwas. Und von da her ergibt sich genau diese Spange, diese doppelte Perspektive, dass wir auf der einen Seite sagen wollen: Gerechtigkeit ist nicht käuflich - und dass wir aber andererseits sagen müssen: Der ganze Apparat, den wir notwendig brauchen, damit Gerechtigkeit aktualisiert wird, der ist zwar nicht käuflich in dem Sinn, aber er kostet.

Wortmeldung: Der Zusammenhang ist sogar noch prägnanter: Je mehr Geld man ausgibt, für die Polizei zum Beispiel, und je besser ihr Grundverdienst ist, desto weniger sind sie sogar anfällig für Bestechungsgeld, weil sie ihr Leben durch das normale Einkommen finanzieren können.

Wortmeldung: Was dem Markt überlassen wird und was nicht, ist eine grundsätzlich gesellschaftspolitische Entscheidung. Wie Sie eingangs erwähnt haben, die Sache mit der Allmende: Wenn die Gemeinde entscheidet, Wissen ist Allmende oder Polizei ist Allmende, dann wird es gemeinsam finanziert und der einzelne zahlt nichts dafür. Zum Beispiel vor der Revolution in Frankreich war es üblich, dass Ämter gekauft wurden.

Wortmeldung: Soweit ich weiß, trägt sich das Justizsystem mit rund 70% selber. Die Gerechtigkeit hat aber mit dem Zugang zum Recht noch nichts zu tun. Führen Sie einmal einen Prozess, Sie sind meistens gut beraten, ihn nicht zu führen.

Ich habe sozusagen auf der Klischee-Ebene geredet. Aber es ist plausibel und wird von vielen Leuten akzeptiert, dass man Richter nicht bestechen soll – dass die Richter so viel verdienen sollen, wo immer das herkommt, dass man sie nicht so beeinflussen kann, dass sie dem, der mehr zahlt, Recht sprechen. Ob das jetzt Gerechtigkeit ist, lasse ich offen.

Wortmeldung: Recht hat mit Gerechtigkeit ja gar nichts zu tun.

Jetzt schaue ich mal, wie ich die Sachen abschließe. Wenn Sie das hier anschauen, Aus der Nikomachischen Ethik, da finden Sie den besonderen Hintergrund für eine aristotelisch motivierte Theorie dessen, wie man sich den Austausch auf der Basis von Geld, Dinge von unterschiedlicher Wertigkeit vorstellen kann. "Darum müssen alle Dinge, von denen es einen Austausch gibt, irgendwie vergleichbar sein. Dazu ist das Geld aufgekommen, und es wird in gewisser Weise zu einem Mittleren. Denn es misst alles, also auch das Übermaß und den Mangel, etwa wie viele Schuhe einem Haus oder einer bestimmten Menge an Nahrungsmitteln gleich sind. Folglich muss sich, wie der Hausbauer zum Schuster, eine so und so große Zahl von Schuhen zu einem Haus oder einer Nahrungsmenge verhalten." Zum Mitschreiben sozusagen: Das Zählsystem, das an der Stelle eingeführt ist, hat die vorhersehbare Implikation, dass Sie bestimmte Einzeldinge in diesem Zählsystem bewerten können, ein Punktesystem sozusagen, es muss ja zunächst einmal noch gar kein Geldsystem sein. Wenn Sie Dinge unterschiedlicher Beschaffenheit und Wertigkeit haben und sie miteinander so in Beziehung setzen wollen, dass sie tauschbar sind, obwohl sie so unterschiedlich sind, brauchen Sie ein Referenzsystem, das Sie verwenden, um so und so viele Units den einzelnen Dingen zuzuschreiben und dann proportional tauschen zu können. Da brauchen Sie schon relativ viele Schuhe, um ein Haus zu haben, aber sagen wir mal 5000 Schuhe gegen ein Haus – das ginge natürlich auch in der Warenwirtschaft, in der Materialität, aber es ist relativ deutlich, wie unpraktisch das schnell wird, wenn Sie als Maß nehmen das Geld. Um nochmal zurückzukommen auf das: Geld ist einerseits das Prinzip des Maßnehmens, ist das Mittlere, und dieses Mittlere als Prinzip des Maßnehmens ist das Geld aber nicht die Banknote, die ich in der Hand habe, sondern das Prinzip der Zählbarkeit nach einer bestimmten Einheit von unterschiedlichen Dingen. Das ist das Geld als das Mittlere. Und das Geld als das realisierte Geld, als die Münze, als der im Handel eingesetzte Einzel-Euro, ist das, was es mir gestattet, dass ich, wenn ich ein Haus kaufen will und ein Schuster bin, dass ich nicht die 5000 Schuhe dorthin tragen muss, sondern dass ich im Laufe der letzten zwei Jahre so viele Schuhe gemacht habe und mir das Ergebnis, den Lohn für die Schuhe, den Preis der Schuhe gespart habe, und dann den Preis der Schuhe für das Haus einsetzen kann.

Die letzte Bemerkung diesbezüglich noch (vielleicht noch einmal, weil mir das ganz wichtig erscheint): Sie haben hier das über den Zahlungsverkehr, Geldrahmen und Jenseits des Geldrahmens. Das eine Beispiel ist vielleicht noch prägnant und für das Ende der Stunde ganz gut geeignet: Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem Aufzug und der Aufzug hat eine Nutzlast. Der Zweck des Aufzugs ist, Inhalt sicher nach oben zu transportieren. Angesichts dieses Zwecksystems und des Punktesystems, das durch eine Nutzlast definiert wird, ist ein Kleinkind und eine Kiste äquivalent. Wenn der Aufzug piepst und nicht vom Fleck geht, weil er zu stark beladen ist, dann können Sie entweder den Kinderwagen (Kinderwagen = Kleinkind + Kiste) draußen lassen oder Sie lassen das Kind draußen; und dann geht der Aufzug in die Höhe. Nach diesem Einschätzungssystem, und das ist irgendwie völlig ohne Widerspruch anzuerkennen, wenn Sie die Welt so sehen, dann können Sie die beiden Sachen miteinander tauschen. Dass es einen Hinblick gibt, in dem das nicht gleich ist und in dem es sehr wohl einen Unterschied zwischen einem Kinderwagen und einem Kleinkind in einem Kinderwagen gibt, ist ebenfalls wahr und ist ebenfalls – jetzt noch einmal zurück zu dem, was Sie gesagt haben – etwas, was aufgegriffen werden muss, wo die Kunst darin besteht, für bestimmte Zwecke eine Äquivalenz anzuerkennen und auszunützen, und für andere Zwecke zu sagen: Da hört aber der Spaß auf. Wenn ich beim Kleinkind bleibe und jemand sagt mir: Es kommt doch nur darauf an, dass da jetzt 12 Kilo weniger sind, da ist es doch wurscht, ob du das Kleinkind zurücklässt oder den Kinderwagen zurücklässt. Dann werde ich sagen: Das scheint mir etwas verhetzt zu sein. Das ist eine sehr enge Betrachtungsweise, die ich overrule und von daher halte ich mich nicht an die äquivalenz-stiftende Betrachtungsweise. Worauf ich also sozusagen die ganze Zeit hin tendiere, ist, Ihnen auf der einen Seite ein bisschen etwas von der Intuition abzuraten, dass man sagt, Geld und Wissen können nichts miteinander zu tun haben, die haben miteinander zu tun, auf der anderen Seite aber auch den Blick darauf zu schärfen, dass man sich sehr genau anschauen muss, wie die politischen Bedingungen und die gesellschaftlichen Diskussionen sind, unter denen dieses labile Verhältnis besteht und verändert wird. Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachtsferien."

Fiede 00:51, 8. Jan. 2012 (CET)