Benutzer Diskussion:Andyk/Philosophie und Informatik Architektur und Störung

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Ich hab zunächst so ziemlich alle meine Notizen zu dem Text eingestellt, Kritik und Weiterdenken bunt gemischt. Der vielleicht interessanteste Gedanke zur Entwicklung der Begriffe, über die im Blog schon geredet wurde, ist gut versteckt im Abschnitt zum Begriff der Brücke: "Kann ich mit „Ich verbinde zwei Bereiche mit einer Brücke“ etwas erklären, das ich mit „ich verbinde zwei Bereiche“ allgemein nicht erklären kann?" --H.A.L. 13:34, 15. Jan. 2011 (UTC)

Hallo H.A.L. Also erstmal danke vielmals für die umfangreiche Rückmeldung (das hätte ich wirklich nicht erwartet). Ich glaub, das nächste Mal machen wir etwas im Co-Autoring-Stil :-) Also was ich bis jetzt gelesen habe, sind da eine Reihe von brauchbaren Überlegungen und auch Kritikpunkten dabei, die - sofern ich das beurteilen kann - die Qualität und die Verständlichkeit des Textes um einiges erhöhen würden, wenn man sie ernst nimmt und daran anknüpft. Ich möchte mir etwas mehr Zeit für das Thema nehmen, die ich momentan nirgends abzweigen kann, daher wird eine Antwort noch ein bisschen auf sich warten lassen. --Andyk 19:43, 17. Jan. 2011 (UTC)

Ökonomische Betriebsamkeit - H.A.L. 13:31, 14. Jan. 2011 (UTC)

„Der ökonomischen Betriebsamkeit nahe, scheint sich die Informatik schwerlich mit dem Ringen der Philosophie um ein wahres, schönes und gutes Wissen zu vertragen[.]“

Überspitzt gesagt: Daß die Informatik der ökonomischen Betriebsamkeit nahe ist, liegt weniger an der Informatik als an der ökonomischen Betriebsamkeit. Auch in der Informatik gibt es den Traum vom wahren, schönen und guten Betriebssystem, aber die meisten Informatikerinnen sind zu eng in ihr tägliches Leben eingebunden, um sich darum zu kümmern.

Philosophie dagegen ist vielleicht die Distanz von der ökonomischen Betriebsamkeit selbst. Deshalb muß sich die Philosophie auch im universitären Betrieb rechtfertigen. Informatik dagegen kann beides sein - ökonomische Betriebsamkeit oder Suche nach dem Fundamentalen. Die Informatik neigt sich in die Richtung, in der sie anerkannt ist.

Ähnliches kennt man auch von den Naturwissenschaften. Es gibt eine Physik, die nach der Weltformel sucht, und eine technische Physik, die das macht, was die Industrie gerade braucht.

Ein Beispiel für fundamentale Informatik wäre vielleicht Donald Knuth, der seit den sechziger Jahren an einem mehrbändigen Grundlagenwerk über Programmierung arbeitet. Seit 1990 hat er keine E-Mail-Adresse mehr. In seinem Kommentar dazu schreibt er: "Email is a wonderful thing for people whose role in life is to be on top of things. But not for me; my role is to be on the bottom of things."

Andere Formulierung: Die Informatik hat eine Seite, die der ökonomischen Betriebsamkeit nahesteht, und eine, die davon entfernt ist. Unter dem Druck der Verhältnisse fokussiert sie einseitig die ökonomische Seite. Philosophie dagegen kann man sehen als die Distanzierung von der ökonomischen Betriebsamkeit] selbst.

Oder: Die Informatik ist der ökonomischen Betriebsamkeit gegenüber neutral. Deshalb zeigt sie sich in einer ökonomisierten Welt von ihrer ökonomischen Seite. Die Philosophie dagegen sieht sich als der Betriebsamkeit entgegengesetzt.

Wenn man Glättung und Klischees aufhebt, muss man sie auch für die Philosophie aufheben. Auch die Alltags-Philosophie hat diese zwei Seiten worauf der User "Legeh" in letzter Zeit im Philosophieforum stark aufmerksam macht. Wie immer man das beurteilen mag: Jede Disziplin scheint bei näherem Hinsehen eine Seite zu haben, in der sie die alltäglichen Bedürfnisse und Interessen direkt bedient und sich in sie verstrickt. --Andyk 22:48, 8. Dez. 2011 (CET)


Umgekehrt scheint allgemein akademischen Disziplinen auch die Distanz zur Betriebsamkeit wichtig zu sein:
  • Beispiel 1: Auch als Informatikerin lernt man, dass man idealerweise die Bedürfnisse des Users distanziert betrachtet. Nur so bleibt man offen für eine adäquate Modellierung der Situation.
  • Beispiel 2: Fast jedes Software-Entwicklungsteam hält sich die unmittelbaren User-Bedürfnisse auf Distanz. Um Störungen und ständige Abänderungswünsche abzufangen, sorgen im Projektmanagement-Framework Scrum die "Scrum-Master" dafür, dass die Entwicklerinnen pro Zyklus nicht mit neuen Anforderungen gestört werden und in Ruhe, d.h. in ihrem eigenen Entwicklungstempo arbeiten können. --Andyk 22:48, 8. Dez. 2011 (CET)

Leerstellen - H.A.L. 13:31, 14. Jan. 2011 (UTC)

„Zuerst projiziere ich die Tätigkeitsbereiche der beiden Disziplinen auf Begriffe der Baukunst: Philosophie entwirft kontrafaktische Architekturen, Informatik Softwarearchitekturen. Beide haben mit der Planung und Gestaltung von unterschiedlichen Räumen (Leerstellen) zu tun. Die Gestaltung benötigt Kreativität, Methodeneinsatz und (auch in der Philosophie) Erfahrung. Man schöpft aus sich selbst und seiner disziplinspezifischen Konditionierung.“

Planung von Leerstellen: Den Begriff „Leerstelle“ kenne ich aus der Literaturwissenschaft. Dort bezeichnet er einen nicht festgelegten Bereich in einem Werk, eine Stelle, an der ein Text auf verschiedene Weisen interpretiert werden kann. Nach einer gängigen Vorstellung ist es Aufgabe eines Kunstwerks, dem Publikum solche Leerstellen zur Verfügung zu stellen. Ähnlich kann man es in der Architektur sehen: Beim Bau eines Wohnblocks gilt es unter anderem, dem späteren Besitzer ein leeres Zimmer zu eröffnen, das dieser dann nach eigenen Vorstellungen einrichten kann. (Insofern ist „Gestaltung von Räumen/Leerstellen“ eine nicht ganz eindeutige Formulierung. Bezieht sich das auf die Architektin, die den leeren Raum anlegt, oder auf den Kunden, der ihn mit Inhalt füllt?)

Philosophie sehe ich ein bißchen anders. Ein möglicher Zweck eines philosophischen Werkes ist, ein allgemeines Erklärungsmodell zu liefern, das ich möglichst umfassend heranziehen kann, um Fragen zu bearbeiten, die mich beschäftigen. Ein Philosoph sucht nach einem auf wissenschaftlichem Niveau durchkonstruierten allgemeinem Weltbild. Dazu zieht er auch die Ergebnisse anderer Versuche von bedeutenden Philosophinnen zu Rate. Bisweilen sieht das tatsächlich so aus, daß er in einen ihm genehmen Raum eines bestehenden Gedankengebäudes einzieht und dort die Möbel aufstellt, die er braucht (dann muß er aber kein Philosoph sein, ich kann auch Inhalte eines philosophischen Textkorpus auf eine einzelwissenschaftliche Frage anwenden). Bisweilen fungiert die Vorlage aber eher als ein Fallbeispiel, dann ist die Philosophin keine Architektin, die mir einen Raum zum Einziehen baut, sondern eher eine, die auf einer Messe interessante Wohnzimmerlösungen präsentiert. - Daneben gibt es noch die Möbeldesignerin, die Komponenten erzeugt, welche ich in mein eigenes Gedankengebäude einbauen kann.

Man könnte jetzt noch überlegen, wie diese Sicht auf Wohnbauarchitektur eingeschränkt werden kann. Die Aufgabe der Architektin ist es nicht nur, mein Wohnzimmer mit vier Wänden zu umrahmen. Sie muß auch eine Infrastruktur bereitstellen (Strom, Gas, Wasser). - Und sie hat eine Grundvorstellung davon, wie ich in diesen Räumen wohnen möchte. Wie groß die Gemeinschaftsräume im Verhältnis zu den persönlichen Schlafzimmern sind, das räumliche Arrangement von Küche und Wohnzimmer etc. setzen Vermutungen dazu um, wie wir die Räume benutzen wollen werden.

wichtig vielleicht: Es gibt das Werk als Möglichkeitsspielraum, als Beispiel oder als Komponente. Und: In allesn Bereichen - Philosophie, Architektur, Literatur, Informatik - gibt es die Frage: Wie viel gibt die Architektin dem User vor, und wie viel läßt sie offen?

Später wird der Raum als Leerstelle wieder aufgegriffen: „Räume im Allgemeinen sind Leerstellen, die gestaltet werden können. In Räumen ist man - bei gegebenen Grenzen des Raumes - frei, sich einzurichten.“ Das wäre vielleicht eine Frage fürs Review: Wird der Text noch darauf rekurrieren, daß die Räume als Leerstellen fungieren?

Noch was Interessantes: In der Architektur sind die beiden Komponenten "Raum" und "Struktur" eindeutig voneinander geschieden: Ein Haus besteht aus Wänden, aber ein Raum ist da, wo keine Wand ist. Gilt das genauso für andere Disziplinen? Ich schaffe einen Möglichkeitsraum, indem ich ihn eingrenze.

„Man hat nicht eine einzige Anforderungsphase, in der die Benutzer ins Blaue hinein beschreiben müssen, was sie sich für eine Software wünschen, sondern es gibt zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, Feedback abzugeben, Bugs und Inkompatibilitäten zu melden oder selbst Hand anzulegen.“

Das ist natürlich eine Ergänzung zu der Sache mit den Leerstellen. Eine Architektin, die einen Wohnblock plant, muß im Prinzip raten, wie die späteren Bewohner wohnen wollen, und sie muß ein möglichst breites Spektrum an Möglichkeiten bereitstellen. Wenn sie ein Einfamilienhaus plant, kann sie es dagegen auf die Bedürfnisse des Kunden zuschneiden. Statt als Leerstelle kann sie das Haus also schon als fertige Interpretation planen.

Allerdings kann man den Raum auch in anderer Hinsicht als Leerstelle bezeichnen. Auch wenn ich den Raum fertig eingerichtet habe (selbst wenn ich denke, daß die Wohnung perfekt ist und daß ich nie in meinem Leben Möbel umstellen wollen werde), kann ich zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Punkten im Raum stehen. Dafür ist der Raum ein Raum. Weil er mir Platz eröffnet, mich auf verschiedene Weisen zu dem Raum zu verhalten. Auch ein maßgeschneidertes Stück Informatik definiert einen Möglichkeitsraum. Wenn ich ein Programm habe, das etwa Rechnungen für den Kunden generiert, dann eröffnet es mir die Möglichkeit, es mit verschiedenen Kunden und verschiedenen Aufträgen zu füttern. Beim Begriff „Leerstelle“ habe ich zunächst immer nur daran gedacht, daß ich als User die Möglichkeit habe, die Einstellungen des Programms zu ändern, aber das Programm eröffnet ja einen Raum schon insofern, als ich es auf unterschiedliche Daten anwenden kann. - Das macht natürlich auch die Unterscheidung zwischen Architektin und Kunde weniger relevant.

Definitionen - H.A.L. 12:44, 15. Jan. 2011 (UTC)

„Wie geplant, müssen wir zunächst die Transformation durchführen. Dazu ist es nötig, die Basisterminologie zu definieren: Architektur und Raum.“

Der Abschnitt hat mich ein bißchen mehr beschäftigt, weil die Jury sich stark auf die Begriffe konzentriert hat. Tatsächlich werden hier anscheinend keine Begriffe definiert, sondern es werden die Begriffe aufgelistet, die für den Text eine Rolle spielen. Wirklich definiert muß hier keiner der Begriffe werden, weil die Verwendung so locker ist, daß die Unschärfen einer alltäglichen Verwendungsweise voraussichtlich keine Mißverständnisse provozieren werden.

In der Auflistung erscheint mir der Parallelismus der Sätze wichtiger als was der einzelne Satz genau aussagt. Die wesentliche Aussage scheint: Das Verhältnis von Baukunst zu Informatik zu Philosophie entspricht dem von Bauwerken zu Komponenten zu Möglichkeiten und dem von Bauwerkarchitektur zu Softwarearchitektur zu kontrafaktischer Architektur. Ein solcher Parallelismus dürfte wahrnehmungspsychologisch der beste Weg sein, eine solche Aussage auszudrücken; wenn man dem Zuhörer sagt, daß zwei Strukturen einander entsprechen, wird er das wohl weniger gut verarbeiten als wenn man ihn die Entsprechung entdecken läßt. Allerdings kann man einen wissenschaftlichen Text auch mit der Erwartung angehen, daß Präzision wichtiger ist als Eleganz. Dann wären die relevanten Informationen des Abschnitts ganz andere. Bei Leuten, die darauf bestehen, streng am Wortlaut zu lesen, muß das zu Mißverständnissen führen.

Was hier vielleicht wichtig wäre, wäre, die Begriffe „Architektur“ und „Baukunst“ (oder auch zwei andere Ausdrücke) voneinander abzugrenzen. Das eine wird allgemein jene Disziplinen bezeichnen, die sich mit der Bereitstellung von Möglichkeitsräumen auseinandersetzen, das andere konkret eine Disziplin, in der es darum geht, Häuser zu bauen. Der Definitionsabschnitt müßte klarmachen, daß in diesem Text Informatik keine Form von Baukunst ist, aber eine Form von Architektur (und der Text sich dann auch daran halten).

Dann müßte man wohl noch klären, was eine Leerstelle ist. Hier steht, daß es die Architektur ist, die den Raum gestaltet, in der nächsten Bemerkung aber, daß ein Raum eine Leerstelle ist, die gestaltet werden kann. Im Wohnbau ist es eben nicht die Architektin, die den Raum gestaltet, sondern der Bewohner; die Architektin stellt den Raum zur Verfügung. Hier müßte man sich fragen, wie wichtig die Unterscheidung zwischen der Struktur und der durch die Struktur eröffneten Leerstelle ist.

Kontrafaktische Architekturen, Abstraktionen (H.A.L. 12:59, 15. Jan. 2011 (UTC))

Weiter zu den kontrafaktischen Architekturen - Die Philosophie definiert Räume durch Möglichkeiten, wie die Architektur Räume durch Gebäude definiert. Was sind hier Möglichkeiten? Das fällt mir auf, weil ja nach der Logik der Leerstelle „einen Raum gestalten“ soviel heißt wie „einen Möglichkeitsspielraum eröffnen“. Die Philosophie eröffnet also Möglichkeiten durch Möglichkeiten.

Genauer vielleicht: Die Philosophie eröffnet Räume durch „mögliche Welten“ oder „hypothetische Szenarien“. Anders als die Baukunst erzeugt sie vielleicht nicht eine Leerstelle, sondern deckt sie auf. Es braucht nicht die philosophische Untersuchung, damit ein Szenario möglich ist, sondern nur, damit wir davon wissen. Um eine Möglichkeit aufzuzeigen, beschreibt die kontrafaktische Untersuchung eine andere Möglichkeit. Das erfordert immer noch nähere Erklärung. Vielleicht könnte man eher sagen, daß eine solche Untersuchung Allgemeinheit „erzeugt“. Indem ich ein Set von Eigenschaften beschreibe, das allen Szenarien gemeinsam ist, die zu einem bestimmten Typus gehören, eröffne ich einen Möglichkeitsraum - wenn ich ein solches Set von Eigenschaften habe, kann ich verschiedene Szenarien beschreiben, die alle diese Eigenschaften erfüllen, aber sonst voneinander verschieden sind.

Dabei ist es aber normal, daß ich zu einer solchen Abstraktion über konkrete Beispiele gelange, d.h. daß ich nicht erst eine Liste von Eigenschaften aufstelle und anschließend daraus Szenarien forme, sondern daß ich verschiedene Szenarien beschreibe, die alle zu dem Typus gehören, den ich untersuchen will, und feststelle, was sie alle gemeinsam haben. Insofern gelange ich in einer kontrafaktischen Untersuchung über mögliche Welten zu weiteren möglichen Welten.

Ein Beispiel, das mir dabei immer in den Sinn kommt, ist das Periodensystem der Elemente. Mendelejew beschrieb die Eigenschaften bekannter Elemente, leitete daraus ein System ab und aus dem System wiederum weitere Elemente, die damals noch nicht bekannt waren (und wie sich herausstellen sollte, konnte das System sogar ein paar mögliche Elemente voraussagen). Dabei ist interessant, daß das PSE nicht einfach einen Möglichkeitsraum von Objekten absteckt, die alle ein gewisses Set von Eigenschaften gemeinsam haben. Bei den Elementen haben wir zusätzlich wiederkehrende Abfolgen von Eigenschaften, in denen sie sich unterscheiden.

„Nun wollen wir in Gedanken einen Staat von Anfang an entstehen lassen. Es schafft ihn aber, so glaube ich, unsere eigene Bedürftigkeit!“ In Bezug auf die Kontrafaktizität ist diese Formulierung verwirrend, denn was den kontrafaktischen Staat „schafft“, ist nicht unsere eigene Bedürftigkeit, sondern die kontrafaktische Bedürftigkeit der von Platon angenommenen Staatengründer. Was den hypothetischen Staat mit unserer eigenen Situation verbindet, ist, daß das beschriebene Verhältnis von Bedürftigkeit, Arbeitsteilung und Gemeinschaftsbildung eine idealisierte Beschreibung einer logischen Folge ist, die hinter jeder Staatengründung steckt, inklusive unserer eigenen.

Zum Begriff der Brücke (H.A.L. 13:09, 15. Jan. 2011 (UTC))

„Bevor wir uns ansehen, worin diese Kompetenz unter Verwendung der soeben eingeführten Terminologie besteht, müssen wir noch einen Term einführen: Die Brücke.“

„Brücke“ ist hier wieder weniger ein Term, was man schon darin sieht, daß er nicht definiert wird. Eher ist es eine plastische Vorstellung. Es wurde bereits die Baukunst eingeführt, und mit ihr die Aufforderung, an die Objekte der Baukunst zu denken, also die Bauwerke, mit der Ankündigung, daß die Objekte der anderen Architekturformen als strukturell äquivalent gedacht werden können. Jetzt folgt die Aufforderung, die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Form von Bauwerk zu richten. Was eine Brücke ist, braucht man zunächst nicht zu erklären, darunter kann sich jeder was vorstellen. Eine Erläuterung des Begriffs ist später nötig, wenn die Fragen geklärt werden müssen: (a) Was ist das Äquivalent einer Brücke in anderen Architekturen? und (b) Warum sind für die Untersuchung gerade Brücken so interessant? Das muß aber nicht sofort passieren, vielleicht ist es sogar besser, erstmal das Wort „Brücke“ in den Raum zu werfen und den Lesern Gelegenheit zu geben, sich Gedanken zu machen. Dann ist die Brücke aber Teil des Fallbeispiels, nicht der Theorie, dann funktioniert sie zunächst als Sonderform eines Gebäudes und nicht als Begriff.

Die Frage ist: Kann ich mit „Ich verbinde zwei Bereiche mit einer Brücke“ etwas erklären, das ich mit „ich verbinde zwei Bereiche“ allgemein nicht erklären kann?

Brücken zwischen Architekturtypen

„Mein Punkt ist also, dass der Bau von Brücken, d.h. der Versuch, Widersprüche durch Architekturen aufzuheben, perspektivisch bleiben muss. Brücken werden zwischen Räumen gleichen Typs gebaut. Meine Entscheidung fällt daher in Richtung des Begriffs der horizontalen Brücke.“

Hier spielt irgendwie die Doppeldeutigkeit des Konzepts „Architektur“ mit hinein. Einmal als eines der Fallbeispiele neben Informatik und Philosophie, und einmal als die Theorie, die alles verbinden soll. Die Brücke ist zunächst ein Feature der Architektur als Fallbeispiel und kann nicht einfach so als das übergreifende Moment herangezogen werden. Dazu müßte man das Konzept von Architektur entsprechend transformieren in eines, das auch die Informatik erklären kann. Wobei man sich fragen kann, ob es dann wichtig ist, daß alle Architekturformen ein Äquivalent von „Brücke“ kennen - also eine Struktur, die innerhalb der jeweiligen Disziplin verschiedene Komponenten verbinden kann - oder ob es nicht relevanter ist, daß man eine Komponente der Informatik auf eine Komponente der Philosophie abbilden kann.

Wenn eine Brücke Informatik und Philosophie verbinden soll, dann müssen Informatik und Philosophie selbst Komponenten innerhalb einer spezifischen Architekturform sein. Das wäre dann eine Architektur von Architekturen. Die Frage wäre dann, welche Architektur andere Architekturen gestalten kann, wie die Baukunst Häuser gestaltet. Diese Architektur könnte dann zwischen den anderen auch Brücken bauen.

„Man kann höchstens den Ort nennen, an dem sich Querbrücken aufspannen, und das ist die Störung.“ Eine Störung tritt auf, wenn ich ein Problem mit der gewohnten Methode nicht in den Griff kriege. Dann muß ich eine andere Methode heranziehen. Die Frage ist, wie ich die neue Methode in den Verarbeitungsprozeß einbeziehe.

Noch ein paar Metaphern aus der Baukunst (H.A.L. 13:11, 15. Jan. 2011 (UTC))

(Nebenbei: Was mir gerade auffällt, ist, daß es in einer Stadt nicht nur Häuser braucht, sondern auch Straßen und unterirdische Leitungen etc. Das Konzept der Baukunst ist selbst ein bißchen unscharf, weil die Arbeiten, die eine Stadt ausmachen, nicht eindeutig bei der Baukunst liegen, sondern irgendwo zwischen Disziplinen wie Architektur, Ingenieurskunst und Stadtplanung. - Parallelen gibt es auch in der Gestaltung einzelner Gebäude: Eine Wohnung besteht nicht nur aus Räumen, sondern auch aus Infrastruktur - es braucht ja nicht nur ein Wohnzimmer, sondern auch ein Bad mit Wasseranschluß.)

„In vielen Werken der Philosophie kann man das Selbstverständnis der Philosophie als ‚Brücke höchster Stufe‘ erkennen: Descartes‘ Zweifel, sich als Gedankenexperiment von allem zurückzuziehen, bis sich ‚etwas‘ zeigt, das nicht mehr bezweifelt werden kann und von dem man alles aufbaut.“

Weil wir bei Architekturmetaphern sind: Etwas, von dem man aus etwas anderes aufbaut, ist keine Brücke, sondern ein Fundament. Und so hat sich die Philosophie als Allgemeinwissenschaft auch immer wieder begriffen (auch in dem Beispiel mit Descartes). Eine Brücke verbindet zwei zuvor voneinander getrennte Einheiten, die schon da sind.

Ich sehe gerade in den Metaphern von Fundament und Brücke Induktion und Deduktion als zwei unterschiedliche Sichtweisen auf das Verhältnis von Einzelfall und Allgemeinem - ist es zielführender, zuerst eine allgemeine Regel aufzustellen und diese dann auf einzelne Szenarien anzuwenden oder erst konkrete Szenarien zu entwerfen und dann davon zu abstrahieren, was sie verbindet? Das ist insofern interessant, als es für die Bedeutung von Gedankenexperimenten für die Entdeckung allgemeingültiger Regeln wichtig ist.