Benutzer Diskussion:Andyk/Badiou/Abbreviation

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ad Intro

Einerseits ein genialer Hinweis: die Rolle der Zahl und des Zählens in der Politik und öffentlichen Meinung. Anderseits eine maßlose Übertreibung. Politisches "Denken" ist eben nicht eine Zahlenexegese. Das Anführungszeichen, das Badiou setzt, weist in eine andere Richtung, als seine Aussage. "A 'cultural fact' is a numerical fact". Wieder die Anführungszeichen. Badiou stellt thesenhaft dar, was er kritisieren will und markiert das manchmal durch Gänsefüßchen. Schon in der Fortsetzung des obigen Zitates fehlen die Anführungszeichen. Keine Zahl/kein Name ist dann die Übernahme des unterstellten Zustands als eigene These. Das Genre ist Pamphlet.

Die Bürokratisierung des Wissens ist nicht einfach die Herrschaft der Zahlen. Das wären Summen und Statistiken. Man kann noch soviel Zahlen sammeln, das wird kein Wissen, es sei denn, eine Bewertung kommt dazu. Als Beispiel:

Eine Fahrt vom Flughafen Vilnius zum Stadtzentrum kostet

  • 2 Litas (57 cent) im Bus, Vorverkauf
  • 2,5 Litas (71 cent) im Bus, beim Fahrer
  • 3 Litas (86 cent) im Sammeltaxi
  • 40 - 50 Litas (11,4 bis 14,3 €) vom Hotel aus bestellt

Erlebnisbericht

In diesen Zahlen steckt Politik, aber sie sind nicht Politik.

Die Wirtschaftskrise ist einerseits eine Bestätigung des Badiou-Pamphlets, andererseits untergräbt sie es aber auch. Sie zeigt, wie willkürlich die Zahlen sind, nach denen sich die Meinung richtet. Die Situation ist gänzlich labil.

Badiou würde sagen, das liegt nicht an den Zahlen sondern an einer "ideologischen Sozialisierung" der Zahl (Zahl und Zahlen: 1.6), in der Zahlen hinreichend durch Berechnung, Operation, Verwendung charakterisiert sind. Ich selbst höre das Pamphletische heraus. Folgt daraus etwas? Die Programmschriften des Wiener Kreises, oder Kants Einleitung der zweiten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft, in der er seine Arbeit eine Kopernikanische Wende ("die veränderte Methode der Denkungsart") nennt, sind in ihrer Feierlichkeit ebenfalls - in unterschiedlichen Graden - unsachlich, das verhindert aber nicht, dass sich am Weg diskutable Diagnosen und hilfreiche Zusammenhänge finden.)--Andyk 01:50, 15. Nov. 2011 (CET)
Die Zahlen werden ideologisch funktionalisiert, einverstanden. Und der evokative Gestus hat seinen eigenen Reiz. Der Punkt ist allerdings, dass hier eine Ontologie die Provokation übernimmt. Warum nicht, nachdem die Provokationen der letzten Jahrzehnte durch Kritik und Dekonstruktion erfolgten? Die Kombination zwischen einem Vokabular der traditionellen Philosophie "in den höchsten Tönen" und der Mathematik ist ähnlich kontrovers und anregend wie z.B. "Logo-Phallozentrismus". Einzuwenden wäre, dass die Details nicht stimmen. Sowohl die griechische Philologie, als auch die Mengentheorie werden zweckentfremdet. Ich erinnere an Heideggers impertinente Platon-Übersetzung am Ende der Rektoratsrede: "Alles Große steht im Sturm", wo Platon "das Große schwankt" schreibt. Und was ist daran auszusetzen? Es ist ein Freibrief für Willkür. --anna 12:38, 20. Nov. 2011 (CET)

Doch damit kann man etwas anfangen: prüfen, was wir über Zahlen denken. Das ist so ähnlich wie Denken darüber was Geschlecht ist (statt Diskriminierung) oder über Wahrheit, statt über wahre Aussagen. --anna 12:47, 14. Nov. 2011 (CET)

Der Informatiker in mir sagt, dass Zahlen im Rahmen von Zahlenoperationen zu verstehen sind (und was darüber hinaus gefragt werden kann, hat weder etwas mit unserem Alltag noch mit Informatik zu tun), doch der Philosoph in mir findet in Anbetracht unserer Situation eine Prüfung unseres Verständnisses von und Verhältnisses zu Zahlen wichtig und interessant.
Drei häufige Verwendungsweisen von Zahlen in unserem Alltag sind:
  • Adressierung ("Meine Telefonnummer ist: 0664...", "Das Buch "Sein und Ereignis" in der Fachbibliothek Philosophie hat die Signatur 30201".), IDs zur Identifikation von Gegenständen und Personen ("Meine Matrikelnummer ist 0600112."),
  • Angabe von Quantitäten ("Ich verdiene 8€ die Stunde.", "Er ist 180 cm groß.") und
  • Zeitangaben ("Heute ist der 15.11.2011 und es ist 00:12 Uhr").
Die Zahlen allein - etwa 30201 - sprechen nicht für sich, wenn man den Zusammenhang nicht kennt oder sich noch nicht 'eingeschaut' hat in ein bestimmtes Muster, das man über die Zahl drüberlegt. Gleichwohl zeigt sich in der Verwendung der Zahlen zu diesen drei Zwecken der Wunsch, etwas punktgenau festzulegen und dann in einer Selbstverständlichkeit und Zwangsläufigkeit zu weiteren Zahlen zu kommen, die eine Orientierung in der aktuellen Lage geben. Das ist möglich durch die in der Schule antrainierte Verwendung der Grundrechnungsarten. 2 x 2 ist nicht grün, sondern 4. 4 ist eine gerade Zahl. Nach 4 kommt 5. Darüber streiten wir im Allgemeinen nicht.
Über das Ergebnis einer Rechnung kann man nicht diskutieren (außer man hat sich verrechnet, dann aber gibt es ein korrektes Ergebnis - das hat Leibniz so stark beeindruckt, dass er meinte, wir müssten in der Philosophie soweit kommen, Dispute durch Rechnungen zu ersetzen - Leibniz ins Jahr 2011 geschickt würde sich wundern.). Unsere Einübung ins Zählen verwenden wir etwa, um uns in einer Straße zu orientieren: "Wenn hier Hausnummer 10 ist dann weiß ich genau, dass Hausnummer 120 nicht in der Nähe sein wird, da die Hausnummern zumindest in Großstädten linear gehen." "sein wird" - die Berechnung antizipiert was kommen wird und zeichnet mein Verhalten vor. Wir nutzen unsere Fähigkeit, zwischen geraden und ungeraden Zahlen zu unterscheiden, um die Straßenseite zu codieren. Diese recht unmittelbare Exegese von Zahlen im Alltag beschränkt sich auf eine kanonische Praxis im Umgang mit Zahlen und diese strukturiert und orientiert unseren Alltag (OK, manchmal sind die geraden Hausnummern auf der linken statt auf der rechten Seite, oder man zählt nicht von links nach rechts, doch die Basis ist eine Kulturtechnik des Zählens). Ich würde nicht so weit gehen, es an dieser Stelle eine Gewaltherrschaft zu nennen, aber völlig abwegig ist es nicht.
Man kann also die sokratische Was ist...-Frage stellen: "Was ist eine Zahl? Warum zählt man so und so? Hat sich unsere Art zu zählen und über Zahlen zu denken verändert? Wissen wir, worauf wir uns einlassen, wenn wir zählen? Wenn wir Zahlen als Maßstab zur Beurteilung der Relevanz von Argumenten verwenden (Anzahl an Stimmen)? In welche Dynamik begibt man sich, wenn man zählt (Kinder wetteifern miteinander, wer weiter zählen kann... ) - was folgt daraus?" --Andyk 01:50, 15. Nov. 2011 (CET)
Die hier praktizierte Herangehensweise ist nicht ontologisch. Sie beschreibt Praktiken und Differenzen zwischen Praktiken. So würde ich das auch machen, das Vorbild ist sicherlich Wittgenstein. Am Ende wird dann aber doch die "provokante" Wesensfrage gestellt. In einer ungeduldigen US-amerikanischen Version könnte man es so formulieren: "And what's the point?" Worauf kommt das letztlich hinaus? "Numbers: The Executive Summary".
Gegenfrage: Brauchen wir ein executive summary? Ich würde sagen: zu bestimmten Zwecken, warum denn nicht? Der Begriff passt gut, weil er das Regime des Managements, der Exklusivität und der Zeitknappheit andeutet, das auch in der Ontologie herrscht. In manchen Fällen ist es nötig, "kurz und bündig" zu sagen, worum es letztlich geht. Mit diesem Zugeständnis würde ich aber die Beobachtung verbinden, dass es sich um eine Folgeerscheinung der ständigen Zeitnot handelt. Die Situation ändert sich immer wieder, die Antworten sind anzupassen. Um im Jargon zu bleiben: "just in time essence". --anna 09:06, 21. Nov. 2011 (CET)

Das Zwingende beim Poem?

Die Performance des Gedichts "Liebe und Freundschaft" von Soap & Skin macht übrigens (als eine Art microbenchmark) deutlich, dass sich Orientierung / Zwang auch bei einem Gedicht findet, nämlich durch die rhythmische Einheit, den Vers (das kann man sicher eleganter beschreiben). Hören Sie sich die Performance an, besonders den letzten Vers. Die Verletzung / das Ausbrechen aus dem Versmaß lässt das Publikum unruhig werden. Fast so wie 2 x 2 immer 4 ist, so muss der Vers vollendet werden mit: "wie wertvoll Freunde sind." Doch schneller als bei einer Berechnung lässt man sich darauf ein, eine Variante, eine Dissonanz als interessantes Moment zuzulassen, spannend oder witzig zu finden, oder es als unpassend abzulehnen. Beim Rechnen kann man nicht aufgrund einer Befindlichkeit ein anderes Ergebnis produzieren, das ist nicht erwünscht, die Befindlichkeiten lassen sich aber ausleben im Rahmen von deduktivem Voranschreiten. Subversion bei einem Gedicht zerstört nicht immer das gesamte Gedicht, bei einem axiomatischen System jedoch schon: Sobald man aus den Axiomen einen Widerspruch abgeleitet hat, lässt sich alles aus dem System ableiten. Kann man daher sagen: Axiomatische Systeme sind weniger robust als Gedichte aber dafür immun gegen Unterwanderung/Hacking? Andererseits sind die Kulturtechnik(en) des Zählens und das Aufstellen und Absichern von axiomatischen Systemen voneinander zu unterscheiden. Im ersten Fall, lassen sich Äpfel mit Birnen vergleichen (wird man verführt, Zahlen in die Höhe zu treiben oder zu senken noch bevor man die Konsequenzen im Einzelnen kennt - aktuell: Schuldenobergrenze) im zweiten Fall kommen weder Äpfel noch Birnen vor (In einem idealisierten, stark reglementierten Gedankenraum kommt man zu Erkenntnissen, von denen man sich erst überlegen muss, inwieweit sie unter weniger idealen Bedingungen gültig,richtig und sinnvoll sind). --Andyk 02:56, 15. Nov. 2011 (CET)

ad griechische Zahlen

Das Eine als Verarbeitung der Mannigfaltigkeit. Sind Nebelschwaden, eine Brandung, kochendes Wasser, Verkehrschaos, gemischte Gefühle Mannigfaltigkeiten? Es scheint, dass das Zählen-als-eins an solche Phänomene nicht herankommt. Anders gesagt: Mannigfaltigkeit ist etwas, das von Zählung bereits präformiert ist. Die Operation und ihre Operanda sind eine "package". Badiou sagt, dass "die Eins" nicht den Status des Höchsten, des Seins hat, sondern ein Resultat ist. Ein Ergebnis woraus? Aus etwas, das zählbar erscheint und zwar, nach Badiou, im Nachhinein, nach der vollzogenen Operation. Gut, dann ergibt sich die Frage, was vor der Operation anzusetzen ist. Darauf kann man antworten:

  • Das ist keine berechtigte Frage. Es ist, als würde man fragen, welche Richtung ein Pfeil hat, bevor er nach rechts oder links zeigt. Der Pfeil besteht darin, eine Strecke zu einer Richtung zu machen. Was vorher ist, gehört nicht zur Betrachtung.
  • Die neuplatonische Strategie besteht darin, das Eine zum unnennbaren, unzugänglichen Ausgangspunkt der Differenzierungen zu machen. Eine Inkommensurabilität innerhalb der Ausdrucksformen wird eingeführt, zusammen mit einer "Priesterschaft", die beide Seiten im Blick hat.

Damit verbindet sich das berühmte Problem des Dualismus, der nicht einmal ein Dualismus sein darf. Vielleicht kann man dem etwas abgewinnen, doch das Problem liegt tiefer: Warum liegt auf der anderen Seite der gewöhnlichen Verständlichkeit überhaupt etwas? Warum soll man sich darum kümmern? Warum liegt dort nicht dasselbe wie diesseits des Abbruchs? Wie wäre es, wenn jenseits alles verständlich Sagbaren, als dessen "Urgrund" nochmals dieses Verständliche läge? Das ist eine Variante der ewigen Wiederkehr des Gleichen. --anna 14:59, 14. Nov. 2011 (CET)

Der letzte Gedanke impliziert (wegen: jenseits eines verrständlich Sagbaren), dass es zumindest einen Horizont und zumindest zwei Verständnis-Ebenen gibt, eine direkt zugängliche und eine indirekt zugängliche. Indirekt heißt, sie ist über Brüche und Irritationen, Spiegelungen, Verschwommenes zugänglich. Man müsste daher Hypothesen aufstellen, Entscheidungen treffen und extrapolieren. Erinnert an Lacan: Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache.--Andyk 18:28, 8. Dez. 2011 (CET)