Schrift (Code)

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Die Stellung der Tradition zur Schrift

Erinnert man sich an die vorhin angeführten Aussage Aristoteles; „Es ist also das in der Stimme verlautende Zeichen für die in der Seele hervorgerufenen Zustände, und das Geschriebene Zeichen für das in der Stimme Verlautende.“ Saussure: „Sprache und Schrift sind zwei verschiedene Systeme von Zeichen; das letztere besteht nur zu dem Zweck, um das erstere zu repräsentieren.“ Der Charakter der Repräsentation der Sprache, die Saussure beschreibt stellt eine Reflexion auf die Struktur eines bestimmten Typus von Schrift dar, nämliche der phonetischen Schrift, eine Schrift die den Lauten des Sprechens gleichen soll. Die phonetische Schrift beherrscht unsere ganze Kultur, Wissenschaft und das Denken über die Schrift, und tatsächlich begrenzt Sausure die Schrift auch nur auf zwei Systeme, dem Ideographischem und dem Phonetischem, wobei ersteres ein System bezeichnet wo ein Wort durch ein einziges Zeichen ausgedrückt wird und zweites, eine wie schon erwähnte, Lautschrift darstellt. Die Schrift soll aber nicht den Gegenstand der Linguistik darstellen, wie Saussure behauptet, sondern geht es der Linguistik nur um das gesprochene Wort. Es wird also schon von Anfang an, eine Einheit von Laut und Gedanken postuliert, ohne den Begriff der Schrift kritisch reflektiert zu haben. Eher verwendet er den Schrift Begriff zur Abgrenzung seiner Gedanken und den Beweis einer Wissenschaftlichkeit der Linguistik. Diese setzt voraus, „...dass der Bereich der Linguistik exakt eingegrenzt werden kann, dass sie ein durch innere Notwendigkeit geregeltes System ist und über eine in bestimmter Weise geschlossene Struktur verfügt. Der repräsentative Begriff der Schrift kommt dieser Forderung noch entgegen. Wenn die Schrift nur die Darstellung der Sprache ist, so darf sie mit Recht aus dem Inneren des System ausgeschlossen werden (denn man müsste annehmen das es hier so etwas wie ein drinnen der Sprache gibt), so wie man auch das Abbild aus dem System der Wirklichkeit schadlos muss ausschließen können“ . Die Schrift ist demnach dem „inneren der Sprache fremd“ . In dem Gedanken Saussures, tut sich nun eine wesentliche Frage auf, die unter der Euphorie eines Denkens der Schrift leicht untergehen kann. Es stellt sich die Frage nach Wissenschaft und in ihr, jene nach der Definition von wissenschaftlichen Begriffen. Die Definition des Begriffs ist seine Eingrenzung, seine Begrenzung. Das abwähren des Anderen um das eigene zu definieren. Sei es eine Frage nach persönlicher Identität oder einem staatlichem Gebiet. Die wissenschaftliche Frage danach müsste diese Fragen schon von Anfang an begrenzen. Dass heißt, sie muss per se etwas ausschließen und sich verschließen. Diese Form des Denkens, des Denkens der Geschlossenheit, ist der Ursprung der geschlossenen Gesellschaften und des Glaubens an das „Reine“. In unserem Fall übernimmt die Schrift den Sündenbock, ihr kommt das Moment des Außen zu. Sie gilt dem sprachlichen System, in diesem Fall dem System des gesprochenen Wortes, als ein Äußerliches und ist das Fremde bzw. Andere. In diesem Sinne sieht die Linguistik ihr Untersuchungsfeld als beschlossen und abgegrenzt also als wissenschaftlich fundiert. Die aufgestellte Opposition gleicht dem Begriffspaar Gut und Böse oder Natur und Technik, die Schrift wäre die Technik, die in die Natur einfällt und sie in ihrem inneren bedroht. Man könnte sie auch als Sündenfall in der Sprache sehen, die „... als die Umkehrung des natürlichen Verhältnisses zwischen Seele und dem Körper in der Leidenschaft bestimmt worden“ ist. „Was Saussure hier anklagt, ist die Umkehrung des natürlichen Verhältnisses zwischen dem gesprochenen Wort und der Schrift.“ Die Schrift kleidet die Sprache ein, das Gewand verhüllt und verdeckt den nackten Leib, der ohne Verfälschungen den Körper des Menschen zeigt. Ohne es, dem Gewand, sind soziale Unterschiede, Kaschierungen aber auch etwaige Zugehörigkeiten nicht sichtbar, der Mensch steht nackt da in seiner ursprünglichen Form ohne etwas. Es ist eine These der Romantik die hier durch scheint, nämlich das Ursprüngliche im Natürlichen zu finden. Das Denken von Saussure und Rousseau, auf das sich Derrida im wesentlichen bezieht, stellt die Argumentation, eben auf dieses Fundament des Natürlichen, das in der Sprache und der Wissenschaft bewahrt oder gefunden werden soll. „Eine Wissenschaft von der Sprache hätte demnach ein natürliches, das heißt, ein einfaches und ursprüngliches Verhältnis zwischen dem gesprochen Wort und der Schrift, und das wiederum heißt: zwischen einem Innen und einem Außen wieder zu finden. Sie hätte wieder zu ihrer vollkommen Jugend und ursprünglichen Reinheit zu finden und zwar diesseits einer Geschichte und eines (Sünden- ) Falls, die in der Folge das Verhältnis von dem Draußen und dem Drinnen pervertieren. Es müsste also – und daran gemahnt uns der Theoretiker der Arbitrarität des Zeichen – eine Natur der Verhältnisse zwischen sprachlichem und graphischem geben.“ Dieses vermeintlich natürliche Verhältnis ist jenes, dass die Schrift zum Abbild des gesprochen Wortes macht. Trotz gewisser Vorzüge der Schrift, die…

„ ...wie ein beständiges und festes Objekt, das mehr als der Laut geeignet sei, die Einheit der Sprache durch die Zeit hindurch aufrechtzuerhalten<: ist dies denn nicht auch ein natürliches Phänomen? In Wahrheit heißt das, dass eine schlechte ´oberflächliche´, ´künstliche´ und ´leichte´ Natur betrügerisch jene gute Natur zum Verschwinden bringt, die den Sinn mit dem Laut, dem ´Lautgedanken´, verbindet. Hier zeigt sich die Treue zu einer Tradition, die die Schrift seit je mit der fatalen Gewalt politischer Institutionen in Verbindung gebracht hat. Es dürfte sich wohl, wie zum Beispiel für Rousseau, um einen Bruch mit der Natur, um eine Usurpation handeln, die einhergeht mit der theoretischen Blindheit gegenüber dem natürlichen Wesen der Sprache, auf jeden Fall dem natürlichen Band zwischen den ´vereinbarten Zeichen´ der Stimme und ´der ersten menschlichen Sprache´, dem natürlichen Schreiben ... .“ (G 64)

Jedoch selbst wenn sich die Schrift besser eigenen würde um die Einheit der Sprache zu beschreiben, bleibt sie eine künstliche Form. Die Kritik an der Schrift nimmt immer wieder moralische Züge an, sie war schon eine Erbsünde, eine wiedersinnige Gewalt und ein Schleier, doch der interessante Aspekt der sich nun ergeben hat, ist, dass die Schrift den politischen Institutionen gleicht. Institutionen die nicht dem natürlichen Leben entsprechen und eine Gewalt und Veränderung in das Leben der Menschen bringen. Diese Opposition des Natürlichen und Künstlichen, des Innen und Außen, zieht sich durch den gesamten Textteil der sich mit Saussures Schriftbegriff befasst. Doch ist dieses Anliegen nicht so schnell von der Hand zu weisen, da nach Derrida diese Auffassungen, von Saussure und Rousseau, auf welche er Bezug nimmt, in der Tradition der Metaphysik und weiters in einer unzureichenden Fragestellung, die das Verhältnis zwischen gesprochener Sprache und Schrift betrifft, stellt. Denn wenn man, und das ist natürlich einem selbst überlassen, da mir bewusst ist, dass die Darlegungen und Argumente der Linguisten in dieser Ausführung sehr reduziert sind, „ ... diese phonologistische Argumentation jedoch akzeptiert, darf dennoch nicht übersehen werden, dass sie einen wissenschaftlichen Begriff des gesprochenen Wortes einem vulgären Schriftbegriff gegenüberstellt“. Denn „ ... solange nämlich eine explizite Fragestellung, eine Kritik der Verhältnisse zwischen gesprochenem Wort und Schrift nicht ausgearbeitet ist, so lange bleibt, was Saussure als blindes Vorurteil der klassischen Linguisten oder der gemeinen Erfahrung denunziert, ein blindes Vorurteil auf dem Hintergrund einer allgemeinen Voraussetzung, die der Kläger zweifellos mit dem Angeklagten teilt“. In diesem Sinne sollten vielmehr „ ... die Grenzen und Voraussetzungen dessen aufzeigt werden, was hier für selbstverständlich gehalten wird und was für uns den Charakter und die Gültigkeit einer Evidenz behält. Die Grenzen haben sich bereits abzuzeichnen begonnen: Warum umreißt das Projekt einer allgemeinen Linguistik, welches das innere System im allgemeinen der Sprache im allgemeinen behandelt, die Grenzen seines Bereichs derart, dass ein besonderes System der Schrift, sei es auch so bedeutsam, ja tatsächlich universal, als Äußerlichkeit im allgemeinen ausgeschlossen wird? Ein besonders System, welches grundsätzlich, zumindest aber der erklärten Absicht nach, dem System der gesprochenen Sprache äußerlich ist“. Im verdammenden Vorurteil, stellen sich die Beobachter blind gegenüber der Schrift hin, und nehmen ihr unreflektiertes Verständnis der Schrift, um sie zu verurteilen. In diesem Zug entgeht ihnen der „universale Charakter“ den sie hat oder haben könnte. Man setzt die Schrift mit der alphabetischen Schrift gleich, die am geläufigsten erscheint und stellt sie als die Vollendung jeder Schrift dar. Sie wird zum Opfer der Pauschalisierung. „Saussure konfrontiert das System der gesprochen Sprache mit dem System der phonetischen (gar alphabetischen) Schrift, als sei es das Telos der Schrift. Eine solche Teleologie führt dazu, jeden Einbruch des Nicht – Phonetischen in die Schrift als vorübergehende Krise und als beiläufigen Unfall zu interpretieren; mit Recht möchte man sie als abendländischen Ethnozentrismus, prä–mathematischen Primitivismus prä–informativen Institutionismus betrachten. Selbst wenn diese Teleologie irgendeiner absoluten Notwendigkeit entspricht, muss sie als solche problematisiert werden. Dazu fordert die skandalöse Usurpation selbst ausdrücklich auf.“ Es bleibt die Frage offen was eigentlich zu einer Schrift gehört um eine Schrift zu sein, ob es nur die Tinte und die graphische Darstellung von Zeichen in einem geregelten Zusammenhang ist, oder doch noch etwas anderes, ob sie mithin auch etwas mehr sein kann. Die graphische Darstellung alleine würde den Begriff der Schrift näher der Malerei bringen als dem gesprochenen Wort, was nun nicht heißen soll, dass sie nichts mit der Sprache zu tun hat, sondern betrifft diese Beziehung allein ihre Form und richtet sich gegen ein rein phonetisches Argument. Wer sagt, dass die Phonetische Schrift alles Ausdrücken kann, wer meint, dass die gesprochene Sprache alles Ausdrücken kann? „In dem der phonetischen alphabetischen Schrift zu geordneten Sprachsystemen, ist die Logozentristische Metaphysik entstanden, die den Sinn des Seins als Präsenz bestimmt. Der Logozentrismus, die Epoche des erfüllten Wortes, haben aus wesensmäßigen Gründen jede freie Reflexion über den Ursprung und den Status ausgeklammert und suspendiert, haben jede Wissenschaft von der Schrift unterdrückt, die nicht – ihrerseits einer Mythologie und einer Metaphorik, der der natürlichen Schrift verbundene – Technologie und Geschichte einer Technik war. Der Logozentrismus, der in schlechter Abstraktion das innere System der Sprache im allgemeinen begrenzt, hindert Sausure und die meisten seiner Nachfolger daran, klar und deutlich zu bestimmen, was man ´den vollständigen und konkreten Gegenstand der Linguistik´ nennt.“

Die logozentrische Herrschaft in der Philosophie, die aus einer kanonischen bzw. geschichtlichen Autorität herkommt, ist bis dato begriffsbestimmend. Der Begriff der Schrift und der Sprache, sind in diesem Diskurs derart fest verwurzelt, so dass der klare Blick auf die Begrifflichkeit getrübt ist. Das triviale Sprichwort, man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, kommt einer Beschreibung der Situation, die die Bedeutung der Schrift betrifft sehr nahe, denn „ ... im Sausurreschen Diskurs schreibt sich etwas ein, das nie gesagt wurde: nichts anderes nämlich als die Schrift selbst als Ursprung der Sprache “.