PROTOKOLLE - MuD09 - Gruppe2 - 30.10.

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Endredaktion zu Martin Kusch:

Philosophie und (Sozial-)Wissenschaft

Einleitung

Das Soziale kann in der Philosophie in den unterschiedlichsten Formen auftreten. Im Folgenden werden beispielhaft drei mögliche Dimensionen erläutert:

a) Das Soziale im politischen Sinn als Teil der Philosophiegeschichte

b) Das Soziale im Diskurs über das Wissen und der Bedeutung von anderen für dieses Wissen

c) Das Soziale als der Prozess des Verhandelns und Neuverhandelns von Bedeutungen und Klassifikationen in der Wissenschaft.


ad a) Soziologische Geschichte der Philosophie: Was hat die Philosophie der Psychologie mit Macht zu tun?

In der Denkpsychologie bzw. Denkphilosophie zu Beginn des 20. Jh. gab es im deutschen Raum zwei sich gegenüberstehende Schulen. Die „Leibziger Auffassung“ von Wilhelm Wundt teilt das menschliche Bewusstsein in drei primitive Bewusstseinselemente: Empfindungen, Vorstellungen und Gefühle. Hinzukommen noch die Gedanken, die auf den Grundelementen aufbauen und durch Willensakte generiert werden. Sie sind komplizierter und stehen in der Hierarchie ganz oben. Dagegen stellten die „Würzburger“ um Oswald Külpe und Karl Bühler ein antihierarchisches Modell, in dem auch die Gedanken zu den Grundelementen zählen.


Zu dieser Meinungsverschiedenheit gab es eine große öffentliche Resonanz durch Psychologen oder Philosophen, aber auch Theologen und Rechtswissenschaftler. Durch soziologische Analyse können nun drei politische Bedeutungen aus diesen Denkauffassungen und dem darum entstandenen Disput herausgelesen werden:


1) Für das Fach Psychologie

Wundt legt die hierarchische Struktur des Bewusstseins auf die Struktur des Faches Psychologie um: An die Stelle der primitiven Elemente setzt er die experimentelle Psychologie, die sich mit dem Individuum befasst. Die Rolle der Gedanken wird aufgrund ihrer Komplexität von der „Völkerpsychologie“ übernommen. Das Volk steht über dem Individuum – selbst an Wundts Institut war das zu spüren: Nur er selbst durfte sich mit der „Völkerpsychologie“ auseinander setzen. Da die Würzburger in ihrem Denkmodell keine hierarchische Struktur hatten, brauchten sie auch keine Unterscheidung zwischen experimenteller Psychologie und Völkerpsychologie zu treffen.


2) Für das Verhältnis Staat und Individuum

Für Wundt stehen der Staat und das Volk an oberster Stelle, da sie die höchsten Werte (inkl. dem Denken) repräsentieren. Diesem Nationalismus steht der Individualismus gegenüber, den die Würzburger vertreten. Denn Gedanken lassen sich laut ihnen auch im Individuum erforschen und der Staat muss sich vor dem Einzelnen rechtfertigen. Gleichzeitig waren die Würzburger – vor dem Hintergrund des ersten Weltkrieges – auch stark international orientiert.


3) Für die Religion

Als letzte Dimension, die der Disput um die Denkphilosophie erreichte, ist der Konfessionsstreit zwischen Katholizismus und Protestantismus zu nennen. Durch die Bedeutung des Willens in Wundts Denkauffassung ist sie dem Protestantismus zuzuordnen (vgl. den Voluntarismus bei Martin Luther und Emmanuel Kant). In Würzburg dagegen war die Idee des „reinen Intellekts“ von Thomas von Aquin zentral, die (u.a.) erklärte, warum sich die Seele des Körpers bedient. In der Würzburger Bewusstseinsauffassung sind die Gedanken rein und haben nichts mit Empfindungen etc. zu tun. Damit wurde Thomas von Aquins Idee durch experimentelle Psychologie bewiesen. Das war der Grund, warum die Theologen ebenfalls an dieser Kontroverse interessiert waren. Sie hatten so die Möglichkeit, einen Beweis für die ihre jeweilige Auffassung der Seele, in der Psychologie, bzw. Philosophie zu finden.


Erkenntnistheorie und Gemeinschaft: Die Rolle der Anderen in meinem Wissen und meiner Erkenntnis

Am einflussreichsten in der Erkenntnistheorie gilt die Behauptung, das Wissen „gerechtfertigter, wahrer Glaube“ ist.

Traditionell werden vier verschiedene Wissensquellen unterschieden:

a) Wahrnehmung

b) Logisches Denken (Reasoning)

c) Erinnerung

d) Zeugnisse


a) – c) gelten als individuelle Wissensquellen, d) benötigt Mitmenschen.

a) und b) sind generativ. c) und d) hingegen nicht-generativ, sie bringen also kein neues Wissen hervor und sind deswegen weniger bedeutend.


Es stellen sich zwei Fragen: Gibt es Situationen, in denen Zeugnisse generativ sein können? Und lässt sich das Vertrauen auf Zeugnisse rechtfertigen?

Dabei finden sich zwei Ansichten: eine individualistische und eine kommunitaristische.


Sind Zeugnisse je eine generative Wissensquelle?

Individualist: Nein, denn es kommt beim Wissen immer auf das Individuum an.

Kommunitarist: Ja, auch in einer Gruppe kann Wissen generiert werden.


Damit Zeugnisse generativ sein können, müsste der Akt der Mitteilung selbst Wissen generieren, dh. ein Berichtender erzählt einem Empfänger etwas, das er/sie selbst zuvor noch gar nicht wusste. Die amerikanische Philosophin Jennifer Lackey hat dafür Beispiele gefunden:

1) Eine Lehrerin bringt ihren SchülerInnen die Evolutionstheorie bei, obwohl sie selbst nicht daran glaubt. Wenn Wissen nun als begründeter, wahrer Glaube definiert ist, wissen zwar die SchülerInnen danach von der Evolution, die Lehrerin aber immer noch nicht, da sie nicht daran glaubt. Hier gibt es den Einwand, dass dieses Wissen trotzdem nicht generativ ist, da es ja in Büchern etc. schon wiedergegeben wurde. Die Wissenskette läuft also von Darwin bis zu den SchülerInnen.

2) Beim Fall von Maria soll nun gezeigt werden, dass eine Wissenskette auch erst durch Zeugnis beginnen kann: Nach einer Augenoperation wird Marie von ihrem Arzt gesagt, dass sie nicht mehr Farbsehen kann. Sie glaubt ihm, allerdings hat sich ihr Arzt geirrt. Auf der Straße fragt sie ein Freund ohne Nachzudenken, ob die Ampel grün ist. Sie bestätigt, dass die Ampel grün ist, weil sie nicht daran denkt, dass sie eigentlich keine Farben sehen kann. Die Zeugin berichtete also etwas, dass sie nicht wusste. Mit ähnlichen Beispielen kann auch gezeigt werden, dass Erinnerungen generativ sind.

Ein Kritikpunkt an diesen Beispielen könnte in der Wissensvermittlung gesehen werden, die hier rein verbal begründet ist. Aber auch non-verbale Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil von Vermittlung. (Vgl. hierzu den Beitrag von Benutzer:Hildegard)


Lässt sich unser Vertrauen auf Zeugnisse rational rechtfertigen?

Hier ist die Frage, ob man im Allgemeinen den Urteilen Anderer vertrauen kann und ob sich dafür ein Argument liefern lässt.

Individualist: Vertrauen auf Zeugnisse muss sich rational rechtfertigen lassen. Argumente hierfür lieferten u.a. die folgenden Philosophen:

1) David Hume unterscheidet zwischen drei Gruppen von empfangenen Berichten: - eigenes Wissen, das Berichte bestätigt - Berichte, denen vom eigenen Wissen widersprochen wird - Berichte zu Themen, für die kein eigenes Wissen vorhanden ist Da man viel häufiger Berichte bestätigt als widerlegt, kann ich auf die Richtigkeit der (zukünftigen) Berichte vertrauen. Hume legt jedoch die gleiche Proportion auch auf die Berichte an, von denen kein eigenes Wissen vorhanden ist. Allerdings ist gerade dieser Bereich noch viel größer, als der Teil des Wissens, das man bereits hat.

2) Thomas Reid hingegen argumentiert mit Gott. Denn dieser hätte uns Menschen so geschaffen, dass wir die Wahrheit sagen und anderen glauben. Demnach können Zeugnisse ebenso fundamentale Wissensquellen sein. Allerdings wissen wir das von der Bibel, die ebenfalls ein Zeugnis darstellt. So kommt es zu einer zirkulären Rechtfertigung.


Kommunitarist: Die Frage nach einer allgemeinen Rechtfertigung kann nicht beantwortet werden, da jede Rechtfertigung auf Vertrauen auf Andere, bereits Vertrauen voraussetzt. Und da Zeugnisse generativ sind, ist Interaktion für das Wissen wesentlich und nicht nur zufällig.


Risto-Suche und Seppo-Suche: zwei Spiele zum Thema Gemeinschaft, Wahrheit, Fortschritt und Wissenschaft

Um komplexe Zusammenhänge leichter zu verstehen, können Modelle entworfen werden. Hierbei wird der Sachverhalt auf seinen zentralen Kern reduziert und somit vereinfacht. Folgende Spiele können als zwei unterschiedliche Modelle herangezogen werden, um die Funktion der Sprache in Beziehung mit Gemeinschaft, Wahrheit, Fortschritt und Wissenschaft zu sehen:


Risto-Suche

Es gibt zwei SpielerInnen (A und B), einen Stempel und ein großes Zimmer mit vielen Gegenständen. A geht aus dem Raum, B stempeln zehn Gegenstände versteckt ab. Wenn A zurückkommt muss er innerhalb von 2 Minuten die „Ristos“ finden. Die Ristos werden aufgrund von Wahrnehmung identifiziert (Stempel = Identität der Ristos). Das Risto-Spiel hat eine festgelegte Extension, also eine bestimmte, stabile Menge, daher ist leicht von Fortschritt zu sprechen. Ein klar umrissenes Ziel ist vorgegeben.


Seppo-Suche

Es gibt drei SpielerInnen (A, B und C). A verlässt den Raum, während B und C sich drei Gegenstände aussuchen, die einander in irgendeiner Weise ähnlich sind. Diese drei „Seppos“ werden A gezeigt, sobald er zurück ist. Nun muss A weitere Gegenstände für diese Reihe vorschlagen und argumentieren, warum dies ein Seppo ist. Dann wird immer von allen drei SpielerInnen abgestimmt. Wenn ein neues Seppo hinzukommt, fällt das älteste weg. Gewinner wäre die Person, die in ihrer Spielrunde die anderen am besten von neuen Seppos überzeugt. Zusätzlich zur Wahrnehmung (Ähnlichkeitsbeziehung) wird ein Seppo durch Verhandlung und Abstimmung mit den anderen identifiziert. Es gibt keine unwandelbare Extension, da sich die Seppos ständig ablösen. Dadurch kann man auch nicht von Fortschritt im herkömmlichen Sinn sprechen. Für die Identifikation wird der soziale Akt des Verhandelns zentral.


Die Risto-Suche bildet die Beziehung von Sprache und Gemeinschaft/Wahrheit/Fortschritt so ab, wie es sich die meisten Philosophen vorstellen.

Für das Seppo-Modell könnten folgende Punkte sprechen:

  • Die Idee „der Wahrheit“ macht keinen Sinn.
  • Verhandlung ist so wichtig wie Wahrnehmung.
  • Die soziale Dimension ist der Wissenschaft wesentlich.


ad „Die Idee der Wahrheit macht keinen Sinn“

Hier stellt sich natürlich die sofort die Frage, was ist DIE Wahrheit und wer bestimmt sie. Wenn sie so definiert werden kann, dann wäre es eine Risto-Suche, sie zu finden.

Aber wie können wir die Wahrheit als Seppo-Suche definieren? Wie soll man vorgehen? Sollen wir Umfragen gestalten oder Philosophen zitieren? Laut Martin Kuschs Überlegungen zum Seppo-Modell müssten wir unseren Begriff von Wahrheit ständig neu diskutieren und bestimmen. Somit machen wir uns unsere Wahrheit selbst. Auf die Naturwisschenschaften umgelegt würde das bedeuten, die Modelle unserer Welt beruhen auf unseren Vorstellungen davon. (Vgl. den Beitrag von Benutzer:Samohtdersaibot)

Der Objektivitätscharakter der Wahrheit würde sich auch nicht mehr halten können. Aber wenn wir nur mehr von subjektiver Wahrheit sprechen, brauchen wir dann überhaupt noch ein Wahrheitskonzept? Wenn ich etwas für die Wahrheit halte, gehe ich davon aus, dass es so etwas wie „die Wahrheit“ gibt. Eine andere Möglichkeit wäre es Wahrheit als Eigenschaft von etwas anzusehen. (Vgl. Diskussion:Philosophie und (Sozial-) Wissenschaft)

Zur Seppo-Suche stellt sich außerdem die Frage, warum überhaupt weitergesucht wird. Es gibt keine augenscheinliche Motivation, wie z.B. möglichst viele Dinge zu finden, die einen Stempel besitzen. Das heißt im Endeffekt: Es wird nie ein Ende der Suche nach der Wahrheit geben.


B Praher 13:53, 2. Feb. 2010 (UTC)