Neue Vergangenheit

Aus Philo Wiki
Version vom 18. Januar 2016, 23:50 Uhr von Andyk (Diskussion | Beiträge) ("Die Vergangenheit ist nicht so formbar, wie wir zunächst meinten und wie wir gelegentlich immer noch möchten. Sie leistet Widerstand.")
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Neue Vergangenheit?

In der letzten Vorlesung (07.01.2016) (ca. ab 01:00:00) wurden Prozesse der Veränderung von Datenbanken im Kontext von Wikis diskutiert. Ich möchte das kurz auseinandersetzen:

Das Wiki verfolgt systematisch eine Strategie der Historisierung jedes Beitrags, der den Datenbanken zusätzlich draufgesetzt ist. Die Thematik wird unter dem Fachbegriff "temporale Datenhaltung" verhandelt. Das Feature der Versionierung in Wikis ist keine Selbstverständlichkeit von Datenbanken.

Ein paar strukturelle Überlegungen dazu - innerhalb von Wikis:

  • X schreibt Beiträge im Wiki und erweitert dadurch den Bestand der Historie.
  • Wie passiert das?
    • Die Historie ist die Gesamtheit der Unterschiede zwischen den Versionen aller Beiträge.
    • Was heißt das konkret?
      • Beitrag a wurde n mal verändert.
      • Wir schreiben a1 für die erste Version des Beitrags. a1(X) heißt: X hat die erste Version von Beitrag a erstellt.
a1(X)
a2(Y)
...
an(Z)

Die Historie von a besteht aus allen Version von a, doch ein Kontinuum wird sie durch die Kenntnis der Unterschiede zwischen den Versionen, also zwischen a1 und a2, und a2 zu a3 usw.... bis zu an.

  • Jeder Beitrag einer Benutzerin verändert die Historie auf eine sehr spezifische Weise: Nämlich, indem eine neue Version eines Beitrags hinzugefügt wird und die Änderungen zur Vorversion für alle Benutzerinnen des Wikis ersichtlich sind.
  • Die aktuellste Version wird markiert und prominent dargestellt: an(Z)*
  • Angenommen, Beitrag a hat 9 Versionen, zuletzt geändert von Z. Wir schreiben: a9(Z)*.
  • X bearbeitet die 9te Version und schickt sie zurück an den Wiki-Server.
  • Die dreifache Aufhebung besteht in Folgendem:
    • Die Aktualität von a9 wird aufgehoben, d.h. sie ist nicht mehr die aktuellste Version; der Stern wandert zu a10: a10(X)*.
    • Die Relevanz von a9 wird (hin)aufgehoben, d.h. mitgenommen in die neue Version. a10 enthält noch immer Teile von a9, oder zumindest eine Referenz auf die Existenz der vergangenen Version a9, die X als Grundlage genommen hat, auch wenn X am Ende allen Inhalt der in a9 vorhanden war, gelöscht hat. Die Iteration hinterlässt eine rekonstruierbare Spur.
    • Der Bestand von a9 wird aufgehoben, d.h. weiterhin in der Historie gespeichert.

Nun kann man die Einheit Wiki-Software <-> Datenbank als Systemadministratorin oder Wiki-Administratorin auseinandernehmen, weil man die Macht, d.h. die nötigen Berechtigungen von Fähigkeiten dazu hat. Dieser Eingriff, der nicht nur böswillig sondern, wie in der Vorlesung verdeutlicht, sogar auf Wunsch von Benutzerinnen passieren kann, macht die systematische Historisierung und die dreifache Aufhebung kaputt - aus der Perspektive des Wikis. Diese extra Macht der Systemadministratorinnen führt neue Möglichkeiten der Geschichtsschreibung ein, die quer zu denen von Wikis als Web-Applikation und quer zum Prinzip des sukzessiven Fortschritts liegen:

  • Durch die Ersetzung aller X durch Z in jeder Version, wird die Historie verändert, jedoch in einem anderen Sinne als dies innerhalb der normalen Benutzerabläufe möglich ist. Man hängt nicht einfach eine zusätzliche Version dran, sondern verändert bestehende Versionen.
  • Eine Datenbankadministratorin kann mit ausreichend Kleinarbeit sogar alle Versionen von X löschen, z.B. könnte man a1(X) löschen; danach würde die erste Version a2(Y) sein.

Es gibt also die Möglichkeit, Versionen "spurlos" zu entfernen, da die darunterliegende Datenbank die temporäre Datenhaltung nicht automatisch eingebaut hat, sondern in der Applikationslogik drauf gesetzt ist. Nunja, es gibt wohl kein perfektes "Verbrechen", aber man kann die Spuren stark verwischen.

Weiterführendes / Vertiefendes:

Dass man vieles tun kann, um die Vergangenheit zu erneuern, ist damit klar geworden. Die Frage die sich hier stellt ist, braucht es das? Wie rechtfertigt eine Systemadministratorin diese Eingriffe? Und gegenüber wen? Es gibt einen Spielraum zwischen dem, was in einem System abgesichert ist, und dem, was Personen trotzdem tun können (z.B. Logs, die in einem Langzeitarchiv gespeichert werden, zu löschen, weil unabsichtlich Passwörter der User mitgelogged wurden). So beginnen Kriminalfälle, Kriseninterventionen und Paradigmenwechsel.

Wenn etwas "plötzlich weg" oder anders ist, z.B. eine der Versionen, was passiert mit dem Kontinuum der Historie? Wenn es tatsächlich durch die Beobachtung der Unterschiede entsteht, und es nichts anderes als Versionen gibt, dann wäre die veränderte Vergangenheit nicht wahrnehmbar als verändert. In so einer Welt gibt es keine alternativen Entwicklungsverläufe, sondern einen sukzessiven, linearen Verlauf der Geschichte, selbst wenn die Herstellung dieses linearen Verlaufs durch (machtvolle) Eingriffe entstanden ist. Doch dieser Eindruck "plötzlich weg", wenn wir ihn haben, z.B. auf Basis unseres Gedächtnisses oder anderer Quellen, kann uns veranlassen, auf Spurensuche zu gehen. Man findet Widersprüche und der Eindruck eines glatten Verlaufs vergeht.

"Die Tradition, sagen wir. Aber was wir so nennen, ist gestern oder vorgestern durchaus nicht unter demselben Namen gefasst worden. Die Vergangenheit, zu der wir heute Stellung beziehen müssen, ist zerspalten in tausend verschiedene "Vergangenheiten" [...] Und in der "überkommenen" Lehre verraten jedes mal einige Fehlstellen oder zumindest Verwindungen einen (oft unbewussten) Bruch und eine unterirdische Bewegung, eine Erneuerung der Tradition." - Michel de Certeau: GlaubensSchwachheit. Stuttgart 2009. I. Eine Tradition lesen 3. Der Mythos von den Ursprüngen.. S.69

--Andyk (Diskussion) 00:50, 19. Jan. 2016 (CET)