MSE/Vo 09

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Einleitung

Ich setze fort bei den Überlegungen über lebendigen Text für die ich letztes Mal auch Beispiele der FTP und SMTP Protocol-Transfers gebracht habe und sage auch etwas über das HTTP Protocol, dass im speziellen Sinn ein universalverbindlicher „lebendiger“ Text geworden ist. Ich gehe dann, um das auch an einer Computeranwendung zu illustrieren, auf Interactive Fiction, also Adventure Games im klassischen Sinn ein. Mittlerweile eine Nische der Unterhaltungsindustrie für Geeks; es handelt sich darum, in Textwelten durch die Eingabe von Text interaktiv ein Spiel zu spielen(ich habe am Kongress für Philosophie etwas darüber gesagt). Ich möchte das als Augenscheinlichkeit der Direktverwendung, der lebendigen Verwendung von Text als Referenz kurz vorführen.

Wir gehen dann über, auf Dinge die nichts mehr mit Computer zu tun haben, sondern die sich mit zwei Beispielen aus der rezenten französischen Philosophie beschäftigen, welche an zwei hervorragenden Stellen auf das Problem der Stimme zu sprechen gekommen ist. Ich nenne die beiden Namen um die es da geht: Jacques Derrida und Roland Barthes. Diese haben interessanterweise beide nicht so weit zeitlich unterschieden etwas über Stimme gesagt, was ausgesprochen in entgegen gesetzte Richtungen geht. Ich werde dann am Ende noch mal auf die Computersachen zurückkommen wenn noch Zeit ist.

Hypertext Transfer Protocol

Sie erinnern sich, dass in der Diskussion beim letzten Mal und auch beim Kongress über Philosophie (nach dem Referat, dass ich da gehalten habe), die Frage entstanden ist, wie denn die letztens gezeigten textgenerierten Interaktionsformen im Zusammenhang stehen mit der noch weiter unterliegenden Ebene, mit der digitalen Transmission. Die digitale Transmission die darin besteht, dass wir über das Internet Datenpakete verschicken, die als Datenpakete von der Materialität her eine Folge von Nullen und Einsern sind (also digital codiert), und die auf diese Materialität etwas "darauf gesetzt" haben, was man als Informationszettel verwenden oder bezeichnen kann. Man kann das so betrachten: wenn man ein Marmeladeglas verschickt ist das Marmeladeglas nicht textuell aber die Paketaufschrift die man notwendigerweise braucht damit es an die entsprechende Stelle kommt, ist Text. Das wäre eine Form von Funktionieren von Text, ein Adressierungssystem, ein im Postsystem gebrauchter Text, das Marmeladeglas ist selbst kein textuelles Event (Ein Adressierungssystem, dass über Adressierungsmechanismen funktoniert).

Das verschwimmt beim Reden darüber ein bisschen, dass Datenpakete mit Informationen ausgestattet und beschriftet sind, weil man eine Betrachtungsweise wählen kann in der ,wenn ich es jetzt am Bild sage, das Marmeladeglas tatsächlich selber auch ein Text ist. Es kommen keine Marmeladengläser über das Internet, aber alles was übers Internet kommt ist in einer elementaren Art und Weise vertextualisiert, wenn man mit Textualität die Digitalisierung meint in diese einfachen Buchstabenkonstruktionen (in die Bits und Bytes), die sich letztlich zu einem Alphabet zusammensetzen, welches Sie dann verwenden können (um es jetzt nicht mit einem Marmeladeglas sondern zB mit einen Streaming-Prozess zu sehen), um das in einer numerisch aufgeteilten Informationskette wieder zurückzutransferieren. Aus dieser numerischen Kommunikation in eine Visuelle oder auch Auditive natürlich.

D.h. Sie haben an der Stelle, dass die schöne Unterscheidung, die wir von Walter Ong her mitgenommen haben in die Sphäre des Auditiven und des Visuellen, dass die Beschreibung der unterschiedlichen Modalitäten von Audio und Video (wie ich das letzte Mal in VO8 gesagt habe: Dukovany, Stichwort: vom Winde verweht) auf dieser untersten Ebene mittlerweile aufgehoben werden, in eine Form von Schrift der elementarsten Art und Weise: der 0/1er Schrift. Friedrich Kittler ein deutscher Medientheoretiker machte das deutlich. „Grammophon, Film, Typewriter“ ist ein Buch das beginnt geradezu programmatisch in etwa mit: „Wir werden alle an den Datenkanälen hängen“. Also alles wird an dieser Stelle Daten sein und eine Form von Schriftlichkeit hat sich in der digitalisierten Netzkommunikation durchgesetzt als ein Standard für alles andere. Zweitens aber ist es so: Das HTTP Protokoll ist u.a. deshalb informell ausgedrückt so ein Knüller gewesen, weil es ein komprehensives Textprotokoll zum Einschluss von Informationen und Kommandos ist; der Einfluss der von vorn herein multimedial angelegt war. Im Unterschied zu den simplen Formen FTP und SMTP, da „sprechen“ zwei Kommunikationsstellen miteinander auf der Basis von eingetippten Kommandos; nicht vorgesehen ist dass ein Ton, Bild oder Movieclip übertragen wird. Das HTTP Protokoll hat es von Anfang an erlaubt Bilder mit einzuschließen und das so, dass der Standard der Datenübertragung für Bilder (die auch digital sind aber nicht im engeren Sinn textuell sondern digitale JPEG, digitale GIF Formate) mit hineingenommen ist in die Übertragungs- und Befehlsmöglichkeiten des Hypertext Protocols selbst, sodass diese Suggestion, dass das HTTP Protocol in Wirklichkeit das Internet ist, was man immer wieder mal als erste Annäherung als Fehler merkt (FTP und SMPT sind sehr anders organisierte Protokolle als das HTTP), aber der Anschein, dass das so komprehensiv ist entsteht dadurch, dass HTTP es gestattet diese einzubinden; diese textbasierten und andere Protokolle in den Text der HTTP Seiten einzubinden.

Eine Welt aus Text

Was ich noch jetzt noch mehr ausführen möchte, ist etwas was einen spezifischer Charakter in der Internetkommunikation hat, der mehr zu tun hat mit Telefonaten, mit einer auch immer wieder unsicheren Kontaktaufnahme zu Außenstellen, zu fremden Stellen die man anruft. Bei Skype ist es noch immer so; ein schönes Beispiel das auch andere Protokollarten die eben auch etwas mit audiovisueller Übertragung zu tun haben, in Echtzeit integriert werden in die Internetübertragungsmodalität.

Was man darin sieht das wir diese „get“ und „mail from“ und „recipient to“ Befehle haben, die abhängig sind von wirklich existierenden Reaktionen und Konfigurationen auf der anderen Seite, die an der Stelle weltweite Kommunikation möglich machen nach dem Muster des Telefonkommunikationsaustausches. Ich will Ihnen jetzt ein Beispiel bringen wo es einen kommunikativen Austausch nicht zwischen zwei oder mehreren Partnerstationen gibt, sondern wo es einen Austausch gibt zwischen der einen Person die eintritt in einen digitalen Zusammenhang und in eine digital für diese Person eigens aufgebauten, konstruierten Welt, die etwas anderes ist als die Welt des Servers auf der ich meine eMail absetze. Eine Welt die selbst gemacht ist aus Text. Da ist keine Maschine dahinter die bestimmte User hat, die bestimmte Abläufe hat, die über die Datenleitung ansprechbar ist sondern eine andere Form von Umgang mit Text. Sie haben eine Datenbank und diese Datenbank ist programmiert. Datenbanken sind auch textuelle Phänomene die eine Form und Operativität haben die über das was bisher Text gemacht hat entscheidend hinaus gehen und in der Kombination zwischen neuartigen Konfigurationsmöglichkeiten von Text (also die Archivfunktion die man schon immer gehabt hat), auch mit Text auf eine vollständig neue Art und Weise digital erfunden und zugänglich gemacht durch Abfragen. Eine Sache die ich hier nicht im Einzelnen ausführe; ich habe die Vorlesung Bildung und Datenbank gemacht wo ein bisschen davon die Rede war.

Hier haben wir ein Beispiel von einer Art von Datenbank die aufgebaut wird. In dieser Datenbank gibt es die Informationen über eine Welt die jetzt nicht die Welt der Flugbuchungen oder die Welt der Filme die gerade in Wien laufen ist, über die Sie sich erkundigen können, sondern die eine Erzählwelt ist. Eine erzählende Welt (so etwas wie ein Roman) orientiert sich nicht an der Servicefunktion von etwas wo Sie nachfragen können, sondern orientiert sich an einer Besonderheit die Texte klassisch gehabt haben, insofern als sie nicht einfach nur Verzeichnisse gewesen sind. Es gibt eine Form von Texten als Mitgliederlisten, als Preislisten, eine traditionelle Form von Texten mit denen produktiv umzugehen war und es gibt Texte (und das will ich Ihnen noch einmal extra zeigen um Ihnen die Belebung von Texten durch Digitalität greifbar zu machen), die bestehen darin, dass Sie Maria Ebner Eschenbach, Krambambuli lesen oder James Joyce Ulysses, wo ich Ihnen nicht erzählen muss was für Erfahrungen man damit hat, wie es so umgeht mit Kurzgeschichten oder Romanen.

Wovon ich jetzt reden werde sind Kurzgeschichten oder Romane, die sich nicht so ansehen dass man einen Text in einem Buch aufschlägt, nach und nach liest und auch nicht so wie Sie es bei "Scribd" oder mehr oder weniger in jedem PDF File haben, oder Issuu.com oder Scribd.com, das sind zwei Webseiten in denen (besonders bei "Issuu") das schön zu sehen ist, da hat man PDF abgefüllte Dokumente und diese sind Nachbildungen von Büchern – man kennt das, dass PDF auf eine eigentümliche Art und Weise ein Erfolg oder eine Implementierung der Druckkultur in der Digitalkultur sind, insofern Sie mit PDF ganz präzise und gezielt nicht die Möglichkeiten haben die Sie mit HTML haben, nämlich eine mobile Datenkommunikation die mit dem Text so umgeht, dass der Text einfach als Kommunikation zur Verfügung steht (egal in welcher Form). PDF hat die Besonderheit, dass die alte Form die es gibt aus der festgelegten Druckerseite (also diese Form des toten Textes, die dadurch entsteht dass es einmal durch die Maschine gelaufen ist und die Maschine hat eine Seite produziert und an dieser Seite kann man nichts mehr ändern). Auf der einen Seite ist das ein Zeichen der Erstarrung, durchaus wünschenswert für bestimmte Zwecke, zB um beabsichtigt keine Textänderungen mehr zu ermöglichen, keine Absätze zu machen wo sie nicht hingehören (dann stellt man es nicht als HTML sondern als PDF), weil PDF von der Idee her ein Grafikformat ist das eine Darstellung einer festgelegten Seite, festgelegte Größe hat indem Sie zunächst im ersten Durchgang nur die RezipientIn sind, die eventuell vergrößern/verkleinern aber nicht im Text "herumfummeln" kann, wie es sehr leicht auf einer HTML-Seite möglich ist. In den neuen Gegebenheiten ist das nur ein Zwischenstadium – die Schönheit der weiteren Entwicklung: PDF Files können leicht in einen normalen Text ausgelesen werden und es kann dann mit dem Text erst recht wieder alles gemacht werden.

Noch einmal zurück zur Buchdarstellung bei Issuu oder Amazon: mit einem kleinen Flash-App können die Buchseiten digital simuliert umgeblättert werden, indem Sie darauf klicken. Ein schönes Beispiel für das Miteinander von Medien, ein Medium wird im anderen wiedergefunden, das vermittelt dem Benutzer ein Wohlgefühl.

Interactive Textadventure

Das habe ich jetzt alles erzählt um darauf hinzuweisen, dass interaktive Textadventure nicht von dieser Art sind – also kein alter Wein in neue Schläuche – sondern eine neue Erfahrungsform mit Text die anders funktioniert. Ich habe hier eine Grafik reingestellt, diese hat ganz allgemein mit Interaktivität in Spielzusammenhängen zu tun. Ich übergehe das jetzt, um zur Sache direkt zu kommen, stehe aber für Fragen dazu zur Verfügung.

Die ersten Schritte

Ich zeige als erstes womit ein interaktives Textadventure beginnt...

Wir haben vor 2 Jahren ein Projektseminar gemacht, im Rahmen von Philosophie, zur Erstellung eines interaktiven Textadventures auf das ich noch näher eingehen werde. Was wir dazu verwendet haben, ist ein Game Engine (Programm das Leuten ohne Programmierkenntnisse zumindest das Verstehen sehr bequem gestattet, was vorgeht beim Programmieren eines Spiels). Das Spielsystem heißt "Inform" (mittlerweile in der Version7).

Hier haben wir die Entwicklungsumgebung im informatischen Zusammenhang. Eine Entwicklungsumgebung die sich dadurch auszeichnet, dass Sie auf der einen Seite Quelltext produzieren und Quelltext ist (darum zeige ich die Sachen auch damit Sie sehen wie so etwas aussieht) die Folge von Kommandos die Sie sich zurechtlegen um eine geordnete Folge von Abläufen in einem Programm zu erzeugen und zu steuern und zwar so, dass der Quelltext in seiner Logik zunächst ausgetüftelt und kompiliert wird, d.h. in ein digitales Objekt hinein komprimiert wird welches auf eine Art und Weise funktioniert, dass die Maschine für diese Sie das kompilieren „die Absichten der ProgrammiererIn versteht“ und das auch so ausführt.

Ein Blick Gottes: Der Quelltext

Um das nicht so völlig abgehoben zu betrachten zeige ich hier den Quelltext, ein entmythologisierter Quelltext, speziell in dieser Inform-Umgebung die darauf hin abgestellt ist, dass Sie natürliche Sprachbefehle verwenden können als Basis für die Kompilierung; das Buch heißt Republic, ich komme darauf gleich noch zu sprechen.

Sie haben hier Befehle; um es an einem kleinen Beispiel zu illustrieren: „understand“, „talk to as“, „saying hallo“. Es gibt in dieser Entwicklungsumgebung Inform schon vorgeformt bestimmte Routinen die dafür entwickelt sind, das Bedürfnisse von SpielerInnen entsprechend automatisch behandelt und aufgefangen werden. Beim Spielen sind Sie im Prinzip mit einer Kommandozeile konfrontiert, wie mit dem FTP Client. Und so wie der FTP Client etwas von Ihnen erwartet (die Art der Kommandos), auf welche er reagiert, müssen Sie wissen. So ähnlich funktioniert das auch auf der Kommandozeile des Spieles. Sie haben einen wartenden blinkenden Cursor und müssen damit Kontakt mit der anderen Seite aufnehmen – einer Datenbank die auf bestimmte Dinge reagiert. Der kleine Unterschied zwischen der zweckorientierten FTP Verbindung und dem was in einem interaktiven Adventure passiert, ist dass auf der anderen Seite eine Textwelt steht die darauf wartet entfaltet zu werden. Sie wissen nicht was das ist was da entfaltet werden will, Sie müssen es ausprobieren, Sie müssen explorieren, Sie müssen durch klug gewählte Inputs die andere Seite dazu bringen Ihnen etwas mitzuteilen von dem was da drinnen steckt in diesem Textadventure.

Wichtig an der Stelle ist Hallo zu sagen; das kommt aus der Tradition der Internetprotokolle. Signifikanterweise ist es so (zu dem Switch zwischen Sagen und Schreiben ist es so), dass traditionellerweise wenn Sie ein erstes Programm in einer neuen Programmiersprache versuchen zu schreiben, sich damit vertraut macht welche Befehle es da gibt; das ist in etwa wie eine Feuertaufe. Sie programmieren das Programm traditionellerweise so, dass das Programm die Zeile "Hello World" ausgibt; ein rührender Geburtsakt. Doppelte Geschichte: einerseits ist dieses "Hello World" ein Indikator das da von „Hallo“ die Rede ist, eine Sache wo gesprochen wird, wenn auch mit schriftlichen Zeichen und andererseits ein Geburtsakt, die programmierte Welt schlägt die Augen auf.

"Hello World" setzen Sie bitte in Beziehung mit dem Kommando im SMTP Protokoll. Da sagt der Computer wenn Sie sich angemeldet haben "hello" und nennt den Namen mit dem Sie sich angemeldet haben. Ein tatsächlich über die Drähte gehendes Hello-Signal und „saying hello“ ist auch eine Routine die in der Spielumgebung vorgesehen ist und ein erstes Kommando; und die ganze Zeile die Sie hier sehen ist eine Art eines Source Code Commandos und bewirkt bei Eingabe der Buchstabenfolge „talk to“ die Reaktion des gesamten Systems als ob man Hallo gesagt hätte. Und das „understand“ ist auch ein (verdecktes) Kommando das der Spielumgebung sagt, dass die Eingabe so und so im Spiel umgeleitet werden soll auf das "hello". Und hier haben Sie dasselbe: „understand beam“, „beam“, „beam me“, „ beam me up“, „ as beaming“. Und beaming ist hier verstanden. Hier sind es die Eingaben beam beam und so weiter und beaming ist ebenfalls eine Routine des Programms die dazu führt dass Sie (daher der Name) von einem Ort "rapido" versetzt werden an irgendeinen anderen Ort. Und hier haben sie noch mehr … "Report beaming" heißt wenn die beaming Routine aufgerufen wird mithilfe der Eingabe von beam, dann gibt es eine Reaktion des Systems. Das System gibt etwas aus auf der Kommandozeile, den Report, der sieht so aus: „you can beam to the following scenes: sun, city tables one armed warm music elitest communism or final“. Das ist jetzt noch nicht das Spiel, das sind sozusagen Metaüberlegungen, aber man kann es mit dem Spiel dann genauso machen. D.h. was Sie hier sehen ist in der Kommandofolge vorgesehen die Vorsicht und die Programmierung davon dass wenn Sie in das Kommandozeilenvoid „beam“ eingeben, dann gibt er eine Information, dass Sie sich an diese und diese Stelle beamen können, das sind die Szenen, das werden wir gleich sehen, Sie kommen dann direkt dort hin.

Ich will nicht in Details gehen. Das ganze Spiel jedenfalls ist aufgebaut auf diese Art von im Prinzip verständlichen Befehlen und was ich tue wenn ich es kompiliere heißt an dieser Stelle (ich kompiliere das jetzt), er nimmt das alles als Befehle, übersetzt das und zeigt mir das Spiel.

Das Spiel

Hier ist das Spiel, das ich hier gerade kompiliert habe, ich zeige es innerhalb der Entwicklungsumgebung, zeige das Spiel wie es gespielt wird, für jemanden der auf der Verbraucherebene an die Sache rangeht. Sie haben hier ein Szenario, dieses Szenario beschreibt eine Welt, Sie werden eingeladen in eine Welt einzutreten. Wir haben uns im Prinzip hier die Welt des Praters gemacht. Es gibt sozusagen einen „the registrationservice of your university broke down“ und du gehst in den Prater, das ist der Trailer sozusagen der einem in das Spiel reinbringt; „press any key to continue“. Und hier gibt’s jetzt die klassischen Geschichten, angeboten wird „Help“ falls sie sich noch gar nicht auskennen und hier ist die erste Szene: „danubiapark entrance, this is the spot were it all begins, you can search for adventure in all directions or return to the real world, you can go outside to the real world or east to snowwhites scary adventure“. Die Art und Weise wie diese Sachen funktionieren ist, dass Sie mit Hilfe des Alltagsverstandes und der geografischen Normalreaktionen navigieren durch diese Welt. Sie genießen Sie und erfinden eine weitere Beschreibung. Sie können die Geografie erforschen eines solchen Spieles und Sie können wie soeben gezeigt so was reintippen wie beam und das System sagt you can beam to the following scenes – wie gerade gesehen – dann geben wir ein beam tables; und dazu sollte ich jetzt vielleicht sagen, die Idee des ganzen Spiels war etwas mit Platons Politeia zu machen; wurde dann eine Geisterbahn im Prater mit verschiedenen Stationen die sich jeweils so aufbauen das bestimmte Szenen aus der Politeia nachgespielt, modifiziert, variiert werden mit Fragestellungen die wir aus der Politeia kennen. Das beamen hat den Effekt dass Sie sich ersparen sich durch die ganze Textwelt hinarbeiten zu müssen; man geht punktgenau zu der jeweiligen Szene und wenn man beamtables macht, dann ist man quasi in der Geisterbahn drinnen: „you believe to hear some softsound apart from the rumbling of your waggon“, das ist die Geisterbahn. „Press any key to continue and didn´t you see something move, a faint glimmer of light in the corner xxx“. Hier kann ich zB so etwas machen wie „talk to shoemaker xxx“. So funktioniert es, vielleicht haben Sie in den Ferien Zeit sich das anzuschauen.

Der Charme dieser interaktiven Textadventures besteht darin, dass Sie auf der einen Seite in einer Verliererposition sind, Sie müssen versuchen dem System irgendwelche Informationen zu entlocken ohne genau zu wissen wie Sie da daran kommen. Sie sind in der schwächeren Position und müssen ein bisschen im Dunkeln tappen. Das Spiel andererseits muss versuchen Sie bei Laune zu halten und muss an den Stellen wo was versucht wird aber nicht im Spiel vorgesehen ist, immer auch Antworten haben die Sie zumindest zum Lachen bringen um die Enttäuschung zu kompensieren durch einen Unterhaltungseffekt. Das bringt eine Ebene von Ironie und Mehrdeutigkeit und Selbstreferenz in die Textabläufe die an der Stelle außergewöhnlich sind.

Das Spiel kann online gespielt werden; hier ist die Homepage des Projektes. Es gibt drei Studierende: Andreas Kirchner, Hannes Alkin, Tobias Haider, die in dem Projekt dabei waren und eine Symposiumspräsentation darüber gemacht haben und das ist auch erreichbar online in Brno in der Cyberspacekonferenz und wenn Sie wollen rede ich gerne im wiki darüber weiter.

Ich möchte einen Punkt herausheben wegen des Anspruches mit diesen Textmodalitäten in der Philosophie etwas zu probieren; ich will da einen kleinen Hinblick auf die Tischeszene geben, ein Punkt wo philosophische Programmieraktivität, Hermeneutik, Platonverständnis und die neue Form mit Texten umzugehen nach meiner Auffassung in einer interessanten Art und Weise zusammengefasst werden.

Die Tischproblematik

Wenn man den Staat von Platon liest, findet man eine ganze Reihe von eigentümlichen Regelungen, Szenen und eine der Szenen die uns ins Auge gestochen ist und die von Jacques Rancière in einem Buch (auf Deutsch gerade erst übersetzt: der Philosoph und seine Armen), der auf folgende Besonderheit am Anfang des zweiten Buches der Politeia hinweist. Auf eine Story wo Sokrates sagt, du möchtest wissen was Gerechtigkeit ist? Um Herauszufinden was Gerechtigkeit ist konstruieren wir uns jetzt eine Stadt und zwar von der Basis ausgehend, von den einfachsten (an der Stelle) Bürgern der Stadt und sehen uns an wie aus der Zusammenfassung von einzelnen Personen eine Community, also eine Protostadt wird, eine Art von SimCity-Experiment. Und die Vorstellung von Sokrates besteht darin, dass wenn man rekonstruiert hat auf welche Art und Weise ein Gemeinwesen realisiert und umgesetzt wird, wird man dabei auch mit den Prinzipien vertraut werden, die die Gerechtigkeit innerhalb dieses Gemeinwesens bestimmen. Das Ziel ist eine Bestimmung von Gerechtigkeit und der Weg ist, da Gerechtigkeit etwas ist was auf wesentliche Weise in einem Gemeinwesen realisiert wird, die Rekonstruktion der Genese des Gemeinwesens. Und dann sagt Sokrates, na gut, dann gibt es ein paar Handwerker; diese Handwerke interagieren, die tauschen sich aus. Also Handwerker und Bauern. Die einen sind für die Verpflegung verantwortlich, die anderen sind für die Bekleidung verantwortlich, die Dritten für Geräte, zB Tischler, Schlosser usw. Und diese werden zusammenarbeiten um sich ihre Produkte zur Verfügung zu stellen, damit gibt es einen Tausch, damit gibt es eine Verstärkung der Abhängigkeit der Leute voneinander und sie organisieren sich zu einer Community, zu einer Basiskommune.

An dieser Stelle gibt’s einen bemerkenswerten Dreh von Platon, er sagt: und wenn die dann zusammenkommen, am Abend sich setzen nach getanem Werk, dann sitzen sie auf dem Boden/auf Steinen und schlürfen ihren Brei oder so was Ähnliches. Und dann wirft der Glaukon ein und sagt: das ist ein bisschen unpraktisch, wollen wir denen nicht ein bisschen ein besseres, luxuriöseres Leben zugestehen; Tische sollten sie zumindest haben damit nicht alles auf dem Boden herumsteht. Der erste Schritt zu einer bequemeren Form das Leben zu führen ist das man Tische und Sessel hat und vielleicht sogar Besteck und diese Tische sind etwas was wir uns leisten wollen um eine solche Stadt in Bewegung zu bringen; das Notwendigste haben wir zwar auch ohne Tische, wenn die Wohnung noch nicht eingerichtet ist, isst man halt vom Fußboden wenn es sein muss. Das ist aber kein Dauerzustand. Die Tische sind es. Und dann sagt der Sokrates darauf: Naja, ich sehe schon ein, du willst mehr Luxus, aber ich mache dich aufmerksam darauf, in dem Moment in dem es mehr Luxus gibt, gibt es auch Neid. Gibt es Überfluss, gibt es etwas was du jemanden wegnehmen kannst und gibt es etwas worauf du aufpassen musst. Die Einführung der Tische ist die Einführung der Polizei um es sehr abgekürzt zu sagen. In dem Moment in dem du eine Polizei in dem Staat eingeführt hast, in dem Moment stellt sich auch die Frage nach der Gerechtigkeit weil es Prinzipien geben muss. Wächter heißen die in der Diktion der platonischen Vorstellung. Diese Wächter sollen nach einer Regel operieren, d.h. du hast dann Gerechtigkeit.

Ich gehe darauf nicht weiter ein und sage nur das eine, dass wir sozusagen geprompted worden sind von so einem Hinweis wie von Rancière. Rancière liest Platon, weist darauf hin, da gibt’s eine Szene die der Platon beschreibt: Sokrates diskutiert über Tische und noch etwas anderes; Frequencies, Düfte, Kurtisanen usw - das ist die ungesunde Stadt übrigens, die gesunde Stadt ist die wo es wirklich mehr um die "pure essentials" geht; gleichzeitig sagen die anderen aber, das ist die Stadt der Schweine weil diese auch vom Boden essen.

Also hier hat man eine Form der Textualität, die bei Platon eine Story enthält, die bei Rancière sich auf diese Story von Platon bezieht und ein akademisches Buch/Artikel über diesen Text produziert, wir lesen diesen Text im Zusammenhang des Projektes und könnten uns unsere eigenen Gedanken machen. Ich erzähle jetzt etwas darüber, könnte aber auch etwas darüber schreiben. Und was wir gemacht haben mit diesem Ding, ist die Tischeszene im Interactiv Textadventure.

Das ist der Grund dieser ganzen Einleitung jetzt. Wir haben uns darüber Gedanken gemacht, wie man eine Szene in einer Welt wo es keine Tische gibt, realisieren kann in einem solchen give and take der SpielerIn mit der Datenbank als ob man hineingehen würde in die Welt ohne Tische und dort herausfindet unter welchen Umständen man da ist, also eine neue Dimension die man bei Platon nicht haben kann. Der Platon erzählt das halt ganz einfach, er hat entsprechende Textpassagen die ich hier zur Verfügung gestellt habe zum Lesen, Sie können das überblicken. Wenn Sie dieses Spiel spielen ist die Idee, dass Sie herausfinden wie eine solche Welt aussieht und sich die Frage stellen, wieso ist das so. Absicht des Spieles ist die Konfrontation mit der Tischproblematik und was da läuft und Sie fragen sich was soll das und die Frage was soll das ist ein Effekt des Spieles der ein bisschen mehr unter die Haut geht; das ist die Chance an der Stelle des lebendigen Textes, weil Sie nicht konfrontiert werden mit einem solchen Textbericht sondern weil Sie sich die Erfahrung, dass das so ist mit den Tischen in einer simulierten Welt in der es keine Tische gibt, selber erst herausfinden müssen. Und das es damit zum Rätsel wird, dass Sie auf einer anderen Ebene trifft und die Sache die mit Lebendigkeit des Textes zu tun hat auf die ich schon ständig hintendiere, ist die das es diese Erfahrung des Umgehens mit der simulierten Ohnetischewelt nur im Augenblick gibt. Diese gibt es nur Live. Das ist die schöne Unterscheidung: wenn Sie vergessen haben wie man von da nach dort kommt und wie Sie das Rätsel auflösen das wir Ihnen gelegt haben, können Sie in den Quelltext schauen und lesen nach wie man dort hin kommt. Aber wenn man den Quelltext liest verliert man den ganzen Spaß. Der Quelltext ist der Blick Gottes auf diese simulierte Welt in der man allmächtig ist; es ist ja wirklich eine abgeleitete Handlung der Allmächtigkeit eine Welt zu schaffen in der man diese Erfahrungen machen kann. Als der Erschaffer dieser Welt kann man überall schauen was man dort und dort hingeschrieben hat. Dadurch ersparen Sie sich die Mühe sich das Rätsel zu holen aber das ist auch ein Umfallen um den Spaß der darin besteht, die Form des Nichtwissens durch eine akute Intervention herausfinden zu können hier und jetzt und nicht anders auf dieser Ebene; das ist die Gegenwärtigkeit an der Stelle, die der Text für Sie bereit stellt.

Das können Sie nicht in der gedruckten Form haben, nicht in der Quelltextform, dass die Welt der Navigations- und Rätsellösungsfähigkeit sich Ihnen nur erschließt wenn Sie daran sitzen und das Spiel mit einer Investition der eigenen Fragekapazität selber spielen. Das reicht zur Illustration der speziellen Dinge über Text die ich da sagen wollte.


Planänderung

Ich mache jetzt einen scharfen Sprung; nur das eine noch: ich habe den vorgesehenen Plan an zwei Stellen umgestellt. Ich habe einerseits den Unterabschnitt über Verlage herausgenommen, das wäre die Zwischenstation in der Neuzeit gewesen zwischen Antike und Gegenwart über die Technik des Buchdrucks und ihre Bedeutsamkeit als ein Medium für das Thema mündlich, schriftlich, elektronisch. Und dann habe ich umgestellt, die Computer raufgestellt die Schlagzeile runtergestellt. Ich hatte ursprünglich gedacht, dass es sinnvoll ist nach der Zeitabfolge zu gehen weil die Sachen von Roland Barthes und Jaques Derrida aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammen wo der Computer noch nicht so aktuell gewesen ist und um dann erst als letzte Stufe den Computer zu nehmen. So wie sich das im Rahmen der Vorlesung entwickelt hat, hat es sich ein bisschen umgestellt und zwar weil ich auf die Ausführungen von Walter Ong über die Lebendigkeit des Sprechens und das vergleichsweise Tote des Schreibens, der Schriftlichkeit reagiert habe ohne auf diese französische Zwischenstufe zu warten durch eine Demonstration dessen, dass das so heute nicht mehr gesagt werden kann, dass man also die Funktionalität des Textes nicht mehr als tot im Gegensatz zum Leben des gesprochenen Wortes nehmen kann. Das habe ich quasi direkt daran geschlossen und habe mich dann plötzlich vor der Situation gefunden, dass beim nächsten Schritt beim Ausarbeiten der Stellungnahme von Derrida und Barthes sich gezeigt hat dass diese beiden Stellungnahmen solche sind, die aus dem gezeigten Bogen herausfallen und die sich in Wirklichkeit in einer aus unserer Sicht gewissen Nachträglichkeit zeigen. In einer unterschiedlichen Weise bei Derrida und Barthes also nicht mehr aktuell sind zum gegenwärtigen Stand. Ich habe mir sozusagen die Geduld nicht geleistet die Computersache ganz am Ende zu sagen und so zu tun als ob wir dort noch nicht wären, ich bin mir selber ein bisschen vorausgekommen und darum kommt das jetzt als Nachtrag der auch schon ein wenig eine veraltete Situation heraufbeschwört.

Jacques Derrida und Roland Barthes über Stimme

Jaques Derrida stellt gegen die Lebendigkeit des Wortes bei Walter Ong und insbesondere gegen ein ähnliches Motiv der Lebendigkeit der Stimme bei Edmund Husserl, eine Konzeption des Textes die wesentlich mit Tod zu tun hat. Derrida ist jemand der die sogenannte Tödlichkeit des Buchstabens nicht leugnet sondern sagt, es gibt eine Tödlichkeit des Buchstabens gegen eine traditionell festgehaltene Lebendigkeit der Stimme, aber anders als Ong und Husserl stelle ich mich auf die Seite der Tödlichkeit der Schriftzeichen. Das ist die Idee der Grammatologie und nenne die Tradition, die darin besteht die Lebendigkeit der Stimme zum ausschlaggebenden Faktor zu machen, Logozentrismus. Das ist der Grund warum das hier Schlagzeile heißt. Der Logozentrismus ist ein prominentes Schlagwort das Derrida verwendet um der Tradition des lebendigen Redens den Spiegel vorzuhalten und zu sagen: das hat Beschränkungen, das hat Probleme denen ich mich entwinden möchte durch meine vorgezogene Wertschätzung gegenüber der Schriftlichkeit.

Derrida ist insofern aus der Sicht dessen wie ich es jetzt darstelle ein Nachtrag weil er an einer Tödlichkeit der Schrift festhält die, wenn das wahr ist was ich die letzten zwei Stunden gesagt habe, nicht mehr die richtige der Betrachtungsweise der Schriftlichkeit ist. Weil Schriftlichkeit gleichauf mit der Lebendigkeit des gelebten Sprechens sein kann.

Nichts desto weniger ist es extrem effektiv geworden was Derrida sagt und ist ein philosophischer Gedankenzusammenhang in einer eigenen Berechtigung und ich möchte Ihnen den darstellen:

Jaques Derrida ist derjenige der diesen Charakter des Nichtgegebenseins, den Charakter des Auslassens, der Nichtpräsenz für die Schrift in Anspruch genommen hat und ihn privilegiert hat gegen das was mit der Stimme passiert (wir werden heute nicht mit Derrida fertig und Barthes sicher erst das nächste Mal). Roland Barthes, der einige wenige aber sehr berührende und pointierte Bemerkungen über den Charakter von Stimme gemacht hat ist in der Gegenposition, die darauf hinausläuft: die Stimme ist die Einzigartigkeit die entsteht wenn ein individueller Körper eintaucht in einen allgemeinen Bereich von Sinn. Also wenn ich spreche kommuniziere ich mit Ihnen über den Bereich der Bedeutungen über die wir uns einigen können in etwa und ich kommuniziere auf eine Art und Weise dass ich meinen Körper einsetze um die Worte hervorzubringen mit denen ich auf diese Allgemeinheit hinsteuere. Aber so wie ich es hervorbringe ist es einzigartig für mich. Es ist meine Stimme, nur meine Stimme und es ist etwas Gesagtes, dieses Gesagte ist aber nicht mein Gesagtes sondern unser Gesagtes. Also dieser Schnitt der darin liegt und der in der Stimme ist. Roland Barthes sagt es nicht so sehr im Zusammenhang mit der normalen Vortragstätigkeit, der Kontext in dem er darauf zu sprechen kommt ist das Lied. Musik insgesamt und im Speziellen ist es das Lied, das diese Sache noch einmal besonders deutlich macht. SängerInnen stellen ihre Stimme zur Verfügung um Worte zu sagen die nicht einfach gesagt werden, sondern die aufgrund der Körperlichkeit der SängerIn eine Dimension erhalten, die eine Kunstdimension ist und gleichzeitig eine Kommunikations- und Verständigungssituation. Es sind Worte in der Regel (es ist nicht unwichtig dass es Worte sind), aber nicht nur Worte, es sind Worte hineingestellt und hineinverwoben in diese körperliche Tätigkeit und auf diese Einzigartigkeit kommt Roland Barthes zu sprechen.

Das kurz vorweggenommen um den Kontrast deutlich zu machen, zwischen dem was Derrida und Barthes mit der Stimme machen. Abgekürzt gesagt: die Ausgangsweisen des Umgehens mit Stimmen bei den Beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Barthes geht aus von Friedrich Fischer-Dieskau und einem franz. Sänger Charles Bonsierra (italienischer Name vermutlich), also zwei Sängern romantischer Lieder, im Zusammenhang von Stimme und Wort. Derrida geht aus von Edmund Husserl.

Jacques Derrida und Edmund Husserl

Zum zweiten Fall Edmund Husserl: eine hochintern philosophische Debatte; der Text von Derrida ist ziemlich schwierig zu lesen, ich werde versuchen ein paar Glossen zu geben um sich entlang zu finden.

Der Text ist die Stimme und das Phänomen, Einführung in das Problem des Zeichens in der Phänomenologie Husserls und ich habe zur ersten Orientierung hervorgehoben was die Grundintuition von Derrida ist. In dem Zusammenhang habe ich das Zitat gleich mal hier an den Anfang der zitierten Stellen gesetzt:


„Wenn ich spreche dann gehört es zum phänomenologischen Wesen dieser Operation, dass ich mich in der Zeit in der ich spreche höre. Der durch meinen Atem und durch die Absicht zur Signifikation beseelte Signifikant, das ist der Ausdruck, ist mir absolut nahe. Der lebendige Akt, der lebensspendende Akt, die Lebendigkeit die den Körper des Signifikanten beseelt und ihn in einen bedeutenden Ausdruck verwandelt, die Seele der Sprache scheint sich nicht von sich selbst, von ihrer Selbstgegenwart zu trennen. Sie geht nicht das Wagnis des Todes im Körper eines der Welt und der Sichtbarkeit des Raumes überlassenen Signifikanten ein“.


Das ist die Derrida-Paraphrase von dem worum es dem Husserl geht. Der Text von Derrida ist deswegen so schwierig - und ich riskiere es ihn zu präsentieren obwohl man sich leicht darin verlieren kann – weil man hier die Interpretation einer Interpretation einer Interpretation hat. Also um das analytisch sauber zu machen müsste man zuerst Husserl lesen, dann müsste man Derrida lesen und halbwegs verstehen, dann müsste man fragen ob Derrida den Husserl verstanden hat, dann müsste man aus dem eigenen Verständnis von Derrida fragen, ob er nicht nur den Husserl verstanden hat sondern auch ob er: 1. Recht hat indem was er über Husserl sagt und 2. ob er Recht hat indem was er voraussetzt als seine eigenen Thesen die er dann gegen Husserl stellt.

Eine ausgesprochen involvierte Geschichte; ich kann man in einer Vorlesung so nicht alles tun. Ich signalisiere nur worum es da geht.

Hier ist es Derrida der versucht Husserls Einstellung auf einen Punkt zu bringen. Einerseits sage ich Ihnen was daran plausibel erscheint, was nach meinem Verständnis Derrida dem Husserl an der Stelle zuschreiben will und sage dann zweitens warum Derrida gerade auf diese Art und Weise dem Husserl das zuschreibt was die eigene Agenda von Derrida ist, wie man die zu verstehen hat und wie darum die Behandlung des Phänomens der Stimme bei Derrida systematisch aussieht.

Das Phänomen der Stimme bei Jacques Derrida

Wo man anknüpfen kann ist etwas was Walter Ong beschrieben hat (worüber wir auch geredet haben), dass Stimme etwas ist was mir sehr nahe ist. Die Situation, dass wenn man spricht sich gleichzeitig selber hört, eine Operation, dass ich mich in der Zeit in der ich spreche höre, dass ich zweierlei Akte gleichzeitig vollziehe, nämlich einen Körperablauf indem ich Atme. Was ja zu tun hat mich Überlebensfunktion und das auf diese ganz besondere Art und Weise dasjenige was ich brauche um zu leben – der Atem - gleichzeitig verwendet wird um während ich lebe Inhalte mitzuteilen. Was passiert wenn ich mich hierherstelle und Ihnen etwas über Husserl und Derrida sagen will: mein Geist ist bei Derrida und Husserl, mein Geist ist dabei, dass ich etwas weiß von dem worum es den beiden geht. Und um Sie in diese Welt der Philosophen heran zu führen gestikuliere ich nicht einfach mit den Händen – das wäre so als ob ich weiß dass da jetzt der Zug kommt und ich möchte nicht dass Sie am Gleis sitzen bleiben. Das würde ich mit Gestikulation der Hände oder mit Schreien versuchen oder Ähnliches. Was ich stattdessen tue, ist nicht nur mit den Händen zu gestikulieren, sondern auch meine Stimme einzusetzen, also meinen Körper einzusetzen.

Und hier liegt eine Gemeinsamkeit meiner Lebenstätigkeit und meiner Mitteilung an Sie zugrunde, die Sie schlicht und einfach nicht haben wenn ich Ihnen ein Handout gebe. Das Beispiel hatten wir schon mal gesagt. Ich gebe Ihnen ein Handout oder Sie schauen sich diese wiki-Seite an, ich verlasse den Raum für 10 Minuten und Sie können sich damit beschäftigen. Dass ist ein entscheidender Unterschied. Und was Derrida Husserl an der Stelle zuschreibt ist, dass dieser Unterschied, diese Engführung des Lebensvollzugs der Person die hier steht und der Inhaltsvergegenwärtigung die diese Person hier durchführt, so nah zusammen sind dass da kein Blatt dazwischen passt. Um es nicht in Husserlscher, in Derridascher Terminologie zu sagen, aber das ist das worum es da geht. Husserl spricht davon und Derrida übernimmt das, er spricht von Selbstaffektion/Selbstgegenwart.

Ich kann mit dem Ausdruck Selbstaffektion nicht allzu viel anfangen. Ich weiß schon, es geht darum indem man sich hört und gleichzeitig derjenige ist der spricht produziert man etwas was bei einem selber wieder ankommt. Selbstgegenwart ist an der Stelle besser. Die Gegenwart die darin liegt dass das passiert was ich gerade beschrieben habe und die darin liegt dass nicht nur ich für Sie gegenwärtig bin als jemand der da vorne steht und den Sie sehen, ich bin mir selber gegenwärtig. Nicht wenn ich rede, das ist ein Punkt auf den es hinaus geht und das ist ein Punkt den Walter Ong auch gemacht hat. Wenn ich rede bin ich mir als Redender nicht einfach so gegenwärtig als ob ich mich im Spiegel sehen würde. Wenn ich das Streaming sehen würde was hier von mir gemacht wird (ein netter experimentaler Zusammenhang), dann könnte ich sagen, dass ich mir selber gegenwärtig bin, indem ich das Bild von mir sehe das an der Stelle hergestellt wird, im Fernsehen/Monitor ist das natürlich selbstverständlich. Das ist eine Art und Weise der Präsentation meines Aussehens, wieder für mich selber, sodass ich als Bild sehen kann wie ich aussehe. Das ist nicht das was mit der Stimme passiert, denn damit ist es so, dass ich ohne jeden technischen Apparat, sprich Spiegel (wäre in diesem Fall auch schon ein technischer Apparat), ohne jeden technischen Apparat mir selber quasi mich zur Kenntnis gebe indem ich spreche. Man muss es sich eigentlich so vorstellen, Kafka hat wahrscheinlich so eine Erzählung geschrieben: Herr K. stand vor einem Auditorium, öffnete den Mund und konnte sich nicht hören. Was würde da passieren... Dass er sich nur auf eine Art und Weise sehen kann die partiell und maschinenvermittelt ist, ist relativ normal; dass wenn man redet sich nicht hören kann, ist ausgesprochen schräg, gehört nicht in die Normalerfahrung.

Es läuft darauf hinaus: der lebendige, lebensspendende Akt der den Körper des Signifikanten beseelt. Der Körper des Signifikanten ist nicht der Körper als Signifikant sondern das nennbare, niederschreibbare, fixierbare Ausdruckssymbol das in einem bedeutenden Ausdruck verwandelt wird, indem dieses Geschehen realisiert und ausgesprochen wird. Diese Besonderheit haben wir jetzt schon mehrfach gehört; die Antwort und Reaktion die Derrida darauf bringt ist folgende: Das mag ja schön sein mit dem lebendigen Akt, mit dem lebensspendenden Akt – er beschreibt das noch viel stärker als Prinzip der Husserlschen Phänomenologie der Gegenwärtigkeit, für die die Stimme ein Paradigma ist. Das mag ja alles sehr schön sein, sie geht nicht das Wagnis des Todes im Körper eines der Welt und der Sichtbarkeit des Raumes überlassenen Signifikanten ein. Das ist die Inversion des platonischen Motivs, das darin besteht das die Schrift ja tot ist und verloren in der Welt herumsteht. Derrida dreht das um und sagt: die Leute die soviel Gewicht legen auf die Lebendigkeit der Schrift, vergessen das diese Lebendigkeit, von der ich jetzt auch gerade in warmen Worten gesprochen habe, einen wesentlichen Fehler hat. Sie geht nicht das Wagnis des Todes ein das an der Stelle darin bestehen würde, dass ich ihnen sage, Sie brauchen nicht mich um das zu verstehen was ich sage, nehmen Sie den Zettel. Indem ich Ihnen den Zettel gebe unterziehe ich mich in einer Weise eines Todes der darin besteht, dass ich nicht mehr davon ausgehe, dass Sie mich mit meiner Sinnproduktion brauchen um an den Sinn zu kommen den ich Ihnen vermitteln will, sondern, dass ich aus dem Bild verschwinden kann. Und, dass das worum es geht, auch und gerade dann für Sie vermittelt wird, rezeptiv gestaltet wird wenn es durch meinen Tod hindurch gegangen ist und d.h. durch Zeichenhaftigkeit die Sie selber wiederbeleben müssen.

Das ist ein allgemeiner erster Hinweis darauf, was die Intuitionen von Derrida sind, die nicht sehr leicht festzunageln sind. Wie muss man diese Intuitionen von Derrida in die allgemeine Philosophieumgebung in der er schreibt einordnen? Diese Redeweise vom lebensspendenden Akt, von der Gegenwärtigkeit und Selbstgegenwart die er bei Husserl herausholt, dabei handelt es sich um eine geniale Aneignung eines Motivs das Derrida von Heidegger mehr oder weniger 1:1 übernimmt.

Jacques Derrida und Martin Heidegger

Genial bei Derrida deswegen wie in vielen seiner Beiträge, dass er allgemeine Einsichten, Strukturen, Theorievorgaben die er von Heidegger hat auf eine Art und Weise aktualisiert und im Beispiel umsetzt, die einem gar nicht mehr an Heidegger denken lassen und sie versetzt mit neueren Motiven die oft auch gegen Heidegger gewendet werden können. Er gibt dem einen Dreh der aus dem Spirit Heideggers etwas macht was aktuell direkt in die Debatte reingeht.

Und das was er an der Stelle von Heidegger übernimmt sind zwei einfache Voraussetzungen, die allerdings massiv sind. Sie sind so massiv, das man sie überhaupt nicht merkt, das sie von vielen Leuten einfach geschluckt werden. Ich mache sie aber trotzdem; sind ein Angelhaken den man sofort schluckt.

Die zwei Voraussetzungen sind die, einerseits massivste und basalste Heidegger Voraussetzung: Es gibt eine Geschichte des abendländischen Denkens, das ist eine Seinsgeschichte. Es hat eine Konsistenz und eine Konstanz die uns dazu in die Lage versetzt heutzutage 2011 etwas darüber zu sagen was die letzten 2500 Jahre abgelaufen ist und uns heutzutage hinzustellen und zu sagen, es gab die Zeit der Metaphysik, die hat begonnen zu enden ab dem Zeitpunkt an dem Heidegger versucht hat die Metaphysik zu überwinden. Jetzt sind wir im Zustand der Überwindung der Metaphysik, der ein komplizierter Zustand ist, vorher gab es 2000 Jahre Metaphysik. Logozentrismus ist eine Geste, eine Formulierung, eine Nomenklatur die sich Derrida für die Seinsgeschichte zurechtgelegt hat und deren Funktion in etwa auch die ist, dass es eine dominante Denkweise in diesen 2500 Jahren seit der Platonischen Schriftkritik bis hin zu Husserl gibt, den er in diesem Buch auch als einen Platoniker anspricht, und diese Dominanz durch die 2500 Jahre ist die Priorität der gesprochenen Stimme. Der "Globalzusammenhang" ist etwas das er von Heidegger übernimmt.

Das zweite was er von Heidegger übernimmt ist, dass in der Heideggerschen Seinsgeschichte – darum ging es in Sein und Zeit unter anderem schon – eine Art des Seins erwiesen worden ist als die dominante Form. Also die Story von der Seinsgeschichte läuft bei Heidegger darauf hinaus dass es das Sein so an sich hat, dass es heutzutage dorthin geführt hat, dass wir alle in der Gegenwart hängen. Also einen "Präsentismus". Das ist Heideggers Kritik des Positivismus, Kritik des Gegebenen, Kritik dessen das man an den Dingen klebt so wie sie sind, statt eine Dynamik, Verflüssigung, Unverfügbarkeit in der Welt, in den Dingen, im Sein zu sehen. Wir kleben an der Tatsachenfeststellung würde Heidegger sagen. Das ist die Dominanz der Anwesenheit im Vergleich zur Abwesenheit die der Heidegger in der Seinsgeschichte statuiert.

Das habe ich jetzt hier nur kurz aus folgendem Grund gesagt: weil diese Dominanz der Gegenwärtigkeit und der Anwesenheit das Motiv ist, das Derrida leitet bei Husserl genau diese Selbstgegenwärtigkeit herauszufinden und anzuprangern. Für Derrida ist Husserl mit seiner Selbstgegebenheit der Stimme ein klassisches Beispiel für die Privilegierung der Anwesenheit die in der Seinsgeschichte, sprich im Logozentrismus von Heidegger diagnostiziert wird und der Versuch von Derrida darauf hinzuweisen, dass diese Gegenwärtigkeit gekreuzt wird durch den Tod, durch die Abwesenheit der Identität und all dieser Dinge. Man kann das an der Stelle verstehen als eine Weiter-/Fortentwicklung der Heideggerschen Kritik an der ständigen Anwesenheit die die Seinsgeschichte durchzieht.

Ich habe in dieser Stunde einen Riesenbogen geschlagen vom spielerischen Moment der interaktiven Textadventure zu den Logozentrismus-Debatten. Ich hoffe es war nicht zu schwindelerregend.