MSE/Vo 03

Aus Philo Wiki
Version vom 26. März 2011, 15:28 Uhr von Joko (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: „ == Anknüpfung an die letzte Einheit == Ich begrüße sie. Nachträglich noch ein paar Bemerkungen zum letzten Mal: Wir haben die Transkription der Vorlesung …“)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu:Navigation, Suche


Anknüpfung an die letzte Einheit

Ich begrüße sie. Nachträglich noch ein paar Bemerkungen zum letzten Mal: Wir haben die Transkription der Vorlesung jetzt schon hier, das geht ja an dieser Stelle ganz besonders flott und die Transkription hat noch eine Eigenart, die sich dadurch erklärt, dass wir hier diskutiert haben über Schnitte und mögliche Verarbeitung von Audiofiles. Es gibt 2 Versionen, das ist ein ganz besonderes Service des Herrn Wedrich. Einerseits gibt es die Rohdaten hier – das ist überhaupt das erste Mal, dass mir klar geworden ist, dass ich Rohdaten produziere – und diese Rohdaten sind verfeinert worden in eine Gliederung, die nun wirklich für die Benutzung sehr hilfreich ist. D.h. sie haben nicht lange Sequenzen von entsprechenden Abschweifungen oder undurchsichtigen Zusammenhängen, sondern es ist der Versuch hier, eine orientierende Ordnung zu geben. Das ist wirklich etwas sehr hilfreiches und ich glaube, sie können sich da ein Vorbild nehmen. Das ist mal die erste Sache.

Die zweite Sache betrifft die Themen vom vergangenen Mal. Ich verspreche ihnen: Heute ist Schluss mit den Puzzlesteinen und dem Herumspringen, das ich praktiziert habe. Ich hoffe, sie werden im Laufe der Vorlesung auch sehen, warum und in welchem allgemeinen Rahmen ich das gemacht habe, und warum ich die Breite des Themas mündlich-schriftlich-elektronisch ins Besondere vor dem Hintergrund des Anfangsmottos – nämlich: mit einem Buch vor einer Menge herumschwenken, das bringt keine politische Aktion – warum ich das so gewählt habe. Das nächste Mal gehe ich über zu den Griechen, um das gleich zu sagen. Ich werde an der Stelle ausgehend von Havelock rüber zu Platon gehen (Das Buch von Havelock heißt ja: Preface to Plato). Genauer: zu Platons Politeia und Platons Phaidros, d.h. mit Platons Überlegungen zu dem, was die Einführung der Schrift bewirkt hat.

Kurze Wiederholung

Heute aber noch mal ein bisschen Kunterbunt, um es so zu sagen. Zum Kunterbunt der vergangenen Stunde habe ich mir noch in Erinnerung an philologische Korrektheit und um den Rahmen abzustecken – ich erwarte nicht, dass sie an der Stelle in die Tiefe gehen – noch ein paar Belege dazugetan. Damit sie sehen (zugegebenermaßen von der Oberfläche), um welche Form von geistiger Betätigung, Wissenschaft, Theologie es sich handelt in dem Moment, in dem wir es mit Schriftlichkeit zu tun haben und nicht mit Botschaften mündlicher Art.

Ich habe ihnen hier noch eine ein bisschen bessere Textgrundlage gegeben, vor allem hatte ich das letzte Mal das Hebräische nicht dabei. Die Masoreten sind ein Kollegium durch die Jahre hindurch, das die hebräische Bibel gestaltet und bewahrt hat. Dieser Masoretentext der hebräischen Bibel im Falle der Jesaja-Stelle sieht so aus: Es geht ja von rechts nach links: [Hrachovec liest vor] Die 3 Worte, um die es da geht, sind ‚Verschlingen’, ‚Tod’ und was hier steht, das ist ein L – N – S – H. Tod ist noch einigermaßen problemlos zu lesen. Die Schwierigkeit ist nun die, dass in der ursprünglichen hebräischen Schrift keine Vokale notiert worden sind. Hier haben sie die Punktierungen drinnen, diese Punktierungen sind die Vokale. Eine Besonderheit in nicht-vokalisierten Schriften besteht darin, dass bestimmte Deutungsunsicherheiten entstehen – je nachdem, wie man es vokalisiert. Das ist eine Sache - was sehr interessant ist und worauf ich gleich im Zusammenhang mit Heidegger darauf zurückkommen werde – wo sie die Vokale setzen in Hinblick auf das Verständnis, das sie voraussetzen. D.h. es gibt Situationen, in denen sie Konsonanten haben und dann hängts davon ab, was glauben sie, was es heißt; und je nachdem, was sie jetzt glauben, setzen sie die Vokale ein und haben dann einen Text, der das bestätigt, was sie glauben, dass es heißt… Das ist eine Situation, die erst dadurch entsteht, dass 100 Jahre später Leute draufkommen, dass hier eine größere Genauigkeit notwendig ist. Das ist offensichtlich nicht als notwendig erachtet worden zum damaligen Zeitpunkt. Diese größere Genauigkeit ergibt sich unter diesen technischen Bedingungen aber nicht aus dem Text, sondern entwickelt sich aus der Interpretation dieses Textes, die wiederum aus einem Verständnis dieses Textes kommen muss –und das heißt: die Buchstäblichkeit, die wir gerne voraussetzen in einer Schrift, so wie wir sie haben, die Buchstäblichkeit, an die man sich halten kann, damit man dann im zweiten Schritt eine Interpretation dran anschließt, diese Buchstäblichkeit ist in einem solchen Fall selbst Ergebnis einer Interpretation. Das ist das Interessante. Die Differenzen im Septuaginta-Text und die andere Alternative, die Paulus dann gewählt hat, hängen an 2 Interpretationsschwierigkeiten mit diesen Worten: nämlich dieses ‚B-L-H’, das kann man als aktiv oder passiv interpretieren, dann vokalisiert man’s unterschiedlich, einmal als „hat verschlungen“ und einmal als „ist verschlungen worden“. Dieses Wort hier ist sowieso ein bisschen umstritten und kann auch unterschiedlichen Wurzeln interpretiert werden: In Richtung von „Sieg“ und „für immer“, d.h. ist verschlungen für immer oder ist verschlungen im Sieg. Das sind die Wege, in die man da sozusagen reinkommt. Das soll es aber auch sein hierfür.

Ergänzungen zu Heidegger

Dann möchte ich zu der Heiligen-Sache jetzt etwas noch sagen. Ich habe die das letzte Mal übersprungen, möchte hier aber einen Punkt erwähnen, der analog ist zu dem, was ich gerade gesagt habe, damit dass Interpretation sich über die Buchstäblichkeit legt und gleichzeitig aber in einer Situation wie im 20. Jahrhundert bei Heidegger etwas ganz anderes heißt, dafür eignet sich diese Heidegger-Stelle sehr gut. Mir ist in dem Zusammenhang auch aufgefallen: ich mich darauf noch nicht wirklich eingestellt, dass diese Veranstaltung eine Vorlesung mit Lektüre ist (und nicht einfach eine Vorlesung), d.h. ich sollte nach dem Curriculum von ihnen verlangen, dass sie diese oder jene Sache zusätzlich lesen. Daher verlange ich von ihnen jetzt, dass sie diesen Artikel von mir lesen – der ist nicht lange – der ihnen den Hintergrund davon gibt, wovon ich ihnen jetzt die Pointe sagen will. Es ist, soviel möchte ich sagen, doch so gar eine textphilologische Kriminalstory, auf die ich sie aufmerksam machen möchte. Jetzt allerdings mit dem einen kleinen Fokus auf das, was ich das letzte Mal nur kurz angedeutet habe. Es handelt sich um eine sehr berühmte Hymne von Hölderlin: Wie wenn am Feiertage… Das ist ein Ausschnitt dieser Hymne und zwar im Autograph von Hölderlin. Und die Sache, um die es mir jetzt alleine geht, ist die: [Links] ist die aus der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe herausgenommene Fotokopie und [rechts] ist die (sozusagen isomorphe) Transkription von dem, was an dieser Seite passiert [Graphische Gegenüberstellung siehe Wiki]. Was uns an der Stelle interessiert, ist: Wie Kinder, wir, sind schuldlos unsere Hände. Des Vaters Strahl, der reine versengt es nicht [Hrachovec liest die ersten 4 Zeilen vor] Damit sie das ansehen genau wie es im Original ist: [Hrachovec liest das Original vor; Siehe: [1]]

Die konventionellen Hölderlin-Ausgabe müssen zu Recht kommen mit diesem einigermaßen durchfurchten Textbefund - das ist eine ganz eigene Geschichte - und sie halten sich natürlich an die Absicht des Dichters und die Grammatik. Aber wir haben an dieser Stelle auch etwas Typisches für Schriftlichkeit in umstrittenen Zusammenhängen gesehen: es soll eine Endfassung geben, aber so etwas [diese Art der Transkription] werden sie ja wohl nicht ins Lesebuch bringen, das ist eine Sache, die man weder Mittelschulen noch den begeistertsten Lyrik-Leserinnen zumuten kann. D.h. man braucht eine Version, die Hölderlin darstellt, die das realisiert, was der Hölderlin gesagt hat. In dieser Leseversion des Hölderlin’schen Textes findet sich in aller Regel, weil das einfach Sinn macht, ein bisschen eine Lesehilfe und diese, die sich hier findet, bei Beissner vor allem, den ich hier zitiert habe: [Hrachovec liest die 5 Zeilen nach Beissner und nach Hellingrath]

Denn sind nur reinen Herzens,
Wie Kinder, wir, sind schuldlos unsere Hände,
Des Vaters Strahl, der reine, versengt es nicht
Und tieferschüttert, eines Gottes Leiden
Mitleidend, bleibt das ewige Herz doch fest.

Die Lesehilfe besteht darin, dass man sagt: Was der Hölderlin sagen will, ist: sind schuldlos unsere Hände – Komma – des Vaters Strahl, der reine, versengt es nicht. Dieses Komma ergibt sich nach einer konventionellen Lesart!

Heidegger macht jetzt folgendes: Er interpretiert das Gedicht auf der Basis einer neuen Prüfung der Originalquellen. O-Ton Heidegger: "Der hier zugrunde gelegte Text beruht, nach den urschriftlichen Entwürfen erneut geprüft, auf dem folgenden Versuch einer Auslegung." [vgl. Martin Heidegger: Erläuterungen zu Hölderlin, S.50] Allein das ist schon großartig und muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Er sagt zweierlei: 1.) Ich habe genauer hingeschaut, was da drin steht und 2.) habe ich euch jetzt einen Text gegeben, der aufbaut auf das genauere Hinschauen und gleichzeitig auf einer Auslegung beruht. Dieses ‚beruht auf einer Auslegung’ ist die Parallele zu ‚Sie müssen wissen, ob das passiv oder aktiv sein soll, damit sie die richtigen Vokale setzen’. Also so ist der Anspruch von Heidegger, ein ausgesprochen spannungsreicher, widerspruchsvoller Anspruch. Und wenn man sich jetzt anschaut was er macht, dann kann man eigentlich nur lächeln oder wütend sein. Er sagt nämlich einerseits – das ist der Anteil von „erneut geprüft nach den urschriftlichen Entwürfen“ – da sagt er völlig zu Recht: „Nach Hände steht kein Komma!“ Also diese Lesehilfe von Beissner Hände – Komma ist nicht in Ordnung, das steht dort nicht drinnen, wir wollen den Urtext nicht verfälschen, das ist sozusagen eine Zugabe. Was sagt er dann? „Ein Komma steht zwar nicht da, aber ein Punkt gehört hin.“ Und er setzt einen Punkt.

Warum er den setzt, das erläutere ich ein bisschen in dem Artikel, den ich da gezielt hingesetzt habe, weil er tatsächlich eine gänzlich andere Auslegung hat, weil er dieses Gedicht auslegt auf eine Art und Weise, wie es noch nie jemand ausgelegt hat, was man als genial oder als frech oder beides betrachten kann. Ende meines kurzen Hinweises diesbezüglich. Die Absicht war darauf hinzuweisen, welche Formen von Arbeit, von Beschäftigung, von Kontroverse man durch das Manipulieren von Schrift haben kann, in wissenschaftlichen Kontexten. Wenn sie Germanistik studieren wird ihnen das Thema nicht so fremd sein, da gehört es zum Alltag, dass man schwierige Quellen hat, dass man sich auf diese Art und Weise beschäftigt. Wenn sie von der Soziologie kommen oder Politologie, da ist es ihnen vielleicht ein bisschen weniger vertraut. Einer der Gründe, warum ich das sozusagen darstelle, ist um ihnen zu zeigen, was das Instrumentarium ist, mit dem wir es zu tun haben, in dem Moment, in dem wir Schriftverweise und Schriftinterpretationen durchführen.

Ergänzungen zur Hahn-Sache

Ein kleiner Hinweis jetzt noch auf den Hahn-Text, den ich das letzte Mal ihnen auch kurz gezeigt habe. Da ist mir nämlich durch die Bemerkungen von Paul Wedrich etwas aufgefallen, was ich eher noch unterdrückt habe bzw. in der Schärfe ist es mir nicht gekommen. Ich habe ihnen das letzte Mal gesagt – und das ist jetzt auch eine der Feinheiten oder der Grobheiten mit Texten – es gibt Anführungszeichen hier und hier und dann gibt es die Fortsetzung und die Fortsetzung ist genau textgleich mit dem, was dann nicht mehr hier zitiert wird. Und ich habe ihnen auch gezeigt, dass im Originaltext das hier ausgelassen ist; und ich habe die Sache nur wahrgenommen als ‚Ok, das hat nicht in seinen Duktus hineingepasst’. Es ist aber mehr, als dass es nur nicht in den Erzählduktus hineingepasst hätte. Sondern, und das ist mir eben durch das Protokoll – sie können es lesen – aufgefallen. Wenn er hier das einfach abschreibt und schreibt „Ich habe schon darauf hingewiesen“, dann bricht ihm das Ganze wirklich auseinander, weil er nirgends drauf hingewiesen hat, sondern darauf hingewiesen hat der Herr Kockelmann. Das ist auch so eine Art Detektivgeschichte. Wenn man detektivisch untersuchen möchte, was denn vorgegangen ist in dieser Person, als sie diesen Text produziert hat, dann könnte man eine Hypthese haben, in der man sagt: na gut, sie hat da ein Anführungszeichen vergessen, ist halt ein Pech gewesen… Die zweite, an der Stelle aber plausiblere Hypothese ist: Die Person hat sehr genau gewusst, dass sie diesen Text hier auslassen muss, denn wenn sie diesen Text übernimmt, macht der ursprüngliche, d.h. der eigene Text davor, keinen Sinn mehr. Das auch noch mal als Hinweis darauf, in welche Bereiche man hineingeht, durch die Zitationsmöglichkeiten. Sie sehen hoffentlich noch immer in dem Zusammenhang, dass das Möglichkeiten sind, die, wenn sie einmal eine orale Kultur haben, in der man nur berichtet, was jemand gesagt hat, nicht hinkommt. Also die Trennschärfe, wenn wir nur auf mündliche Berichte gehen, ist schlicht und einfach nicht gegeben. Die Trennschärfe, die ich ihnen hier an den 3 Beispielen vorexerziert habe.

Von der Mündlichkeit bis zur Elektronik

Intertextualität - Cento

Nun gehen wir mal weiter: Eine Sache leiste ich mir noch – wie soll ich sagen – um noch ein bisschen einen neuen Aspekt zu geben, der interessanterweise sowohl mit Geschichte als auch mit kompletter Gegenwart zu tun hat, es steht da Intertextualität. Intertextualität ist ein quasi ausgesprochen modernes Wort und hat zu tun damit, dass im zusammenhängen des Internets speziell, also in der letzten Entwicklung jetzt, die großen Textwolken, die wir kennen und aus denen wir Dissertationen beziehen, wenn wir besonders wagemutig sind, dass diese Textwolken ja Intertextualität sind in einem gewissen Sinn. Das ist das Thema des Verschwimmens, das ich angesprochen habe. Es gibt in diesem ‚Bereich Intertextualität’ eine sehr spaßige – und das meine ich wörtlich – Literaturform, die sich nicht sehr durchgesetzt hat, die aber in der Spätantike – das passt ganz gut zu meinen Ausflügen in die Frühzeit – eine Karriere gemacht hat und diese Literaturgattung nennt sich Cento. Es kommt aus dem Griechischen „centron“ und meint übersetzt ein Flickengedicht. Das ist nebenbei eine wirklich legitime und gute Zitation aus der Wikipedia, weil hier Wikipedia an der Stelle zum Beispiel die beste Definition von dem bringt, was Cento ist: „Ein Text, der ausschließlich oder zumindest zum größten Teil aus Textpartikeln (Zitaten) eines anderen Textes zusammengesetzt ist (Flickengedicht), siehe auch Intertextualität. Dabei verlieren die zitierten Passagen regelmäßig ihren bisherigen Kontext und erhalten durch die Zusammensetzung einen neuen Kontext.“ Das heißt: Wir haben – und darum möchte ich es ihnen zeigen – jenseits der Forderung der wissenschaftlichen Korrektheit, der korrekten Zitate, eine andere Art und Weise mit Texten umzugehen und mit Texten etwas zu tun und das ist die Klitterung, die nun in einem gewissen Sinn ein glattes Plagiat ist. Es sind Texte von glattesten Plagiaten, dazu gibt es eine sehr schöne Studie von einer Kollegin aus Brünn: „Recycled art or the embodiment of absolute intertextuality“. Wenn sie recycled-art haben und sich ein bisschen mit Coverversionen und mit all dem, was im Netz stattfindet mit Überarbeitung und Neugestaltung von Videos usw., sich abspielt, werden sie merken, dass diese Cento-Problematik eine sehr interessante und neue Perspektive da drauf ist und warum ich es ihnen speziell sage, ist, weil nicht nur über die Unerzogenen und Unaufmerksamen Studierenden nun plötzlich diese Ideen kommen, dass man aus dem Internet etwas rauskopieren und in die Arbeit tun kann, sondern dass Textwissenschaft in der Art und Weise, wie wir sie betreiben, seit Jahrhunderten unter Druck kommt durch die Praxis dessen, was wir an Intertextualität, an dieser Cento-artigen Art und Weise von Coverversionen und so, was wir in anderen Lebensbereichen ganz selbstverständlich tun. Ich habe das jetzt nicht reingetan, aber schauen sie sich im Falter dieser Woche ein ziemlich schönes Interview mit Karim el-Gawhary an, ORF-Korrespondent in Kairo. Das lohnt es sich zu lesen. Es ist ein inhaltsreiches Interview und etwas, was er dabei sagt, passt dabei genau zu dem, was ich hier jetzt in Erinnerung gerufen habe, nämlich er sagt: „Schauen sie sich doch einmal an, was in den Zeitungen jeweils über bestimmte Events steht. Das ist, mehr oder weniger, in allen Zeitungen gleich und alle schreiben voneinander ab.“

Ich habe das, ums an der Sache Hahn ein bisschen zu exemplifizieren, geradezu im Detail mitverfolgt. Es gibt eine APA-Aussendung, die an alle Zeitungen geht und ungefähr 75% drucken ganz einfach die APA-Meldung ungschaut ab. Die können sie natürlich auch paraphrasieren, z.B. ein Insert vorher oder ein bisschen eine Endfassung. Die Allerwenigsten tun irgendwas um diese Inhalte herum, die von einer zentralen Stelle kommen, auch nur ansatzweise zu recherchieren oder auch sonst was damit zu machen. Wiederum ein Hinweis darauf, dass wir in einer Welt leben, in der die Verbreitung gestohlener – in dem Fall nicht gestohlener, sondern bezahlter, weil die zahlen ja für die Presseaussendungen – Textmomente zum Zweck der Information der Bevölkerung, die glauben, sie hören jetzt etwas, was von unterschiedlichen Leuten recherchiert worden ist. Ganz gängig…

Den kleinen Spass, den ich mir erlaube, um darauf diese andere Dimension des Textes sozusagen ins Auge zu führen, ist, dass ich ihnen jetzt einen Brief vorlese, den ich an eine Mailing-Liste für Angehörige der Universität Wien geschickt habe - Studierende können sich dort auch subskribieren. Die Mailing-Liste heißt Epoche [[2]] und auf diese Mailing-Liste habe ich den folgenden Text gepostet. [Hrachovec liest Brief vor, siehe: [3]]

Diesen Brief habe ich einer Plagiatsprüfung unterzogen und bin draufgekommen, dass das abgeschrieben ist. Wesentliche Teile dessen, was ich geschrieben habe, sind abgeschrieben. Sie sehen das hier, ganz einfach, wenn sie googeln: Das ist mein Blog, auf dem ich diesen Text veröffentlicht habe. Sie sehen, einige Textstellen sind einfach abgeschrieben und nicht zitiert. Ich überlasse sie ihren Überlegungen, was ich allerdings noch dazu anmerken möchte, ist, dass man sieht, wie Texte funktionieren können im Kontext. Also ein Kontext wie eine Mailing-Liste an der Universität Wien, in der diese Art von Themen schon öfters aufgetreten ist, produziert oder enthält Personen, die quasi per definitionem die Kompetenz haben zu wissen, dass ich so was nicht schreibe von mir aus. D.h. obwohl es nicht zitiert ist, merken die Leute aus der Rekontextualisierung und aus dem parodistischen Touch, den das Ganze hat, dass es von wo anders hergenommen ist. Man muss nicht immer zitieren! Stellen sie sich vor – das will ich ganz gerne gegenüber stellen – im Gutachten von Herrn Schultheiss zu dem Hahn-Vorwurf steht: ‚Ein Zitieren der Stellen hätte die Lesbarkeit behindert.’ Man hätte sozusagen – und das ist vollkommen richtig, wenn das alles zitiert worden wäre, was er da alles hat, dann wäre die Seite mindestens 3 Seiten länger geworden allein wegen den Anführungszeichen, die er hätte einfügen müssen – also Schultheiss sagt, die Lesbarkeit hätte gelitten. Das ist an der Stelle nicht ganz überzeugend, würde ich sagen.

Aber der gesamte Effekt dieses Briefes würde total verloren gehen. Es ist unmöglich. Den Brief kann man nicht schreiben, wenn ich das zitiert hätte. Das ist ein eigenes Thema, das ich jetzt nicht weiter verfolgen will. Sozusagen an Ansprüchen, an Spielen mit den Erwartungshaltungen der Personen, an die man sich adressiert. Sie sehen an der Stelle auch, wie wichtig es ist, miteinzubeziehen, dass nicht nur Reden sich an Leute adressieren - also wenn ich jetzt hier in dem Raum stünde und es wäre keine einzige Person da und ich würde reden, würde es ein bisschen komisch sein. Im Reden richtet man sich an Leute, die man sieht und die auch etwas antworten können. Wir werden bei Platon nächste Stunde darauf kommen, dass schon sehr früh gesehen worden ist, dass das bei Texten nicht so ist. Wenn ich am Schreibtisch schreibe, dann ist das kein Problem, dass da niemand dabei ist. Ich brauche niemand, an den ich mich wende. Aber so einfach ist es natürlich nicht, auch Texte wenden sich an jemanden – in aller Regel. Selbst wenn es das Tagebuch ist, dann ist es nicht uninteressant, dass es so Formulierungen gibt wie „Liebes Tagebuch…“. Also letztlich wendet man sich im Tagebuch auch an jemanden, z.B. an sich selbst in einem späteren Zeitabschnitt oder so was ähnliches. D.h. Texte adressieren sich auch an jemanden und die Einrichtung, dass übernommene Texte zitiert werden, kommt aus einem Kulturzusammenhang, in dem man das, worauf man sich mit einem Text bezieht, nicht mehr als selbstverständlich gewusst voraussetzen kann in einem Lesekontext. Man muss also herausfinden: Wenn ich in einem Text schreibe per aspera ad astra (durch das Schwere zu den Sternen), dann werden die meisten Leute nicht glauben, dass ich das jetzt erfunden habe. Die werden das als ein Zitat kennen oder sie glauben es sei ein Fehler im Textverarbeitungsprogramm, weil das unverständliche Silben sind. D.h. es gibt an der Stelle eine funktionierende Kenntnis im Publikum in vielen Konstellationen, wo man einen Text nicht extra auszeichnen muss, um Verständnis dafür zu finden, dass das ein übernommener Text ist. Auf der anderen Seite: Mit zunehmender Professionalisierung/Globalisierung und Verwissenschaftlichung sind diese Anführungszeichen etwas Wesentliches geworden im Umgang mit Texten. Lassen wir es mal dabei. Gibt es Bemerkungen dazu?

Fallbeispiel Unibrennt-Bewegung

Dann komme ich zu einem Fallbeispiel, für das ich mich bei denen entschuldigen muss, die das schon gesehen haben, was ich ihnen jetzt zeige. Dieser längere Videoclip ist für die Thematik von mündlich-schriftlich-elektronisch muss ich ihnen den einfach zeigen, es geht nicht anders. [siehe: [4]; Technische Inkompatibilitäten machen die Wiedergabe unmöglich]

Dann erzähle ich ihnen eben, was passiert ist. Es geht um eine Vorlesung am 22.10. 2009 von Gerhard Gotz im Hörsaal I im NIG. In dieser Vorlesung hat er auch die Vorlesungsunterlage zur Verfügung gestellt und er ist gerade dabei, diese Texte hier vorzutragen, in einer freien Version. Das ist also das Moment der Schriftlichkeit, das an dieser Stelle ist. Er spricht: Die Reflexivität ist die Allgemeinheit des Ichs, hat ihre konkrete Wirklichkeit im Zusammenwirken von Menschen durch sprachliche Verständigung, über Gedanken gemeinsame Werte. Das Ich kann statt zum Egoismus auch zu einem in der Gesellschaft wirklichen und Menschenverbindend-wirksamen Gedankengebäude reifen. Er spricht davon, dass diese verbindliche gemeinsame gedankliche Konstruktion eine Art Ideologie ist, neutral gesprochen jetzt Ideologie als eine Konstruktion, die auf einer Metaebene (einer höheren abstrakten Ebene) Handlungsmöglichkeiten vorzeichnet, wie z.B. Religionen, Sozialismus, Nationalismus, Rassismus,… Und jede von diesen Ideologien, sagt er, wendet sich an einzelne Personen, um die Personen in die Lage zu versetzen, bestimmte Argumente für ihre Sicht der Welt zu liefern. Das Manko jeder Ideologie ist allerdings, dass ihre Argumente auf Grundlagen beruhen, die in der Ideologie selber nicht mehr argumentierbar sind, sondern einfach axiomatisch vorausgesetzt werden. Ihre Überzeugungskraft entsteht daraus, dass Ideologien einen Widerhall hervorrufen in der Gruppe der Leute, die dieser Ideologie sich anschließen und nicht eine nüchterne, sachliche Argumentation, abgesehen von solchen weltanschaulichen Geschichten. Und als er gerade dabei ist, hier von diesem möglichst großen Widerhall zu sprechen, gibt es eine Störung, eine Interruption. Es brechen ungefähr 40-50 Studierende in die Vorlesung ein mit lautstarken Sprechgesängen: „Bildung für Alle“. Es ist nämlich genau der Donnerstag, an dem das AudiMax besetzt worden ist. Und an dem der Versuch unternommen wird von dieser Gruppe von Studierenden, sich die anderen Hörsäle auch auszusuchen als Orte der Verständigung, der Information und der Versuch, an diesem speziellen Ort ist der, die Vorlesung zu beendigen und gemeinsam in das Auditorium Maximum zu der Besetzung zu kommen.

Es ist ein bisschen kläglich ihnen das erzählen zu müssen, anstatt dass sie sehen, wie das gelaufen ist. Andererseits gibt es an der Stelle auch keine 1:1-Zuordnung und sie schauen es sich vielleicht tatsächlich besser alleine an, um ihre Schlüsse zu ziehen. Der wichtige Punkt, warum ich das vor Augen führen möchte, ist der, dass hier durch die persönliche Präsenz und - wie sie dann sehen in diesem Video - auch einfach das Reden-halten von ausgezeichneten Personen, die auftreten wie im alten Athen. Also sowohl Gerhard Gotz hat einen meisterlichen Auftritt und der Sprecher der Abgesandtentruppe hat ebenso einen meisterlichen Auftritt dort. Und wie es auch in der antiken Tragödie ist, ist rechts und links vom Hörsaal I der griechische Chor aufgestellt, der mit den nötigen sprechchorartigen – ein bisschen grölenden – Lauten dem Ganzen den richtigen Rahmen verleiht, sodass das eine überzeugende Demonstration von Mündlichkeit im politischen Kontext wird. Die dann interessanterweise allerdings dorthin führt, dass die Eindringlinge – um es so zu sagen – sich bereiterklären eine Abstimmung durchzuführen, ob jetzt die Vorlesung als beendet erklärt wird oder ob die Vorlesung weiter gemacht werden soll und die Mehrheit, die ganz eindeutige Mehrheit der Anwesenden stimmt für Fortsetzung der Vorlesung.

Das führt dann dazu - und da bin ich beim nächsten Punkt und was ich ihnen in dem Fallbeispiel zeigen möchte, ist die gegenwärtige, aus der jetzigen Zeit her betrachtete Durchmischung dieser Momente. Ich habs ihnen von der Abfolge historisch ein bisschen gezeigt, also mündlich-schriftlich-elektronisch bin ich ja doch auch elektronisch, und da wollte ich ihnen nun zeigen, wie diese Sachen ineinander greifen. Als also die Abstimmung durchgeführt ist und klar ist, die haben sich danach auch verpflichtet, dass die Mehrheit dagegen war, die Vorlesung zu beenden, da wollen sie noch zumindest etwas: einen Forderungskatalog verlesen. Eine Verlesung, die aufbaut auf einem Text, den sie haben! Dieser Text, der steht hier [vgl. [5]]. Das ist jetzt nicht genau derselbe Text der dort verlesen worden ist, aber ich zeige ihnen den Text trotzdem aus einem Grund, der gleich deutlich werden wird, der auch etwas mit mündlich-schriftlich-elektronisch zu tun hat. Das ist der allgemeine Forderungskatalog der Universität Wien, der dann beschlossen worden ist und ich scrolle und scrolle und scrolle. Es sind ganz schön viele Forderungen hier. Worauf ich sie aufmerksam machen will, ist, dass diese Art von Forderungskatalog ein komplettes Hybridprodukt ist zwischen mündlich-schriftlich-elektronisch. Es würde in einer Zeit, in der es keine Webpages gibt, in der es die Möglichkeit von der ich dann noch weiter reden will nicht gibt, nicht möglich sein und es ist nicht geschehen, dass sie einen 15-seitigen Forderungskatalog aufstellen, den sie für ihre politische Aktion vorsehen. Das wäre ein ganz anderer Typus von Dokument. Die Tatsache, dass sie hier einen Forderungskatalog haben, der wirklich Seiten um Seiten geht, hängt damit zusammen, dass sie in diesem elektronischen Medium, um das es hier geht, ganz leicht akkumulieren können. Also ohne Schwierigkeiten einfach weitere Forderungen hineinstellen können. Es kommt noch jemand mit einer Forderung, ja gut, dann tu ich das auch noch hinein. Das kostet kein Papier, keine Zeit und wir haben alles zusammen. Was an dieser Stelle durch diese Art von Forderungskatalogen verloren geht, ist, dass die Effektivität von Forderungskatalog im mündlichen Zusammenhang, in dem die dann da vorgetragen werden, eine andere ist, abhängig von Editionstätigkeit und Editionstätigkeit heißt kürzen, komprimieren, pointieren. Das heißt eine Arbeit am Text. D.h. an dieser Stelle schriftliche Texte so zu verfassen, dass sie in einen mündlichen Kontext vorgelesen und plausibel gemacht werden können. Das ist etwas, was in dieser Art von Forderungskatalog dann verloren gegangen ist.

Eine kleine Bemerkung noch über etwas, was ich dann noch im Weiteren jetzt ein bisschen ausbauen möchte, bevor ich zu dem hier komme, was ich mündlich-schriftlich-elektronisch genannt habe. Ein kleiner Hinweis auf eine elektronische Verarbeitung von dem, was der Gerhard Gotz gemacht hat, und zwar nicht im politischen Rahmen, nicht in dieser politischen Ausprägung auf die ich jetzt dann im Weiteren gleich kommen werde, sondern eher im Zusammenhang der Dokumentation und der Wiederverarbeitung von Vorlesungsmaterial. Der Grund, warum ich dieses Gotz-Video überhaupt habe, ist, dass ich die Ringvorlesung, um die es sich da handelt, im Rahmen eines Seminars aufgenommen habe. D.h. ich habe alle Vortragenden aufgenommen und wir haben im Rahmen dieses Seminars die Aufgabe uns gestellt, diese Vorlesung multimedial aufzuarbeiten und zur Verfügung zu stellen, zusammen mit Materialien für diese Vorlesung. Also die Mündlichkeit und die Schriftlichkeit durch die Elektronik in sofern zu ergänzen, dass wir am Web mit einem Flash-Plugin – ich fürchte das Schlimmste, ob das hier geht – die breite dessen, was man mit solchen Vorlesungen machen kann, auf eine neue Art ausprobieren. [Video wird abgespielt; siehe: [6]]

Was ich ihnen zeigen wollte, ist, dass wir mit unterschiedlichen Bildern, mit unterschiedlichen Materialien die Anreicherung einer solchen Vorlesung gemacht haben. Das ist nochmals ein Beitrag zu dem Verschwimmen, also eigentlich ein Teil zu dem, was ich hier oben hatte zwischen Vorlage und Transkription und Diskussion, wo über diese Schiene hier eine Vervielfältigung und Neugestaltung von Textmaterial möglich ist, die wir bisher so nicht gekannt haben. Das dazu.

Elektronik als konstitutiver Faktor der Bewegung

Aber jetzt komme ich zu dem Punkt, den ich heute noch auf jeden Fall andeuten und zu Ende führen möchte. Der hat jetzt etwas mit der politischen Aktion zu tun, die durch die Intervention in der Vorlesung signalisiert ist. Über die Unibrennt-Bewegung kurz gesagt, möchte ich ihnen ein paar Beobachtungen machen. Diese Beobachtungen haben damit zu tun, dass die Unibrennt-Bewegung auf eine Art und Weise eine politische Intervention ist, die nur über Elektronik möglich gewesen ist, so wie sie abgelaufen ist. Und die Elektronik hat in dieser Bewegung eine ermöglichende Rolle gespielt, die über das hinausgeht, was traditionelle Protestbewegungen trägt, die in Besetzungen eines Ortes und in Interventionen in bestimmten Universitätslehrveranstaltungen Bestand haben. Es gibt aber für diese Unibrennt-Bewegung klassischerweise auch ein Buch, schon in der 2. Auflage, in dem das alles dokumentiert ist und dieses Buch erlaubt es auch nachzuvollziehen, welche Motive, Erfahrungen, Bewegungen es gegeben hat von den Aktivistinnen und Aktivisten. Es wird sehr deutlich von allem Anfang zweierlei: Einerseits, dass die Unibrennt-Bewegung sich selber verstanden hat als eine Bewegung der gegen eine Ökonomisierung von Hochschulen, dass Universitäten nicht mehr nur wie Unternehmen geführt, sondern so ungeformt werden, dass sie sogar von Unternehmen geleitet werden können. Eine Entwicklung, die den Prinzipien der alles umfassenden Privatisierung und Kommodisierung des neoliberalen Kapitalismus entspricht. Kleine Nebenbemerkung: Dass der Bologna-Prozess die systematische Beseitigung demokratischer Strukturen mit sich gebracht hat, ist einfach ein Fehler. Das war das UG2002 und nicht der Bologna-Prozess, der hat nix direkt mit der Reorganisation der österreichischen Hochschulen zu tun. Das ist sozusagen ein Prozess im Zusammenhang der Studiengestaltung und nicht der organisationstechnischen Fragen in einer Universität. Aber wie auch immer.

Wenn da UG2002 stünde ist klar, was sie meinen. Es gibt eine Privatisierung, eine Umwandlung von Universitäten in unternehmensartige Zusammenhänge und das nächste was gesagt wird, ist, dass die Internet-Möglichkeiten, das, was das Internet zur Verfügung stellt, für die Studierendenproteste eine gewisse Analogie darstellt. Dass es eine gewisse Affinität und Nähe gibt zwischen dem Internet, welches keine hierarchischen sondern heterarchische Verhältnisse hat, das nicht nach einer Kommandozentrale läuft, sondern das Ablehnung der Zentralisierung, Stärkung des selbstbestimmten Handelns, höhere Eigenverantwortung aller Beteiligten. Das ist eine Struktur, die sich nahe legt über die Netzorganisation, die wir aus dem Internet kennen und diese Netzorganisation, die wir im Internet kennen, ist an die Seite gestellt der solidarischen Kooperation der Studierenden und ist entgegengestellt der Hierarchie einer firmenartig organisierten Kommandostruktur. Das ist eine Logik, die in dem was ich bis jetzt gesagt habe, so rein passt, dass man sagen kann: Die bisherigen, eher traditionellen Besetzungen des AudiMax, studentische Protestaktionen, die mit Demonstration auf der Straße und im Hörsaal zu tun hatten, sind jetzt erweitert und ausgebaut in einem Kontext des Internets und das Internet ist dein Freund – sozusagen – weil das Internet eine ähnliche Struktur hat, wie diese Art von Kooperationsstrukturen. Und dazu will ich sagen, dass die medientechnisch und auf Schriftlichkeit abzielende Betrachtung der Verhältnisse so aussieht, dass man sagen kann: Anders als das Fernsehen, das vom Effekt her ein Analogmedium ist, ein Bild-Analogmedium, das über Broadcasting aufgenommene Bilderszenen usw. an die Menge verteilt, aus bestimmten Sendestationen kommend, ist das Internet tatsächlich – das ist sozusagen ein neues Massenmedium, das nicht mehr in diesem Sinne Broadcasting ist, sondern ein Web von Zusammenhängen – und was dafür jetzt medientheoretisch sehr wichtig ist, ist, dass dieses Web von Zusammenhängen, das in dieser Weise nicht hierarchisch funktioniert, in einem ganz entscheidenden Sinn auf Texten basiert, d.h. auf den Internetprotokollen, auf der Übermittlung von Datenmaterial. Diese Daten können natürlich Audio- und Videodaten sein, aber wenn sie sich z.B. die Organisation des WWW ansehen, und es geht nicht nur ums WWW sondern auch um eine große Reihe von anderen Internetprotokollen, z.B. FTP oder Chat-Protokolle oder so was, ist der entscheidende Unterschied, zwischen dem was im Fernsehen passiert und dem was im Internet passiert, dass in Internetprotokollen schriftlich festgelegt ist, was die Regeln des Datenaustausches über eine beliebig breite Netzstreuung sind. Wenn sie sich den einfachsten Fall ansehen, bei E-Mails z.B. - aber HTML und Browser funktionieren genauso – sie haben Kommunikation zwischen zwei Mailservern, der eine Mailserver wendet sich per Text – natürlich elektronisch, aber elektronisch vermittelt mit einer Textmassage – an einen anderen Mailserver, und wenn sie sich das Protokoll ansehen, sagt der: Hallo, ich bin so und so, wer bist du? Und es geht hin und her. Das läuft so ab, sie können das sozusagen mitschneiden, zwischen den beiden Webservern entsteht ein schriftlicher Austausch innerhalb dessen, Metakommunikation läuft wie z.B. Hast du eine Benutzerin mit dem Namen XY? Wenn der Webserver mit dem Namen der Benutzerin XY hat und es geht schriftlich dort hin, dann kommt die Antwort: Ja, habe ich! Dann schieß mal los… Dann kommt vom anfragenden Mailserver die Textmassage, die an diese Person geschickt werden soll, und am Ende der Textmassage: So, das ist jetzt alles. Und der andere sagt: Over and out - und solche Sachen. Over and out ist jetzt schon wieder mündlich. Aber was de facto passiert, ist, dass die Rituale und die Abfolgen dieser mündlichen Kommunikation in einem Protokoll verschriftlicht und standardisiert die Basis dafür sind, dass wir E-Mails haben und zwischen einem Webserver und den einzelnen Browsern, die den Webserver ansteuern, funktioniert im Prinzip dasselbe.

Das zur Illustration deswegen, weil ich ihnen sagen möchte, dass der dritte Teil meines Vorlesungstitel „Die Elektronik“, dass die in einem engen Zusammenhang zur Schriftlichkeit steht, allerdings Schriftlichkeit mutiert in einen neuen Zusammenhang, der sich durch das Internet ergibt.

Ich setze meinen Duktus an der Stelle nun so fort, dass ich ihnen in dem speziellen Beispiel zeige, wie diese belebende Wirkung der Elektronik in der politischen Situation zu sehen ist. Sie werden sich vielleicht erinnern, wenn sie selbst ein bisschen zugesehen und das bemerkt haben, dass die Effektivität der Unibrennt-Plattform extrem hoch war. Was passiert ist: Nach 3 Tagen Besetzung ist eine fix und fertige Website entstanden. Diese Website hat den gesamten Stand der Technik enthalten, der heutzutage zur Verfügung steht. Ich sage es an meinem Beispiel im Zusammenhang mit der Initiative Transparente Wissenschaft Österreichs, wo ich ein bisschen beschäftigt war vor einer Woche. Es braucht im Prinzip einen halben Tag, um mit einer politischen Aktion eine Website zu gründen, eine Initiative zu gründen und an die Presse zu gehen, und am nächsten Tag ist man in den Schlagzeilen und das Fernsehen kommt. Interessanterweise geht es mittlerweile umgekehrt. Zuerst macht man den Wirbel mit Websites und Announcement. Da steht überhaupt nix anderes dahinter, als 2 Stunden irgendwas einrichten und was hinschreiben. Dann macht man eine Pressemitteilung und wenn man die richtige Thematik findet oder so, dann hat man auf diese Art und Weise schlagartig - und oft auf eine unglaubliche neue Weise - eine Öffentlichkeit erzeugt. Ich habe das mit dieser Unibrennt-Plattform ein bisschen miterlebt. Sofort an der Stelle gibt es Links zu allen anderen Protestbewegungen. Es gibt Wikis, Blogs, Livestreaming. Es haben die Studierenden an dieser Stelle die Fähigkeit der Universitätsleitung mit Livevideos umzugehen um ein bedeutendes überstiegen! Die Universität war dazu schlicht und einfach nicht in der Lage, das zu machen, während die Studierenden damit sehr leicht umgehen konnten. Ums einmal ein bisschen zugespitzt und scharf zu sagen: Diese Bewegung war mindestens zur Hälfte, eher mehr als zur Hälfte, getragen durch den Response am Netz. Es ist eine Situation entstanden, die anders gewesen ist, als in früheren Situationen, in denen man einen Ort besetzt – das hats auch schon gegeben und dieser Ort war dann ein befreiter Ort, in dem man Vorlesungen oder Interviews halten konnte, das hat auch schon stattgefunden – aber die Effektivität der Bewegung ist an der Stelle nicht einfach nur vom Ort bestimmt gewesen, von den Leuten die dort sind, sondern von der Rückmeldung, von der Solidarität und nicht nur einfach Solidarität, man muss sagen von der Neugierde ganz einfach, von dem was da passiert am Netz. Die typischen Meldungen diesbezüglich sind die: ‚Schon 1000 Mitglieder bei Unibrennt und Facebook’; oder: ‚Bei Twitter ist Unibrennt der zweitgrößte Event Österreichs.’ Das heißt, hier hat sich eine politische Bewegung wesentlich auch dadurch charakterisiert, dass sie den Effekt in den elektronischen Datenmedien hat, und das hat seine Vorteile und Nachteile, das ist jetzt das Letzte, was ich ihnen dazu sagen möchte. Denn die beiden Dinge, die ich hier zur Verfügung gestellt habe, sind auf der einen Seite die Homepage der ÖH zum damaligen Zeitpunkt, aber sie schaut heute noch nicht so viel anders aus; und die Unibrennt-Homepage. Und wenn sie sich daran orientieren, dass sie nicht einfach Oberfläche schauen, sondern ein bisschen unter die Haube dieser Bewegung und sich fragen, was sind denn die Bedingungen, dass diese Effektivität so funktionieren kann? Dann ist ein Hinweis auf diese Bedingungen der Folgende - das wissen sie mittlerweile von Wikileaks auch: Das alles kann nur funktionieren, wenn es diese Einträge gibt, die ich ihnen da hineingespielt habe. Das ist einfach ein ganz prosaischer Text, den sie genauso studieren können wie die Septuaginta – nebenbei bemerkt. Es besteht einfach der Zusammenhang, dass das textbasierte, für Fachleute lesbare, extrem effektive Hintergrundschriften sind, für das, was sich dann auf der Homepage jeweils abspielt. Und sie haben hier eine Abfrage, in der ich wissen wollte: Ich gebe die Adresse ein www.oeh.univie.ac.at und ich möchte wissen, wer fühlt sich dafür verantwortlich? Und dieses ‚wer fühlt sich dafür verantwortlich?’ heißt, jede Person in der Welt, die von der ÖH-Wien etwas wissen will, ihre Website z.B. adressieren will, muss sich, damit sie dort hin findet, in das allgemeine Wegweisersystem einpassen und dieses Wegweisersystem macht fest/fertig, dass der Name oeh.univie.ac.at zugeordnet ist einem Server, der heißt – nicht heißt, sondern er hat die IP-Adresse – 131.130.70.17 und dort auf dem Server sind die Programme und Zuständigkeiten für oeh.univie.ac.at und dort läuft auch der Webserver, der das hier macht. Das als Beispiel dafür, wie Schrift dem unterliegt, was sie hier an schönen Bildern sehen.

Aber ich habe noch eine zweite Nebenidee, warum ich ihnen das hier zeige. Weil diese 131.130.70.17-Adresse ist unter der Verwaltung der Universität Wien. Also diese IP-Adresse gehört zur Universität Wien und anders gesagt: Das ist der Zentrale Informatik Dienst, der dafür verantwortlich ist, dass Adressen der Universität Wien zur Verfügung gestellt werden und diese einfache Tatsache weist auf einen politischen Zusammenhang hin. Dieser Zusammenhang ist der, dass die ÖH per Gesetz eingerichtet ist als eine Institution, die es an der Universität Wien geben muss und darum ist die normale IT-Verwaltung auch zuständig für das Providing der Mail-Adresse und der DNS-Einträge der ÖH. Ganz genauso – ich sage das jetzt punktuell für diesen Zusammenhang – schaut die ÖH-Page auch aus, nämlich eingepasst und brav, um es mal so zu sagen. Service-Providing im Rahmen des Gesetzes für die Studierenden der Universität Wien. Auf der anderen Seite die Unibrennt-Geschichte. Was haben wir hier? Philipp Schmidt, Purkersdorf, Austria; eine Firma. Das ist also nicht an der Universität Wien gehosted, obwohl der Computer – ich habe das dann in einem Vortrag in dem ich auf diese Sachen zu sprechen gekommen bin gesagt – auf dem die Unibrennt-Seite steht, steht erst wieder an der Universität Wien, aber die Besonderheit, die ich hier herausheben möchte, ist die, dass das Ding hier sozusagen außerhalb des Zugriffs einer Universitätsverwaltung (einer Zentralverwaltung) ist. Und diese Unabhängigkeit ist möglich am Netz und ist möglich durch die vorhandene Vernetzung von Datenprovidern, sagen wir es mal so, und natürlich von DNS-Einträgen in unterschiedlichen Geschichten. Worauf ich aber jetzt weiter kommen möchte, und das ist meine politische Skepsis, die sich an dieser Stelle jetzt auch ausbreitet. Erinnern sie sich an die Aussagen, dass das Web mit seiner Vielfältigkeit besser geeignet ist zum Abbilden und zum Umsetzen von kooperativen, selbstbestimmten Strukturen. Wenn man sich die Unibrennt-Seite ansieht, was da alles drinnen ist, dann sieht man, dass da ganz schöne Anzahl von Kommerzunternehmen mit drinnen eingebaut ist. Allen voran Google-Analytics. Es ist halt unglaublich praktisch, wenn man automatisch eine Analyse des ganzen Webtraffics für diese Seite hat, die man entsprechend verwenden kann, die bereitgestellt wird – zwar gratis, aber doch von Google. Sie haben diesen kleinen Junk, dieses Skriptjunk ist genommen aus der Homepage von Unibrennt, das ist ja auch so ein typischer Text, der an der Stelle etwas bewirkt, also Schrift, und dazu die Beschreibung von dem, was das Google-Analytics an der Stelle leistet. Warum ich ihnen das vorstelle hat nun – abschließend, sage ich jetzt mal - den folgenden Grund, weil ich sie darauf aufmerksam machen möchte, dass politische Verhältnisse im Zusammenhang mit Mündlichkeit und Schriftlichkeit so wie wir es jahrhundertelang in den europäischen Zusammenhängen kennen - also ein Manifest und eine Volksmasse, ein Umsturzversuch und Gegengewalt -, dass diese Form der Interaktion von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eine Form von politischer Repräsentation mit sich gebracht hat, über die französische Revolution, wenn sie eine ganz markante Episode haben wollen. Die Volksmassen stürmen die Bastille, sie führen eine repräsentative Nationalversammlung ein. Diese Nationalversammlung beschließt eine Verfassung. Nach dieser Verfassung organisiert sich der Staat. Diese Verfassung gibt also die Gesetze wieder. In dieser politischen Ordnung gibt es allgemeine freie Wahlen. Diese Wahlen resultieren darin, dass es Leute gibt die sprechen, die Abgeordnete sind, die Gesetze diskutieren, die in einem Rhythmus wieder gewählt werden. Also unsere ganze politische Ordnung basiert auf der nationalstaatlich-körperlich konstitutionellen Mixtur von… Es handelt sich um einzelne Personen in einem Landstrich, die nach einer Verfassung ihre politischen Anliegen regeln. Das ist, was wir kennen. Ich erzähle ihnen nichts Neues.

Durch die Möglichkeiten, die da angedeutet sind und die ich ihnen mit Unibrennt halt ein bisschen exemplifizieren wollte, aber in der ersten Stunde habe ich schon gesagt, das sind Facebook- und Twitterrevolutionen, ergibt sich plötzlich ein gänzlich neues mögliches politisches Spektrum. Wir wissen noch nicht, wie das genau geht. Aber das geht weit über das Nationale, weit über die persönliche Präsenz einzelner Leute, die mündlich da vorhanden sind. Es wird vermittelt über Livestreaming, das überall hin geht! Das führt zu Wellen von Solidarität, die auf der einen Seite eindrucksvoll und gigantisch sind; auf der anderen Seite aber sehr wenig beständige Substanz haben oder haben können. Und diese Form von neuer Politik – und das ist meine spezielle Pointe im Zusammenhang mit Unibrennt – wischt in einem gewissen Sinne die gesamten Repräsentationsstrukturen weg. Das konnte man sehr gut sehen im Vergleich zwischen ÖH und Unibrennt, weil nämlich die Unibrennt-Bewegung es gerade zu einem Leitsatz gemacht hat, zu sagen: Wir machen keine repräsentative Demokratie! Wir schicken keine Gruppe zum Rektorat, um mit dem was auszuhandeln, was dann für die weitere Gestaltung der Universität sinnvoll sein könnte. Das sind wir nicht. Warum ist das nicht geschehen von Seiten Unibrennt? Es gibt nach meiner Interpretation einen ganz handfesten, einfachen Grund: Die waren großartig genug. Die waren mit dem, was sie da aufgespielt haben, mit dem Feedback, mit den Livestreams, mit der bis ins unendliche verlängerbaren Forderungsliste, waren sie eine Sache on their own. D.h. die haben sich nicht die Mühe gemacht, die Einengung in bestimmte politische Forderungen und die Konzentration auf einzelne Sprecherinnen und Sprecher durchzuführen, weil die technischen Umgebungen ihnen möglich gemacht haben, alles das, was sie wollten, sowieso durchzuspielen. Überlegen sie es sich im Hinblick auf traditionelle politische Figuren. Ich nenne ganz schlagwortartig so was wie Gandhi, Nelson Mandela, Martin Luther King,… Die politischen Aktionen, die man mit denen verbindet, sind zutiefst verankert in der ersten Form von Aktivität, nämlich diese Leute mussten auftreten. Die mussten sprechen, die sind interviewt worden, die sind eingesperrt worden. Aber was eingesperrt worden ist, war diese Person. Und der Protest hat quasi den Namen dieser Person gehabt. Und als diese aus dem Gefängnis entlassen worden ist, als diese Form von politischer Aktion in den Medien wahrgenommen worden ist, war gänzlich klar, an wen sich das Fernsehen richtet. Nämlich die wollen ein Interview mit Martin Luther King oder mit Nelson Mandela, in deren körperlichem Einsatz sich diese politische Aktion organisiert hat. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend wichtig zu sehen, dass es das schlicht und einfach nicht gegeben hat. Die Logik der Konstitution der Unibrennt-Bewegung, aber auch der Tunesien-Bewegung, der Ägypten-Bewegung, in Libyen wird man sehen, hat keine Sprecherin oder keinen Sprecher an der Stelle. Das hängt mit diesen neuen Methoden zusammen.

Diskussion

3 Minuten zur Diskussion haben wir noch.

Student: Kann man bei diesen elektronischen Bewegungen nicht sagen, dass sie auch einen blinden Fleck haben, insofern, - Sie haben das eh angedeutet - dass sie wenig beständige Substanz haben? Dass es eigentlich bei politischen Bewegungen sinnvollerweise darum gehen müsste, eine Form von Herrschaft zu etablieren, das sich eben nicht rein elektronisch machen lässt?

H.H.: Das ist eben mein Bedenken, mein Kommentar zu dem, was ich sagen möchte, wenn die Unibrennt-Leute sagen, sie sind so affin zum Web. Es gibt neue Arten von Kooperation, die unerhört sind, aber einfach zu glauben, dass wir das was wir haben ersetzen können durch diese neuen Formen, das kommt mir deutlich zu schnell vor und nicht umsonst – das würde ich auf ihre Frage sagen – was ist passiert im Sinne/Verlauf der Unibrennt-Bewegung: Für die Unibrennt-Bewegung gibt’s den Jahrestag und ein Buch. Die Unibrennt-Bewegung hat nix bewirkt in Hinblick auf die Forderungen, als Unibrennt-Bewegung. Was sie aber sehr wohl bewirkt hat, und das passt glaube ich genau zu dem, was Sie sagen, ist: Dass die Leute, die in den Hierarchien sitzen, d.h. Rektorat, Senat, Curricular-Kommision und die ÖH, dass die sich gedacht haben: Ah, da ist irgendwas falsch. Und sie haben eine kleine Verbesserung durchgeführt. Z.B. war eine Forderung, dass man die Erweiterungscurricula abschafft. Eine ganze Reihe von ihnen würde hier nicht sitzen, wenn die abgeschafft wären, aber der Effekt, der durch die Unibrennt-Bewegung entstanden ist, ist, dass der Senat beschlossen hat, Ende des vergangenen Studienjahres, 15 ECTS-Punkte der Erweiterungscurricula kann nun frei gewählt werden. Das ist die interessante Bewegung darüber, was da passiert. Dass der Senat so was beschließt, ist nur möglich aufgrund dessen, dass es repräsentative Strukturen gibt und diese repräsentativen Strukturen sind in der alten Ordnung eingebaut, die sind per Gesetz eingerichtet und die erlassen selber Gesetze und die sind alles andere als elektronisch leicht mobilisierbar. Aber das heißt dann gleichzeitig: Das sind die, die längerfristig und nachhaltig reagieren, aber die brauchen diesen Impuls.

Einwand eines 2. Kollegen: [Beginn ist kaum verständlich] Es ist wahnsinnig viel diskutiert worden. Das ist eine Repräsentationsform. […] Durch die vielen Splittergruppen, die alle etwas anderes wollten, die einfach gesagt haben: Da ist eine großartige Bewegung im Gange, aber mir ist das oder jenes wichtig und die Technik hat eben die Möglichkeit gebracht, dass jeder seine Ziele eigentlich einbringt, aber man kann nicht mehr entscheiden: Das ist unser Ziel. Es hat also eigentlich nie dieses gemeinsame Ziel gegeben und dadurch kann man auch keine Repräsentativität schaffen.

H.H.: Ich glaube nicht, dass das dagegen ist. Ich glaube es ist noch eine bessere Analyse als das, was ich gemacht habe. Ich würde ein bisschen noch verschärfen: Darin sehe ich gerade das Problem. Die Technik bietet etwas Unglaubliches an, an der Stelle. Nämlich die Möglichkeit einer Einheit, einer Superiorität, einer Expertise, die die Uni ja einfach nicht bessessen hat. Und unter diesem Aspekt ist das etwas Faszinierendes, Interessantes und etwas Mobilisierendes. Die Frage, die ich stellen will ist jetzt nur: Wie steht die Mobilisation, die sie jetzt da selber beschreiben, die aber nicht in der Lage ist, den wirklichen Verhandlungsprozess zwischen den verschiedenen Gruppen, die da etwas wollen, zu beeinflussen. Weil in einem gewissen Sinn sagen sie als Videoingenieur oder Soundingenieur, ich kann ihnen zwar eine gute Leitung geben, aber ich bin nicht dafür verantwortlich, wie die Leute dann auf dieser Leute miteinander reden und ihre Sache ausdiskutieren. Die Besonderheit ist aber die: Die Tatsache, dass es da eine gute Leitung gegeben hat, das war ja wesentlich für den Erfolg der Geschichte und ich will nichts anderes als die Spannung zeigen.

3. Student: Glauben Sie denn, dass sich eine Protestbewegung Strukturen der kritisierten Herrschaftsform quasi aneignen muss, um überhaupt effektiv zu sein? Auch in der Medialisation sozusagen, weil sie sich vielleicht in einem Raum bewegt hat, der gar nicht vergleichbar war mit der Rezeptionssituation [?] des Vorstandes oder der Uni-Leitung. Die Anpassung war nicht da und deshalb hat sich’s vielleicht ein bisschen verlaufen – oder?

H.H.: Könnte sein. Ich bin da auch ein bisschen von zu weit außen. Ich habe ein – wie soll ich sagen – gewisses Vorurteil gerade auch in dieser Frage, gerade auch deswegen, weil ich stark Teil des Universitäts-Managements war und einerseits mit Faszination, andererseits mit Entsetzen geschaut habe, was da plötzlich ausbricht. Ich traue mich nicht es zu beantworten.

4. Student: Wo sehen Sie die Parallele da zu Google-Analytics und Twitter und solchen Sachen? Oder finden Sie es eher ironisch, dass man das verwendet?

H.H.: Ich kritisiere einen Punkt. Ich finde es ironisch, dass die Bewegung gegen die Kommerzialisierung und Ökonomisierung und Neoliberalismus auftritt und Google und Facebook und Twitter mit die größten US-Provider sind. Das will ich ins Bewusstsein führen. Ich sage jetzt mal nicht, dass das nicht möglich ist. Ich will nur darauf aufmerksam machen, dass man da einen gewissen Bedarf hat zu erklären.

Weiterer Beitrag des 2. Kollegen: Ich kann da kurz was zum Livestream beitragen. Wenn wir dies nicht werbefinanziert hätten, dann hätte es um die 70.000 bis 100.000 Dollar gekostet, was eben nicht möglich gewesen wäre. Selbst wenn die ÖH gesagt hätte: OK, 100.000 geben wir; das wäre dann allein für den Livestream weg gewesen. Man hat es natürlich kritisch gesehen, aber man sah eben: Man hat die und die Möglichkeit…

H.H.: Meine Intervention dabei wäre: Ok, das ist die Möglichkeit, das soll man machen. Aber dann soll man auch eine Anmerkung machen unter diese Form von Aussage wie: ‚wie Unternehmen, von Unternehmen, allumfassende Privatisierung, Kommodifizierung des neoliberalen Kapitalismus’, das soll man zumindest dazuschreiben. Ich sage nicht, dass das ein Totschlagargument ist.

Direkte Replik: [?] Die Leute, die sich mit der Technik beschäftigt haben, waren teilweise an den politischen Sachen gar nicht interessiert.

H.H.: Ist ja auch in Ordnung, das müssen ja nicht unbedingt enzyklopädische Köpfe sein, die politische Genies sind und gut ausschauen und die Technik beherrschen. Schauen sie sich den Gotz-Film an! Das ist wirklich eine Präsentation von gut ausschauenden Männern, ja?! [Lachen] Tut mir leid, sind keine Frauen dabei!

Das nächste Mal: Auf Platon!