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Es ist immer schwierig Diskussionen - in dieser Vorlesung zumindest -. zu machen, aber ich kann mir vorstellen, dass Sie das eine oder andere fragen wollen.  
 
Es ist immer schwierig Diskussionen - in dieser Vorlesung zumindest -. zu machen, aber ich kann mir vorstellen, dass Sie das eine oder andere fragen wollen.  
  
Frage: Am Anfang zurückgehen - dieses 1:1 übernehme zwischen der unmittelbaren Vorlesung und zwischen der Aufnahme, sagen wir es ist eine Videoaufnahme. Dann ist doch auch der Unterschied, in dem sie jetzt gerade etwas fragen, dann erheben Sie unmittelbar den Anspruch auf Wahrheit. Das ist unmittelbar mit einer Intention verbunden. Und theoretisch kann man darauf sofort reagieren und sagen "das ist ja völlig sinnlos". Und bei einer Aufnahme dann, ist diese unmittelbare Intention nicht mehr gegeben.
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Frage: Am Anfang zurückgehen - dieses 1:1-Übernahme zwischen der unmittelbaren Vorlesung und zwischen der Aufnahme, sagen wir es ist eine Videoaufnahme. Dann ist doch auch der Unterschied, in dem sie jetzt gerade etwas fragen, dann erheben Sie unmittelbar den Anspruch auf Wahrheit. Das ist unmittelbar mit einer Intention verbunden. Und theoretisch kann man darauf sofort reagieren und sagen "das ist ja völlig sinnlos". Und bei einer Aufnahme dann, ist diese unmittelbare Intention nicht mehr gegeben.
  
 
Ich bin sehr dankbar für die Frage, weil sie mir die Möglichkeit gibt, mich ein bisschen zu rehabilitieren für die Antwort, die da ein bisschen außer Kontrolle geraten ist, auf Sie, weil das nämlich damit zusammenhängt. Wenn ich hier stehe und spreche, dann kann ich, wenn ich nicht ständig gleichzeitig grimassiere, gar nicht vermeiden, dass meine Äußerungen als etwas rüberkommen, was ich jetzt hier vorlege, behaupte.  Und das ist etwas anderes, als das, was ein Text macht. Ein Text kann nicht behaupten. Ihre Frage trifft einen total wesentlichen Punkt. Ein Text steht geschrieben. Ein Text alleine kann nicht behaupten. Platon sagt: wie kleine Kinder, die jemanden brauchen, der sich ihrer annimmt. Ein Text braucht jemanden, der sagt: so ist es. Darum habe ich Ihnen die Geschichte erzählt mit der Inspiration von oben, mit dem Gütesiegel. Der Text braucht jemanden, der für ihn einsteht, der ist ein Waisenkind. Platon sagt Texte sind Waisenkinder, weil niemand für sie einsteht. Diese Schwierigkeit habe ich nicht, das kann ich gar nicht. Ich kann diese Neutralität nicht erreichen in normalen Zusammenhängen. Ich könnte natürlich so reden, dass Sie sich fragen, ja meint der das... ich könnte schon Sätze produzieren, aber in der Regel ist das nicht… Und das ist jetzt der Punkt, auf den ich nicht eingehen wollte in der vorherigen Frage. Kulturen, die Botschaften und Bücher haben, die gelehrt werden, die verkündet werden, die stehen genau unter der Bedingung, die Sie sagen, nämlich: Die Sintflut als Teil der hebräischen Bibel ist ein Teil unseres Glaubenssystems und wenn wir glauben an den Bund Israels mit dem Herrn, dann ist diese Sintflut da miteinbezogen. Da gibt es keine Textkritik. Da gibts nicht... Also wenn jetzt jemand kommt und sagt... Kann man sich vorstellen: zweierlei verschiedene Geschichten: Jemand kommt und sagt: ich war da jetzt etwas Ähnliches in einer präschriftlichen Kultur. Sag ich, vielleicht haben sie es von uns abgehört oder so was Ähnliches. Die Tatsache, dass die Nachbarn ein bisschen etwas Ähnliches erzählen, muss mich nicht wirklich kümmern in meiner mündlichen Kultur. Wenn jetzt aber wir uns hinsetzen auf den Tisch und die beiden Schriften vergleichen: was steht da über die Sintflut und was steht da über die Sintflut, dann sind wir in die Schriftkultur. Dann sind wir auch nicht in der Situation, wo das behauptet wird, sondern wo wir vergleichend, wissenschaftlich tätig sind.  Beide Fragen weisen darauf hin, was ich nicht so ausbuchstabiert habe, dass Wissenschaftlichkeit, im Sinn eines verobjektivierenden Vergleichsverfahrens zwischen Skripten, Transkripten,  Berichten, objektivierenden Berichten - Wissenschaft in diesem Sinn gibt es nur durch diese Art von Aufzeichnungsmethode.
 
Ich bin sehr dankbar für die Frage, weil sie mir die Möglichkeit gibt, mich ein bisschen zu rehabilitieren für die Antwort, die da ein bisschen außer Kontrolle geraten ist, auf Sie, weil das nämlich damit zusammenhängt. Wenn ich hier stehe und spreche, dann kann ich, wenn ich nicht ständig gleichzeitig grimassiere, gar nicht vermeiden, dass meine Äußerungen als etwas rüberkommen, was ich jetzt hier vorlege, behaupte.  Und das ist etwas anderes, als das, was ein Text macht. Ein Text kann nicht behaupten. Ihre Frage trifft einen total wesentlichen Punkt. Ein Text steht geschrieben. Ein Text alleine kann nicht behaupten. Platon sagt: wie kleine Kinder, die jemanden brauchen, der sich ihrer annimmt. Ein Text braucht jemanden, der sagt: so ist es. Darum habe ich Ihnen die Geschichte erzählt mit der Inspiration von oben, mit dem Gütesiegel. Der Text braucht jemanden, der für ihn einsteht, der ist ein Waisenkind. Platon sagt Texte sind Waisenkinder, weil niemand für sie einsteht. Diese Schwierigkeit habe ich nicht, das kann ich gar nicht. Ich kann diese Neutralität nicht erreichen in normalen Zusammenhängen. Ich könnte natürlich so reden, dass Sie sich fragen, ja meint der das... ich könnte schon Sätze produzieren, aber in der Regel ist das nicht… Und das ist jetzt der Punkt, auf den ich nicht eingehen wollte in der vorherigen Frage. Kulturen, die Botschaften und Bücher haben, die gelehrt werden, die verkündet werden, die stehen genau unter der Bedingung, die Sie sagen, nämlich: Die Sintflut als Teil der hebräischen Bibel ist ein Teil unseres Glaubenssystems und wenn wir glauben an den Bund Israels mit dem Herrn, dann ist diese Sintflut da miteinbezogen. Da gibt es keine Textkritik. Da gibts nicht... Also wenn jetzt jemand kommt und sagt... Kann man sich vorstellen: zweierlei verschiedene Geschichten: Jemand kommt und sagt: ich war da jetzt etwas Ähnliches in einer präschriftlichen Kultur. Sag ich, vielleicht haben sie es von uns abgehört oder so was Ähnliches. Die Tatsache, dass die Nachbarn ein bisschen etwas Ähnliches erzählen, muss mich nicht wirklich kümmern in meiner mündlichen Kultur. Wenn jetzt aber wir uns hinsetzen auf den Tisch und die beiden Schriften vergleichen: was steht da über die Sintflut und was steht da über die Sintflut, dann sind wir in die Schriftkultur. Dann sind wir auch nicht in der Situation, wo das behauptet wird, sondern wo wir vergleichend, wissenschaftlich tätig sind.  Beide Fragen weisen darauf hin, was ich nicht so ausbuchstabiert habe, dass Wissenschaftlichkeit, im Sinn eines verobjektivierenden Vergleichsverfahrens zwischen Skripten, Transkripten,  Berichten, objektivierenden Berichten - Wissenschaft in diesem Sinn gibt es nur durch diese Art von Aufzeichnungsmethode.

Version vom 14. März 2011, 09:29 Uhr

Rohfassung von PW am 11.3.2011. 18:19 Uhr. Hilfe beim Ausbessern von Tippfehlern ist sehr erwünscht!

Ich begrüße Sie zu dieser Vorlesung. Wie soll man sagen? Die Vorlesung wird selber ein Thema sein in dieser Veranstaltung. Bevor wir dazu kommen: noch einmal eine allgemeine Durchsage für alle, die ein bisschen verzagt sind angesichts des elektronischen Anmeldungssystems. Hier sind wieder ein paar Mail gekommen, von Kolleginnen und Kollegen die sagen, sie sind unglücklicherweise erstens nicht angemeldet zweitens sehen sie nicht, wo man sich anmelden kann und drittens (das schreiben sie nicht) ist das ganze sowieso ein Unfug. Es ist ein Unfug und sie können hier einfach teilnehmen. Es ist ein Irrtum gewesen, der Verwaltung, das hier anmeldepflichtig zu machen. Es ist also eine Vorlesung im ganz traditionellen Sinn. Allerdings da muss ich mir auch gleich widersprechen. Ich habe in der Bemerkung jetzt darauf zurückgegriffen, motivmäßig, dass ich und viele andere Vortragende sich nicht gängeln lassen von den neuen elektronischen Möglichkeiten. Vorlesungen sind seit hunderten Jahren in etwa so abgelaufen, wie sie jetzt hier ablaufen. Und zwar mit freiem Zugang: Leute können sich da hinsetzen und so soll es immer sein. Gleichzeitig aber und das ist der Punkt wo ich mich in einen performativen Widerspruch geradezu hineinmanövriere: gleichzeitig ist das, was wir hier machen alles Andere als eine Vorlesung, wie es immer war, rein vom technischen Ablauf her. Darüber habe ich das letzte Mal schon mit Ihnen gesprochen. Nur für die, die das zum ersten Mal hier sehen habe ich noch einmal die Wikiseite aufgerufen, weil mich auch einige Studierende gebeten haben, sie bei der Elearningplattform zu registrieren. Auch das ist ein Fehler beim Amt. Wir operieren mit dem Philo.wiki, welches sie selber mit Inhalt ausstatten können. Ich stelle Ihnen Materialien für die Vorlesung zur Verfügung. Hier haben Sie die erste Seite. Es gibt da mittlerweile schon ziemlich viel. Wenn sie unter "Lehrveranstaltungen" gehen, haben Sie da einen Link zu "mündlich, schriftlich, elektronisch" und Sie haben hier auch schon die erste Vorlesung von der vergangenen Woche, die Sie sich anhören können.

Die Schönheit des Wikis, das wissen viele von Ihnen auch schon, ist, dass das keine Art einfache Plattform zur Widergabe, zur Ablagerung von Dokumenten ist, sondern dass das eine lebendige Bewegung produzieren kann. Und diese lebendige Bewegung, die kann ich Ihnen auch gleich an einem schönen Beispiel heute demonstrieren und nicht ohne das zu verbinden mit der Aufforderung, mit dem Hinweis: hier fehlt noch Ihr Beitrag. Es ist eine Möglichkeit, sich hier vernehmbar zu machen. Ich rufe Ihnen das hier in Erinnerung: Ausgehend von dieser Skizze hier (,die ein bisschen groß angelegt ist, wie kriegt man das hier weg? Sollte es gar nicht geben, diesen Sidebar hier, aber bitte. Das verwundert mich ein bisschen, es muss ein Wikiupdate gegeben haben). Gut, das ist also im Ganzen etwas, wovon ich vorige Woche gesprochen habe. Ich rufe Ihnen kurz die Argumentation ins Gedächtnis zurück. Ich habe gerade damit begonnen, Sie daran zu erinnern, was normale Vorlesungen sind und dann habe ich gesagt: angesichts der technischen Möglichkeiten, die wir heutzutage haben inkl. Tonaufzeichnung inkl. Streaming inkl. Mp3-Codierung haben wir eine gänzlich neue Form der möglichen Zirkulation von Inhalten. Ich habe das über diese 1:1-Zuordnungen Ihnen demonstriert, bei denen ich mir, muss ich jetzt im Nachhinein sagen, nicht allzu viel gedacht habe. Es schien mir, dass das einigermaßen plausibel ist. Ich wiederhole noch die Plausibilität. Zwischen der Vorlesung und dem Streaming der Vorlesung gibt es einen 1:1-Zusammenhang. Das, was ich sage, wird so wie es ist, rübergeschaufelt in die entsprechenden Netze. Es gibt zwischen der Vorlesung und der archivierenden Tonaufnahme eine 1:1-Zuordnung. Es gibt zwischen der Aufnahme und der Transkription eine 1:1-Zuordnung, von der wir hoffen, dass sie doch nicht so 1:1 ist, denn meine Huster und Stotterer sind durchaus entbehrlich. Aber wenn man das einmal ein bisschen einklammert ist das auch eine 1:1-Zuordnung. Es gibt hier einen zunächst einmal überzeugenden 1:1 Umsetzungskreis, der noch unterbrochen wird. Dadurch wird die Sache ein bisschen spannender und im Einzelnen untersuchenswert - weil wenn man immer nur 1:1-Möglichkeiten hätte, dann würde es langsam fad werden. Es gibt eine 1:beliebig-viele Zuordnung zwischen der Vorlage und der Transkription: also zwischen dem, was sie hier sehen und dem, was ich daraus mache, während ich spreche und was sie dann auch in der Transkription sehen. Also die Vorlage um die es da geht, das Vorlesungsmaterial ist nicht 1:1-zugeordnet zu dem was in der Vorlesung dann passiert. Und die Transkription und Diskussion, die Verbreitung der Aneignung der Inhalte ist natürlich auch üblicherweise ... . So habe ich mir das das letzte Mal zurechtgelegt und Ihnen auch dargestellt, allerdings nicht wirklich bestimmte Überlegungen angestellt, die in bisschen tiefer gehen und auf die mich im Rahmen dieser Diskussionsseite (sie sehen hier die Diskussionsseite) hat mich Andreas Kirchner, der diese Vorlesung schon längere Zeit mit Aufmerksamkeit und Beiträgen begleitet, hat mich auf eine Diskussion aufmerksam gemacht, die das ganze noch einmal ein bisschen vertieft und weiterführt und die zurückgreift an die Stelle, an der wir das das erste Mal gemacht haben vor drei Jahren. Und in dieser Situation ist darüber gesprochen worden, dass diese 1:1-Zuordnung, die starre Abbildung des Redeflusses für alle Beteiligten nicht wünschenswert ist. Dass das eigentlich eine gar nicht so erleuchtete Idee ist, weil was ist wirklich der Gewinn, abgesehen davon, dass es natürlich praktisch ist, wenn man eine Prüfung machen will: was ist der Gewinn davon, wenn man ja sowieso schon die MP3-Files hat, dann auch noch zusätzlich zu den Mp3-Files, die man sich anhören kann, wenn man schon historische Forschungen über die hier Vorgetragenen Thesen machen will, dann auch das schriftlich da hat. Was ist da der Profit davon? Diese Frage ist gestellt worden und die Sache, die hier noch extra angesprochen wird von Andreas Kirchner, die geht nun ganz allgemein gegen die These der 1:1-Zuordnung. Denn, und das habe ich Ihnen ganz zuletzt bei der Vorlesung aus dem Auditorium Maximum vorgeführt: Zwar ist es so, dass diese Personen dort etwas vorlesen, was auch als Text vorhanden wäre, was man also auch lesen kann separat von der Vorlesung, aber das ist wieder unmittelbar einsichtig, dass die parodierende Nachahmung des Kärntner Dialekts der beteiligten Leute sich nicht findet in der Transkription. Das heißt, dass die schlichte Darstellung 1:1 "es wird etwas wiedergegeben" eine Vereinfachung ist. Es geht schlicht und einfach etwas verloren in der 1:1-Zuordnung, was sie unter einem bestimmten Aspekt möglicherweise ganz gerne verloren geben. Vielleicht interessiert sie es nicht, in welchem Dialekt das gesprochen ist. Sie wollen sozusagen nur die kriminalistisch-technischen Informationen haben und da ist es sehr egal, in welchem Dialekt die betroffenen Leute sprechen. Wenn sie auf der anderen Seite Dialektforschung betreiben oder sich unterhalten wollen dadurch, dass unsere südlichen Nachbarn ein bisschen runtergemacht werden, dann brauchen Sie unbedingt den Ton. Warum erzähle ich Ihnen das? Es scheint Ihnen vielleicht ganz ganz banal zu sein, es trifft aber genau das Thema der Vorlesung, das ich mit "mündlich-schriftlich" angegeben habe. "mündlich-schriftlich" ist ein Medienbruch, ist ein Wechsel in eine andere Darstellung. Diesen Medienbruch habe ich mir gerade sozusagen unterwandern selber ein bisschen auf die Seite gestellt, in dem ich gesagt habe 1:1. Weil 1:1 überspielt den Medienbruch. 1:1 schaut so aus, als könnte man eine Betrachtungsweise angeben, die hier keine Unterschiede vorsieht. "Das ist doch wirklich das, was der gesagt hat." Welche bessere Argumentation, als dass man das mitgeschnitten hat, hat man, um zu sagen: das ist das, was diese Person gesagt hat? Und es ist nicht zu bestreiten, erstens, dass sie so reden und zweitens, dass sie gute Gründe haben, an vielen Stellen auf diese Art und Weise zu reden. Was wir aber damit übersehen ist diese Wechselhaftigkeit, und diese Wechselhaftigkeit ist insofern auch das Thema dieser Vorlesung, wenn ich Sie zurückerinnere an das letzte Mal: Eric Havelock, der darüber spricht, stellen wir uns eine Kultur vor, in der es keine Transkriptionen gibt, in denen gibt es nur Nacherzählungen. Es gibt immer nur das Gesprochene, das weitererzählt und weitererzählt wird. Und in diesen Kulturen gibt es bestimmte soziale Strukturen, die an der Form von Aufbewahrung und Weitergabe von Kulturgut hängen und die bestimmte Möglichkeiten, mit Kulturinformation, mit Kulturprodukten umzugehen, einfach nicht haben. Und es ist klar, dass die These oder der Titel „mündlich, schriftlich“ natürlich darauf abzielt, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass etwas interessantes passiert, wenn eine neue Form der Aufzeichnung und damit eine neue Form der gesellschaftlichen Beschäftigung mit gemeinsamen Informationen, mit gemeinsamen Vorstellungen auf den Plan tritt und was da auf den Plan tritt ist, wie gesagt, die Schrift. Da kann man sehr ... . Man könnte, wenn man das kultur- bzw. medienhistorisch aufzieht, kann man natürlich die Frage stellen (wir werden ein bisschen darauf zurückkommen): wie ändern sich die Institutionen der Gesellschaft mit der Verfügbarkeit dieser neuen Technologien. Hier spreche ich es nur einmal kurz an; gebe Ihnen noch ein kleines, nettes Beispiel für die dritte Form: das elektronische, weil ich in diesem Bereich jetzt schon bin. Dieses Beispiel habe ich Ihnen in der Diskussionsseite zur Verfügung gestellt und das war etwas, was mich selber verblüfft hat vergangene Woche und was zu dem Thema insofern dazupasst, dass es auf der einen Seite Life-Audio-Events gibt, dass diese Life-Audio-Events in eine dokumentierte Form, in dem Fall in eine Radiosendung, gebracht werden, dass diese Life-Audio-Events Inhalte haben, die man lesen könnte, in diesem Fall handelt es sich um einen Bericht über einen Psychoanalyse-Kongress, wenn man die Referate der Personen hätte, die dort gesprochen haben, dann könnte man diesem Life-Audio-Ausschnitt die Manuskripte an die Seite stellen, um die es da gegangen ist. Und dann gibt es die Ausstrahlung, die Radiosendung, die daraus gemacht wird. Also Radiosendung schon als eine Verarbeitung des Life-Audio-Events. Und diese Radiosendung wird in der Audiothek verfügbar gemacht. Da haben Sie wieder einen Zirkel, den ich einmal als Verschwimmen bezeichnet habe. Sie haben ein Life-Event, das wird aufgezeichnet, es basiert auf einer Textgrundlage. Das aufgezeichnete Material wird wiederum verarbeitet und führt zu einer nochmals Life-Ausstrahlung. Diese Life-Ausstrahlung im Radio Orange wird sozusagen gleichzeitig als ein Audiofile zur Verfügung gestellt und kann jetzt von der ganzen Welt betrachtet werden. Und da ist ein witziger kleiner Widerspruch aufgetreten, den ich Ihnen jetzt hier vor... möchte. Es gibt einen Mailbeitrag auf der Mailingliste:

"Spannendes Thema,

ich hab versucht reinzuhören, aber ich würde gerne über meine eigene Zeit verfügen und wollte die Phasen der Ankündigung und der Musik nicht mit langem Warten überstehen. Könnte man Marker bei dem Player setzen? – für Musik und die Vortragsanteile, bei denen ja nicht mal klar ist, ob sie überhaupt kommen."

Das heißt, es gibt eine Hörerin, die beschwert sich bei den SendungsmacherInnen, indem sie sagt: Wissts ihr was - das ist doch ein Report von einem Kongress, das ist zwar eine Radiosendung, aber die Radiosendung interessiert mich nicht. Ich möchte eigentlich wissen, was dort gesagt worden ist. Wie komme ich dazu, mir die ganze Zwischenmusik anzuhören, wenn ich doch die Inhalte davon haben möchte. Es ist ein bisschen vergleichbar damit: der Andreas Kirchner beschreibt, dass alle die Sachen, die ich hier sage, werden aufgezeichnet, z.B. die Aufforderung die Türen zu schließen, oder das Fenster zu öffnen, oder sich nicht darum zu kümmern, sich zu registrieren, das interessiert die Nachwelt nicht. Das sind sozusagen Dinge, die man mit der 1:1 Aufzeichnung mitnimmt, die man aber nicht haben will in den Zusammenhängen, in denen das in den großen Zirkel reinkommt. Ich mache sie darauf aufmerksam, ich möchte sozusagen Ihr Bewusstsein dafür schärfen, dass in den alten, klassischen Vorlesungsszenarios nichts von dem ein Problem gewesen ist, selbstverständlich. In den klassischen Vorlesungsszenarios sitzen Sie da, schreiben dieses und jenes mit. Wenn Sie bisschen verschlafen haben, bitten Sie eine Kollegin, ob Sie eine Mitschrift kopieren können, wenn wir, sagen wir mal, schon im 20. oder 21. Jahrhunderts sind. Aber die Mitschriften sind Extrakte. Die Mitschriften sind schon verarbeitete Formen und da stehen eben die Beispiele, die ich Ihnen gerade gesagt habe, nicht drinnen.  


Diese Dame, die auf eine liebenswürdige Art und Weise noch in einer ein bisschen nach hinten versetzten Zeit ist sagt: das ist sehr schön, dass wir jetzt dieses Soundfile haben, aber das als Radiofile? Warum muss ich mir das alles anschauen? Worauf Sie ganz verdienter Weise die folgende Antwort kriegt:

"Liebe Frau XXX, Sie können den Marker selbst vorrücken. Man braucht dazu nur die Maus."

und man kann natürlich noch weiter sagen, Sie können das alles ausschneiden, was Sie wollen. Sie wissen ja, dass es in der Videosoftware, wenn sie etwas mitschneiden, schon die Programme gibt, die Ihnen die Werbung rausschneiden und solche Sachen. Das Problem... um Sie darauf hinzuweisen, dass in der nun global zirkulierenden Datenmenge, von der wir hier reden, Optionen auftreten, Möglichkeiten des Umgangs mit diesen 1:1-Zuordnungen auftreten, die es bisher nicht gegeben hat. Das will ich einmal zu dem ersten Beitrag von Andreas Kirchner sagen. Es gibt dann noch einen zweiten Teil des Beitrages, da lade ich Sie ein, sich den speziell anzusehen. Es geht um die folgende sehr interessante und für Leute, die ein bisschen mit Informatik zu tun haben, doch sehr herausfordernden Idee, dass er sagt: wir haben also MP3s und Transkriptionen der MP3s. Vielleicht bringt es etwas, das in Beziehung zu setzen zu sogenannter Hardware-Virtualisierung. Hardware-Virtualisierung ist, wenn sie miteinander unverträgliche Betriebssysteme haben, Sie wollen aber eine Anwendung, die in einem Betriebsystem läuft und im anderen nicht, wollten Sie aber in einem Betriebsystem haben [Anm: im letzteren Betriebsystem haben]. Da machen Sie eine Virtualisierung. Die Virtualisierung spiegelt auf einer Hardware-Grundlage einem Programm vor, dass das Programm in einer anderen Hardwareumgebung, in der es eigentlich funktionsfähig wäre, läuft. D.h. also die Hardware-Software-Kombination ist Linux. Sie wollen unter Linux ein Windows-Programm laufen lassen. Das geht nicht direkt: Sie müssen unter Linux eine Umgebung einrichten, eine virtuelle Maschine im Prinzip, die so tut als wäre sie ein Windows-Betriebsystem und auf dem könne Sie dann das Windows-Programm laufen lassen, obwohl es unter Linux läuft. Andreas Kirchner erklärt das hier sehr eingängig und der Punkt, den er macht, ist der: das ist auch so eine 1:1-Zuordnung, die über einen Medienbruch geht. Das ist die Pointe der Dinge. Ich weise Sie darauf hin, gehe aber jetzt zu der Seite zurück und dazu dass ich (das habe ich dann vielleicht letztes Mal ein bisschen schlecht vermittelt) nach dem Verschwimmen eine nächste Kapitelüberschrift gestellt habe und das ist "Bruchstellen". Das war insofern auch ein wenig voreilig als das was ich Ihnen jetzt gesagt habe, war natürlich die Erklärung, dass es auch in dem Verschwimmen im 1:1-Zusammenhang wesentliche Bruchstellen gibt. Also die Bruchstellen hätte ich schon letztes Mal in dieses große Knäuel von Datenzirkulation reintun können. Es ist mir aber doch auch wichtig gewesen, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass mit diesen ganzen technischen Möglichkeiten, die wir haben, die Wahrscheinlichkeit, die gedankenlose Tendenz, zu sagen, das ist sowieso alles eine große Datenwolke, doch relativ steigt. Gegen dieses Datenwolkendenken habe ich "Bruchstellen" gesetzt und wollte drei Beispiele bringen, die jetzt darauf hinweisen, dass es sehr spezielle Umstände gesellschaftlicher Art, Interessenskonstellation, gibt, in denen sich die Öffentlichkeit unglaublich aufregt, wenn so getan wird, als: es ist doch eh alles im Fluss, es ist doch eh alles zirkulierend. Plötzlich gibt es Einsprüche der Öffentlichkeit und es werden Bruchstellen angemahnt. Es wird eben die Bruchstelle angemahnt z.B., dass es nicht egal ist, was jemand über das Mobiltelefon sagt und dass es nicht egal ist, ob das aufgezeichnet wird, oder ob das wiedergegeben wird, sondern dass man diese neu hergestellte Zirkulation der Daten, die darin liegt, dass wir jetzt also Funkübertragung vom Mobiltelefon haben, wir können die Funkübertragung aufnehmen, wir können die Aufnahme transkribieren. Wir dürfen die zum Teil nicht transkribieren. Dann können wir die Aufnahme, die wir nicht transkribieren dürfen, können wir aber wiederum vorlesen, wir können sie sozusagen performieren. Wir können diese Performation wiederum filmen, wir können diese Filme hier zur Verfügung stellen. Man könnte sagen: wunderschön, ein großes Vergnügen, aber es gibt da eine Bruchstelle drinnen, da gibt es einen Kriminalfall und in dem Kriminalfall wollen wir dann doch sehr genau hören, ob z.B. der Karl-Heinz Grasser oder der Meischberger nur den Anrufbeantworter dort laufen hatten. Es kann ja gut sein - Sprechersimulationsprogramme gibt es sehr viele, es wäre doch ein netter Prank, wenn einer von Politikern jetzt nachweisen könnte - Berlusconi würde das sicher machen: Berlusconi würde nachweisen, dass nicht er am Telefon war, sondern dass ihn jemand nachgemacht hat. Er würde jemanden bringen, der sozusagen demonstriert, dass er so sprechen kann wie der Berlusconi und zu diesem Zeitpunkt auch in Rom war - das ist durchaus denkbar und ich sage Ihnen die Möglichkeiten deswegen, um jetzt zu sagen: da werden wir plötzlich genau. "Da werden wir plötzlich" ist natürlich übertrieben, aber plötzlich will man es dann doch sehr genau wissen. Ich mein: war das jetzt ein Spracherkennungsprogramm, oder war das jetzt die Sprachsimulation oder war das er selber? Da wird das mit der Datenwolke plötzlich ein bisschen prekär. Der zweite Punkt: Da werde ich - verzeihen Sie mir, dass ich dieses kleine Privileg des Vortragenden in Anspruch nehmen - da werde ich mich auf eine sehr aktuelles Thema beziehen, nämlich ein Thema, das nicht im "mündlich"-Bereich, sondern im "schriftlich"-Bereich liegt und das ist das Thema: "Wie geht man mit Texten um?" Wie sollte man einschätzen, dass angesichts der vielen kursierenden Möglichkeiten, zu einer wissenschaftlichen Arbeit zu kommen, auch die Möglichkeit sehr prominent ist, dass man einfach von überall her irgendwelche Fremdbestandteile nimmt und sie zusammenklebt und dann sagt: das ist meine Doktorarbeit. Das ist für mich in demselben Themenbereich drinnen. Das basiert auf einem Verschwimmen, auf einer Aufhebung von Grenzen, die man früher gehabt hat mit den Vorlesung, Bibliotheken usw. und die Aufhebung dieser Grenzen - das ergibt sich relativ gut auch noch einmal im Einklang mit dem Titel meiner Vorlesung - gibt es im Textbereich zumindest in zwei aktuell interessanten Modifikationen: vor dem Internet und nach dem Internet. Es gibt ein Abdriften, eine Abwertung der Textproduktionen noch in der klassischen Buch- und Schriftwelt und es gibt ein Abwerten von Textproduktionen zu akademischen Zweck in der Internetgeneration, die also elektronisch basiert ist, die auf einem anderen Medium noch einmal beruht. Da werde ich nicht genau darauf eingehen. Ich habe nur zum Gutenplag den Link getan. Das ist sozusagen DJ - das ist Wissenschaft als DJ-Tätigkeit, die es da gibt. Die Sache, mit der ich mich dann noch etwas genauer beschäftigen möchte ist nicht Wissenschaft als DJ, sondern das geht noch ein bisschen traditioneller vor und reicht darum instruktiver hinein, in das, was man mit Texten machen kann und das werde ich Ihnen also jetzt in der Sitzung dann noch ein bisschen darstellen: das ist also Textkritik. Ich sage Ihnen drei Sachen, ich kann natürlich jetzt nicht nur polemisieren. Was ist tun möchte - ich möchte durchaus polemisieren, aber ich möchte das in einem respektablen wissenschaftlichen Umfeld machen - ich habe Ihnen darum, bevor ich hier ein Wenig zu Collage von Johannes Hahn komme, habe ich Ihnen zwei andere Beispiele von Textpraxis und Textkritik zur Verfügung gestellt. Ich bitte um Einsicht. Ich habe letztes Mal schon gesagt: Es wird ein bisschen Kaleidoskopartig werden, was ich hier am Anfang mache. Weil das Thema selbst ist zwar wissenschaftlich fundierbar und interessant aber in einem anderen Sinn ist es so aktuell, dass es direkte Reaktion verlangt und daher eine gewisse Abgetragenheit, sagen wir einmal Abgesetztheit, die in der Wissenschaft normalerweise zu erwarten ist hier nicht vorhanden ist, es ist sozusagen ein bisschen hysterisch, bisschen überaktuell, was ich mache.

Um dort zu der Textkritik zu kommen, will ich Ihnen vorher noch die Verbindung zum Mündlichen einmal zumindest am Beispiel demonstrieren. Das sind Orientierungspunkte, die ich rausgehoben habe dann über die Bruchstellendiskussion und sie daran erinnern, dass ich einiges gesagt habe das letzte Mal über die Bedingungen unter denen so etwas wie die Ilias als eine Life-Performance auf der Basis von Sängern, Rhapsoden, stattfindet, damit Sie sich, wenn Sie es noch nie gesehen haben, ein bisschen eindenken können, was da passiert: das sind Hexameter, daktylische Hexameter und hier habe ich eine kulturgeschichtlich interessante Strophenfolge aus der Ilias, wo es darum geht, dass berichtet wird, welche griechischen Stämme in dieser Schlacht um Troja vorhanden gewesen sind. Das würde man heutzutage mit einer Liste machen, da hat man einfach eine Aufstellung, eine Unterschriftenliste wäre das heutzutage: stellen Sie sich vor, Sie müssen eine Unterschriftenliste anlegen, damit Sie sich elektronisch anmelden können, dann werden Sie das einfach dorthin schreiben, belasten Ihr Gedächtnis nicht weiter. Eine Unterschriftenliste gibt es zu dem Zeitpunkt nicht, aber der Zweck, dass man eine Aufstellung von Personen und von Stämmen und von Landschaften haben will, diesen Zweck gibt es natürlich dort auch. Und um das Gedächtnis zu stützen in dieser Aufstellung, in diesem Register, gibt es die sprechtechnische, die metrische Normalisierung. Sie werden sich auch Emailadressen oder sonst was, wenn sie - gesetzt den Fall, Sie müssen sich 15 Emailadressen merken, dann werden Sie sich etwas zurechtlegen - und Sie haben nichts zum Schreiben - dann würden Sie sich einen Trick zurechtlegen, der diese Emailadressen auf eine gewisse Art und Weise systematisiert, rhythmisiert, damit Sie sich leichter daran erinnern können. So funktioniert unser Gedächtnis im Prinzip noch immer. Wir brauchen das an der Stelle nicht. Diese Aufzeichnungen werden an der Stelle rhythmisiert - Sie können es ausprobieren, das ist nicht so spannend. Was anderes ist ein bisschen spaßiger. Damit Sie nicht nur den Eindruck haben die klassische Antike ist weit weg und ganz entfernt. Ich habe Ihnen - es ist zugegeben eine etwas aktualisierende, aber komplett inhaltsgetreue Übersetzung eines Teils in der Ilias, in der der Achill sich über den Agamemnon beschwert und das einzige, was man dazu sagen kann, ist: das ist ein unglaublich guter Rap-Text. Rappen ist - das will ich sagen, damit Sie das nicht in die Vergangenheit hinein tun - Rappen ist in gegenwärtiger Situation genau dieses Moment von physischer, rhythmischer, melodischer Eingängigkeit, das nicht an dem text hängt. Das wichtige ist nicht der Text des Rappers sondern das wichtige ist, dass er das sagt. Das will ich mir schon leisten, Ihnen ein bisschen vorzulesen, wegen des Hexameters nämlich:  

Trunkenbold, Hundegesicht, du Kerl mit dem Herz eines Hasen! Du ziehst nie in den Krieg, liegst nicht mit den Männern auf Lauer, nein, das getraust du dich nicht, es könnte dein Ende bedeuten! 's ist ja bequemer, im großen Achäerheer Ehrengeschenke jedem abzunehmen, der einmal gegen dich aufmuckt! Leute armfressender König, zum Glück bist du Herr über Trottel, denn sonst wäre das heut' deine letzte Gemeinheit gewesen.


Und zum ein bisschen Spaß und weil die Kriegslager ja in einem gewissen Sinn Camping-Unternehmen sind - man kampiert vor den belagerten Städten - leiste ich mir den Luxus, Ihnen einen Rap vor dem Rap vorzuspielen - es ist einfach witzig anzuhören. Aber wenn ich es wissenschaftlich legitimieren würde oder müsste, dann würde ich sagen: Achten Sie auf die Informationen, die abgesehen vom Text, in diesem Aufnahme auch noch kommen.


Lyrics

Das ist ein Epos, und es ist interessant, das zu vergleichen - das spare ich mir jetzt - mit so etwas wie Reinhard Fendrich, also die viel persönlicher bezogenen... also ich steh in der Hitz in der Strada del Sole - wo schon sozusagen die Minnelyrik Einzug gehalten hat, eine Form von individualisierender ... die hier noch in einer rhythmisch-sprachlichen Einheit zurückgedrängt ist. Das war zugegebenermaßen sozusagen ein bisschen ein Ausweichen.

Ich gehe jetzt zurück sozusagen zur Textkritik. Was ich Ihnen jetzt vorlegen möchte sind ein paar Überlegungen über die neue Situation, die es gibt ab den Zeitpunkt, ab dem Transkriptionen, Texte kulturtechnisch, kulturgeschichtlich wesentlich werden. Ich habe zwei Beispiele gewählt dafür, um es Ihnen ein bisschen zu verdeutlichen. Das eine, was ich auch schon letztes Mal angedeutet habe: wir sind zu einem wichtigen Bestandteil - wir ist jetzt sozusagen europäisches abendländisches Denken - zu einem wichtigen Grade bestimmt durch das Christentum, einerseits Griechen, andererseits Christentum. Also die griechische Zugangsweise habe ich Ihnen in der Ilias ein bisschen und im Havelock ein bisschen gesagt und wir kommen dann auf Platon, der sich mit der Schriftlichkeit beschäftigt hat auch noch zu sprechen: 4. Jahrhundert vor Christius. Die zweite wesentliche Schiene, über die das läuft, was wir jetzt heute sind, ist das Christentum. Und für das Christentum müssen sie sich die folgende Beschreibung und Gegebenheit in Erinnerung rufen: nachdem wie heutzutage Bibelforscher an die Sache herangehen in dem sachkundigen Ausarbeiten der Bibel, des neuen Testamentes, hat das Christentum begonnen mit einer frohen Botschaft, das nennt sich fachtechnisch gesprochen Kerygma, Kerygma ist die Verkündigung und das ist das Eu-Angelion, das gute Wort, die Botschaft, das ist eine Botschaft, diese Botschaft ist, und das ist ähnlich wie das was Havelock sagt: das ist nicht so, dass jemand in Palästina jemand anderem einen Brief überreicht hat und gesagt hat: Schau mal, da habe ich einen Brief, da steht etwas drinnen, was interessant ist, kannst du das nicht lesen? Sondern der Ausgangspunkt davon ist die mündliche Mitteilung "Jesus ist auferstanden". Dieses Event, das in der Gruppe der Juden, Jüdinnen in Jerusalem aufgetreten ist, hat sich wie ein Lauffeuer fortgepflanzt und zwar einfach dadurch, dass die Leute es einander gesagt haben. Und diese Formulierungen "Jesus ist auferstanden", "Jesus ist der Herr" so was ähnliches, hier haben Sie auch so eine ähnliche Formulierung noch, da kommen wir gleich dazu, eine paulinische. Das ist so eine klassische Formel. Das ist, wenn sie an die Ilias zurückdenken auch noch, das ist sozusagen Jingle. Heutzutage haben wir das als einprägsame Werbesprüche, das ist an der Stelle - da hat es noch gar nicht die materielle Kultur gegeben, dass wir Werbesprüche gehabt hätten - aber es gibt diese Art von Formeln, die kompakt sind und garantieren, dass ein wesentliche Inhalt transportiert wird und den die Leute untereinander sagen. Machen Sie sich das eine klar: es gibt in einer oralen Kultur ein aktuelles und ständiges Problem der stillen Post. Das ist ganz klar, es versiegt, es transformiert die normale schriftliche [mündliche!] Mitteilung über fünf Stationen - in der Regel auf irgendeine Art und Weise geht Information verloren und plötzlich ist es nicht mehr der Josef, sondern der Jonathan, der irgendetwas gemacht hat - weil zwei oder drei Leute das falsch gehört haben. Und darum muss in einer mündlichen Kulturumgebung besondere Wertschätzung, besondere Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, darauf, dass das Format der Botschaften so ist, dass sie einigermaßen kompakt und wenig veränderlich sind. Worauf das hinausläuft was ich sage ist: in der christlichen Tradition, in der wir plusminus noch drinnen stehen, ist die mündliche Botschaft "der Herr ist auferstanden, freuet euch, er wird bald wiederkommen" - die Naherwartung ist da auch dabei, die sogenannte Parusie - die ist das erste, die war der Auslöser, und dann gab es Leute, die haben das mitgeschrieben, die haben das in bestimmte Schriftlichkeit getragen. Die jüdische Umgebung zur damaligen Umgebung war schon geprägt durch eine schriftliche Vorgabe: also das jüdische Testament, das sogenannte alte Testament, ist bereits schriftlich gefasst worden, es hat die Schriftgelehrten schon gegeben. Daher war es naheliegend, dass das neue Ereignis der Auferstehung Christi ebenfalls niedergeschrieben wird und es ist, also so in etwa 20-60 Jahre nach dem Event dazu gekommen, dass man die verschiedensten Schriftprodukte produziert: Das Leben Jesu, Leben der Apostel, Briefe, die die Apostel an die Juden, und Juden-Christen geschickt haben. D.h. man hat in einer Schon-Schriftkultur den mündlichen Impuls transkribiert und was hat es dann gegeben als Konsequenz daraus? Etwas, was wir heute noch die heilige Schrift nennen. Die Frage hat sich natürlich gestellt, wie man nun mit dieser Schriftspur, die von diesem einen Ereignis ausgeht, wie man damit umgeht. Seit diesem Event und der ersten Aufzeichnungen "Erinnerungen an das Leben Jesu" bis zum heutigen Tag gibt es natürlich Millionen und Millionen von verschiedenen schriftlichen Reaktionen auf dieses Event und schon im 1. Jahrhundert hat es so etwas gegeben. Und an der Stelle hat sich eine sozusagen Mehrheitsmeinung bei den kirchlichen Verantwortlichen - Kirche hat es damals auch noch nicht gegeben - bei den Nachlassverwaltern Christi. Die Nachlassverwalter Christi haben mit Mehrheitsbeschluss gesagt: Wir ziehen hier die Linie, wir definieren diese und diese Schriften, die entweder von uns geschrieben worden sind oder in unserem Umfeld zusammengestellt worden sind, und das ist der sogenannte Kanon, das ist das Korpus von Schriftlichkeit, für das wir jetzt das folgende beanspruchen: dass es inspiriert ist. Die Inspiration heißt, dass schriftlich festgelegte Quellen nicht einfach Mitschriften oder so etwas sind, sondern authentifiziert - also authentisch und wer hat es authentifiziert? Gott himself - in dem er die Autoren sozusagen beeinfluss hat. Inspiration heißt Einhauchen und an der Stelle haben Sie gerade das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit: was gibt es mündlicheres als Einhauchung? Die göttliche Einhauchung kommt gleich einen Autoritätssiegel. Dieses Autoritätssiegel durch den Kanon wird aufgeprägt auf einer Reihe von Büchern, Schriftrollen, die damit heilige Bücher werden und die jetzt - und da haben Sie den dynamischen Zusammenhang zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit - die nun sich so entwickeln, dass, natürlich nicht aufgrund des Vorzeigens des Johannesevangeliums oder der Apostelgeschichte die Menschen beginnen an Christus zu glauben. Die Ausbreitung des Christentums hängt zusammen mit missionarischer Tätigkeit, mit der allgemeinen Weltlage, mit vielen Dingen, mit denen wir uns hier nicht beschäftigen müssen - jedenfalls mit der handgreiflichen Tätigkeit und Botschaft und Predigt der frühen Apostel. D.h. so breitet sich diese Glaubensgemeinschaft aus. Gleichzeitig aber mit diesem Reallife-Ausbreitungsprozess hat die Glaubensgemeinschaft eine fixe Anzahl von heiligen Schriften und die Dynamik von dem ist jetzt: diese Schriften sind eingefroren, die sind einfach fix, sie ändern sich nicht mehr. Diese Schriften sind aber nicht die Botschaft, sie sind die Aufzeichnung der Botschaft und gleichzeitig werden sie aber als eine Gütesiegel-geprüfte, verlässliche Meldung desselben Gottes angenommen, dem ich glaube - in der Regel nicht deswegen, weil ich etwas gelesen habe, sondern weil ich aufgewachsen bin, weil ich erzählt bekommen habe, weil ich mich vielleicht bekehrt habe. Da haben Sie dieses Moment der Starrheit, der Unveränderbarkeit. Und dieses Moment der Unveränderbarkeit führt nun dazu, dass das dabeilaufende Leben in ein eigentümliches Verhältnis zu diesem Kanon, zu den kanonischen Schriften gerät. Denn die Leute, die aus dem Leben der Kirche heraus kommend einen Anhaltspunkt haben wollen, die müssen jetzt nicht sagen: "das hat mir mein Großvater erzählt, frage einmal deinen Großvater, dein Großvater hat dir das sicher auch erzählt". Die Quelle der Autorität dafür, was eine solche lebendige, in der Geschichte sich entwickelnde Gemeinschaft macht, diese Quelle der Autorität sind nicht mehr die Erzählungen früherer Generationen sondern die Quelle der Autorität ist Gottes Wort und Gottes Wort gibt nicht auf Kassettenrekorder sondern auf heilige Schrift. Damit haben Sie eine Rolle von Schriftlichkeit, die Schriftlichkeit in das zentrale Verständnis einer christgläubigen Umgebung einstimmt und die über die Jahrhunderte hinweg dazu geführt hat, dass die ständige rituelle und zyklische, theoretische, praktische Umgangswiese mit diesem Buch ein Bestandteil unserer Zivilisation wird. Ich will Ihnen da ein kleines Beispiel zeigen, das das ein bisschen verdeutlich, in welche Dimensionen man reingeht, wenn man Schriftlichkeit hat, wenn man Transkriptionen hat, mit denen man operiert - in welche Schwierigkeiten man da rein kommt. Damit Sie nicht ganz verlieren... in den griechischen Transkriptionen, worauf ich hinaus will ist, ich möchte Ihnen ein bisschen plausibel machen, dass der sensible Umgang mit schriftlichen Quellen und der Transformation von schriftlichen Quellen etwas ist, was quasi zum Traditionsbestandteil einer Schriftkultur, die dann auch eine Wissenschaftskultur ist, geworden ist. Und worauf ich - ich sage Ihnen das kurz vorweg - worauf ich abziele… wenn Sie in den Medien hören "es gibt Plagiatsvorwürfe", "abgeschrieben", "abgekupfert", was immer, dann kann man sozusagen der Auffassung sein, dass das heutzutage - was ist schon ein Plagiat, abgesehen davon, dass man sich aufregen kann über Plagiate? Was hängt da daran, abgesehen davon, dass es eine Woche in den Medien zitiert wird und dann wieder wegfällt? Was ich Ihnen nahe bringen möchte ist, dass Plagiat ein ganz ein kleiner Seitenbereich, ein kleiner Bereich, wenn auch ein Grenzfall, in einer Schriftkultur ist. Das wichtige ist jetzt nicht das Plagiat, sondern wichtig ist, dass wenn man von Plagiat redet, dass man in einem Kontext redet, in dem es nur Sinn macht, sich in dem Kontext aufzuhalten, wenn man bestimmte Regeln und Standards im Umgang mit Schrift für wichtig hält: wenn es einem nicht egal ist, sondern wenn man eintrainiert hat - sagen wir einmal - einen höflichen, respektvollen, korrekten Umgang mit Texten. Wenn Sie in der Einführungsvorlesung "Wissenschaftliches Arbeiten" sitzen und da steht jemand vorne: "Sie müssen aber richtig zitieren." Das hat mich immer schon amüsiert und auch geärgert. Warum muss man richtig zitieren? Ich komme im Zusammenhang mit dieser Problemstellung, die ich hier andeute, darauf, Ihnen ein bisschen deutlich zu machen, warum man richtig zitieren muss. Man muss nicht richtig zitieren, damit ein menschenunabhängiges Gesetz erzeugt wird, sondern weil eine Schriftkultur mit schriftlichen Quellen etwas verbindet - eine Wichtigkeit für schriftliche Quellen vorhanden ist, die, wenn man sie nicht einhält, wenn man Regeln des geordneten Umgangs mit Schrift, Textquellen nicht einhält, wird an bestimmten Basics des zivilisierten Umgangs miteinander gerüttelt. Ich sage nicht, dass man das nicht kann, ich sage nicht, dass das nicht immer wieder passiert, vor allem sage ich nicht und will ich nicht sagen, dass das nicht in Frage steht - heutzutage mit den elektronischen Mitteln der Verbreitung von Schrift. Was ich allerdings sage, ist dass eine Welt wie die Wissenschaftswelt oder die Welt des Glaubens noch tief in dieser Textualität drinnen stecken. Wissenschaftswelt ist auch nicht ganz allgemein richtig. Es geht natürlich um Buchwissenschaften, um die Wissenschaften, die mit Texten operieren und die nicht anders können, als hier eine Pünktlichkeit einzuführen, ohne die sie kollabieren würden. Die Bedingungen der Höflichkeit und Professionalität dessen, was die Geisteswissenschaften hier tun, die hängen daran, dass man die Verfahrensweisen mit Texten richtig hinkriegt. Um Ihnen also kurz hier an der Bibelstelle das zu demonstrieren: Ich habe eine Stelle genommen aus dem Korintherbrief von Paulus und die habe ich unter Anderem deshalb genommen, weil es Ihnen zeigt, wie groß das Investment für die damaligen Personen war, etwas zu schreiben. Da geht es nicht um einen Camping-Rundereisebericht sondern da geht es um Vitals. Da geht es um Leben und Tod im absolut wörtlichen Sinn. Das Zitat heißt also:

"Wenn sich aber dieses Vergängliche mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg.

Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?

Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz.

Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn."

Iesus Christos kyrios - das ist diese Formel, die schon angesprochen wurde. Worauf ich jetzt den Fokus setzen möchte, das ist die Bibel-Einheitsübersetzung, die wir haben und die wir einfach aufnehmen. Wie heißt es im Griechischen? Worauf ich Sie jetzt hinweisen will ist, in welche Dimensionen der Schriftlichkeit und - nach meinem vorherigen Wort - der Höflichkeit man da hineingerät, wenn man da ein bisschen weiterschaut. Denn was wir haben ist die heilige Schrift in Griechisch. Paulus hat diese Sachen auf Griechisch geschrieben und dieses griechische Zitat ist relativ gut überliefert aus verschiedensten Abschriften und so - das was der Paulus dort wirklich geschrieben hat. D.h. das ist inspiriertes Wort Gottes - wenn Sie es christlich sehen wollen. Damit haben Sie etwas zum Greifen. Das hat man uns gesagt: "Verschlungen ist der Tod vom Sieg." Das ist plausibel, das ist eine positive Message, das wollen wir gerne glauben. In der Schriftlichkeit gibt es aber jetzt eine ganze Reihe von interessanten Echo-Effekten, die sich einfach nur dadurch ergeben, dass wir in einer Schriftkultur sind. Dieser Echo-Effekt entsteht dadurch, dass - Sie werden es nicht glauben - Paulus zitiert. Er zitiert Isaias, und Isaias gibt es schon schriftlich zu seiner Zeit. Hebräische Bibel, Isaias, Apokalypse, Isaias 25 Vers 8, ist was Paulus an dieser Stelle zitiert. Ich erspare mir und Ihnen das Hebräisch, das was Paulus zitiert, liegt schon auf Hebräisch vor. Das steht hier: "dann erfüllt sich das Wort der Schrift". Er bezieht sich jetzt auf etwas und die Leute damals wussten, worauf er sich bezieht - er bezieht sich auf diesen Isaias-Text. Die Frage ist aber jetzt die, da er das griechisch schreibt und da er das sozusagen als Zitat ausweist: wo hat er das her? Und da gibt es eine interessante Beobachtung und das ist die folgende Beobachtung: Der Standard der griechischen Zitierung aus der hebräischen Bibel war die Septuaginta. Es gab die hebräische Bibel, das war Hebräisch-Aramäisch geschrieben in der Sprache der Leute, die das gesprochen haben. Es gibt seit dem zweiten, dritten vorchristlichen Jahrhundert eine griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, die sich Septuaginta nennt. Das ist dieses LXX, dieses 70, das wird normalerweise als Abkürzung von Septuaginta verwendet. Die Überlieferung sagt: das heißt deswegen Septuaginta, weil 70 Personen zusammengesessen sind und in einem großen, gemeinschaftlichen Anstrengungsschub das gesamte hebräische Testament übersetzt haben. In Wirklichkeit dürfte das über hundert Jahre lang hinweg eine Übertragung ins Griechische gewesen sein. Die liegt also zu der Zeit von Paulus vor und er hält sich auch an anderen Stellen immer wieder an diese Septuaginta. Und dann fragen wir uns: na, hat er richtig zitiert. Und es stellt sich heraus: er hat nicht richtig zitiert. Er hat nicht richtig zitiert, weil in der Septuaginta - und da muss ich Sie ins Griechische ein bisschen einladen und muss Ihnen Folgendes sagen. Der wichtige Punkt um den es geht: κατεποθη heißt verschlungen. Das griechische Wort dafür heißt καταπίνω, runterschlingen. κατάποσίς ist der Schlund, das Verschlingen. Also es geht ums Verschlingen und die Septuaginta hat den Isaias-Text, den er da zitiert, übersetzt ins Griechische mit: κατέπιεν o θάνατος σχύσας und das heißt, ein bisschen rätselhafterweise: der Tod, der stark ist, hat verschlungen. θάνατος ist der Tod, σχύς ist die Macht: der Tod, der stark ist, hat verschlungen. Das scheint ein bisschen das Gegenteil zu sein. Paulus hat κατεποθη statt κατέπιεν geschrieben. Und das passt nicht mit der Septuaginta. Das ist aber nur eine detektivische Herausforderung. Nachdem wir ja hunderte und hunderte Jahre von Schriftgelehrten gehabt haben, die über das drübergegangen sind, haben die bald herausgefunden, dass er das von woanders her hat. Nämlich von einer griechischen Übertragung ebenfalls des hebräischen Testaments. Der heißt Theodotion und der hat den Isaias ebenfalls ins Griechische übertragen und wie es das Glück will steht beim Theodotion κατεποθη ο θανατος. Das heißt nach heutigen Kriterien hätte er nicht hinschreiben dürfen "erfüllt sich das Wort der Schrift", sondern er müsste sagen: in welcher Schriftstelle und in welcher Übersetzung aus dem Hebräischen. Das wäre die Korrekte Art und Weise gewesen. Das wollen wir ihm nicht wirklich zumuten. Aber sich können an meinem Beispiel vielleicht doch sehen, welcher Typus von Fragestellungen sich in solchen völlig elementaren Fragestellungen: wer hat jetzt gesagt "der Tod ist vom Sieg verschlungen" oder "der Sieg ist vom Tod verschlungen" - welcher Typus von Fragestellung sich da ergibt. Es wird nicht mehr diskutiert: wer hat was gesagt, sondern es wird diskutiert: wer hat aus welcher Sprache wie und was übersetzt? Das ist der Typus von Fragestellung und das ist der Punkt, auf den ich Hinweisen möchte, der heilsentscheidend ist - das ist nicht irgendwas, was Sie jetzt da klären oder nicht klären, sondern das ist eine zentrale Aussage dessen, wonach Menschen hunderte Jahre lang gelebt haben.

Frage: Moses mit zwei Hörnern

Genau - wenn sie ein bisschen recherchieren, dann finden Sie genau das auch, warum der Michelangelo diese beiden Hörner hat. Das ist ebenfalls zurückzuführen auf eine texttechnische Frage.

Frage: es gibt ja die Sintflutgeschichte schon im Gilgamesch-Epos zuvor - kann man sagen, dass die Bibel ein Plagiat in unserem Verständnis ist?

Der Hinweis ist vollkommen richtig. Die Nachostforschung, Textkritik hat genau diese auch transkulturellen Übernahmen von Erzählungen, Erzählungstypen -Jungferngeburt ist so eine ähnliche Sache - ganz genau herauskristallisiert und wenn es sozusagen einen UNESCO-Weisenrat gibt, der z.B. feststellen soll: wo ist nun das Weltkulturerbe an der Sintfluterzählung. Wenn wir so etwas haben wollten, was wir glücklicherweise nicht kriegen, nicht haben wollen, aber angesichts dessen, dass man den Champagner als Weltkulturerbe einer betreffenden Region definiert, könnte jemand auf die Idee kommen, dass die Sintfluterzählung zum Weltkulturerbe gehört und dann hätte man so eine Frage wie: wo kommt sie denn her? Und dann könnte man und müsste man textkritisch vergleichen: wo tritt die das erste Mal auf und wer hat sie abgeschrieben, oder war das gleichzeitig. Dann hätte wir genau das Problem des geistigen Eigentums und aller dieser Dinge, aus dem Grunde weil sich irgendjemand das zuschreiben möchte, hätten wir eine Versachlichung, Verwissenschaftlichung, Ökonomisierung, die - und darum erzähle ich das jetzt ausführlicher - etwas sehr eigentümliches mit unserer Erfahrungswelt und unserer Geschichte macht. Weil damals war das den Leuten nicht wichtig. Sie haben es vielleicht nicht gewusst. Wie das dort abgelaufen ist, weiß ich jetzt nicht richtig, aber was zu sagen ist: es finden sich die Niederschläge unterschiedlichster, ähnlicher Erzähltraditionen, finden sich in diesen Texten. Und dadurch dass sie in diesen Texten niedergeschrieben sind, können wir jetzt versuchen, wo das insgesamt herkommt. Was das für Auswirkungen auf die Gläubigkeit, auf die lebensbestimmenden Regeln hat, die ja gleichzeitig ... interessiert mich dieses nahöstliche Kulturgut? Ich könnte natürlich ganz andere, Chinesische urtümliche, tibetianische urtümliche Quellen lesen. Dass mich das interessiert liegt ja nicht daran, dass hier ein Buch vorliegt, sondern liegt daran, dass das Buch diese Rolle spielt, die es spielt. Jetzt hab ich mich ein bisschen verlaufen. Die Tatsache, dass wir danach leben ist noch etwas anderes als die Tatsache, dass wir Abhängigkeiten ausforschen können. Aber … .

OK, kleiner Hinweis noch: Ich habe Ihnen gesagt, ich selber habe mein Hebräisch schon ganz vergessen und nicht mehr belebt, aber die Sache hat deshalb noch einen weiteren Aspekt, weil man sich jetzt genau anschauen kann, welche Fehler sind bei den Übersetzungen vom Hebräischen ins Griechische aufgetreten und inwiefern sind Fehler bei den Übersetzungen vom Hebräischen ins Griechische der Grund für diese unterschiedlichen griechischen Lesarten. Gut, lassen wir das.

Den Hölderlin muss ich überspringen und komme darum sozusagen ein bisschen vorzeitig zur neuen Textwissenschaft hier. Sie haben vielleicht mitbekommen, dass es zur Untersuchungen dieser Vorwürfe an den EU-Kommisar, den österreichischen, eine Initiative „Transparente Wissenschaft“ gibt. Und da will ich Ihnen eine erste Seite zeigen, die deutlich macht, was da noch immer im Spiel ist, wenn man über diese Themenbereiche spricht. In ganz solider, textkritischer Arbeit wird versucht in diesem Wiki die Verbindung herzustellen zwischen den Quelltexten und dem Resultattext, die hier eine Rolle spielen, in dieser eingereichten Arbeit. Und Sie können hier in Tabellen, die so ähnlich sind, wie die Tabellen ... können Sie einmal hier an drei Seiten verfolgen, wie das Verhältnis aussieht. In dem speziellen Fall handelt es sich um eine Arbeit, im UTB erschienen "Die Stadt in Industrie- Entwicklungsländern" und das Zitat dieses Textes, dieser Stadtentstehungstheorie und da sage ich Ihnen jetzt zur Orientierung, damit man das jetzt ein bisschen in die Praxis des Umgehens mit Texten einbaut, sage ich Ihnen das Folgende: es ist ... erwünscht und sogar notwendig, unausweichlich, dass in wissenschaftlichen Arbeiten zitiert wird und dass richtig zitiert wird ist sehr wünschenswert und soll beachtet werden. Es gibt unterschiedliche Arten und Weisen zu zitieren, das muss man auch dazu sagen. Man kann Anführungszeichen setzen, man kann vorher hinschreiben "die nächsten zwei Absätze sind jetzt zitiert" z.B und man kann paraphrasieren "Ich gebe jetzt wieder, was ich dort und dort gefunden habe, weil das brauche ich für meine weitere Argumentation".

Was Johannes Hahn macht, und das macht nach dem, was ich sehe, so ungefähr die Hälfte der Arbeit aus, ist: er übernimmt ... Über weiteste Strecken übernimmt er einfach die Texte des Originals. In seiner Arbeit weist er aber darauf hin, an bestimmten Stellen, dass es diese Texte gibt und dass diese Texte von ihm berücksichtigt werden. Aber er versieht diese Übernahmen dann mit immer wieder eigenen Einleitungsfloskeln. Das schaut also so aus: Im Original steht: "an die Wasserknappheitssituation, wie sie für aride Räume typisch ist." Er schreibt "Diese Überlegungen knüpfen an die Wasserknappheitssituation an, wie sie für aride Räume typisch ist". D.h. er weiß, dass er diesen Text nimmt, er passt diesen Text in seinen Duktus, in seine Überlegung ein und sagt irgendwo auch noch: vergleiche an dieser Stelle. Er zitiert das nicht. Es ist nicht so, dass da deutlich wird, dass er das zitiert. Sondern er weist auf anderer Stelle darauf hin, dass diese Seite dem zugrunde liegt.

Warum ich Ihnen das an der speziellen Stelle zeigen wollte, ist, ... vielleicht gibt es ja Interesse von einigen Leuten, einen kleinen textkritischen Arbeitskreis zu gründen, oder sich damit zu beteiligen, hier ein wenig Licht in die Sache zu bringen. Wo ich es Ihnen extra zum Anschauen noch einmal schön gezeigt habe zum einmal Hinschauen, ist das Folgende: Sie haben hier: „Der Amerikanische Philosoph ... Kockelmans... (FN 55)“ Fußnote 55, das ist "Kockelmans: Wozu Philosophie"… stimmt auch. Bemerken Sie das Folgende: Anführungszeichen... Er zitiert im Prinzip zwei Absätze von Kockelmans bis hier: "... einer strengen Wissenschaft glauben." Anführungszeichen. Jetzt geht’s weiter: "Der erste Philosoph der Moderne, der...". Schauen Sie sich den Kockelmans an: "...einer strengen Wissenschaft glauben. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass der erste Philosoph der Moderne"... absolut genau Kockelmans weitergeschrieben, mit dem kleinen Unterschied, dass das "Ich habe schon darauf hingewiesen" gestrichen ist, das hat er nicht reingenommen. Sondern er hat einfach diese zweite Hälfte dieses ersten Satzes als eine Behauptung umformuliert in seinem Text weitergeschrieben und dann geht’s weiter. Aber das ist das, wo jeder der die totale Alarmglocke hört. Keine Person, die nur irgendeine Einführung in wissenschaftliche Arbeit gemacht hat, würde das akzeptieren können. Es ist aber ein bisschen komplizierter ... . Das ist hier jetzt alles Kockelmans weiter: ".... (FN56)" Fußnote 56 - sie werden nicht glauben, was da steht - da steht genau die Seite vom Kockelmans. Das ist von einer höheren Subtilität, die man im politischen Streit kaum rüberbringt. Was ich damit ein bisschen anstoßen möchte, ist eine Überlegung darüber, was es heißt, dass wir mit Texten umgehen und wie wir mit Texten unter Bedingungen dieser Buchwissenschaft umgehen können.


Es ist immer schwierig Diskussionen - in dieser Vorlesung zumindest -. zu machen, aber ich kann mir vorstellen, dass Sie das eine oder andere fragen wollen.

Frage: Am Anfang zurückgehen - dieses 1:1-Übernahme zwischen der unmittelbaren Vorlesung und zwischen der Aufnahme, sagen wir es ist eine Videoaufnahme. Dann ist doch auch der Unterschied, in dem sie jetzt gerade etwas fragen, dann erheben Sie unmittelbar den Anspruch auf Wahrheit. Das ist unmittelbar mit einer Intention verbunden. Und theoretisch kann man darauf sofort reagieren und sagen "das ist ja völlig sinnlos". Und bei einer Aufnahme dann, ist diese unmittelbare Intention nicht mehr gegeben.

Ich bin sehr dankbar für die Frage, weil sie mir die Möglichkeit gibt, mich ein bisschen zu rehabilitieren für die Antwort, die da ein bisschen außer Kontrolle geraten ist, auf Sie, weil das nämlich damit zusammenhängt. Wenn ich hier stehe und spreche, dann kann ich, wenn ich nicht ständig gleichzeitig grimassiere, gar nicht vermeiden, dass meine Äußerungen als etwas rüberkommen, was ich jetzt hier vorlege, behaupte. Und das ist etwas anderes, als das, was ein Text macht. Ein Text kann nicht behaupten. Ihre Frage trifft einen total wesentlichen Punkt. Ein Text steht geschrieben. Ein Text alleine kann nicht behaupten. Platon sagt: wie kleine Kinder, die jemanden brauchen, der sich ihrer annimmt. Ein Text braucht jemanden, der sagt: so ist es. Darum habe ich Ihnen die Geschichte erzählt mit der Inspiration von oben, mit dem Gütesiegel. Der Text braucht jemanden, der für ihn einsteht, der ist ein Waisenkind. Platon sagt Texte sind Waisenkinder, weil niemand für sie einsteht. Diese Schwierigkeit habe ich nicht, das kann ich gar nicht. Ich kann diese Neutralität nicht erreichen in normalen Zusammenhängen. Ich könnte natürlich so reden, dass Sie sich fragen, ja meint der das... ich könnte schon Sätze produzieren, aber in der Regel ist das nicht… Und das ist jetzt der Punkt, auf den ich nicht eingehen wollte in der vorherigen Frage. Kulturen, die Botschaften und Bücher haben, die gelehrt werden, die verkündet werden, die stehen genau unter der Bedingung, die Sie sagen, nämlich: Die Sintflut als Teil der hebräischen Bibel ist ein Teil unseres Glaubenssystems und wenn wir glauben an den Bund Israels mit dem Herrn, dann ist diese Sintflut da miteinbezogen. Da gibt es keine Textkritik. Da gibts nicht... Also wenn jetzt jemand kommt und sagt... Kann man sich vorstellen: zweierlei verschiedene Geschichten: Jemand kommt und sagt: ich war da jetzt etwas Ähnliches in einer präschriftlichen Kultur. Sag ich, vielleicht haben sie es von uns abgehört oder so was Ähnliches. Die Tatsache, dass die Nachbarn ein bisschen etwas Ähnliches erzählen, muss mich nicht wirklich kümmern in meiner mündlichen Kultur. Wenn jetzt aber wir uns hinsetzen auf den Tisch und die beiden Schriften vergleichen: was steht da über die Sintflut und was steht da über die Sintflut, dann sind wir in die Schriftkultur. Dann sind wir auch nicht in der Situation, wo das behauptet wird, sondern wo wir vergleichend, wissenschaftlich tätig sind. Beide Fragen weisen darauf hin, was ich nicht so ausbuchstabiert habe, dass Wissenschaftlichkeit, im Sinn eines verobjektivierenden Vergleichsverfahrens zwischen Skripten, Transkripten, Berichten, objektivierenden Berichten - Wissenschaft in diesem Sinn gibt es nur durch diese Art von Aufzeichnungsmethode.

Student: na von Autorschaft letztendlich!

Das muss nicht sein, weil, ob ich den kenne - also ich weiß nicht, wie Sie Autor meinen.

Student: irgendeine Instanz...

Es muss von einer Instanz auf den Papyrus oder auf das Papier gebracht werden, aber es kann unklar bleiben, wer das gemacht hat.

Studentin: Es ist auch die Reihenfolge unklar. Wenn ich sagen würde z.B. von der Nibelungenhandschrift, die eine Handschrift ist jüngeren Datums als die andere, dann heißt das nicht, dass auch der Inhalt jünger ist. Sie kann durchaus abgeschrieben worden sein, von einer älteren Schrift.


Student: ...

Das deutet ja eh darauf hin, dass man zwischen Bibel und Gilgamesch-Epos ein Plagiatsproblem hat. Ich würde an dieser Stelle sagen: es ist auch zwischen Bibel und Gilgamesch-Epos eine politisch Frage. Jemand kommt und sagt: die Bibel hat eigentlich vom Gilgamesch-Epos abgeschrieben, d.h. sie hat sich da irgendwo bedient mit Motiven, die von anderswo her kommen und damit ist ihr Anspruch auf Wahrheit untergraben - sie hätte das zitieren müssen. Darauf zu antworten ist dann genau eine Politik der Religionen.


Studentin: Damals war das Zitieren doch noch nicht üblich...

Aber im 19. Jahrhundert ist man auf die Idee gekommen.


Studentin2: Ich glaube auch, dass man da ein bisschen vorsichtig sein muss, weil es halt teilweise Motive sind - es geht schon fast in Archetypen rein und bei Märchen haben wir immer die gleichen Motive, da sagt man auch nicht das eine ist vom anderen abgeschrieben. Genauso kann man sagen Romeo und Julia sind nur Pyramus und Thisbe und die weiteren Verarbeitungen sind dann auch immer nur das gleiche...

Vielleicht, dass ich Sie dann noch auf die Hölderlin - ich glaub nicht - vielleicht - es sei denn sie fragen mich noch einmal extra - ich werde vielleicht auf die Hölderlinssachen das nächste Mal auch nicht eingehen. Aber für die, die z.B. Germanistik studieren wäre das durchaus interessant und die an Heidegger haben. ich sage es Ihnen nur ... Einerseits gibt’s die Christliche, und das ist hier sozusagen der Dichter als der Heilige. Das ist ein Faksimile eines Ausschnitts eines Hölderlin-Manuskripts. Das ist die Umschrift davon, wie das der Reihe nach ausgestrichen, entstanden worden ist. Das ist die Komplexität, die in diesem Faksimile drinnen ist. Und was ich Ihnen da gezeigt habe, ist an einem komplett simpelsten Beispiel - nämlich, ob man hier einen Punkt machen soll - entscheidet sich eine wesentliche philosophische These von Heidegger. Ich habe das in... niedergelegt. Warum ich Sie am Ende darauf hinweise: an solchen Punkten und an solchen Umgangsweisen mit Texten kann ein leben hängen.