Kommentare - MuD09 - Gruppe4 - 27.01.

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Zurück Frederick Tekook: Kunst Interpretieren, eines der heikelsten Unterfangen, die mir einfallen. Julia, Du schreibst, dass Professor Heinrich sich Deiner Ansicht nach das Bild so zurecht interpretiert habe, wie es ihm passe. Ich kann verstehen, wie Du dazu kommst; aber ich finde es an dieser Stelle durchaus angebracht, eine Verbindung zu dem Vortrag von Doktor Flatscher im Dezember zu schlagen. Er legte uns doch die Theorie dar, der nach wir uns unsere Realität selbst erschaffen und in den Dingen das sehen, was wir hinein legen. In diesem Augenblick sind mir persönlich sehr viele Fragen beantwortet worden, nur zu oft habe ich schon ganze Nächte durch diskutiert, wie Kunst nun zu deuten sei und wie nicht, aber letzten Endes ist es legitim, das in sie hinein zu legen, was ich in ihr sehe, besonders bei komplexen Kunstwerken, Kompositionen mit vielen Instrumenten (siehe den Bolero oder generell Orchester-Musik), Filmen mit vielen Handlungssträngen (siehe L.A.Crash) und so weiter. Das führt mich aber zu einem ganz anderen Problem, nämlich dem, über Kunst zu reden. Bereits seit Jahren hört man von mir den Satz "Wenn der Künstler seinen Gedanken in Worte kleiden könnte, bräuchte er ja kein Bild mehr zu malen, Stück zu komponieren/spielen und so weiter." Ob wir nun das, was er ausdrücken wollte (ob er überhaupt etwas ausdrücken wollte? Oder hatte er lediglich die Idee und realisierte sie, ohne sie großartig zu hinterfragen?), verstehen, erfahren wir wohl nicht einmal, wenn wir den Künstler fragen. Das Kunstwerk wirkt also auf den individuellen Betrachter bzw. Hörer individuell und natürlich kann er sich dazu seine ganz eigenen Gedanken machen. Was passiert nun, wenn wir darüber reden? Wir müssen uns von der Idee verabschieden, ein Kunstwerk in seiner Gänze zu erkennen (das tut nicht einmal der Künstler!) und somit werden meiner Ansicht nach Aussagen wie "nicht vollständig interpretiert" oder "sich zurecht gestutzt, dass es passt" nichtig, das Kunstwerk sagt uns nicht mehr und nicht weniger als wir selbst hineinlegen. Indem wir nun aber darüber reden, können wir den Zuhörern (oder wenn sie mitreden dem Diskussionspartner) Zugänge in ein Kunstwerk legen (Anekdote: meine beste Freundin hat sich eines Tages mal in ein Bild im National Museum of Arts in Dublin verliebt und es sich wahnsinnig lange angesehen, nachdem ich aber etwa fünf Minuten geduldig neben ihr gewartet und ihr zugehört hatte, bekam das Bild, an dem ich selbst offen gestanden blindlings vorbei gelaufen wäre, immer mehr Inhalt und noch heute reden wir gelegentlich von diesem Gemälde). So sehen die meisten Besucher eines Museums vorrangig das, was ihnen der Führer in das Bild hineinlegt. Ist dieser Zugang einmal gelegt, kann sich der offene Betrachter nun auch eigenständig in das Bild vertiefen und sich in dem von diesem geschaffenen Welt bewegen - oder auch nicht. Das bleibt alles ein sehr freies Feld. Ich hätte mir bei dem Anblick der Radierung "Der rechnende Greis" -die mir übrigens wahnsinnig gut gefallen hat- sicherlich niemals die Gedanken, auf die Professor Heinrich gekommen ist, gemacht, aber sie schienen mir trotzdem schlüssig und stringent und ich konnte durchaus nachvollziehen, wie er auf sie gekommen ist.


Wenn aber die Philosophie, und mit ihr die komplette Sprache, in einem Feld besonders begrenzt ist, dann darüber zu sprechen, worüber nicht gesprochen werden kann, das aber dennoch gesagt werden muss: Kunst. Wenn man sich als Philosoph damit beschäftigt, muss man sich doch zumindest darüber im Klaren sein, dass man auf solch dünnem Glatteis jederzeit einbrechen und in dem bitterkalten Wasser ertrinken kann.


Elke Karpf:Paul Klees Radierung „Rechnender Greis“ drückt laut Dr. Heinrich die Unmöglichkeit der bildnerischen Darstellung einer Rechnung aus. Das Bild „drückt etwas aus“/“sagt etwas aus“/“spricht uns an“. Gemäß der Sprachphilosophie - VO von Posselt/Flatscher, hat sich Heidegger über diese Art von Sprache lebloser Gegenstände Gedanken gemacht. Er meinte, die Natur, generell aber auch Dinge und Kunstwerke, können uns ansprechen und wir können ihnen entsprechen. Er knüpfte dabei an Humboldt an, der den Dialogcharakter der Sprache sowie ihre enge, wechselwirkende Verbindung zum Denken erkannt hat.

Ich meine, dass alles was von Menschen gemacht wurde, Kunstwerke, Häuser, Bücher etc. ausgedrückte Gedanken sind. Man kann die Gedanken akustisch, visuell oder durch Handlungen ausdrücken. Das Ergebnis zieht dann eine Reaktion anderer Menschen nach sich. Ich kann beispielsweise ein Kunstwerk ignorieren, betrachten, bewundern, verachten, darüber nachdenken, reden, es kaufen, zerstören. So stehen wir in einem Dialog sowohl zu den Mitmenschen als eigentlich auch zu allen Gegenständen. Was aber ist mit der Natur? Steckt da auch ein Denkprozess dahinter? Wir sagen: eine Landschaft spricht uns an, und meinen, wir finden sie schön. Ist der Mensch der aktive Initiator dieses Dialogs zwischen sich und der Natur oder, wie Heidegger meint, eher der passive Teil, der tatsächlich angesprochen wird? Wenn Letzteres stimmt, müsste doch jemand, der denkt, hinter der Natur stehen, bzw. die Natur selbst aktiv wirken. Oder beruht der Dialog einfach nur auf einer universellen Energie? Was ich mich frage, ist, welche Rolle spielen bzw. welche Position nehmen die Gesprächspartner in dem Dialog Mensch und Welt ein? Wenn man keinen Dialog sieht, nimmt man dann nicht automatisch den Mensch als Zentrum der Welt an, der einfach nur Eindrücke aufnimmt bzw. die Umwelt bewertet? Oder sehen wir einen Dialog einfach nur deswegen, weil wir uns aus unserem menschlichen Gedankenschema nicht wegbewegen können?

Klar ist, meiner Meinung nach, dass du in jedem Fall in ständiger Wechselwirkung zu Dingen, Natur und Menschen stehst. Daraus resultiert eine Verantwortung und die Notwendigkeit eines wachen Bewusstseins. Es hat Einfluss auf die anderen, was du tust und ist wichtig für dich, mit wem und was du dich umgibst. Kunstwerke, die Impulse geben zum Nachdenken und die Reflexionsfähigkeit fördern, so wie Paul Klees „Rechnender Greis“ haben daher für mich einen hohen Stellenwert.


Julia Schindlbauer: Das erste was mir während des Vortrags sofort aufgefallen ist , ist dass das Nicht vorhanden Sein der Striche durch die sich der zweite Kopf, also der im Profil, meiner Meinung nicht als Leere gedeutet werden sollte, sondern viel eher als Klarheit gegenüber der Verwirrung und Dunkelheit der Striche. Der Begriff negative Individualität deutet ja nicht eindeutig Leere an, so wie Klarheit als Negation von Verwirrung dargestellt werden kann. Natürlich ist es bei Kunst immer schwierig eine einheitliche Interpretation zu finden, doch wenn man das Bild so interpretiert, was meiner Meinung nach durchaus legitim ist, fällt die Argumentationsführung der ganzen Vorlesung zusammen. Es kommt mir daher so vor, als habe sich Dr. Heinrich die Interpretation des Bildes so „hergerichtet“ um eine Verbindung zu Wittgenstein und dem Kopfrechnen herstellen zu können. Diese Verbindung zwischen einer Radierung aus dem Bauhausstil und der Sprachphilosophie Wittgensteins war für mich also eher konstruiert. Ausserdem möchte ich kurz auf das Thema Kopfrechnen eingehen. Diesen Teil der Vorlesung fand ich nämlich sehr interessant. Den Unterschied zwischen Kopfrechnen und mit den Fingern rechnen. Tatsächlich ist meiner Meinung nach das Rechnen mit den Fingern allein unmöglich. Der Geist steuert ja das Rechnen, die Finger werden nur als Hilfsmittel zur Erinnerung eingesetzt. Das man als Kind noch nicht so abstrakt Denken kann, gebraucht man die Finger einerseits um sich an die Zahlen die man beispielsweise addieren möchte erinnern zu können und andererseits als Bild, als Vorstellung der Rechnung. Meiner Meinung nach ist es nichts anderes wenn ich heute die zahlen 2 und 5 addiere, im Grunde denke ich trotzdem noch an die Fingern, oder meinetwegen an Äpfel. Natürlich nicht bewusst und vielleicht denke ich auch an das Schriftbild“2+5“ während ich addiere, aber im Grunde ist es die selbe Handlung nur dass heute mein Gehirn geübt genug ist ohne das bildliche Hilfsmittel der Finger auszukommen. In der Vorlesung wurden aber Kopfrechnen und Mit-den-Fingern-Rechnen als 2 getrennte voneinander unabhängige Phänomene untersucht. Das ist meiner Meinung nach nicht möglich, oder legitim.

Martin Sellner: Die Interpretation der Radierung, basierte, so glaube ich auf einer Legaldefinition Klees selbst. (der Prof. erwähnte ja ein theoretisches Buch, dass er über seine Arbeit geschrieben hat) Auf jeden Fall will er aber mit diesen Linien Bereich betonen, ob positiv oder negativ sei dahingestellt. Klarheit kann aber durchaus ein Eumphemismus sein, wie Ruhe für Grabesruhe. AUch auf mich wirkte die Interpretation, teilweise etwas ausufernd, v.a. da viele Aspekte, sehr kurz gestreift wurden. Was aber glaube ich zentral war war die Unterscheidung zwischen Innen und Außen Wittgensteins übertragen auf den Greis- Grunsätzlich kann man zwischen einer solchen abstrakten Aussage und fast ALLEN Bildern einen Konnex herstellen. Prof Heinrich wollte warhscheinlich nur zeigen, dass in der Intrepration von Kunst, Philosophie durchaus eine Rolle spielt. Mir persönlich hätte dazu aber besser das berühmte Gemälde: "Die Schule von Athen", von Raffael (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/31/La_scuola_di_Atene.jpg - Versucht mal zu erraten wer welcher Philosoph ist) gefallen, aber das ist wohl Gemschmacksache ;).


Katharina Baur:ich denke ein ganz wesentlicher Punkt in der Vorlesung von Prof.Heinrich war der Aspekt der Interpretation von Kunst als philosophische Tätigkeit. Es wurde wieder einmal deutlich, zumindest für mich, dass man bildende Kunst lesen kann wie ein geschriebenes Werk. Faszinierend ist das besonders an dem verwendeten Beispiel, das auf den ersten Blick simpel und einfach aussieht. Was ich interessant fand, war dass Klee offenbar überzeugt war, man könne eine Rechnung nicht bildlich darstellen. Das kann man, denke ich, so nicht sagen. Ich würde zwar eine Kurvendiskussion nicht als Kunstwerk bezeichnen, aber entsprechend dargestellt könnte man auch dies als bildende Kunst betrachten. Der Begriff 'Interpretation' kann ja eine subjektive Sichtweise nicht ausschließen. Im Bezug auf das Kopfrechnen möchte ich sagen: man kann mit den Fingern rechnen oder ohne, aber immer braucht man dazu seinen Kopf. Deswegen würde ich ein entweder - oder hier ausschließen. Der Mensch denkt assoziativ; die Mathematik wird hier keine Ausnahme sein, allein schon deshalb, weil sie im Grunde abstrakt ist. Ich kann also während meiner Denktätigkeit gar nicht anders, als mir etwas bildlich vorzustellen. Das ist bei Begriffen wie 'Zitrone' selbstverständlich leichter, als bei einer Zahl. Wenn ich das Wort höre oder lese habe ich das Bild einer Zitrone im Kopf. Wie genau das bei einer Rechenaufgabe ist wird wohl individuell verschieden sein. Ich persönlich muss mir eine Rechnung bildlich vorstellen, sonst komme ich nicht zu einem Ergebnis.


Gertrude Dvornikovich: Prof. Heinrich hat in der Vorlesung den Vergleich zwischen Kunst und Philosophie anhand eines Beispiels, und zwar einer Radierung mit dem Titel „Rechnender Greis“ von Paul Klee aus dem Jahr 1929 dargelegt. Auf diesem Druck sind drei verschiedene Köpfe zu sehen. Über den zweiten Kopf, der als leer gesehen werden kann, eben der innere Kopf, stellt sich die Frage, ob ein leerer Kopf überhaupt wirklich rechnen kann. Ebenso die Hände und Finger sind verkümmert. Auf dem Bild wird weder mit dem Kopf, da er leer ist, noch mit den Fingern, da sie verkrümmt und verknotet sind, gerechnet. Warum hat dann das Bild den Titel „Rechnender Greis“? Es zeigt die Problematik des Rechnens, denn es führt nicht zum Erfolg, sondern ist lediglich ein Versuch des Rechnens. Wittgenstein hat sich mit dieser Frage intensiv beschäftigt, ob es denkbar wäre mit dem Kopf zu rechnen ohne es jemals schriftlich oder mündlich getan zu haben. Er ist der Meinung, dass man ohne Vorstellung etwas Wahrnehmbares im Kopf nichts vollziehen kann. Es wird auf alle Fälle fürs Rechnen ein Erinnerungsvermögen benötigt. Diese Leere deutet Paul Klee als Erinnerungslosigkeit. Dieses Bild zeigt die Problematik des Rechnens auf, da das Rechnen die Erinnerung voraussetzt. Wenn ich mir eine Rechnung nicht bildlich vorstellen kann, komme ich auf gar keinen Fall auf ein Ergebnis, mit oder ohne Finger kann ich sehr wohl rechnen, jedoch nicht ohne Kopf. Ohne bildlicher Vorstellung kann ich nichts denken. Es ergibt sich die philosophische Überlegung, ob das Kopfrechnen nicht als Innen- und Außenvorgang zu sehen ist. Eine Rechenmaschine oder ein PC greift auch auf eine Erinnerungsfunktion. Prof. Heinrich hat zum Schluß ein Resultat gebracht, dass die Philosophie für die Probleme und Fragen zuständig ist, aber nicht für die Antworten. Die Philosophie soll eine Kritik und Anregung zum Nachdenken geben.


Paula Unterwurzacher: Ich habe in der dieswöchigen Vorlesung eine für mich völlige neue Ebene des Philosophierens kennengelernt. Die Kunstphilosophie war mir völlig unbekannt obwohl es eigentlich sehr plausibel ist, Philosophie und Kunst in dieser Art und Weise miteinander zu verbinden. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Philosophieren immer das Nachdenken und Bereden eines „Untersuchungsgegenstandes“, man hört oft „wir philosophieren“ wenn einfach etwas ausführlich besprochen und überdacht wird. So würden wissenschaftliche Arbeiten wie Abhandlungen über die Affekte des Menschen von Spinoza, über Idealsprachen und Kalküle bei Frege oder Wittgenstein, über den Urstoff des Seins von diversen Vorsokratikern wohl kaum als Philosophie sondern eher als Mathematik, Physik, Psychologie etc. bezeichnet werden. Das Sinnieren über Inhalte eines Bildes würden viele bestimmt als typisches Philosophieren bezeichnen und ich finde, dass der Charakter der Philosophie sehr schön in der Vorlesung zum Vorschein kam, in einer Art und Weise die ich noch nie erlebt habe, die Verbindung von Malerei und Philosophie ist äußerst interessant. Jeder Akt des Malens erfordert Kreativität, die dem Kopf entspringt und eine Interpretation eines so entstandenen Werkes erfordert Philosophie, denn welche Kunst wäre besser dazu geeignet?

Camilo Del Valle-Lattanzio: Ich finde, wie Julia auch, dass diese Interpretation vom Bild mit der Auffassung Wittgensteins "konstruiert" war. Es ist mir die Frage eingefallen: "Wie wäre dann eine Interpretation von einem Bild von Jackson Pollock?" Das Bild war ein figurales Bild, deswegen kann man sich über solche Meinungen und Gedanken fragen und davon problematisieren, weil es sich um etwas bestimmtes handelt, Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Interpretation von prof. Heinrich wäre, wenn er ein abstraktes Bild betrachtet hätte. Ich denke, dass man mit diesem Bild sich philosophische Fragen machen kann, aber ich glaube nicht, dass es eine Interpretation des Bildes gibt. Es ist wahrscheinlich, dass Klee sich sowas auch gedacht hat, aber es ist mir schwierig zu glauben, dass die Absicht so war, wie Prof. Heinrich es gesagt hat. Ich glaube nicht an diese Interpretationen, die nur eine Bedeutung des Bildes hervorheben. Ich glaube an die Mehrdeutigkeit der Kunstwerke, wie es laut Roland Barthes mit der Literaturinterpretation auch ist. (vgl. Roland Barthes: Der Tod des Autors. Stuttgart 2000, 185ff.) Ich fand es aber interessant, dass er dieses Thema gewählt hat, obwohl mir die Argumenten von den Deutungen von den Teilen des Werkes überhaupt nicht überzeugt haben. Ich habe am Ende gesehen, dass sein Diskurs dazu gepasst hat, aber, dass dieser Diskurs das Werk getötet hat. Wenn wir dieses Bild als "ein Zeichnen für die Unmöglichkeit des rechnerischen Zeichnens" sehen, dann müssen wir das Werk nicht mehr analysieren, da das Mysterium des Werkes dadurch verschwindet. Ich glaube auch nicht an ein absichtliches Werk, ich glaube eher an ein schöpferisches Werk, das mehr Existenz als Bedeutung hat. Es ändert sich natürlich, wenn man die Konzeptkunst betrachtet, in der schon (wie der Name schon sagt) ein Konzept enhalten ist. Was bringt es uns dann, wenn wir eine philosophische Analyse eines Bildes machen? Wollen wir dann die Kunst systematisieren, und sein Wesen zerstören? Oder ist das Werk nur ein Anstoss für den Anfang eines philosophischen Problems?


Fabian M. Kos: Zunächst sehe ich Professor Heinrichs Thematisierung für sich schon als bereicherndes Moment. Wenn wir seine gewählte Art der Heranführung an die schlussendliche Fragestellung bedenken, so ist bereits hiermit eine wesentliche Erweiterung des philosophischen Verständnisses gegeben. Geschickt pointiert er scheinbar unsagbare Dinge und verknüpft diese am Ende zu einer Aporie. Beziehen wir uns auf den Titel der gesamten Lehrveranstaltung, der „Methoden und Disziplinen der Philosophie“ lautet, so denke ich, animiert uns Heinrich die Vielfältigkeit dieses Spektrums zu fassen, Ansätze und Anstöße in verschiedensten Bereichen wahrzunehmen, die Scheuklappen nur abzulegen. Der Beitrag schließt die Vorlesungsreihe also dem Titel gemäß ab und gibt einen Vorschlag möglicher Betrachtungsweisen. So ist der physikalische Quantensprung eben auch ein philosophischer Progress.

Neben dieser Beobachtung kristallisiert sich im Laufe der Vorlesung die Quintessenz der Sache deutlich heraus: Das Rechnen wird problematisiert („Der rechnende Greis“). Dies gipfelt in der kafkaesk anmutenden Überlegung, ob ein Rechenprozess ohne empirische Hilfsmethoden gedacht, weiterführend gezeichnet werden kann. Also: „Was geht da beim Rechnen eigentlich vor sich?“ Zur Annäherung an die Thematik möchte ich Überlegungen beisteuern, ohne die Frage in ihrer Ganzheit zu beantworten. Während die empirischen Wissenschaften von ihren überprüften und überprüfbaren Tatsächlichkeiten abhängig sind, kommt der Mathematik eine Sonderstellung zu. Im Gegensatz zur Chemie beispielsweise (wir klammern in dieser Betrachtung die Theoretische Chemie aus), die ohne Beobachtungen nicht vorzustellen ist, kann die Mathematik davon unabhängig gedacht werden. Sehr wohl kann ich die empirischen Tatsachen berechnend erfassen, doch bedarf es dann einer Einheit, der eine gewisse Entsprechung in der empirischen Welt zukommt. Sie wird dann, je nach Ermessen des Rechnenden lediglich als praktikable Hilfswissenschaft oder aber als „Mutter der Naturwissenschaften“ bezeichnet. Nun kann die Mathematik aber auch völlig unabhängig von diesen empirischen Tatsächlichkeiten vorgehen. Dies meinen wir zumindest: Losgelöst von der Einheit wird sie zum Gehirntraining, zur Gedankenspielerei oder zur Selbstgefälligkeit der Zahlen. Hier setzt die Fragestellung des Professor Heinrich ein. Was passiert jetzt eigentlich auf dieser Ebene mit den Zahlen? -Dies, wo doch bereits grobe Probleme in der empirischen Weise auftauchen, etwa wenn negative Zahlen nicht durch Antimaterie erfasst werden können- Einen diskutierbaren Vergleich möchte ich mit der Konjugation eines Wortes geben. Wenn ich ebendieses Wort nach den korrekten Regeln beuge, jedoch einen Begriff verwende, der uns nichts mitteilt, so würde ich meinen, befinden wir uns mit „sie zuschtackt“ im selben Dilemma wie die Mathematik mit ihren undefinierten Zahlen. Das Ergebnis ist seiner Form nach korrekt, jedoch ist es für die empirische Welt nicht von Belang. Da eine Provokation keine Frechheit ist, schreibe ich: Die Mathematik setzt sich auf dieser einheitsbefreiten Ebene mit Scheinproblemen auseinander!

Simon Pötschko: Einen interessanteren Abschluss für diese, in meinen Augen größtenteils gelungene aber durchaus noch verbesserungsfähige, Lehrveranstaltung hätte man sich nicht wünschen können. Mit seinen interessanten, ansprechenden, nachvollziehbaren, oftmals auch ein wenig zum schmunzeln anregenden und wie er selbst am Beginn auch verlauten ließ, für Erstsemestrige erstmaligen Denkanstößen aus der Ästhetik ist Prof. Heinrich ein guter Vortrag gelungen. Was in meinen Augen besonders gut zum Vorschein gekommen ist, dass in der Kunst meist etwas größeres bzw. tieferes hinter dem Kunstwerk steht, als man im ersten Moment wahrzunehmen scheint. Ist es ja doch gerade der Vorwurf der Sinnlosigkeit und Banalität, der der Kunst in heutigen Tagen entgegengebracht wird (auch wenn in vielen Fällen genau das die Absicht des Schaffenden war, so war es doch zumindest diese eine, kleine Absicht und nicht bloße Sinnlosigkeit und Primitivität). Diese Tatsache der tieferen Gedanken hinter einem Werk hat Prof. Heinrich mit seiner Schrittweisen Analyse sehr gut zum Vorschein gebracht, verleitet das Bild doch auch im ersten Moment dazu es als primitiv ab zu stempeln. Da diese Veranstaltung offiziell auch dazu dienen soll, dass wir uns ein Bild der verschiedenen Denkmöglichkeiten in der Philosophie machen sollen und diese dann auch miteinander vergleichen sollen, möchte ich genau dies nun tun. Ab einem gewissen Punkt viel mir die Vorlesung des Dr. Flatscher ein, welcher uns in einprägender Weise erklärte, dass wir, phänomenologische Gesehen, Dinge immer in Abschattungen wahrnehmen und das in dieser Wahrnehmung immer schon ein Mehr- und ein Mitmeinen mit eingebunden ist. Ich bin mir jetzt nicht sicher ob es legitim ist einen phänomenologischen Ansatz auf die Analyse eines Bildes, in unserem Fall der Radierung Klees, anzuwenden. Jedoch erschien es mir, ab dem Moment wo uns Prof. Heinrich darauf aufmerksam machte, dass es eigentlich drei Köpfe seien die dargestellt werden, so als ob ich nur mehr im Stande währe jeweils einen der drei Kopf ins Bild zu nehmen und sich der Rest der Radierung wie zu einem Hintergrund vereinen. Interessant fand ich dies auch aufgrund der Tatsache, dass sich dieser Zustand erst einstellte, als Prof. Heinrich explizit auf dies aufmerksam machte und in darauffolgenden Ausführungen immer wieder darauf hin wies. Es schien fast so als sei meine eigene Wahrnehmung, von den Worten und der Schwerpunksetzung des Professors in Hinblick auf die Radierung, abhängig.


Sarah Gaderer: Meines Erachtens war die Vorlesung von Professor Heinrich am Donnerstag überaus interessant und gelungen. Besonders gefallen hat mir einmal einen Einblick in eine, mir völlig fremde Theorie der Philosophie zu bekommen. Ich wurde durch dieses Bild und die Interpretation davon stark an eine andere Lehrveranstaltung, welche ich im Rahmen meines TFM Studiums belegt habe hingewiesen. Sie nennt sich "VO zur Filmgeschichte Lücke- Leere- Nichts" und auch dort geht es genau wie im Bild von Paul Klee um die Darstellung des Undarstellbaren. Von diesem Streben bin ich seit ich diese VO besuche und jetzt, nach der Ringvorlesung wirklich gefesselt. Eine Zeichnung in der man versucht darzustellen, dass man eine Rechnung nicht zeichnen ist in der Grundidee ein genauso komplexes Thema wie ein Gottesbeweiß und von großer Bedeutung, auch wenn es uns scheint als wäre es im ersten Moment nicht so und hätte mehr mit purer Ästhetik zu tun und mit keiner "höheren" Philosopie. Das Nichts und das Undarstellbare beschäftigen den Menschen genauso wie die Frage nach dem Menschen selbst. Mein Anstoß für die Diskussion am Mittwoch wäre eventuell die Frage warum dies so ist, warum wir dies nicht akzeptieren können. Weiters fand ich die entgegengesetze Theorie und These Wittgensteins wirklich interessant und diskussionswürdig. Wo läuft die Rechnnung ab? Wie entsteht Erinnerung?.. sind durchaus nennenswerte Fragestellungen die viel Potential für eine Diskussion bieten.


Björn Dade: Neben Lesen und Schreiben wird das Rechnen traditionell den Kulturtechniken zugerechnet und wird schulisch erworben und vermittelt (in Form elementarer Arithmetik, Geometrie und Algebra). Vermittelt wird die Technik durch Einübung, die zumindest auf die Grundrechenarten bezogen eine "Automatisierung" der notwendigen Rechenschritte und -operationen ermöglicht, und Auswendiglernen, z.B. des Einmaleins und der Quadrate von Zahlen, womit - neben Überschlagsrechnungen - ein Referenzrahmen verinnerlicht wird, um Alltagskalkulationen auf ihre Richtigkeit hin abschätzen zu können. Wie aber geschieht diese Anwendung des erlernten Rechnens? Bedarf es der Anschauung - gewissermaßen einer Niederschrift im Geiste? Für die Basisoperationen, derer wir uns beim Kopfrechnen bedienen, so glaube ich, begnügen wir uns mit - in aller Regel - unbewußter Automatisierung und rufen eingelernte, eingeübte Ergebnisse ab und adaptieren sie der jeweiligen Aufgabe gemäß, so z.B. wenn wir das Produkt von 320x320 berechnen durch Rückführung auf uns vertraute Zahlendimensionen: 32^2 (x10^2) oder in bekannte Faktoren zerlegen: (300^2 + 20^2 + 2x20x300). Dieser Art scheinen die Ergebnisse oder zumindest Teile von ihnen gar eingeprägt - nur ist nicht gewiß, in was für einer Struktur, und sie werden abgerufen aus der (erworbenen) Erinnerung.

Diese "verinnerlichten" Strukturen zur Sprache zu bringen, auszudrücken, fällt ungemein schwierig, unabhängig ob man sich eines verbalen Idioms oder einer Bildersprache bedient - obschon ihr Gegenstand durch Methode von außen erworben ist, ermangeln wir eines Begriffes, wie das Rechnen selbst im Geiste vollzogen wird. Die Einsicht (z.B. eines Ergebnisses) hat eine unmittelbare Qualität - und wird durch den Versuch, sie sich bewußt zu machen, ihrer bewußt zu werden im Vollzug, getrübt. McDowell schreibt kritisch mit Blick auf Kants "inneren Sinn" (worin Urteile über eigene Wahrnehmungen, Gedanken etc. gehören), man gewönne den Eindruck, "als wären wir gezwungen, die Ausübungen der Begriffe in diesem Bereich als rational fundiert betrachten zu müssen, und zwar fundiert in etwas Nichtbegrifflichem, in einem bloß Gegenwärtigen". Unter Bezug auf Wittgensteins Privatsprachenargument schließt er aber: „Ein bloßes Gegenwärtiges kann keine Grundlage für irgend etwas sein.“ (Geist und Welt, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2006, S. 42-43) Eben eine solche Entbehrung von Begriffen scheint das Problem, was nun Rechnen (als exemplifizierter innerer Sinn) sei, dem Zugriff der Sprache - und zumal der Philosophie mit ihrem notwendig sprachlichen Charakter - zu entziehen. Die Kunst hingegen kann über ihre formale Bildsprache hinaus entsprechende Begriffsverweise artikulieren - und damit als Komplement der Philosophie wirken. Nicht zuletzt darin liegt ihre "poetisch-schöpfende" Qualität.


Daniel Ziegelmayer: Was ich am Vortrag von Prof. Heinrich interessant fand, war die These, der Greis habe vergessen, wie man rechnet. Ist so etwas wirklich möglich? Wenn nun das Fingerrechnen und das Kopfrechnen zusammenfallen, also dem Kopfrechnen etwas Wahrnehmbares zugrunde liegt, kann man daraus doch schließen, dass es sich dabei mehr um ein Zählen (der Finger, der Linien, der Äpfel etc.) handelt – ist es möglich, zu vergessen, wie man zählt? Beim Zählen handelt es sich doch mehr um ein Aufsagen von einer auswendig gelernten Reihe von Worten. Es ist klar, dass es möglich ist, Worte zu vergessen oder die Reihenfolge durcheinander zu bringen, aber kann jemand, der zum Beispiel das Wort „fünf“ vergessen hat, die Rechnung 2+3 nicht mehr lösen? Eine weitere These, die Prof. Heinrich aufstellte, war, dass der Künstler Paul Klee mit seiner Radierung zeigen wollte, dass es nicht möglich ist, den Rechenvorgang bildlich darzustellen, was meiner Meinung nach dem widerspricht, was er über Wittgenstein sagte, nämlich dass es eben nicht möglich sei, eine Rechnung im Kopf zu lösen, ohne dabei an etwas Wahrnehmbares zu denken.


Markus Werner: Alles in allem empfand ich die Vorlesung des Herrn Prof. Heinrich als sehr, sehr anregend und sogar richtig spannend. Man kann wirklich behaupten, der eigene Denkhorizont wäre erweitert worden. Der Ansatz, einen philosophischen Diskurs auf Basis eines Kunstwerkes („Der rechnende Greis“ von Paul Klee) vom Zaun zu brechen, war erfrischend modern, wenn auch teilweise äußerst irritierend. Besonders beeindruckt hat mich die Art und Weise wie Prof. Heinrich die Thematik des „rechnenden Greis“ schlussendlich zu der Frage, worum es sich beim Rechnen denn eigentlich handle, führen konnte. Es wurde wahrhaftig Spannung aufgebaut, welche zum Zwecke der späteren Überlegungen durchaus dienlich war. Bei diesen Überlegungen handelte es sich dann um Wittgensteins Auseinandersetzungen mit der Sprache und allgemeiner dem Denken. Konkret handelte es sich um das Gedankenexperiment, ob denn ein Mensch rechnen lernen könnte, ohne jemals die Fähigkeit des Rechnens sprachlich übermittelt bekommen zu haben. Es wird also bloß der Vorgang des Rechnens vorgezeigt, nicht aber sprachlich ausformuliert. Die Frage, die sich uns stellt, ist ob denn nun dieses Vorzeigen genügen kann, um die Fähigkeit des Rechnens zu erlernen. Antwort wird zwar keine gegeben, aber gerade in der Beantwortung dieser Frage, so Prof. Heinrich, sieht Ludwig Wittgenstein die Aufgabe der Philosophie. Er unterscheidet hierbei zwischen Innen und Außen. Und um nun auf die ursprüngliche Problematik zurückzukommen, stellt sich uns schließlich die Frage, wo denn das Rechnen (Innen/Außen) stattfindet bzw. wo überhaupt Denken (folglich auch Sprache) stattfindet. Alles in allem viele brauchbare Anregungen für eine fruchtbare philosophische Diskussion.


Astrid Barcza: Die letzte Vorlesungseinheit dieser LV hat für mich auf neue und interessante Weise Perspektiven auf die Philosophie und ihre wissenschaftliche Arbeit gezeigt und mich zugleich in einigen Punkten an vorangegangene Diskussionen erinnert. Besonders spannend finde ich diesem Zusammenhang die Diskussion um die Interpretation eines Kunstwerks bzw. dessen Mehrdeutigkeit, die sich dem Betrachter eröffnet. Mit Verweis auf die Einheit von Dr. Flatscher dürfen wir davon ausgehen, dass uns Kunst immer auf ein Mehr dahinter verweist und in jeder Abschattung, die sich für ein Subjekt zeigt, sich erst durch eine geteilte Intersubjektivität in einem größeren Bedeutungszusammenhang verortet. Damit schließe ich mich auch einigen anderen Kommentaren an, wenn es um die Frage der „richtigen“ Interpretation eines Bildes geht. Ich denke, dass es sie letztlich nur in sofern geben kann, wenn wir dafür die Intentionen des Autors/Künstlers, Rahmenbedingungen der Entstehung und unsere eigenen Vorannahmen in diese Analyse mit einbeziehen. Für mich zeigt sich darin ein komplexes System von Wirkungszusammenhängen, die wir für die Beantwortung scheinbar banaler Strichfolgen mit berücksichtigen sollten. Es stellt sich aber zugleich die Frage, ob es uns auf anderem Weg gelingen kann, zu verallgemeinerbaren Aussagen zu kommen – wenn uns diese Informationen bspw. nicht zur Verfügung stehen.

Ein weiterer Aspekt, den ich ebenfalls kurz ansprechen möchte, ist die Innen-/Außendifferenz bzw. die Hervorbringung von Erkenntnis jenseits der Immanenz. Wo wird eigentlich gerechnet? Was ist ein innerer/äußerer Fall? Lässt sich Erkenntnis verorten? Nach Prof. Heinrich fängt gerade hier die philosophische Herausforderung an und dem möchte ich zustimmen. In Erinnerung an den Versuch der Gottesbeweise stellen gerade Fragen nach dem (scheinbar) Unhinterfragbaren für mich die spannendsten und vielleicht anspruchsvollsten Bereiche philosophischer Arbeit dar. Inhaltlich hat mich das Verhältnis von Bild-Sprache-Zeichen bzw. die Vermittlung und Übertragung von Informationen über symbolische Referenzen (Zeichensysteme) besonders angesprochen.

Anreatta Benjamin Die Art, wie dieser Vortrag gehalten wurde, hat mich anfangs etwas irritiert. Im Nachhinein finde ich es jedoch eine anregende Art, kein direkter Einstieg sondern eine Überleitung zum Thema hin (auch wenn es für meinen Geschmack etwas mehr Wittgenstein und weniger „alter Greis“ hätte sein können, zudem fand ich es nicht besonders schön ;) ). Der philosophische Inhalt nun die Mathematik, oder besser, das mathematische beziehungsweise rechnerische Denken. Kann man kopfrechnen ohne eine Vorstellung, ohne eine geistige Konstruktion, die das gedachte verbildlicht? Soweit ich Heinrich richtig verstanden habe, meinte Wittgenstein, dass man es eben nicht könne. Aber können blinde Menschen, welche nie ein Bild gesehen haben eine solche Veranschaulichung zustande bringen, auch wenn sie nie dem Reiz des Sehens ausgesetzt waren? Meines Wissens können sie rechnen, also müssten sie demnach auch zu solchen gedanklichen Konstrukten fähig sein. Ist dies vielleicht ein Hinweis auf Kant´s „a priori“ oder liegt meiner Überlegung ein Fehler (sei es bei Wittgenstein oder den Blinden) zu Grunde...?

David Bogner

Ich versteh nicht, warum der leere Kopf in der Rezeption des Werkes so eine zentrale Rolle spielt, wo doch im Laufe der Vorlesung immer klarer wird, dass sich Kopfrechnen offensichtlich nur schwer darstellen lässt. Würden wir dem Greis das Rechnen eher zutrauen, wenn sein Kopf mit Zahlen gefüllt wäre?

Die verkrümmten Finger finde ich da als Symbol für die Nichtdarstellbarkeit des Kopfrechnens passender.

Besonders interessant fand ich den Hinweis auf die Umkehr der Metapher. Aus den den Kopf stützenden Fingern im Bild werden die den Kopf beim Rechnen unterstützenden Finger.

Ipek Dalgic Die Interpretation des Bildes des „rechnenden Greises“ von Paul Klee hat mich sehr fasziniert. Die Art, wie er aufzeigt, dass Bilder Sprache übermitteln können, empfand ich als äußerst interessant. Ich glaube nicht, dass man ein „Innen“ und ein „Außen“ trennen kann. Sind wir bei all dem, was wir tun, nicht immer schon bei den Dingen, bei der besprochenen Situation, sei es, wenn wir über etwas reden oder wenn wir uns etwas vorstellen? Hätte das, was in der Vo für jeden Einzelnen übermittelt wurde, auch ohne jegliche Materialien stattfinden können? Es ist jedenfalls keine Spaltung zwischen Zeichen und Rechenzeichen möglich. Trifft dies auch hier im Bezug auf das Denken anhand von Bildern, Sprache und Vorstellungen zu?


Thomas Karner: An sich war diese letzte Vorlesung im Rahmen der Ringvorlesung schon interessant. Überhaupt, der Gedanke, was alles in einem Bild gesehen werden kann, ist schon reizhaft. Ich denke mir was wir wohl in dieses Bild hineininterpretiert hätten, trüge es einen anderen Titel. Ich kann mir durchauf vorstellen, dass nicht nur rechnender Greis als Titel möglich ist. Was ich allerdings nicht ganz nachvollziehen kann, war die Ansicht von Prof. Heinrich, das Kopfreichnen unterschiede sich komplett vom Rechnen mit den Fingern. Ich denke doch, dass immmer im Kopf gerechnet wird, auch wenn die Finger ein wenig zu Hilfe genommen werden. Außerdem finde ich, dass die schönsten Finger nichts helfen, und schon gar nicht beim Rechnen, wenn der Kopf, so wie Prof. Heinrich es interpretierte, leer ist. Die Vorstellung, welche wie ich denke dem Vortrag zu Grunde lag, ob es möglich sei etwas zu denken, ohne sich dabei etwas kongretes vorzustellen, finde ich außerordentlich interessant, und wert, darüber zu diskutieren.


Viola Kleiser Den Ansatz in dem Kommentar von Thomas habe ich sehr interessant gefunden, dass man, je nach Titel dem man dem Kunstwerk gibt, etwas anderes hineininterpretiert. Denn legt der Titel wirklich die Absichten hinter seinem Werk dar? Diese und eine weitere Frage, nämlich ob es nicht spannender wäre gewissen Werken keine Titel zu geben, habe ich mir schon öfter gestellt.

Weiters möchte ich noch einige Anmerkungen zur Form dieser Lehrveranstaltung geben. Zuerst möchte ich sagen, dass die Idee dieser Lehrveranstaltung eine tolle ist und unbedingt weiter beibehalten werden soll. Gerade im ersten Semester hat man sonst wenig Zugang zu Themen, wie zum Beispiel der Phänomenologie. Ich glaube schon, dass es wichtig ist am Anfang einmal die Grundlagen zu lernen, oder „philosophieren zu lernen“. Daher ist diese Ringvorlesung eine sehr gute Ergänzung am Anfang, weil sie Einblicke in die verschiedensten Richtungen der Philosophie gewährt, aber auch weil sie, zumindest für mich, auch ein wenig zeigt, was uns noch erwartet. In meinem zweiten Studium, Psychologie, hatten wir ebenfalls eine Ringvorlesung, die die verschiedensten Themen der Psychologie in einer kurzen Zusammenfassung vorstellt. Auch hier habe ich es als sehr wertvoll empfunden, dass gleich zu Beginn des Studiums ein Eindruck von dem was einen erwartet gegeben wird. Jedoch wurde diese Ringvorlesung in drei Tage geblockt, was ich nicht sehr günstig fand, da kein Raum für Diskussionen blieb. Dieser ist mit den Übungen zur Ringvorlesung in der Philosophie gegeben. Manchmal hatte ich jedoch auch den Eindruck, dass manche Diskussionen „erzwungen“ waren. Vielleicht reicht es nur jede zweite Woche eine Übung abzuhalten? Ansonsten habe ich diese Lehrveranstaltung als sehr gelungen empfunden.


Mathias Pöschko: Diese Vorlesung fand ich eigentlich recht gut; zum einen, weil sie sich tatsächlich mit einem Gebiet befasste, von dem wir bisher nichts gehört hatten, und zum anderen auch einfach deshalb, weil Prof. Heinrich eine recht humorvolle Art hat (was ja aber eigentlich nicht Thema der Vorlesung ist). Ich habe Schwierigkeiten, mit Kunst so umzugehen, dass ich mir mit Interpretationen quasi ein Haus baue; das heißt, auf Basis von ersten Interpretationen (siehe: weniger Linien bedeuten: leerer, also dummer Kopf) zu weiteren zu gelangen. Natürlich- irgendwie muss man dem Bild ja begegnen und- wie auch Prof Heinrich es auch schon gesagt hat- wesentlich hierbei ist der Titel eines Bildes. Dieser bedingt auch hier die Interpretation. Man nehme an, Paul Klee hätte dem Bild den Namen "hässlicher Zauberer" gegeben- die Dinge wären in eine andere Richtung gegangen. Was Prof Heinricht vielleicht ein bisschen ausgelassen hat, das war, dass bei der Interpretation von Werken es auch eine riesige Rolle spielt, die Entstehungsumstände zu betrachten, also Auftraggeber (wenn da einer war), künstlerisches Umfeld, Epoche, auch die örtliche Umgebung. Das alles hat für die finale Deutung des Werks sehr große Bedeutung! Noch ein Gedanke zur Modernen Kunst: Sie ist ja recht ungewöhnlich! Noch vor hundertfünfzig Jahren konnte man sich solche Kunst nicht im Traum vorstellen. Damals war realitätsnahes Schaffen gefragt! Diese Entwicklung hin zur Abstraktion ruft ja aber auch die Philosophie erst vermehrt in die Kunst. DORT kennt die sich ja aus. Ich glaube, noch nie hat Philosophie in der Kunst so große Bedeutung gehabt wie heute.


Zmaritz Michaela: Bzgl. Philosophie – Ästhetik und Kunst fand ich die anschauliche Darstellung sehr gelungen. Philosophie beschäftigt sich schon seit ihrem Anbeginn mit dem „Schönen“ – also der Ästhetik. Klees „rechnender Kreis“ ist ein gutes Beispiel andererseits, dass sich nicht nur die Philosophie mit der Kunst beschäftig, sondern auch vice versa die Kunst mit der Philosophie. Die Verschränkung von Sichtweisen und das thematisieren von Fragen oder Problemstellungen kann auf vielerlei Ebenen dargestellt. werden. Interessant finde ich vor allem die enge Verknüpfung von Ausdruck der Regelhaftigkeit und der Individualität. Das sprachliche Bild des Liniensystems – Determination also in kunstsprachlicher Hinsicht – zeigt, dass die Frage nach den Verhältnissen von Ausgesagtem sich gut auf die Kunst ausweiten lässt. Vor allem auch deshalb, weil die Kunst / Ästhetik seit jeher Ausdruck des Menschen ist und den Trend des Zeitgeistes und die Gesellschaftsentwicklung zumeist schon vorzeitig anzeigt.


Sabrina Haider:Für mich war diese Vorlesung, wie so vieles in der Philosophie, wieder einmal eine Überrschung. Die Themen und deren Interpretation sind immer interessant, so auch diesmal, wo es primär um die Ästhetik ging. Ein wesentliches Beispiel war dabei das Bild "Rechnender Kreis", anhand diesem man unterschiedlichste Aspekte des Rechnens wahrnehmen konnte. Dabei war es für mich besonders beeindruckend, wie detailiert nahezu jeder Strich erklärt bzw. interpretiert wurde. Die unterschiedlichsten Gesichter, die sich in einem Gesicht vereinten, sehe ich beinahe als Metapher für das Leben. Viel zu oft nehmen wir Dinge einfach an, ohne sie zu hinterfragen. Ein Beispiel aus der Vorlesung vom Prof. Flatscher, der ja bereits mehrmals erwähnt wurde, ist dass wir, wenn wir einen Menschen von hinten sehen automatisch auch wissen, wie er von vorne aussieht, bzw. dass er ein Gesicht hat. Das ist zunächst ja nichts ungewöhnliches, da von der Anatomie dies so vorgegeben ist, trotzdem kann man das auf andere Bereiche lenken, und auch da wird sich zeigen, dass wir glauben, etwas genau zu kennen, nur weil wir es schon ein-,zweimal gesehen haben.Insofern im Zusammenhang mit dem Bild, muss ich sagen, dass dieses zeigt, wieviele Aspekte und "Kleinigkeiten" etwas wirklich ausmachen.


Wolfgang Krenn: Dankeschön @ Frederick, denn dein Kommentar hat mir den Anstoß gegeben selbst einen zu verfassen. Auch wenn Prof. Heinrich sich das Bild so zurecht legte, wie er es brauchte, frage ich, was verkehrt daran sei. Sein Vortrag war ansprechend und gleichzeitig abwechslungreich, baute, wie Markus schon bemerkte, Spannung auf und war bestimmt nicht leichtfertig aus dem Ärmel geschüttelt sondern gut vorbereitet. Dasselbe Argument hätte man übrigens ebenso der Deutung der Truman Show durch Prof. Hrachovec anlasten können.

Betrachten wir Kunst, dann tun wir das auf unsere Art, außer wir nehmen an einer Führung teil. Ein Werk spricht uns an und wir betrachten es. Unser Wissen, falls vorhanden, über die Epoche, den Stil, den Künstler, das Werk selbst, wie auch all unsere Erfahrungen mengen sich unserer Interpretation bei. Da wir uns erinnern können, können wir uns das Werk immer wieder ins Gedächtnis rufen, damit in einen Dialog treten und es mit unserem veränderten Wesen erneut interpretieren, reinterpretieren oder es hört vielleicht auf uns anzusprechen. Dann können wir zumindest noch feststellen: "Das sagt mir nix (mehr)."

"Die Sprache ist daher nichts, was der Mensch hat, sondern umgekehrt Jenes, was den Menschen hat. Was der Mensch ist - wir sind ein Gespräch. Seit ein Gespräch wir sind, angesprochen, zur Sprache gebracht." (Martin Heidegger, Gesamtausgabe, II Abteilung: Vorlesung 1923 - 1944, Band 39, Hölderlins Hymnen, >>Germanien<< und >>Der Rhein<<, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 1999)

So oder so bleibt es uns überlassen wie uns ein Werk erscheint, in welcher Form es uns anspricht und womit wir es in Verbindung setzen.

Beispielsweise dachte ich anfangs das Werk hieße "Rechnender Kreis", wobei ich Kreis mit Kopf und Gehirn in Verbindung gebracht habe. Ich dachte zunächst auch gar nicht an den Ausdruck Greis. Erst später wurde mir klar, dass sich in mir ein Trugschluss ergeben hat, der mir trotzdem die Möglichkeit geboten hat das Bild für mich zu deuten.

Benjamin Hann: Ausgangspunkt der Vorlesung war die Darstellung eines „rechnenden Greises“ von Paul Klee. Über die Fragestellung „Wo wird denn hier überhaupt gerechnet“ und der Feststellung „anscheinend überhaupt nicht“ kam Prof. Heinrich schlussendlich zu einer (die Grenzen der Zeichnung überschreitenden) allgemeinen, philosophischen Frage. Eine Methode, die ich durchaus spannend finde. Spannend auch deshalb, weil Prof. Heinrich während seines Vortrags betonte, dass einige seiner Verknüpfungen und Schlussfolgerungen eigene Thesen sind. Das wiederum gab eine interessante Antwort auf die Frage „Wie kann sich die Arbeit eines Philosophen gestalten?“, was im Sinne einer einführenden Ringvorlesung sicher wesentlich ist.


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