III. Armutssituation in Europa an ausgewählten Beispielen(JsB)

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Armutssituation in Europa an ausgewählten Beispielen(JsB)

Großbritannien(JsB)

Einleitung(JsB)

In Großbritannien rückt das Thema der Kinderarmut immer mehr in den Vordergrund, da eine immer größere Anzahl von Kindern, soziale und materielle Nachteile erfahren. Das Thema der Kindesarmut steht mehr und mehr im Zentrum der Regierungspolitik (Ridge 2005, 14).

Ursachen und Faktoren der Armut bei Kindern(JsB)

  • soziale Klasse
  • Beschäftigungsstatus
  • Familienstruktur
  • Ethnie
  • Anzahl der Geschwister
  • Krankheit und Behinderung

(Adelman/ Bradshaw 1998; Gordon u.a., 2000; Howard u.a. 2001; Millar / Ridge 2001 zit.n. Ridge 2005, 15f.)

Arbeitslosigkeit der Eltern, schlechte Bezahlung, Rassendiskriminierung (vor allem Kinder aus Pakistan und Bangladesch: drei Viertel aller Kinder aus Pakistan und Bangladesch leben unterhalb der Armutsschwelle), stellen weitere Gründe dar.
Auch die Veränderungen der Familienstruktur, Familienbildung und – auflösung führen dazu, dass viele Kinder in Ein-Eltern-Haushalten leben, und das wiederum dazu, dass diese Familien oft auf die niedrigste staatliche Fürsorge angewiesen sind.
Ein ausschlaggebender Faktor ist auch die Arbeitsunfähigkeit, die in Großbritannien einen großen Einfluss auf Kinderarmut hat (Millar, Ridge 2001 zit.n. Ridge 2005, 16).

Geschichte(JsB)

Bis 1997 gehörte Großbritannien, zusammen mit anderen angelsächsisch geprägten Ländern, zur Familie der „liberalen“ Wohlfahrtsstaaten (...). Diese Wohlfahrtssysteme, typisch für Länder wie die USA, Neuseeland oder Australien, sind geprägt von individueller Verantwortung, Märkten und begrenzter sozialer Absicherung. Sozialtransfers werden auf die Allerbedürftigsten konzentriert und ihr Ziel ist weniger die Sicherung menschenwürdiger Lebensumstände, als die Verhinderung extremster Armut. Flexible, kaum geregelte Arbeitsmärkte schaffen einen großen Dienstleistungssektor mit niedrigen Löhnen. Dies ermöglichte diesen Ländern hohe Beschäftigungsquoten, niedrige Steuerbelastungen und ausgeglichene Staatshaushalte. Aber diese Errungenschaften haben ihren Preis in Form von verbreiteter Armut und Ungleichheit“ (Pearce/Dixon [2007], 1).
Die neu gewählte Labour Regierung, hatte es 1997 bei ihrem Amtsantritt nicht leicht, denn sie erbte sehr schlechte Bilanzen bezogen auf den Bereich Kinderarmut. Die Kinder bekamen die Wirtschaftspolitik des freien Marktes, den Konjunkturrückgang und Veränderungen in den demographischen Strukturen sehr stark zu spüren. In dieser Zeit gab es in Bezug auf Einkommen, Wohlstand, starr zunehmender Arbeitslosigkeit wie auch niedriger Bezahlung, allgemein sehr große Unterschiede. Vor allem für Kinder, die in Familien mit Alleinerziehern, chronischen Krankheiten, Erwerbsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit lebten, führte dies zu schlechten wirtschaftlichen Aussichten.
Im Jahre 1979 lebten 1,4 Millionen Kinder in Armut, während es in den Jahren 1992/93 4,3 Millionen waren. Dies bedeutet eine dreifache Zunahme der Kinderarmut. 1998 hat sich dann die Zunahme wieder verlangsamt. Tony Blair gab damals das Versprechen, die Kinderarmut innerhalb von zwanzig Jahren auszumerzen.
Doch gab es noch immer etwa 4,5 Millionen Kinder (35 % aller Kinder in Großbritannien), die mit weniger als 50 % des durchschnittlichen Hauseinkommens, nach Abzug der Mietkosten, lebten (Ridge 2005, 15).

Kapitel3 Armutsrisiken und Armutszahlen.JPG
(Harker/ Lister 1998, 259 )

Das Programm der Labour Party (JsB)

Die Labour Party hat gemäß ihrem Versprechen, ein radikales Programm an Wohlfahrtsformen und ein weites Spektrum eingeleitet, um die Verpflichtungen zu erfüllen. Der Schwerpunkt liegt auf drei Hauptbereichen:

  • „Unterstützung für Kinder primär durch das Schulsystem, aber auch durch deutlich verstärkte Bereitstellung von Dienstleistungen für Kinder in ihren frühen Jahren;
  • Unterstützung für Eltern bei der Suche von Arbeit, die sich lohnt, Kinderbetreuung und Elterninitiativen;
  • Änderungen bei der öffentlichen Unterstützung für Kinder und ihre Familien durch das Steuer- und Beihilfesystem“ (Regierungsvorlage 4445, 1999 zit.n. Ridge 2005, 16 f.).

Nach diesen Maßnahmen haben sich der Stellenwert der Kinder und deren Familien im politischen Geschehen deutlich verbessert. Sie haben von einem größeren Transfer an Geldmitteln profitiert.
In der Anzahl der Kinder, die in Armut leben, sind deutliche Fortschritte erzielt worden (Ridge 2005, 17).

Weiterentwicklung(JsB)

In den letzten Jahren hat sich Großbritannien jedoch von dem Modell wegentwickelt. Es hat zwar seine besten Elemente beibehalten, aber auch einige Elemente aus den skandinavischen Ländern übernommen. In diesen sozialdemokratischen Staaten gibt es sehr viele soziale Angebote. Es wird versucht, jedem einen anständigen Lebensstandard zu bieten.
Ein Beispiel dafür ist die Kinderbetreuung, die vom Staat angeboten wird. Natürlich müssen in einem solchen Fall die Steuern erhöht werden. In den nordischen Ländern herrschen dafür sowohl hohe männliche als auch weibliche Beschäftigungsquoten, es herrscht auch eine niedrige Armut und Ungleichheit vor. Großbritannien hat sich einiges davon abgeschaut und eine Position eingenommen, die man als „anglo-soziales“ Modell bezeichnen kann.
Es ist eine Kombination aus Flexibilität, ökonomischer Leistungsfähigkeit und aus sozialer Absicherung und Gleichheit. Die ersten beiden stellen die Eigenschaften liberaler Wohlfahrtsstaaten dar. Die zweiten zwei sind die Grundelemente der skandinavischen Staaten.

Die wichtigsten Veränderungen waren:

  • Man hat die Rolle der Beschäftigung aufgewertet
  • Neue Architektur staatlicher Lohnzuschüsse (machten es attraktiver zu arbeiten, Unterschied zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit wurde stark erhöht)
  • Einführung eines Mindestlohns
  • Substantielle Ausweitung der Ausgaben für öffentliche Dienstleistungen (werden durch Steuern statt durch Versicherungsbeiträgen finanziert à geringere Erschwernisse für Schaffung von Arbeitsplätzen )
  • Es wird an alle Neugeborenen ein Startkapital, der „Child Trust Fund“, gezahlt

Ergebnisse: Kinder- und Rentenarmut sind sehr stark zurückgegangen. Die Ärmsten konnten stark aufholen und dadurch ist die gesellschaftliche Ungleichheit in einem erheblichen Maß zurückgegangen. Trotz ausgeprägter regionaler Disparitäten befindet sich die Beschäftigung auf einem Höchststand (Pearce/Dixon [2007], 2f.).

Kritik und Zukunft(JsB)

In der Anzahl der Kinder, die in Armut leben, ist deutlich gesunken. Um einen weiteren Fortschritt zu erzielen, muss noch viel getan werden. Es werden beträchtliche Sonderinvestitionen benötigt.
Leider gibt es auch einige Kritikpunkte, und zwar, z.B. dass die Maßnahmen der Labour Regierung zu sehr auf Programme für Erwachsene wie „Welfare to Work“, konzentriert sind, und weniger auf die Verbesserung von der schlechten Kindheit der Kinder in Armut (Ridge 2005, 17).
Die Regierung hat sich dazu verpflichtet bis 2020 die Kinderarmut zu beseitigen. Dieses Versprechen schafft großen Druck, da die Bevölkerung immer mehr von der Regierung erwartet. Die wohlhabenderen Menschen erwarten immer bessere Leistungen im Erziehungs- und Gesundheitswesen, doch die Kosten dafür werden immer größer.
Ein weiteres Problem ist das des demographischen Wandels. Alte Menschen führen zu hohen Belastungen der öffentlichen Finanzen, was aber in Großbritannien nicht so extrem ist, weil die Gesellschaft relativ langsam altert (Pearce/Dixon [2007], 3).

Forschungsproblem(JsB)

„Erst in verhältnismäßig jüngster Vergangenheit haben sowohl Forschung als auch Politikgestaltung in Großbritannien die Ansichten und Erfahrungen von Kindern und jungen Leuten in unterschiedlichen Politikbereichen eingeholt“ (Ridge 2005, 17).
Um das Problem zu erforschen und dadurch zu lösen, müssen Kinder als soziale Akteure mit eigenen Rechten und Themen angesehen werden und nicht als „große Erwachsene“.
Die Lebensphase „Kindheit“ muss als eine eigene angesehen werden, und es sollte akzeptiert werden, dass Kinder andere Normen und Bräuche haben als Erwachsene.
Es gab sehr wenig qualitative Forschung, die sich mit der Erfahrung von Kindern in Armut beschäftigte, jedoch sind solche Forschungen sehr wichtig, um die Lage der Kinder zu verbessern. Deshalb kann man nur stark auf die Verbesserung von Armutsforschung hoffen (Ridge 2005, 17 f.).

Lage der Kinder in Armut am Beispiel einer ausgewählten Forschungsarbeit(JsB)

Diese Forschungsarbeit, die in Großbritannien durchgeführt wurde, bestand aus Tiefen- Interviews mit einer Gruppe von 40 Kindern, die in Familien lebten, die Sozialhilfe bezogen. Die Kinder wurden sowohl aus einem städtischen als auch aus einem ländlichen Umfeld ausgewählt. Sie kamen entweder aus Ein-Elternteil-Familien oder aus Zwei-Eltern-Familien mit einem behinderten Erwachsenen oder einem behinderten Kind.
Die Kinder waren im Alter zwischen 10 und 17 Jahren. Es wurden kindbezogene Forschungsmethoden angewandt, die die Interessen und Ansichten der Kinder in den Mittelpunkt stellten. Man wollte die Bedürfnisse der Kinder, deren Eltern ein niedriges Einkommen hatten, erforschen.
Die Studie beinhaltete sowohl die materielle Situation der Kinder als auch das wirtschaftliche Umfeld. Sie konzentrierte sich auch auf die sozialen Beziehungen zu Hause, in der Schule und darauf, wie Armut allgemein ihr Leben beeinflusst. Es wurde sowohl der Zugang der Kinder zu Einkommen, als auch ihre finanziellen Schwierigkeiten und die Überwindung dieser untersucht.
Aus der Studie wurde ersichtlich, dass nur ein Viertel dieser Kinder Taschengeld bekommt. Die Kinder, die Taschengeld bekommen, verwenden es, um ihr soziales Leben zu pflegen und für Fahrscheine, Schulsachen oder Kleidung.
Viele dieser Kinder gingen aber auch bezahlten Beschäftigungen nach, sie arbeiteten in Teilzeitjobs und an Wochenenden, das waren sowohl Jugendliche als auch vielfach Kinder unter 13 Jahren.
Dieses Geld, das sie verdienten, wurde hauptsächlich dafür benutzt, um an Gesellschafts- und Freizeitaktivitäten mit ihren Freunden teilzunehmen, oder aber auch um sich etwas zu kaufen, was gerade modern ist und ihnen erlaubt, zu einer Gruppe dazuzugehören.
Eine große Anzahl der Kinder musste aber schließlich aufgrund von Zeitmangel und Vernachlässigung der Schule diesen Beruf aufgeben.
Weiters untersuchte die Forschungsarbeit die Bedeutungen und Werte, die Freundschaften für Kinder mit geringen Einkommen hatten. Für diese Kinder hatten Freundschaften eine wichtige beschützende Wirkung, nämlich deshalb, weil sie vor Isolierung und Drangsalierung bewahrten. Die Hälfte dieser Kinder erzählte, dass sie schon irgendwann einmal drangsaliert worden sind.
Für diese Kinder war das Schließen und Pflegen von Freundschaften ein Gebiet, mit dem sie dauernd zu kämpfen haben, um ihren sozialen Status zu wahren und ihre Freunde zu „behalten“. Viele diese Kinder befürchteten, als arm gesehen zu werden, zum Beispiel aufgrund ihrer Kleidung, oder weil sie an bestimmten Freizeitaktivitäten nicht teilnehmen durften.
Sie berichteten auch, dass sie innerhalb ihrer Schule große Benachteiligungen erfuhren. Einige davon fühlten sich isoliert, drangsaliert und allein gelassen. Mehr als die Hälfte der Kinder in dieser Studie konnte nicht an Schulfahrten teilnehmen, was dazu führte, dass sie sich sehr ausgeschlossen fühlten. Die Kinder erzählten, dass sie spüren, wie ihre Erfahrungen mit der Armut sich auf ihr Selbstwertgefühl, ihr Vertrauen und ihre persönliche Sicherheit auswirkten.
Aus der Studie geht hervor, dass sowohl Eltern als auch Kinder sich gegenseitig vor der Armut schützen wollen. Kinder wollen ihren Eltern die sozialen und emotionalen Kosten ersparen. Dies kann auf vielfältige Weise geschehen: Selbstbeschränkung bei Bedürfnissen und Wünschen, Mäßigung bei Ansprüchen und Selbstausschluss von geselligen Veranstaltungen und Aktivitäten an der Schule.
Aus der Studie geht auch hervor, dass diese Kinder aktive und soziale Akteure sind. Sie entwickeln Wege und Mittel, um am gesellschaftlichen Leben durch Arbeit und Spiel teilzunehmen. Sie wenden dafür sehr große Anstrengung auf, da sie sich in einem Art Kampf befinden.
Was das Schlimmste ist, ist die Tatsache, dass die Schulen in dem Punkt, sie mit einem einbeziehenden und bereichernden sozialen Umfeld zu versorgen, versagt haben. Grund dafür sind vor allem die hohen Gebühren für Schulfahrten, Kosten für Lernmittel, anspruchsvolle Prüfungskriterien und Schuluniformen (Ridge 2005, 18-32).
„Insgesamt fand die Studie heraus, dass Armut und Benachteiligung jeden Aspekt des Lebens der Kinder durchdringen, „von den materiellen (...) bis zu den sozialen und emotionalen Voraussetzungen, die für Kinder so wichtig sind, sowohl in der Kindheit als auch darüber hinaus“ (Ridge 2005, 29 f.).

Polen(JsB)

Einleitung(JsB)

In Polen stellen Armut und Arbeitslosigkeit derzeit das schwerwiegendste Problem dar. Wenn man die Tragweite von Armut betrachtet, schwanken die Zahlen, je nachdem, unter welchen Maßstäben man sie betrachtet.
Ende 2003 lebten 12 % der Bevölkerung in extremer Armut, dh. unterhalb des Existenzminimums, während 20% der Bevölkerung unterhalb der relativen Armutsgrenze anzusiedeln waren (Tarkowska 2005, 34). Laut der Armuts-Studie von Unicef, die im Jahre 2005 durchgeführt wurde, lebten in Polen 12,7 % aller Kinder in Armut (UNICEF 2005, 6).
Die Zeitung „Rzeczpospolita“ schreibt, dass gerade Kinder die ärmste Altersgruppe in Polen darstellen. Unter allen Menschen in Polen die Sozialhilfe in Anspruch nehmen, bilden 44 % davon Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Den Hauptgrund der Armut in Polen stellt die Arbeitslosigkeit der Eltern dar. In den Gebieten wo die höchste Arbeitslosigkeit aufgezeichnet ist, ist auch die größte Armutsquote von Kindern anzusiedeln (o.A. 2005, [1]).

Syndrom der „tiefen Armut“(JsB)

davon sind vor allem Familien betroffen, die :

  • arbeitslos sind
  • eine Person als Familienoberhaupt haben, die ein niedriges Bildungs- und Qualifizierungsniveau hat
  • von einer großen Kinderanzahl geprägt sind
  • im ländlichen Gebiet oder in Kleinstädten leben, besonders in den Regionen strukturell bedingter Massenarbeitslosigkeit (Gebiete in Nordost- und Nordwest-Polen) (Tarkowska 2005, 34)

Heutige Armut in Polen(JsB)

Die jetzige Armut in Polen unterscheidet sich von der vergangenen Armut in diesem Land, aber auch von anderen postkommunistischen und auch westlichen Ländern.
„Die wichtigsten Charakteristika und Dimensionen der heutigen Armut in Polen sind folgende:

  1. ihr ländlicher Charakter
  2. Armut als eine verlängerte, anhaltende, chronische oder sogar generationsübergreifende Lebensbedingung
  3. Konzentration der Armut und mit ihr verbundener negativer Phänomene, die zu sozialer Ausgrenzung führen (wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, niedriges Bildungs- und Qualifizierungsniveau, etc.) in besonderen Gebieten und Orten auf der sozialen Landkarte Polens.
  4. Armut, die eng mit Arbeitslosigkeit zusammenhängt und dem Phänomen der „working poor“
  5. die spezifische Form der Feminisierung der Armut wie sie sich auf der Mikroebene von Familie und Haushalt bemerkbar macht, und schließlich die Verlagerung der polnischen Armut auf Jugendliche (Armut bei Kindern, Armut bei kinderreichen Familien, Jugendarbeitslosigkeit, etc“ (Tarkowska 2005, 34f.).

Unterschied von Vergangenheit zu Heute(JsB)

Während zu Zeiten des Kommunismus Armut sich hauptsächlich auf alte Leute konzentrierte, sind es heute zunehmend junge Leute, die davon betroffen sind. Oft verdecken Klischees, die sich auf die ältere Generationen der Armen richten, das tatsächliche junge Alter der Armen. Armutsforscher haben schon lange herausgefunden, dass in Polen die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Armut immer größere Maße annimmt (Tarkowska 2005, 35). „Forscher weisen auf eine Überrepräsentierung von Kindern unter den Armen hin: 2001 betrug die Armutsquote in Polen 16,2 %, während sie bei Kindern 29,5 % erreichte. Damals gab es 24,1% Kinder im Alter von 0 bis 17 Jahren in der gesamten polnischen Bevölkerung, aber der Prozentsatz unter der armen Bevölkerung war viel höher und erreichte 43, 9 %“ (Warzywoda- Kruszynska /Grotkowska-Leder 2002, 30, zit. n. Tarkowska 35 f.).

Heute sind es kinderreiche Familien, die am meisten von Armut betroffen sind. Je mehr Kinder eine Familie hat, desto größer ist das Risiko von Armut. Zu kinderreichen Familien zählen Familien mit vier oder mehr Kindern (GUS 2003; Czapinski/Panek 2003 zit.n. Tarkowska 2005, 36).
„Beinahe 42 % der Leute aus diesen Familien leben unter dem Existenzminimum, während diese Zahl für Haushalte insgesamt 12 % und für Familien mit einem Elternteil 13 % beträgt“ (GUS 2003 zit.n. Tarkowska 2005, 36).
Der Unterschied zwischen Polen und den westlichen Ländern liegt darin, dass in Polen kinderreiche Familien die armutsanfälligsten sind während es in westlichen Ländern bzw. in den Vereinigten Staaten Familien mit nur einem Elternteil sind (Tarkowska 2005, 36).
Es gibt auch sehr viele von Armut geprägte Gebiete. Hier sind es nicht nur die kinderreichen Familien, die von Armut betroffen sind, sondern alle verschiedenen Familienkonstellationen, z.B. städtische Enklaven (Warzywoda- Kruszynska 1999 zit.n. Tarkowska 2005, 36). Besonders davon betroffen sind die Woiwodschaften, Ermland-Mazuren und Heiligenkreuz (o.A. 2005, [1]).

Forschungsproblem(JsB)

Obwohl das Problem der Kinderarmut so schwerwiegend ist und Probleme auf vielen Gebieten miteinbringt, ist es in Polen noch nicht richtig erkannt und bekannt. Dieses Problem zeigt sich aber leider nicht nur in Polen. Der Grund dafür ist vermutlich der, dass Forscher nicht die einzelnen Familienteile beachten, sondern, dass sie die Familie als Ganzes sehen. Jedoch erfährt jedes Familienmitglied Armut in einer anderen Weise. In jüngster Zeit versuchen Forscher, diese Fehler zu vermeiden und alle Familienmitglieder differenziert zu beachten und zu erforschen.
Es gibt auch immer mehr Initiativen, die versuchen, sich intensiv mit diesem Problem der Kinderarmut zu beschäftigen und die Missachtung dieses Problems zu beseitigen.
Einige Beispiele:

  • der landesweite „Kinder- Gipfel“
  • Konferenz zur Unterernährung bei Kindern
  • Konferenz über Bildungsbarrieren im Leben armer Kinder (Federation for Social Reintegretation)
  • Konferenz über alternative Formen der Vorschulerziehung in armen Gebieten (Foundation for Child Growth) (Tarkowska 2005, 36 f.)

Darstellung der Armutslage von Kinder(JsB)

Ein großes Problem der Kinderarmut in Polen stellt die Bedürfnisvernachlässigung der Kinder dar :

  • Viele Familien können ihren Kindern keine, beziehungsweise nicht genügend Nahrung bieten. Dadurch sind Kinder für verschiedene Krankheiten und Infektionen anfälliger.
  • Kinder schlafen in Räumen, die nicht genügend beheizt sind, und tragen für die Jahreszeit ungeeignete Kleidung. Im Winter werden sogar Teile der Wohnung aufgrund von Heizkosten abgeschlossen.
  • Da es kein Geld für Medikamente gibt, werden Kinder mit Hausmitteln kuriert.
  • Aufgrund von Einsparungen können Hygienerituale nicht, beziehungsweise nur bedingt durchgeführt werden
  • Kinder haben keine Bedingungen für richtiges Lernen
  • Das soziale Umfeld der Familie wird immer kleiner
  • Viele Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder, weil sie ständig auf Arbeitssuche sind. Einige ertränken ihre Frust auch in Alkohol und zeigen sehr wenig Interesse für ihre Kinder (Tarkowska 2005, 38-41).

Arme Kinder werden oft vom Bildungssystem diskriminiert. Vor allem Arme und Einwohner von unterentwickelten Regionen, Dörfer und Kleinstädten sind Verlierer im Bildungswettlauf. Es ist unmöglich, gleiche Chancen für Kinder aus armen, vernachlässigten Milieus bereitzustellen, da es einen schwierigen Zugang zu Vorschulen gibt(Tarkowska 2005, 42).
„Untersuchungen weisen darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler nach sozialer Position und Vermögen ihrer Familie separiert und, dass arme Kinder diskriminiert werden“ (Murawska 2004, 77 zit.n. Tarkowska 2005, 43).
Das Schulsystem baut Ungleichheiten nicht ab, sondern verstärkt sie noch zusätzlich. Viele Lehrer wissen nicht, wie sie mit armen Kindern umgehen sollen.
Derzeit bemüht sich das Schulsystem in Polen aber, durch viele Reformen diese Ungleichheiten aufzuheben und auch armen Kindern ein gutes Bildungssystem zu bieten. z.B.: werden arme Kinder mit zusätzlicher Nahrung versorgt, es werden ihnen die Schulbücher finanziert und es werden Stipendien vergeben (Tarkowska 2005, 43 f.).

Italien(JsB)

Einleitung(JsB)

„In den letzten Jahren ist das Ausmaß von Armut in Italien sowohl bei Heranziehung der relativen Armut (...) wie auch der absoluten Armut (...) im Wesentlichen stabil geblieben“ (Saraceno 2005, 70).
„Im Zeitraum 1997- 2003 ist das Ausmaß der relativen Armut von Familien mit rund 12 % konstant geblieben, die absolute liegt bei rund 4 %. Die territoriale Verteilung von Armut und ihre starke Konzentration im Süden, wo 62, 7% der armen Bevölkerung lebt, blieben unverändert. Die Quote armer Familien betrug in den südlichen Regionen während des gesamten Zeitraumes etwa 24% (relative Armut) bzw. 20% (absolute Armut), in den nördlichen Regionen lag die Quote bei 5-6 % bzw. unter 2 %. In den mittleren Regionen gab es während des Zeitraums größere Schwankungen“ (Saraceno 2005, 71).

Aktuelle Lage der Armut in Italien(JsB)

„Regierung ist besorgt wegen zunehmender Armut in Italien In der italienischen Regierung wächst die Sorge wegen des Armutszustands, in dem immer mehr italienische Familien leben müssen. Von der Armut sind laut einer ISTAT- Studie 7,5 Millionen Personen betroffen, das sind über 13 Prozent der italienischen Bevölkerung. Weitere 15 Prozent der Familien haben demnach ernsthafte Probleme, mit dem Einkommen auszukommen. Armut ist hauptsächlich ein Problem der Haushalte in Süditalien. 70 Prozent der armen Familien leben im sog. Mezzogiorno. Gesundheitsausgaben haben jeder achten Familie in Italien schon einmal Probleme bereitet, ergab die Studie. 5,8 Prozent der Familien haben sogar konkrete Schwierigkeiten, sich genügend Nahrung zu verschaffen. Fünf Prozent der Personen in Süditalien ernähren sich nicht ausreichend. Vor allem kinderreiche Familien oder Haushalte mit Pensionisten und Arbeitslosen sind von finanziellen Problemen schwer belastet. Von der Armut gefährdet sind auch Familien, die aus alleinerziehenden Frauen mit Kindern bestehen. Fast 12 Millionen Familien erhalten eine Pension. Für 2,7 Millionen ist das die einzige Einkunft. 21.000 Familien beziehen ausschließlich die Mindestpension von 500 Euro. Auch die italienische Bischofskonferenz hat diese Woche vor der Armut in breiteren Schichten der Bevölkerung in Italien gewarnt. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Angelo Bagnasco, zeigte sich wegen der zunehmenden Armut von Alleinstehenden, Pensionisten und Einkommensschwachen besorgt. Auch das Problem der unsicheren Arbeitsplätze sowie der Schwarzarbeit wurde von dem Genueser Erzbischof Bagnasco angesprochen“ (o.A. 2007, [1]).

Ursachen und Faktoren der Armut(JsB)

Die am meisten von Armut gefährdeten Personen sind Familien mit vier oder mehr Kindern. Weniger von Armut betroffen sind: Alleinstehende, kinderlose Paare und Paare mit nur einem Kind. In den 1980er Jahren bildeten Familien mit Senioren die stärkste Gruppe der Armutsgefährdeten. Heute sind sie es auch noch, aber nicht in so einem Ausmaß. Weiters gefährdet sind Senioren, die allein wohnen und Paare mit zwei Kindern (Saracenco 2005, 71 f.).
„2003 waren 28% der Familien arm, in denen das Familienoberhaupt arbeitslos war (...) gegenüber 12 % der Familien mit einem Familienoberhaupt in Rente bzw. 8,2 % und 6,7 % wenn das Familienoberhaupt angestellt oder selbstständig war“ (Saraceno 2005, 73).
In Italien liegt das Problem der Armut vor allem darin, dass ein Missverhältnis zwischen Einkommen und konsumierenden Familienmitgliedern besteht (Saraceno 2005, 73 f.).

Armut von Familien mit minderjährigen Kindern und Jugendlichen(JsB)

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ist die Anzahl von Familien mit minderjährigen Kindern deutlich gestiegen, jedoch ist das ein allgemeines Phänomen, was viele Länder betrifft. Was besonders ist die Tatsache, dass, obwohl es in Italien eine relativ geringe Anzahl von Familien mit minderjährigen Kindern ohne mindestens einen Erwerbstätigen gibt, dies die Familien mit minderjährigen Kindern nicht vor Armut schützt. In Italien schützt weder die Erwerbstätigkeit mindestens eines Elternteils, noch die Tatsache, dass die Quote von Kindern, die unehelich geboren werden, sehr gering ist, noch die höhere Stabilität der Ehen, vor Armut.
Eine ausschlaggebende Tatsache ist jene, dass Kinder ärmer sind, wenn sie in einer Familie mit minderjährigen Kindern leben (OECD 1998 zit.n.Saraceno 74 f.).
„Der Anteil armer Kinder und Minderjähriger ist noch höher als der von Familien, da sich die Armut auf große Familien konzentriert“ (Saraceno 2005, 75).

Relative Armut erfahren 15 % aller italienischen Minderjährigen und davon sind vor allem die unter 15-Jährigen betroffen.
Das Armutsrisiko für Jugendliche ist hoch, wenn:

  • keiner der Erwachsenen mit denen sie leben berufstätig ist oder wenn das Familienoberhaupt arbeitslos ist

Das Armutsrisiko ist niedrig, wenn:

  • beide Elternteile arbeiten

Große Gefährdungsfaktoren zeigen sich bei sehr jungen Familien mit kleinen Kindern. Das liegt daran, dass sie in dem jungen Alter noch ein geringeres Einkommen haben und dadurch nicht sehr viel sparen können (Saraceno 2005, 76-80).

Kapitel3 Armut von Familien je nach Alter der Kinder.JPG
(ISTAT 2004, zit. n. Saraceno 2005, 76)


Noch heute gibt es im Süden im Vergleich zum Norden große Unterscheide bei den Kindersterblichkeitsquoten mit jeweils 6,25 % im Süden und 3,9 % im Norden. Der Grund dafür ist der niedrige Bildungsstand und sozialökonomischer Status der Mütter (Saraceno 2005, 81).

Kapitel3 Relativer Armutsanteil nach Familiengröße.JPG
(ISTAT 2004, zit.n. Saraceno 2005, 73)

„Die von ISTAT in den Jahren 1999-2000 durchgeführte Gesundheitserhebung hat ergeben, dass die negative Beurteilung des Gesundheitsstandes eines Kindes mit der Arbeitslosigkeit der Eltern (...) im Zusammenhang steht“ (Vannoni/Cois 2004 zit.n.Saraceno 2005, 81).
Kinder von solchen Familien treiben weniger Sport und werden auch seltener untersucht.
Kinder aus ärmeren Familien sind auch öfter Opfer von Misshandlungen und Gewalt. Dabei handelt es sich nicht nur um körperliche Gewalt, sondern auch um Vernachlässigung (Saraceno 2005, 81).

Politische Weiterentwicklung(JsB)

Die Förderung der Berufstätigkeit von Frauen mit Familien, sowie die Politik der Vereinbarkeit familiärer und beruflicher Pflichten, stellt ein politisches Instrument zur Unterstützung von Familien mit Kindern dar.
In Italien liegt die Zahl der Frauen, die arbeiten, unter 50 %. Viele Frauen geben ihre Arbeit aus familiären Gründen auf. Die Rolle der Frau liegt noch heute in der Führung der Familie. Es herrscht ein Mangel an familienfreundlichen Zeiten in Bezug auf die Arbeit und ein Mangel an Betreuungsleistungen.
Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern hat Italien auf die Kostenfrage für Kindererziehung noch keine effiziente und dauerhafte Antwort gefunden, obwohl in den letzten Jahren kleine Schritte in diese Richtung gemacht worden sind: neben dem Kindergeld wurde die Steuerabschreibung erhöht und eine neue Form von Kindergeld für Familien mit sehr niedrigen Einkommen und mindestens drei minderjährigen Kindern eingeführt. Die erste Maßnahme hat zwar ein Gleichgewicht zwischen denen, die bei gleichem Einkommen Kinder haben, und denen, die keine Kinder haben, herbeigeführt, jedoch hatte dies keine Auswirkung auf die Situation sehr armer Kinder. Die zweite Maßnahme schafft es nur begrenzt, das Ausmaß an Armut unter Familien mit zwei oder mehr Kindern zu verringern (Saraceno 2005, 82-86).

Finnland(JsB)

Einleitung(JsB)

Finnland ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass ein Land seine sozialen Probleme lösen kann, sobald ihnen von der Politik aus mehr Beachtung geschenkt wird.

Kapitel3 Statistik.JPG
(UNICEF 2005, 6)

Geschichte(JsB)

Nicht immer war Finnland so ein reiches Land wie heute. Noch bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts starben in Finnland viele Kinder an Unterernährung, bis dieses Problem schließlich erst in den 40er Jahren auf ein normales mitteleuropäisches Niveau reduziert wurde (Turpeinen 1987, 405- 414, zit.n. Matthies 2005, 53).
In den 70er Jahren war es noch häufig der Fall, dass uneheliche finnische Kinder ins wohlhabende Ausland zur Adoption geschickt wurden, um sie vor Armut zu schützen (Pelastakaa Lapset/ Rädda Barnen 2002, 28, zit.n. Matthies 2005, 53).
In den 60er Jahren sind auch sehr viele Familien nach Schweden ausgewandert, um ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten zu können. Nur Menschen aus wohlhabenden Schichten hatten Chancen auf gute Bildung (Matthies 2005, 53).

Das nordisch- universale Wohlfahrtsstaatsmodell(JsB)

In den nordischen Ländern wird versucht, die Kosten, die durch Kinder entstehen, bis zu einem gewissen Grad zwischen Haushalten mit und ohne Kindern auszugleichen. Es wird darauf wert gelegt, es Familien derart zu erleichtern, dass sie sowohl Familie als auch Erwerbstätigkeit vereinbaren können. Jede/r Staatsbürger/in beziehungsweise jede/r Einwohner/in hat Anspruch auf einkommensunterstützende staatliche Leistungen. Diese Leistungen richten sich an Individuen, das heißt auch an Kinder (Matthies 2005, 56).
Das Modell wird oftmals als frauen- und kinderfreundlich bezeichnet (Lewis/Ostner 1994, Gerhard/Knijn, Weckwert 2003 zit.n.Matthies 2005, 58).
„Diese Faktoren sind auch in der UNICEF- Studie von 2005 zentral miteinbezogen. In ihrer länderübergreifenden Studie kommt Forssén zu dem Ergebnis, dass- außer in Schweden und Finnland- sich die Armut in allen OECD- Ländern nicht nur verweiblicht, sondern auch infantilisiert hat“ (Forssèn 2005 zit.n.Matthies 2005, 58).

Staatliche Unterstützungsmaßnahmen werden auch mit umfangreichen universalen sozialen Dienstleistungen gefördert. Die Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder liegt in den nordischen Ländern keinesfalls nur bei den Eltern, sondern dies ist vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe. Damit ist die Finanzierung, Erziehung, Ausbildung und Freizeit der Kinder gemeint (Matthies 2005, 59).
Durch staatliche Abhilfe wird der eigentliche Grad der Kinderarmut von 18 % auf 2,8 % reduziert. Es macht keinen Unterschied, ob die Familie ein, zwei, drei oder mehrere Kinder hat, denn der Staat gleicht die finanziellen Unterschiede effektiv aus (UNICEF 2005, 12-114 zit.n.Matthies 2005, 59).
Natürlich gibt es in Finnland auch das Problem der Arbeitslosigkeit der Eltern. 75,3 % aller Mütter in Finnland sind jedoch erwerbstätig und im Regelfall vollzeitbeschäftigt. Daraus schließt man, dass nur 0,5 % von ihnen zu der Klasse der 10 % mit dem niedrigsten Lohneinkommen gehören (UNICEF 2005, zit.n. Matthies 2005, 60).
Bemerkenswert ist auch der Fakt, dass Alleinerziehende in Finnland im Gegensatz zu anderen Ländern vollzeitbeschäftigt sind (Forssén 1998, 115f., zit.n. Matthies 2005, 60).
„Das Armutsrisiko für Familien mit zwei Elternteilen, die nur ein Gehalt beziehen, hat sich in Finnland reduziert, weil der nicht- erwerbstätige Elternteil oft aufgrund von Elternzeit vorübergehend auf die Erwerbstätigkeit verzichtet, und entsprechende staatliche Leistungen erhält“ (Matthies 2005, 60).

Zeit der sozialen Krise und Weiterentwicklung(JsB)

In den Jahren 1993-1996 befand sich Finnland in einer sehr starken ökonomischen Krise. Es wurden viele Sozialkürzungen durchgeführt und dadurch verschob sich die Armut vor allem auf die Gruppe der Einpersonenhaushalte. In dieser Zeit stieg man nur finanziell auf, wenn man keine Kinder hatte. Haushalte mit Kindern waren sehr armutsgefährdet (Forssén, 1998, 109, zit.n. Matthies 2005, 61). „Immerhin lebten 11% der Kinder im Jahr 2000 in Familien, die Sozialhilfe bezogen“ (Matthies 2005, 61).
Gründe für das Armutsrisiko bei solchen Familien waren vor allem:

  • Niedrige Bildung & nichtkontinuierliche Arbeitsverträge
  • Befristete Arbeitsverträge & geringe Bezahlung
  • Verlängerte Ausbildungszeit & Erziehungszeiten & erschwerter Anschluss zum Arbeitsmarkt (Sauli/Bardy/Salmi 2002; 46-47 zit.n. Matthies 2005, 62)

In Finnland haben Transfer und Dienstleistungen eine ausgleichende Wirkung in mehrfacher Hinsicht:

  • „horizontal (zwischen Haushalten mit und ohne Kinder, bzw. zwischen den Lebensphasen)
  • vertikal (zwischen den gesellschaftlichen Klassen)
  • zwischen den Geschlechtern
  • zwischen den verschiedenen Familientypen (Ein- bzw. Zweielternfamilien)
  • und zwischen den Familien mit unterschiedlicher Größe (Anzahl der Kinder)“ (Matthies 2005, 63)

Veränderungen:

  • Steuerliche Entlastungen wurden 1994 abgeschafft. Dafür wurde das Kindergeld erhöht. Es wird an alle Kinder unabhängig vom Einkommen der Eltern im Alter von 0-17 Jahren gezahlt (Hiilamo 2002, 215, zit. n. Matthies, 63)

Das Kindergeld wurde nach bereits zwei Jahren gekürzt.

  • Seit 1937 gibt es ein „Mutterschaftspaket“, das alle werdende Mütter erhalten. In diesem Mutterschaftspaket sind die Grundausstattungen für ein Baby enthalten. z.B.: Pflegeartikel, Windeln, u.a. (Kela 2005 zit.n. Matthies 2005, 63).
  • Das Recht des Kindes auf Tagesbetreuung wurde 1995 auf das Alter von 7 Jahren ausgeweitet.
  • Die elterlichen Betreuungsbeiträge sind bis zu 1000 € gestiegen, damit mehr Eltern erwerbstätig werden.
  • Das Erziehungsgeld beträgt 463 € pro Kind und richtet sich nach der Anzahl der Kinder.
  • Wohngeld wird auch verliehen und gehört zu einem bedeutenden Mittel der Armutsbekämpfung.
  • Es gibt kostenlose Mütter- und Familienberatungsstellen.
  • In der Schule wurde eine kostenlose gesundheitliche und psycho-soziale Versorgung angeboten, sowie auch: warme Mittagessen, Lernmittelfreiheit und kostenlose Bildung bis zum 16. Lebensjahr (Matthies 2005, 63 ff.).

Studien über Langzeitarmut in Finnland zeigen allerdings, „dass nur 1 % der Familien mit Kindern zu der Gruppe gehören, deren Armut von längerer Dauer ist, Langzeitarmut betrifft in Finnland Einpersonen- Haushalte oder Haushalte ohne Kinder, und sogar 10 % der allein lebenden Männer gehören zu dieser Kategorie. Auch stellt Erwerbslosigkeit ein höheres Armutsrisiko als eine hohe Kinderanzahl dar“ (Matthies 2005, 66).

Kritik und Zukunft(JsB)

Die „nordischen Vorteile“ werden zunehmend von der neoliberalen Politik Finnlands bedroht. Kindern und deren Müttern geht es heute im internationalen Vergleich noch sehr gut, doch sind sie andererseits erheblich von der nationalen Familienpolitik abhängig. In Zeiten des Steuerwettbewerbs ist die dauerhafte Fortsetzung des Wohlfahrtsprogramms jedoch nicht sicher (Matthies 2005, 67).

Literaturverzeichnis

Großbritannien

Bücher

  • Harker, L., Lister, R.(2001): Armut und Familienleben am Beispiel der britischen Gesellschaft. 1998. In: Klocke, A./ Hurrelmann, K. (Hrsg.): Kinder und Jugendliche in Armut. Umfang, Auswirkungen und Konsequenzen. Westdeutscher Verlag GmbH: Wiesbaden
  • Ridge, T. (2005): Kinderarmut und soziale Ausgrenzung in Großbritannien. In: Zander, Margherita (Hrsg.) : Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH: Wiesbaden, 14-33

Internetquellen

  • Pearce, N./ Dixon, M. ([2007]): Das „anglo-soziale“ Modell des Sozialstaats- Ein Vorbild für Europa? (1-4) www.fes.de/international/westsuedeuropa/Das%20britische%20Sozialmodell.pdf (Download: 14.4.07)

Polen

Bücher

  • Tarkowska, E. (2005): Kinderarmut und soziale Ausgrenzung in Polen. In: Zander, Margherita (Hrsg.): Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH: Wiesbaden, 34-51

Internetquellen

  • o.A. (2005): Bieda polskich dzieci. www.racjonalista.pl/index.php/s,11/t,5252 [1] (Download: 20.04.2007)
  • UNICEF (2005): The proportion of children living in poverty has risen in the majority of the world’s develop economies (1-40)www.unicef.de/fileadmin/content_media/presse/fotomaterial/Kinderarmut/Report_Card_Innocenti_Child_Poverty_in_Rich_Nations_2005.pdf (Download: 6.6.2007)

Italien

Bücher

  • Saraceno, C. (2005): Kinderanzahl und Armut in italienischen Familien. In: Zander, Margherita (Hrsg.): Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH: Wiesbaden, 70-86

Internetquellen

  • o.A. (2007): Regierung ist besorgt wegen zunehmender Armut in Italien, www.eventguide.it/nachricht-26992 [1] (Download: 24.5.2007)

Finnland

Bücher

  • Matthies, A. (2005): Was wirkt gegen Kinderarmut? Finnland- Ein Beispiel des nordischen familienpolitischen Modells. In: Zander, Margherita (Hrsg.): Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH: Wiesbaden , 52-69

Internetquellen

  • UNICEF (2005): The proportion of children living in poverty has risen in the majority of the world’s develop economies (1-40) www.unicef.de/fileadmin/content_media/presse/fotomaterial/Kinderarmut/Report_Card_Innocenti_Child_Poverty_in_Rich_Nations_2005.pdf

Siehe auch

Jugend und Armut<br\> IV. Armut im internationalen Vergleich(JsB)