HEUBLEIN, Karin (Arbeit1)

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DISKUSSION (1.Arbeit HEUBLEIN, Karin)

zur Ring-Vorlesung von Konrad Paul Liessman am 30.10.2008

  • verfasst von Karin Heublein; Matr.Nr. 9807214


Prof. Liessmann beginnt mit der Geschichte einer Lehrfabel des griechischen Dichters Äsop (die im Laufe der Geschichte durch verschiedene Einflüsse abgewandelt wird): Ein Astronom ging jede Nacht aus dem Haus und betrachtete die Sterne. Eines Tages war er so vertieft in den Sternenhimmel, dass er eine Zisterne übersah und hinein fiel. Einer kam vorbei und sagte „Bist du also so einer, dass du sehen willst, was am Himmel ist, aber übersiehst, was auf der Erde ist?“ Platon hat diese Fabel abgeändert und macht aus dem Astronom den Philosophen Thales von Milet und aus „einem, der vorbei kam“ eine thrakische Magd, die sich über den Philosophen lustig macht. Platon fügt dieser Fabel hinzu, dass der Spott (die Magd lacht den Philosophen aus) auf all diejenigen passt, die sich auf die Philosophie einlassen.

Es stellt sich die Frage: „Was ist Philosophie?“ Das Wort Philosophie stammt vom griechischen Wort „phílos“ (Freund) und vom Wort „sophía“ (Weisheit) Man könnte also sagen, Philosophie bedeutet „Liebe zur Weisheit“. Weisheit kann man jedoch nicht erwerben. Ein Philosoph ist ein Suchender, einer, der erkennen will, aber noch nicht erkannt hat. Also „erkennen“ in dem Sinn, dass man etwas theoretisch erfassen will ohne auf die Praxis zu achten (in der Geschichte von Äsop wäre diese Praxis mit der Zisterne zu vergleichen).

Der nächste wichtige Aspekt ist die Frage: was versteht man unter Weisheit? Weisheit ist nicht gleich Wissen. Wir könnten z.B. hochqualifizierte Spezialisten in einem Fachgebiet sein, d.h. wir haben in einem bestimmten Bereich sehr viel Wissen – wir sind dadurch aber nicht „weise“, weil dieses Wissen nur eine Ansammlung von faktischen Kenntnissen ist. Der Begriff der Weisheit war schon in der Antike umstritten: Die Sophisten (der Name dieser Bewegung wird abgeleitet vom Wort „sophía“, also Weisheit) waren so etwas wie „Weisheitslehrer“. Sie haben sich auf eine Art Weisheit bezogen, die auch einen praktischen Nutzen bringt, was ja eigentlich nicht der Gedanke der anderen damaligen Philosophen war. Die Sophisten haben das Wissen strategisch eingesetzt. Ihr Ziel war es aus schwachen Argumenten starke zu machen – sie lehrten unter anderem wie man jemanden überreden oder mit Worten in die Enge treiben kann, was z.B. wichtig für Verteidiger bei Gericht war. Sie waren somit die ersten, die Rhetorik und Dialektik gelehrt haben – und das gegen Bezahlung. Und genau das brachte ihnen Kritik ein, wie z.B. Platon meinte: Der eigentliche Gedanke der Philosophen ist es, nach Wissen zu streben, dass man nicht kaufen oder verkaufen kann. Die Dinge sollen in ihrer Wahrheit erkannt und zurück gespiegelt werden – diese Form der Weisheit kann man sich jedoch nicht aneignen. Die Weisheit bezieht sich immer auch auf das Leben und hat somit einen Praxisbezug. Es gibt daher keine rein theoretische Weisheit.

Prof. Liessmann kommt somit zum Begriff Theorie. Es kommt vom griechischen Wort „theoreĩn“, was so viel heißt wie schauen, betrachten. Es meint damit Schauen in dem Sinne, etwas zu betrachten, als innere Konzentration und ist auch gleichzeitig der Verzicht auf unmittelbaren Nutzen. Dieser Verzicht ist ein wesentliches Merkmal des Theoretischen. Aber durch dieses Schauen und Betrachten alleine wird man nicht weise. Es schließt die Absichten bereits mit ein, Zusammenhänge zu erfassen. Die Theorie hat natürlich damit zu tun die Welt zu beobachten, das Gesehene zu ordnen und kommunizierbar zu machen und hinter dem Gesehenen etwas anderes zu erblicken als das, was ich sehe.

Prof. Liessmann erklärt den Begriff des theoretikós: das ist ein Theoretiker, in der Antike ein Festgesandter, der z.B. zu den olympischen Spielen fuhr, um dort zu schauen, zu beobachten und dann zu berichten. Die olympischen Spiele galten als „heilige Handlung“ – nach Prof. Liessmann gehört zum philosophischen Begriff der Theorie, dass dieses Schauen vordringt, wenn es absichtslos ist und somit nicht interessensgesteuert ist. Liessmann bringt daher diesen Vergleich mit den sakralen Handlungen, weil er zeigt, dass hier keine Absicht vorliegt (anders z.B. bei Pferderennen, wo das Beobachten nicht um seiner selbst willen geht, sondern dass das Hoffen auf Gewinn Vorrang hat).

Cicero hat diesen Begriff der theoria mit dem Begriff „contemplatio“ „sich versenken, mit einem „verinnerlichten Schauen“ übersetzt. Hier kommen noch zwei Dimensionen dazu, was philosophieren bedeutet: Die 1. Dimension ist die „Schau“: damit ist nicht nur die simple Schau des Auges gemeint, sondern auch metaphorisch verstehbar: man sieht auch etwas, wenn man die Augen zu hat – es handelt sich eher um ein Versenken in einen Gegenstand – es ist eine Art „innere Schau“. Die 2. Dimension ist das „Nur Beschauliche“: hier steckt ein Vorwurf drinnen, nicht aktiv, von sich aus nicht tätig, nicht praktisch zu sein (in der Lehrfabel: Magd lacht über den Philosophen Thales). Man setzt sich also einer Sache ohne Grund aus und bleibt selbst untätig.

Aristoteles war der Meinung, dass diese Form des beschaulichen Nachdenkens wesentlich ist, also die philosophische Lebensform schlechthin ist. Die schönste Lebensform ist, dass man frei ist, was ja in der Antike keine Selbstverständlichkeit war. Er meinte, dass man nur in der Theorie diese Freiheit findet, in der Praxis sei man handlungsunfähig, man würde in der Praxis den sozialen und ökologischen Zwängen unterliegen und wäre somit nicht mehr frei. Im „vita contemplativa“ - also dem Leben in Theorie - sieht Aristoteles die schönste Möglichkeit ein Leben zu führen und somit eine existentielle Glückserfahrung zu haben. In der Form des Erkennens liegt also das Glück selbst. Prof. Liessmann spricht zwei Argumente dafür an: Das erste bringt das Beispiel des glücklichen Huhns: es ist nur dann glücklich, wenn es artgerecht gehalten wird. Und für den Menschen gilt: er ist nur dann glücklich, wenn er argerecht leben kann. Was ist nun aber „artgerecht“? Unser Artgerechtes liegt in der Vernunft. Das was uns von den Tieren unterscheidet, ist die Vernunft. Ein vernünftiges Wesen ist nur dann ein Glückliches, wenn es seine Vernunft auch nutzen und ihr folgen kann. Es stellt sich nun die Frage: was ist die Vernunft? Sie ist in letzter Konsequenz dazu fähig, die Wirklichkeit zu erkennen und Theorien zu bilden. Die Aufgabe der Vernunft ist es Theorien aus einer gewissen Freiheit heraus zu bilden. Also ist das Erkennen um seiner selbst willen das, was am Befriedigendsten ist. Hier kann man auch nichts falsch machen, weil man nur zuschaut – man ist also befreit davon, etwas tun zu müssen. Das zweite Beispiel zeigt Prof. Liessmann an Hand dem Beispiel der Nachrichten: Als Nicht-Betroffener hat man die Möglichkeit, Dinge in ihrer Wesenhaftigkeit zu erkennen, weil man ja nichts von diesen Dingen will. Wenn man nämlich selbst betroffen ist, fehlt die nötige Distanz, um nur zu beobachten, zu schauen.

Prof. Liessmann geht dann zu einer Konzeption über, die die Philosophie in einem anderen Licht aufscheinen lässt. Diese Konzeption geht auf Kant zurück: es sollen zwei Begriffe unterschieden werden: Schulbegriff und Weltbegriff der Philosophie.

Der erste ist der Schulbegriff der Philosophie: Dieser Begriff umfasst den Überblick über die Geschichte der Philosophie, das, was in der Allgemeinheit als Philosophie gesehen wird und was bislang als Philosophie als Text, Buch oder Deutung vorhanden war - eben im schulmäßigen Sinn wie z.b. Lesetechniken.

    Nach dem Schulbegriff ist Philosophie das System der philosophischen     
    Erkenntnisse oder Vernunfterkenntnisse aus Begriffen

Zur Philosophie nach dem Schulbegriff gehören zwei Aspekte: - ein Vorrat von Vernunfterkenntnissen und - ein systematischer Zusammenhang dieser Erkenntnisse oder eine Verbindung derselben in der Idee eines Ganzen

Der zweite Begriff ist der Weltbegriff der Philosophie: Dieser Begriff soll erklären, wie wir diese Welt erkennen sollen, wie wir auf dieser Welt sein und uns darstellen sollen. Nach dem Weltbegriff ist die Wissenschaft der letzte Zweck der menschlichen Vernunft. Dieses Weltbild gibt der Philosophie Würde, d.h. den absoluten Wert und gibt allen anderen Erkenntnissen einen Wert. Die Philosophie lässt sich nach diesem Weltbegriff nicht auf eine Wissenschaft neben anderen Wissenschaften reduzieren.

Anmerkung: Bei der VO von Prof. Liessmann hatte ich den Eindruck, dass sich der Schulbegriff rein nur auf einen geschichtlichen Überblick bezieht. Erst nach der Ringvorlesung von Frau Prof. Nemeth wurde auch der Zusammenhang zwischen Schul- und Weltbegriff klarer: Wir sollen schärfer nachdenken und genauer hinschauen, was wir lernen, wenn wir Philosophie lernen und was philosophisches Lernen leisten kann.

Kant weist auf die Begrenztheit der Schulphilosophie hin (die Begrenztheit, was hier geleistet werden kann), meint aber nicht, das Philosophie grundsätzlich dazu übergehen muss, nur Weltphilosophie zu betreiben.

Und dieser Weltbegriff der Philosophie wurde schon von KANT auf 3 Fragen reduziert, die auch alle Aspekte der Thales -Geschichte zusammenfasst:

1. Was kann ich wissen? Das ist nicht die Frage nach dem Inhalt, nicht wie viel kann ich wissen, sondern es ist die Frage „Was kann ich überhaupt wissen“? Es ist die Frage nach den Grenzen des Wissbaren. (Metaphysik von Kant) 2. „Was soll ich tun?“ Diese Frage geht in diese Richtung weiter: es stellt sich die Frage nach welchen Prinzipien ich mein Handeln organisieren soll, was ich als freies Wesen tun soll? (Ethik von Kant) 3. „Was darf ich hoffen?“ Diese Frage bezieht sich auf das, was jenseits unserer theoretischen und praktischen Handlungsmöglichkeiten liegt. Laut Kant gibt die Religion die Antwort, was der Gegenstand einer Hoffnung sein kann. Fragen wie „gibt es göttliche Gerechtigkeit, gibt es eine sterbliche Seele oder gibt es einen Gott“? Darauf kann man bestenfalls hoffen, denn es ist nicht erwartbar und nicht wahrscheinlich. (Religionsphilosophie von Kant)

Diese 3 Fragen laufen in die vierte Frage zusammen, nämlich auf die Frage 4. „Was ist der Mensch?“ Der Mensch weiß von seiner Begrenztheit, will aber genau das nicht akzeptieren. (Anthropologie von Kant)

Die Antwort auf diese vierte Frage wird vom Kant-Kritiker Nietzsche so beantwortet, er sagt: „Der Mensch ist ein nicht festgestelltes Tier“. Er meint das in dem Sinn, dass uns nicht alles vorgegeben ist und dass wir uns also immer wieder neu definieren müssen.


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