Formvollendet? Ideal und Rahmenplan (BD)

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Zum Abschluss der Vorlesung eine Überlegung zu Wittgensteins Verständnis von "Form" im Tractatus und in den folgenden Texten. Der Leitbegriff ist "Lebensform". In der platonischen Tradition kann man ihn so verstehen, dass sich die Unabsehbarkeit des Alltags an idealen Vorgaben orientiert. "Dem Leben eine Form geben" gilt als Bildungsauftrag. Dagegen steht der "formale" Formbegriff der Logik und der Datenbanken. Diese Opposition kann zweifach verarbeitet werden. Entweder als Antagonismus zum (weiterhin aufrechten) humanistischen Ideal, oder als die Folge einer internen Entwicklung der klassischen Philosophie, die deren prinzipielle Revision erfordert. Wittgenstein nach dem Tractatus sieht die Zusammenhänge nicht philosophigeschichtlich. In seinen Manuskripten finden sich Ansatzpunkte einer deskriptiven Systematik.

Der erste Teil der folgenden Ausführungen ist - mit den detaillierten Zitaten - hier zugänglich.

Die Diskrepanz

Ludwig Wittgenstein fasziniert bekanntlich durch knappe, mitunter paradox zugespitzte Formulierungen.

Die Grenzen meiner Sprache} bedeuten die Grenzen meiner Welt."' (Tractatus Logico-Philosophicus 5.6)
Die Welt und das Leben sind eins."' (T 5.621)
Ich bin meine Welt"' (T 5.63)

Danach bewegt sich die Person in einem allumfassenden Sprach-Lebens-Welt-Zusammenhang, der keine externe Ergänzung vorsieht. Wir können nicht sagen, was wir nicht denken können (T 5.61), eine Vogelschau auf das Leben ist uns verwehrt. Die Form, welche diesen Komplex bestimmt, ist nicht Bestandteil der Welt, sondern eine mystische Affektion (T 6.45). Die Lebensform ist danach Inbegriff einer solipsistischen Ganzheit. Sie steht für die einmalige, unveränderbare Signatur einer zeitlichen Existenz. Für den Inbegriff dessen, was diese Person jemals gewesen ist und -- darin impliziert -- alles dessen, was sie nicht war und niemals sein wird.

Im Herbst 1937 notiert Wittgenstein eine Bemerkung mit unterschiedlichem Tenor.

Ich will sagen: es ist charakteristisch für unsere Sprache, daß sie auf dem Grund fester Lebensformen, regelmäßigen Tuns, emporwächst."' (MS 119, 74v)

Sprache und Lebenswelt stehen in einem Entwicklungszusammenhang, der eine gewisse Variabilität zwischen habitualisiertem Verhalten und sprachlicher Artikulation erfordert. Der zitierte Satz bezieht sich auf Lebensformen und Sprache, das könnte so verstanden werden, dass "unsere", die menschliche, Sprache auf verschiedene Lebensformen (Wittgenstein überlegt die Varianten "Handeln", "Handlungen", "Handlungsformen") aufbaut. So wäre der Gesichtspunkt der einen Sprache auch im veränderten Kontext gewahrt. Die Fortsetzung des Gedankens macht jedoch deutlich, dass Wittgenstein eine gestaffelte Vielfalt von Lebensformen und ihnen entsprechenden Sprachformen innerhalb der menschlichen Entwicklung im Auge hat.

Wir haben eben einen Begriff davon, welcherlei Lebensformen primitive sind, und welche erst aus solchen entspringen konnten. (a.a.O.) Wir glauben, daß der einfachste Pflug vor dem komplizierten da war. (a.a.O.)

Wenn ihm eine Sprachform entspricht, dann gehört zum entwickelteren Stadium eine andere. Sprache liegt nach diesem evolutionären Gesichtspunkt nicht in einer Gestalt fix und fertig vor, sondern variiert mit den Lebensformen. Dann wäre der Singular "Lebensform Wittgenstein" die nachträgliche Totalisierung eines vielgestaltigen Phänomens, vergleichbar den metaphysischen Globalbegriffen die Sprache oder das Leben.

Der Exegetenstreit

Zwischen dem Singular "Lebensform" und dem Plural "Lebensformen" hat sich ein aufschlussreicher Streit ergeben. An diesen Unterschied läßt sich die Kontroverse zwischen dem klassischen Vernunftbegriff und den Vertreterinnen eines un-einheitlichen, in diverse Ausprägungen gefassten, Denkens knüpfen. Die Divergenz zwischen dem Wittgenstein des Tractatus und der "Philosophischen Untersuchungen", die meine beiden Textstellen belegen, ist als ein typisches Beispiel dieses Konfliktes wahrgenommen worden. Die Karriere des Ausdrucks "Lebensform" innerhalb der Manuskripte Wittgensteins eignet sich darum gut für eine doppelt verfasste Frage, wie sie in philosophischen Zusammenhängen verbreitet ist: Wie hat sich dieses Wort in Wittgensteins Verständnis entwickelt? Und: Welche allgemeine, sachliche These folgt daraus? Wittgenstein-Exegese verbindet sich mit der Suche nach Positionen im Umkreis "postmoderner Vernunft". Kann man an einer menschlichen Lebensform festhalten, in welche die Divergenzen einbezogen sind, oder gilt der Vorrang der vielfältigen Lebensweisen? Wie leben Cyborgs?

Newton Garver parallelisiert die Lebensform der "Untersuchungen" mit dem früheren logischen Raum im Ganzen. Diese Verbindung eignet sich gut dazu, die existenzialistische Seite Wittgensteins hervorzukehren. Sofern es jemandem um die Sinnbestimmung des Lebens und um das eigene Seelenheil geht, ist ein umfassender Entwurf der genannten Begriffe nötig. Der Fragetypus steht sub specie aeternitatis (vgl. T 6.45). Der Wortlaut der Passage aus den "Philosophischen Untersuchungen" tendiert allerdings für das deutsche Sprachgefühl in eine andere Richtung. "... und eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen." Das liest man gewöhnlich mit dem Akzent auf den Nomina "Sprache" und "Lebensform". Soweit, so gut: einer gegebenen Sprache korrespondiert eine Lebensform. Der unbestimmte Artikel indiziert, dass es mehrere Exemplare dieser Sorte gibt. Die Tractatus-induzierte Deutung stellt dagegen eine stärkere Lesart. Das 2. Vorkommen von "eine" sei ein Zahlwort. Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen, nämlich jene des animal rationale. Danach würde Wittgenstein an dieser Stelle vom üblichen Sprachgebrauch abweichen.

Newton Garver hat zwei bedenkenswerte Aspekte in die Diskussion gebracht. Er weist darauf hin, dass vier der fünf Vorkommen des Ausdrucks "Lebensform" in den "Philosophischen Untersuchungen" im Singular stehen. Und er beobachtet eine verräterische Tendenz der Textrezeption: St. Cavell, P.v. Morstein und G. Pitcher "zitieren" Wittgenstein und schreiben "Lebensformen", wo im Original die Einzahl steht. Offenbar besteht ein gewisses Vorurteil zugunsten der Pluralfassung. Garver argumentiert, dass man die "komplizierte Lebensform", die Wittgenstein etwa als Grundlage des Hoffens bezeichnet, nicht metaphysisch überladen muss. Die Existenz bestimmter Säugetiere, deren Lebensführung sich von allen anderen durch die Fähigkeit unterscheidet, in den verschiedensten Ausprägungen zu sprechen, ist eine evolutionäre Tatsache. "Die gemeinsame menschliche Handlungsweise" (MS 165, S. 110) ist der harte Untergrund, auf dem der Spaten sich zurückbiegt (PU §217). Sie ist, so Garvers Diagnose, das Pendent zum logisch-konstruktiven, geschlossenen Universum der Frühschrift. Die ganzheitliche Perspektive hätte sich durchgehalten. Auch der späte Wittgenstein sei kein Relativist der proliferierenden Lebensformen.

Rund um den mehrdeutigen Textbefund hat sich ein bekanntes philosophisches Szenario aufgebaut. Wittgenstein wird von Vertreterinnen entgegengesetzter Lager reklamiert. Hans-Johann Glock unterscheidet in seinem hilfreichen Überblicksartikel drei Positionen

  • the extreme pluralists
  • item the monists
  • item moderate pluralism

Das Schema (Extrempositionen und eine Vermittlung) sagt weniger über Wittgensteins Denken, als über die Präferenzen, mit denen Interpreten an seine Bemerkungen herangehen. Die eine Frage ist, welche Auffassung Wittgenstein vertreten hat, die andere, welche Einstellungen zum Monismus der Vernunft und der Naturgeschichte korrekt ist. Verbreitet ist eine charakteristische Überblendung: die Autorität des Philosophen wird für die Verstärkung der eigenen Position nutzbar gemacht. Dieses Arrangement zwischen Hermeneutik und Systematik kann aber unterlaufen werden. H.-J. Glocks Feststellung gibt einen wichtigen Hinweis. "Form of life\grq{} and its cognates occur only half a dozen times in Wittgenstein's published work." N. Garver spricht von den "meager passages to consider". Das sind veraltete Standpunkte. Wir haben heute das gesamte {\OE}uvre Wittgensteins zur Verfügung und müssen kein weltanschauliches Tauziehen auf der Grundlage einer verknappten Editionspolitik veranstalten. Sieht man die einschlägigen Notizen in der "Bergen Electronic Edition" durch, lockert sich die dargestellte Engführung.

Zusätzliche Textstellen

Die Debatte, ob Wittgenstein den Singular oder Plural des Ausdrucks "`Lebensform"' bevorzugt, ist künstlich hochgespielt. Die prominenten Beispiele der ersten Option sind schon erwähnt worden. Die Manuskripte lassen keinen Zweifel daran, dass er an verschiedenen Stellen Unterschiede zwischen menschlichen Verhaltensweisen Lebensform oder Lebensformen nennt. Eine Sprachgemeinschaft könnte einen Überbegriff zu rot und grün ausgebildet haben. "Umgekehrt könnte ich mir auch eine Sprache (und das heißt wieder eine [Lebensform | Form des Lebens]) denken, die zwischen Dunkelrot und Hellrot eine Kluft befestigt." (MS 115, S. 238) Ein anderes Beispiel:

Kämen wir in ein fremdes Land mit fremder Sprache und fremden Sitten, so wäre es in manchen Fällen leicht, eine Sprach- und Lebensform zu sehen, die wir Befehlen und Befolgen zu nennen hätten ... (MS 165, S. 110)

In beiden Fällen bedeutet "eine" eine unter anderen für Sprecherinnen verfügbare Option. "Die gemeinsame menschliche Handlungsweise ist das Bezugssystem, mittels welchen wir uns eine fremde Sprache deuten." (MS 165, S. 110) Die Doppelverwendung von "Lebensform" ist sehr einfach zu erklären. Wir können diesen Ausdruck für die Besonderheit spezialer Formationen, aber auch für das Besondere menschlicher Sozialität (gegenüber dem Verhalten anderer belebter Wesen) verwenden. Das sachliche Problem ist mit dieser Desambiguierung natürlich nicht gelöst. Aber es hängt nicht an Details der Wittgensteinexegese.

Dennoch ist es instruktiv zu verfolgen, wie sich Wittgenstein das Thema zurechtlegt. Er fixiert es nicht auf den zur philosophischen Auswertung einladenden Formbegriff. Seine Versuche, eine weniger ausgeprägte Bezeichnung zu finden, sind unübersehbar. "Lebensgepflogenheit" (MS 137, S. 59a), "Lebensmuster", "Lebensläufe" (MS 137, 59b), "Lebensteppich" (MS 169, S. 68v), "Lebensschablone" (MS 137) Diesen Variationen ist gemeinsam, dass sie die "gemeinsame menschliche Handlungsweise" nicht als ein Vernunft- oder Naturprodukt statuieren, sondern in einer Bildlichkeit erläutern, die nicht so wohlgeordnet ist, wie die klassische Distinktion zwischen dem Material und der Gestalt einer Blume, einer Vase, oder einer sozialen Verhaltensweise. Wittgenstein versucht, den versteckten Platonismus aus der Fragestellung zu nehmen. Der Problemaufriss, der das Thema bestimmt, läßt sich ganz ohne Fachjargon wiedergeben.

Wir können uns leicht verschiedene Rollen für die Wägung in den Verrichtungen unsres Lebens vorstellen, und also auch für die Ausdrücke die zum Wägespiel gehören. (MS 119, S.37)

Drei relevante Bereiche hängen zusammen:

  • Sprachausdrücke innerhalb einer verbal gestützten
  • Praxis ("das Wägen") vor dem Hintergrund von vielerlei
  • Handlungsabläufen ("Verrichtungen")

Die im Einzelnen praktikable Festschreibung eines Verhaltenskomplexes, eine spezielle Form der Gewichtsüberprüfung etwa, ist in ein nicht derart fokussiertes Handlungsfeld eingebettet.

Wittgenstein beschreibt die Vorgänge, aus denen einzelne Sprach- und Lebensformen ausgeschnitten sind:

Wir beurteilen eine Handlung nach ihrem Hintergrund im menschlichen Leben, und dieser Hintergrund ist nicht

einfarbig, sondern wir könnten ihn uns als ein sehr kompliziertes filigranes Muster vorstellen, das wir zwar nicht nachzeichnen könnten, aber nach einem allgemeinen Eindruck wiedererkennen.

Der Hintergrund ist das Getriebe des Lebens. Und unser Begriff bezeichnet etwas in diesem Getriebe. (MS 137, S. 29a)

Die Form des menschlichen Lebens ist eine handliche Abkürzung zur Eindämmung der Fragen, welche diese Bemerkung aufwirft. Man kann sich Sokrates vorstellen, der Wittgenstein entgegenhält: "Was genau ist denn dieses Getriebe? Wie kannst Du zwischen Naturnotwendigkeit, Zufall und Absichten unterscheiden? Du brauchst einen Begriff von Leben, bevor du es so treiben läßt." Wittgenstein antwortet: "Wie könnte man die menschliche Handlungsweise beschreiben? Doch nur, indem man die Handlungen der verschiedenen Menschen, wie sie durcheinanderwimmeln, zeigte. Nicht was Einer jetzt tut, sondern das ganze Gewimmel ist der Hintergrund." (MS 137, S. 54b) Damit geht die Debatte im Kreis. In Wittgensteins Aufzeichnungen findet sich jedoch ein Vorschlag, diesem Dilemma auszuweichen.

Angenommen ein langes, gemustertes Band

Das Band zieht an mir vorbei und ich sage einmal "dies ist das Muster S", und einmal "das ist das Muster V", Manchmal weiß ich für einige Zeit nicht, welches es ist; manchmal sage ich am Ende "Es war keins von beiden." (MS 169, S. 69r)

Solche Regelmäßigkeiten sind erlernbar, auch wenn es keine scharfen Grenzen gibt. (Wittgenstein verweist auf den Stil zweier Komponisten. Bei musikalischen Werken ist eine solche Variation von Themen der Normalfall.) Diesem Schaubild kann man noch eine zweite Ebene hinzufügen.

Wir hätten auf einem Streifen ein regelmäßiges Bandmuster und auf diesem Muster eine Zeichnung oder Malerei die wir mit Beziehung auf das Muster beschreiben ..." (MS 137, S. 99a)

Also z.B. Bodenmarkierungen auf der Autobahn und -- mit ihnen abgestimmt -- auf die Fahrbahn geschriebene Ortsnamen zur Orientierung. "Wenn nun einmal Anomalien in dem Muster auftreten, so werde ich im Zweifel darüber sein, welches Urteil zu fällen ist." (a.a.O.) Innerhalb der Baustelle wird vielleicht die Aufschrift "Bolzano" nicht mehr verläßlich funktionieren. Die Verhältnisse sind, trotz dieser Unsicherheit, durchsichtig. Wir reagieren auf "Bolzano" nach erlernten Regeln. Zu ihnen gehört, dass die Buchstabenfolge am Autobahnkreuz eine Ausfahrt bezeichnet. Wenn sich diese Bedingung ändert, ist eine Neuorientierung nötig. Der Hintergrund, der eine Praxis stabilisiert, kann selbst zum Problem werden. Häufig läßt sich dieses Umkippen durch Rekontextualisierung auffangen.

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Die Einsicht ist nicht neu. Abgekürzt heißt das: Form kann Inhalt werden. Die Kontroverse über typisches Menschsein ist, so gesehen, eine Verhärtung. Wittgenstein hat sich die Freiheit genommen, einerseits das menschliche Leben zu demarkieren, andererseits aber auch seine verschwimmenden Grenzen anzuerkennen. Ein Säugling kann sich noch nicht verstellen.

In der uns vertrauten sprachlichen Erschließung der Welt gibt es die Farben "rot" und "grün" und beide können hell oder dunkel sein. In einer Weltsicht, für die (wie im Herbst zu beobachten) rot und grün Modifikationen einer "dahinterliegenden" Farbe sind (Vgl. MS 115, S. 238), spielen die Ausdrücke eine andere Rolle. Die Basiskategorien, welche den Alltag (und die philosophische Arbeit) leiten, sind gründlich flexibilisiert. Dafür ist Wittgenstein oft ein Pragmatist (und Relativist) genannt worden, aber diese Einordnung übersieht einen entscheidenden Punkt. Prägnant hat er ihn folgendermaßen gefasst: "Wie wir nichts mit den Händen bewegen können wenn wir nicht mit den Füßen feststehen." (WA 2, 199)

In jedem Einzelfall sind nur beschränkt viele Faktoren variabel. Der Begriff "Variabilität" selbst ist nur verständlich, wenn etwas veränderbar ist. Die Alternative dazu wäre Objektaustausch; Themenmodifikation steht gegen Themenwechsel. Die Insistenz auf Form und das platonische Bedürfnis, zu einer Wortverwendung die garantierte Richtlinie zu besitzen, werden von Wittgenstein nicht einfach verworfen. Der Rekurs auf die menschliche Lebensform ist legitim. Die Tatsache, dass dieses Muster unter Umständen asynchron zu den Erscheinungen verläuft, die es überlagern, ist kein Grund, den herkömmlichen Sprachgebrauch quasi vorsorglich in Frage zu stellen. Die "tiefschürfende" Suche nach den Prinzipien der Anwendung des Musters ist ihrerseits von oberflächlichen Indizien ausgelöst. Relativ wahr sein besagt nicht, im Vergleich mit einem Wahrheitsideal schlechter abschneiden, sondern es ist die einzig mögliche Implementierung des Wahrheitsbegriffes: in Urteilen zu wechselnden Aussagen vor gleichbleibendem Hintergrund.

Wittgenstein hat Urteile aus der Verankerung an extra-terrestrische Instanzen gelöst, ihre Schlüsselstellung hat er nicht in Zweifel gezogen. Seine Bereitschaft, sich auf "das Getriebe" und "Gewimmel" der Umgebungsbedingungen einzulassen, ist auch nach dem Tractatus mit einem Vertrauensvorschuss für Aussagesätze verbunden; er fügt allerdings einige Bemerkungen über diese Satzart hinzu. Sie bietet Momentaufnahmen. Behauptungen schneiden einen Augenblick aus dem Zeitverlauf.

Der Strom des Lebens, oder der Strom der Welt fließt dahin, und unsere Sätze werden, sozusagen, nur in Augenblicken verifiziert."` (TS 2009, S. 18)

Das Urteil stellt einen Umstand fest; in diesem Moment fehlt die Zeit, sich auch noch den Begleitumständen zu widmen. Es ist unmöglich, einen Drehverschluss zu öffnen, wenn sich die Verschlusskappe selber durchdreht. Zu einem späteren Zeitpunkt können auch die Begleitumstände anvisiert werden, die Pointe bleibt dennoch: ohne die initiale Feststellung entsteht weder Kontinuität noch Veränderung. Der Zeitfaktor, der im Tractatus ausgeblendet war, ist in den späteren Überlegungen berücksichtigt. Das wirft eine entscheidenede Frage auf. Sätze, die im Zeitverlauf beurteilt werden, stellt das Urteil quasi ausserhalb der Zeit. Ihr Sinn ist davon mitbestimmt, dass sie derart behandelt werden.

Unsere Sätze werden nur von der Gegenwart verifiziert. Sie müssen also so gemeint sein, daß sie von ihr verifiziert werden können."' (a.a.O.)

Der Maßstab

Wie wirkt das Stopsignal im Strom des Lebens? Wie ist es überhaupt möglich?

Die Tradition der Philosophie der "Phänomenologie des Geistes" und von "Sein und Zeit" hat Behauptungssätze als eine Art Sündenfall dargestellt, der durch gedankliche Entwicklungen saniert werden könnte. In diesen Modellen bewegt sich die Lebensform auf ein angestrebtes Ideal zu, das letztlich dem Geheimnis der Geschichte eine Erfüllung abgewinnt. Diese Beispiele produktiver Formvorgabe sind mit dem Tractatus zu einem brillianten Abschluss gekommen. Anschließend bleibt eine un-teleologische Hybridbildung zwischen raum-zeitlicher Erstreckung und einem zeitfreien Verwendungsmuster. Wittgenstein diskutiert es anhand eines Maßstabs.

Dann haben sie also in irgend einer Weise die Kommensurabilität mit der Gegenwart und diese können sie nicht haben, trotz ihrer raum-zeitlichen Natur, sondern diese muß sich zu jener verhalten, wie die Körperlichkeit eines Maßstabs zu seiner Ausgedehntheit mittels der er mißt. In diesem Falle kann man auch nicht sagen: \glq Ja, der Maßstab mißt die Länge trotz seiner Körperlichkeit, freilich, ein Maßstab, der nur Länge hätte wäre das Ideal, wäre quasi der reine Maßstab\grq . Nein, wenn ein Körper Länge hat, so kann es keine Länge ohne einen Körper geben -- und wenn ich auch verstehe, daß in einem bestimmten Sinn nur die Länge des Maßstabs mißt, so bleibt doch, was ich in die Tasche stecke, der Maßstab, der Körper, und ist nicht die Länge. (TS 209, S. 18)

Maßstäbe sind so eingerichtet, dass sie Materialität und das Abstraktum Längenmaß synthetisieren. So ähnlich ist in einem Ballspiel die Überquerung einer Linie ein Gutpunkt. Behauptungssätze gehören zum Getriebe des Lebens und zeichnen sich darin aus, weil sie es momentan - und bisweilen erfolgreich - auf die Probe stellen, d.h. ihm eine Gestalt abgewinnen. Das Vokabular, mit dem dieser Vorgang hier beschrieben worden ist, ("Gestalt"), hat einen platonischen Anklang. Ohne ihn läßt sich "Lebensform" nicht verstehen.



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