Diskussion:Roland Barthes (mse)

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Einleitende Bemerkung: Das zur Verfügung gestellte Fragment zur 'Negative Semiologie der Stimme' ist ein wenig eine Provokation für mich, die folgenden Überlegungen zum Tippen für diesen Kontext (umzu)schreiben. Dass Sprache nicht medienindifferent gedacht werden kann, ist eine der Thesen des Fragments, die ich plausibel finde. Ich finde es einseitig, dies ausschließlich für die Stimme nachzuvollziehen, die ,glaubt man Derrida, so lange den Vorzug in der Philosophie genossen hat. Sybille Krämer relativiert das, indem sie von der 'Skriptualisierung des Sprachlauts' und der Transparenz oder evt. Verdrängung "des Musikalischen aus dem mündlichen Sprachgebrauch" spricht. Diese Vorstellung ist mir nicht ganz plausibel. Ich denke etwa an Sprechgesang und andere Arten von Reimen, die von meinem Verständnis her viel zu tun haben mit Lautlichkeit und Atmen, viel bessere sich der Zeichenhaftigkeit entziehende Stimmproben wurden auf der Hauptseite zur Verfügung gestellt. --Andyk 01:18, 23. Jun. 2011 (UTC)

Nachtrag: Sprechgesang kann auch als Beispiel herangezogen werden, um die Unterscheidung zwischen musikalischem Ton und sprachlichem Laut zu zeigen und macht Krämers Rede von der Skriptualisierung des Sprachlauts ein Stück plausibel. Anstatt zu singen, spricht man, wenn auch rezitativ. Dass das Sprechen tönt oder klingt, wird jedoch ausgenützt und erforscht, auch im Stehgreif (Freestyle Rap). Oder das Beatboxing.
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Ich möchte mit den folgenden Überlegungen andeuten, dass sich nicht nur im Medium der Stimme sondern auch im Übergang vom Taktilen ins Elektronische Effekte zeigen, die mit Stimme - und vllt. auch zeichentheoretisch- nicht mehr zu fassen sind. Sprich mal ";)" aus. Und sag nicht: "Strichpunkt, Klammer-zu" ;). --Andyk 01:18, 23. Jun. 2011 (UTC)

Überlegungen zum Tippen

Aus den Folien der Vorlesung Sprachphilosophie SS 2011: „Jede um eine solide Basis bemühte Darstellung der Sprache wird sicherlich Bedeutung als etwas behandeln, das irgendwo präsent ist – zum Beispiel dem Bewußtsein im Augenblick eines bezeichnenden Aktes, aber jede angeführte Präsenz erweist sich als schon von der Differenz heimgesucht. Versucht man hingegen, eine Darstellung der Bedeutung auf die Differenz zu gründen, ergeht es einem nicht besser; denn Differenzen sind nie als solche gegeben, sondern immer produziert. Eine gewissenhafte Theorie muß zwischen diesen beiden Perspektiven, des Ereignisses und der Struktur, der parole und der langue, die nie zu einer Synthese führen, pendeln. In einem unlösbaren Alternieren oder einer Aporie zeigt jede der Perspektiven die Fehler der anderen auf.“ (Culler 1988, 107)

Das passt vielleicht zu Krämer: "Das ‚Bauprinzip‘ intellektualistischer Sprachtheorien ist die Unterscheidung zwischen Schema (System, Regelwerk) und Gebrauch (Aktualisierung, Realisierung)." Wenn es stimmt, was Krämer in Folge an dieser Sprachauffassung kritisiert - nämlich deren Medienvergessenheit - dann scheint mir, dass man Derrida auch noch genauer in diese Richtung lesen müsste. Das tue ich im Folgenden nicht.

Was wäre, wenn ich frage: Was sind Ereignis und Struktur in der Programmiersprache C? Ist eine Programmiersprache eine Sprache? Sehr leicht könnte man sagen: "Ja, aber du sprichst doch nicht zu jemanden in C-Code. Du verwendest z.B. die deutsche oder eher die englische Sprache, um jemanden zu erklären, was der vorliegende Quellcode tut (oder tun soll oder warum er nicht das tut, was dir vorschwebt)". Ist eine Programmiersprache also auf einem ganz anderen Level, in der man daher nur Struktur, aber kein Ereignis findet? Ich gebe zu, dass C weder Muttersprache noch offizielle Landessprache ist. Sie ist für andere Zwecke entstanden: In der Spannung zwischen automatischer Verarbeitungsfähigkeit und praktikabler Beschreibungssprache von Prozeduren. Tatsache ist, dass man mit ihnen Tatsachen schafft. Die Programmiererin muss dazu jedoch nicht ihre eigene Stimme verwenden. Sie tippt, wie andere Benutzer eines herkömmlichen Computers - mit ihren Fingern in eine Tastatur. Das erste Zwischenergebnis ist die Umwandlung von durch Muskelkraft erzeugten Bewegung in elektronische Signale, die sich im flüchtigen Arbeitsspeicher einprägen und dort durch weitere elektronische Verarbeitungsprozesse am Bildschirm angezeigt werden. Das heißt, es gibt noch einen weiteren Medienwechsel vom Elektronischen ins Visuelle. Die Programmiererin erhält eine unmittelbare Rückmeldung zu ihrer Tätigkeit der parallelen Fingerbewegung, die die sich rauf- und runterstrecken, um die beschrifteten Tasten der Tastatur zu drücken. Das geht mit etwas Übung ohne die im Raster angelegten Tasten anzusehen, weswegen man seinen Sehsinn auf den Bildschirm konzentrieren kann.

Kann man Momente finden, die auch hier dazu verleiten könnten, von Selbstaffektion zu sprechen (was dann wiederum kritisiert werden kann)? Indem sie technische Hilfsmittel benötigt (von denen wir jedoch umgeben sind) ist sie auf eine Weise künstlich, sie benötigt mehr als das, womit wir in der Regel geboren werden (Was möchte man damit sagen, wenn man einen Unterschied macht zwischen Hilfsmittel, die wir 'von Haus aus' haben und welchen, die wir uns gebaut haben? Dass die ersteren wichtiger sind und zentraler um das zu untersuchen, was uns Menschen auszeichnet?) Was unterscheidet nun diese Tätigkeit vom Sprechen?

Die Effekte sind von unterschiedlicher Art. Der unmittelbare Effekt der tanzenden Finger ist, dass sich am Bildschirm und im Arbeitsspeicher Zeichen darstellen. Das ist aber nicht alles. Einmal im elektronischen Medium angekommen, lässt sich der unmittelbare Effekt durch weitere Handbewegungen manipulieren und korrigieren, kopieren, an anderer Stelle einfügen oder löschen. Der Tanz der Finger synchronisiert sich mit dem, was am Bildschirm angezeigt wird und dem, was man sich wünscht zu tun. (Der als unmittelbar beschriebene Effekt ist genauer betrachtet selbst keinesfalls unmittelbar sondern enthält eine Reihe von ausgeklügelten Verarbeitungsschritten, die einer Benutzerin einer Tastatur nicht bekannt sein müssen, genauso wie einem beim Sprechen nicht bekannt sein muss, welche physiologischen Prozesse Muskelkraft in Schall umwandeln).

Das Wagnis des Todes, von dem Derrida spricht, ist u.A. durch die Korrekturmöglichkeiten relativiert. Niemand kann später beweisen, wie oft ich mich vertippe oder den Text umschreibe, solange ich nicht den "Seite speichern"-Knopf im Wiki drücke, mit dem der Text plötzlich einer Re-Kontextualisierung ausgesetzt ist. Die Abdrücke im Arbeitsspeicher sind flüchtig, wie Fußabdrücke am Strand. (Ein Äquivalent dazu findet sich im 4chan-Forum, in dem Beiträge, die einige Zeit nicht kommentiert werden, aus der Datenbank entfernt werden. Hier scheint Zwischenmenschlichkeit aus einer Mischung von Argumentieren und Affekt gegeben zu sein, wobei der Affekt den Vorrang hat. Krämer stellt dies jedoch als Besonderheit der Stimme heraus: "Als vollzogener Machtgestus oder als Reflex gefühlter Ohnmacht, als eindringlicher und aufdringlicher Anspruch an den anderen, ist das Register der Stimme verwoben mit einem Typus der Zwischenmenschlichkeit, dessen Nährboden weniger das Argumentieren, denn der Affekt ist.")

Inwiefern aber stiften auf der Tastatur tanzende Finger in besonderer Weise Bedeutung der Zeichen und tragen nicht nur zu ihr bei? Im Lautlichen gibt es Nuancen, sehr viele Variablen, die die Bedeutung modulieren: Stimmhöhe, Lautstärke, Geschwindigkeit. Das sprengt die Möglichkeiten einer Tastatur, das muss man zugeben, und insofern hat Krämer hier einen Punkt, der für das Tippen fehlt: "Jenes physischpsychische Substrat des zum Laut geformten Schalls, das wie kein anderes in seiner zeitlichen Sukzessivität und Fluidität geeignet ist, sprachliche Materialität zu stiften, also der Sprache‚ einen Körper zu geben‘, wird als ein nicht-diskursives Anzeichen zur Bedingung der Möglichkeit zeichenhafter Diskursivität. Die Signifikanz der Lautsprache ist verwoben mit dem Signalcharakter des Lautlichen."

Doch im durch das Elektronische vermittelte Zusammenspiel von Taktilem und Visuellem ergibt sich eine breite Palette von Möglichkeiten und Nuancen, die Bedeutung modulieren und die zu einer neuen Dynamik der Verständigung führen: Fettdruck, Schriftarten, Farben, Animationen, ASCII-ART, Emoticons und nicht zu vergessen: Hyperlinks.

Trotzdem scheint mir nach diesen Überlegungen, dass ich das oben beschriebene Versprechen nicht völlig einlösen kann. --Andyk 01:18, 23. Jun. 2011 (UTC)