Diskussion:Konrad Liessmann: Theorie der Unbildung, Exzerpt (BW)

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Das gegenständliche Buch könnte auch "Frustbuch eines populären Philosophen (Philosophanten)" oder "100 Unworte zur Unbildung: von 'Ausbildung' bis 'Wissensmanagement'" genant werden.

Liessmann zitiert - wenn überhaupt - von Hegel bis Nietzsche. Seine Orthographie ist zwar etwas jünger, aber auch nicht gerade aktuell. Sein Stil und seine Didaktik sind hingegen äußerst zeitgeistig, auch wenn er den Zeitgeist ablehnt. Offenbar will er damit die Ungebildeten erreichen...

Mir fehlen in diesem Buch konkrete Vostellungen, wie eine (europäische) Bildungsgesellschaft (Wissensgesellschaft) ausschauen sollte.

--Hofbauerr 14:34, 18. Nov 2006 (CET)


Vorläufige Gedanken zu Konrad Liessmann: Theorie der Unbildung Exzerpt

von IdaReed


"Bildungsstätten können keine Dienstleistungsunternehmen sein"

Die Debatte um die Definition von Wissen [siehe ""Wissen ist ...", "Wissen ist keineswegs ...": das sind axiomatische Vorgaben." --anna 10:23, 21. Nov 2006 (CET] erinnert mich an jene um die Definition von Intelligenz. Die Psychologie einigte sich auf die Wahl bestimmter Kriterien zum Messen des Intelligenzgrades eines Menschen, wie Kombinationsvermögen, Auffassungsgabe, Gedächtnis, Schnelligkeit bei der Durchführung der gestellten Aufgaben, technisches Verständnis, räumliches Vorstellungsvermögen, verbale Intelligenz etc. Unter diese Kriterien fällt u.a. das Allgemeinwissen [z. B. beim Lösen von Aufgaben wie "Welcher dieser Namen passt hier nicht dazu?" vorausgesetzt].

Diese Auswahl der Kriterien zur empirischen Messung von Intelligenz lässt sich nun hinterfragen, denn Auswahlen sind willkürlich und somit steuerbar. Hinter ihnen stehen die Intentionen derer, die sie festgelegt haben. Im Fall des Intelligenztests lässt sich eine Instrumentalisierung des Intelligenzbegriffs vermuten. Die Tests beurteilen v.a. die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie Bildung, sie können angewandt werden um die Schulreife bei Kindern festzustellen, die "Studierfähigkeit" von Anwärtern auf z.B: das Studium der Medizin an der MedUni Wien, etc.

Diese Test mit der Begründung, die Studierfähigkeit der Studiumsanwärter feststellen zu wollen um diese nach deren Brauchbarkeit zu selektieren scheint mir absurd. Abgesehen davon, dass es zu einem Studium mehr braucht als das Erfüllen dieser vorgegebenen Intelligenzkriterien (Punkte wie Selbstständigkeit, Disziplin, Ehrgeiz, Interesse, Durchhaltevermögen interessieren nicht, werden wohl allein durch das Aufnehmen der Bürde, sich durch den langwierigen Test zu quälen als gegeben angenommen), wertet das Verfahren aufgrund der Nützlichkeit des Aspiranten.

Nun, da du vorhin den Blich auf die Med Uni gelenkt hast, so sehe ich hierbei doch einen Gewissen zusammenhang. In diesem Fall ist die "Brauchbarkeit" eines Aspiranten sehr ausschlaggebend, denn ein Arzt wird schließlich einmal auf Menschen losgelassen und muss in extremsituationen die richtigen Entscheidungen schnell treffen. So ist das fokussieren durch Tests auf bestimmte Punkte hier wichtig, wie ich finde. (Bei zb Philosophiestudenten allerdings sehe ich keinen Grund für solche Tests. Das gefährlichste, was ein ferig studierter aber unfähiger Philosoph anderen Menschen antun kann ist, dass er ihnen schlechte Bücher vorlegt.)--Uschebti 19:55, 7. Feb 2007 (CET)


Das Problem ist dabei, dass die Brauchbarkeit nicht falsifiziert werden kann. Ein nicht genommener Aspirant, wird ja nicht probeweise aufgenommen! Es wird also ein axiomatisches System von wahrscheinlichen Notwendigkeiten angenommen und nach diesen Kriterien ausgewählt. Was nun, wenn trotz des Test ein gewisser Prozentsatz versagt, im Studium, oder schlimmer in der Praxis? Das fällt dann wohl unter statistische Schwankungsbreite.
Damit will ich nicht gegen gewisse Knock-out Kriterien(z.B. kann kein Blut sehen...) schreiben, die man sicherlich benötigt und die sich in der Praxis bewähren. Schwierig wird es, wenn ich von Veranlagungen auf zukünftige Eignungen schliessen will und dass geschieht bei Eignungstests, die falsch benannt sind, Veranlagungstests wäre treffender.
Dazu ein vielleicht etwas abwegiges Beispiel aber es passt zumindest "wörtlich" ganz gut. Intersessant ist es, da im folgenden Beispiel auch scheinbar nicht geeignete Aspiranten eine Chance bekommen. Viele Jagdgesetze in Österreich, diese sind Ländersache, daher gibt es deren mehrere, schreiben den Einsatz eines "brauchbaren" Jagdhundes vor. Zur Ermittlung dieser "Brauchbarkeit" wird eine Prüfung durchgeführt, die verschiedene Aspekte(im Jargon Fächer) umfasst. Wert wird hier jedoch nicht auf die Eignung,im Sinne von Veranlagung, des Hundes gelegt, denn was nützen beste Anlagen, wenn der Hund nicht ausgebildet ist, sondern auf ausgebildete Fähigkeiten nach einem Training. In einzeilnen Fächern gibt es graduelle Wertungen dazu kommen einige ausschließende Merkmale. Haben Hund und Hundeführer bestanden, ist die Brauchbarkeit erwiesen. Trotzdem können Hund und Hundeführer in der Praxis das eine oder andere mal versagen. Dies als ein Aspekt der Auswahl.
Der zweite Aspekt der Auswahl liegt im Falle der Hundeausbildung in den Entscheidungskriterien des Hundeführers. Fakt ist, dass der Hunde-Ausbildner, der notwendigerweise nicht der Prüfer ist, seine ein- und ausschliessenden Faktoren bei der Wahl seines Aspiranten hat (genetische Voraussetzungen, Rasse, human factors wie, bester Freund der Kinder etc.). Spannend wird es, wenn man sich den Werdegang des künfigen Gespanns vergegenwärtigt.
Am Ende der Ausbildung sind vereinfachend vier Fälle denkbar.
1. Der Hund hatte gute Eignung und wurde dank umsichtiger Ausbildung zu einem "brauchbaren" Hund.
2. Der Hund hatte zwar wenig Eignung, wurde aber aus welchen Gründen(Geschenk, bester Freundder Kinder...) immer, trotzdem ausgebildet und wurde dank besonderem Einfühlungsvermögen ein "brauchbarer" Hund. Dies ist der 1.Fall, der in Veranlagungstests nicht berücksichtigt wird.
3. Der Hund hatte gute Eignung wurde jedoch auf Grund schlechter Ausbildung kein "brauchbarer" Hund.Dies ist der 2.Fall, der in Veranlagungstests nicht berücksichtigt wird.
4. Der Hund hatte wenig Eignung und wurde schlecht ausgebildet, daher wurde er kein "brauchbarer" Hund.
Auch wenn man vorsichtig mit Beispielen umgehen muss, es gibt natürlich alle möglichen Abstufungen zwischen diesen Fällen, zeigen die explizierten Fälle sehr gut, dass es mit einem einfachen Veranlagungstest allein nicht getan ist und dadurch keine "brauchbaren" Aussagen für die Zukunft gemacht werden können. Es fallen statistisch gesehen 25% potentiell "Brauchbarer" durch den Rost und 25% geeigneter werden nicht "brauchbar". Auf der anderen Seite gibt es auch bei Jagdhunden Knock-out Kriterien, wie zum Beispiel Angst vor Schüssen oder Angst vor Wild.
Zu den harmlosen Philosophen: Erstens ist es nicht gesagt, dass man als Philosoph nicht Wissenschaftsminister werden kann... Zweitens, darf man die Macht mancher Philosophischer Systeme nicht unterschätzen! Beispiele zeigt die Geschichte zur Genüge.--Koe 09:28, 13. Feb 2007 (CET)

Auch wenn man wohl nicht davon ausgehen kann, dass das Hochhalten des intrinsischen Werts von Bildung als Totschlagargument bei Budgetfragen ankommt, kann man doch wenigstens auf das Aufschreien der einzelnen Disziplinen hoffen. Wenn das Werten von Bildung aufgrund ihrer Nützlichkeit (für die Gesellschaft, als Belastung des staatlichen Budgets) um sich greift, kann wohl auch ein Niederschlagen dieses Denkens bei Studierenden erwartet werden. Bei einer zunehmenden Bildungsfeindlichkeit und der Aussicht, zu den knapp 9.000 arbeitslosen Akademikern [[1]] zu gehören wird wohl zwei mal überlegt, (wird fortgesetzt)

Ich verstehe die Pointe dieses letzten Absatzes nicht. Sicher geht in Intelligenztests eine spezifische Vormeinung von Intelligenz ein und in Liessmanns Begriff des Wissens ein Wissensverständnis - unterschiedlichen Charakters. Das sind zweimal quasi axiomatische Festsetzungen. Wie verhält sich das zu "intrinsischem Wert" und "Totschlagargument"? --anna 16:29, 7. Feb 2007 (CET)

Notizen

Interessant, dass in Liessmanns Text von einer scheinbaren Demokratisierung und Entmachtung des Wissens durch elektronische Medien und allgemein zugängliche Datenbanken und -plattformen die Rede ist, da dieser Text im PhiloWiki zu lesen ist. Wikipedia stellt ja selbst ein viel kritisiertes Wissenslexikon dar, das im eigentlichen Sinne asl wissenschaftliches Nachschlagewerk keines ist, hat doch jeder, der Zugriff auf diese Seite hat, die Möglichkeit, Artikel zu verfassen.
Die freie Enzyklopädie wikipedia.de gibt dazu eine Stellungnahme ab: [[2]]. Hier will das Projekt Wikipedia Rückmeldungen auf die Vorwürfe der Unprofessionalität geben. Zur Frage "Aber was hindert Leute mit laienhaftem Halbwissen daran, dieses zu verbreiten?" lautet die Rückmeldung: "Das kann nur derjenige verhindern, der es besser weiß – vielleicht Sie? Wikipedia baut darauf, dass jeder einschätzen kann, wann jemand anderes Besseres geleistet hat, und diesem dann den Vorrang gewährt. Dieses Prinzip funktioniert bisher erstaunlich gut. In der Wikipedia ist das Bessere des Guten Feind!". Beim Autauchen von Problemen, die mehrere Bearbeiter desselben Artikels miteinander haben könnten, wird die Kompromißbereitschaft der Beteiligten erhofft. Wikipedia nimmt einen neutralen Standpunkt ein und fordert, dass "Kontroversen (...)sachlich präsentiert werden, und jeder wichtige Standpunkt (...) zusammen mit den Argumenten, mit denen er üblicherweise begründet wird, erwähnt werden.", denn: "Keine Richtung besitzt ein Exklusivrecht". Weiter heißt es: "Vor allem in der englischen Urwikipedia sind viele gute Artikel aus einem solchen Prozess zwischen Vertretern unterschiedlichster politischer, religiöser und gesellschaftlicher Überzeugungen hervorgegangen." Dieser Erfolg der freien Enzyklopädie kann sich nur bei einer hohen Anzahl an Usern, sog. "Wikipedianern" (siehe: [[3]]) einstellen. Denn neben den Erstellern von Artikeln gibt es die "Putztruppe", die jeden Tag die neuen Artikel kontrolliert und unbrauchbare Beiträge aussortiert, die dann auf den Wikipedia:Löschkandidaten zur Löschung vorgeschlagen werden oder von den Putzern selbst so verbessert werden, dass sie den Ansprüchen einer Enzyklopädie genügen. Weitere Mitarbeiter wie "Vandalenjäger" und "Mediatoren" bemühen sich um die Qualität der Enzyklopädie. Dennoch gab es einige Fälle, in denen falsche Angaben erst nach sehr langer Zeit bemerkt werden, (wird fortgesetzt)


Erste Seite der Wissensbilanz- Verordnung des Ministeriums[[4]]:
Ziele der Wissensbilanz
§ 2. Die Wissensbilanz dient der ganzheitlichen Darstellung, Bewertung und Kommunikation von immateriellen Vermögenswerten, Leistungsprozessen und deren Wirkungen und ist als qualitative und quantitative Grundlage für die Erstellung und den Abschluss der Leistungsvereinbarung heranzuziehen.
---> "Leistungsvereinbarung" als Euphemismus für "Budgetkürzung"?

Die angeführten Links als Quellen der zitierten Textpassagen wurden zuletzt eingesehen am 04.02. 2007 um 12:34



auch von mir einige vorläufige Gedanken, ich befinde mich gerade ca in der Hälfte des Buches (hurra, echte "Halb"bildung...)

- Mir gefällt die erfrischende Polemik gegen den Zeitgeist sehr gut, allerdings schlägt sie im Hauptargument um eine Spur daneben, denn es gibt den Unterschied von "Wissensgesellschaft" und "Bildung" der deutlich auftritt. So wird gegen die Wissensgesellschaft polemisiert, dass sie keine Bildung vermittle. Nun für mich ist Bildung auch nicht im Begriff Wissensgesellschaft enthalten, also in der Wissensgesellschaft geht es primär um Wissen. Bildung ist, meines erachtens, dann was man mit dem Wissen macht. So finde ich das ganze ein wenig entkräfteter - eine Wissensgesellschaft macht das was drauf steht. Ob das Wissen sinnvoll für Bildung benützt werden kann oder nur für einen Erwerbsarbeitsplatz - da kommen die Ausfürhungen im Buch wieder auf meine begriffliche Spur.

- Seite 31: "Wissen bedeutet immer, eine Antwort auf die Frage geben zu können, was und warum etwas ist."
Man könnte diesen Satz auf zwei Arten lesen: 1) Es gibt kein Wissen - es gibt keine letztbegründung. 2) Es gibt nur vorläufiges Wissen - wenn man von weiterem Nachfragen um die Gründe absieht - dogmatischer Begründungsabbruch des Begründungsskeptizistischen Arguments (Münchhausen Trilemma).

- Es wird beschrieben das Bildung dafür gebraucht wird um mittels Wissenschaften und Wissen die Welt und sich selber besser zu verstehen. Früher mag das der Anspruch gewesen sein, aber wnn man sich heute umsieht, dann ist dieser Anspruch von Wissen gelöst worden und in "Wellness Center" verfrachtet worden, wo man Selbsterfahrungskurse oder Ganzehitliches Irgendwas bekommen/ausüben kann.
Verstehen (und auch erfühlen) des eigenen Selbst und der Welt ist aus dem Theoretischen Wissen in die Gefühlswelt übertragen worden (weswegen meiner Meinugn nach Zen und Konsorten momentan im Lifestylenereich boomen - hör auf zu denken).

Weil es so schön hierher passt: OECD kritisiert effizienz des österreichischen Schulsystems [5] Wenn man sich diesen Text durchliest dann wird er fast allen im Buch angeprangerten Unsitten der Bildungspolitik gerecht.

Ich habe das Buch nun zuende gelesen und meine Halb-bildung zumindest gegen Ein-bildung getauscht. Wie hier weiter oben schon erwähnt wird viel angeprangert aber wenig an konkreten Verbesserungsvorschlägen genannt - ich denke aber dass der Schreibstil dies intendiert, weil das Buch wohl darauf aus ist, durch seine Polemik Kontroversen auszulösen.
Ich sehe den Kampf aber nicht so unerbittlich wie er in diesem Buch dargestellt wird - der Begriff des Wissens hat sich einfach auch weiter entwickelt. Dass das Wissen industrialisiert wurde halte ich für richtig. Man könnte dieses "Werkzeugwissen" eben von "Bildung" trennen - was im Buch meiner Meinung nach nicht konsequent gemacht wurde. (Punkt 1 meiner Gedanken oben)
Nur weil der alte Wissensbegriff revidert werden muss, heißt das nicht dass Werkzeugwissn so verdammenswert ist, wie es hier stellenweise dargestellt wurde.

Interessant dazu fand ich auch ein Buch von Manfred Füllsack, das mir im facultas im NIG ins Auge gesprungen ist, allerdings waren mir 29 Euro doch zu viel des Guten : (
--Uschebti 22:47, 12. Feb 2007 (CET)