Die Steuerungsfunktion des bewussten Willens: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 26. Januar 2007, 03:36 Uhr

Die Existenz der Veto-Möglichkeit steht außer Zweifel. Die Ver­suchspersonen, die an unseren Experimenten teilgenommen haben, berichteten manchmal, dass ein bewusster Handlungs­wunsch oder -drang auftauchte, dass sie ihn aber unterdrückten oder verboten. Bei Abwesenheit des elektrischen Signals vom ak­tivierten Muskel gab es keinen Auslöser für die computerge­stützte Aufzeichnung eines BP, das dem Veto vorausgegangen sein könnte. Es gab also keine gemessenen BPs mit einer Handlungsabsicht, die spontan unterdrückt wurde. Wir konnten jedoch zeigen, dass die Versuchspersonen eine Handlung unterdrücken konnten, deren Vollzug zu einer im Voraus festgesetzten Zeit geplant war. (Siehe den vorangehenden Abschnitt »Das bewusste Veto«)

Wir alle, und nicht nur die Versuchspersonen unserer Experi­mente, haben die Erfahrung gemacht, einen spontanen Drang zu einer bestimmten Handlung zu unterdrücken. Das ist häufig dann der Fall, wenn der Handlungsdrang mit einer gesellschaft­lich nicht akzeptierten Konsequenz zu tun hat, wie beispiels­weise der Drang, dem eigenen Professor etwas Obszönes ins Gesicht zu schreien. Übrigens rufen die Patienten, die am so genannten Tourette-Syndrom leiden, spontan Obszönitäten aus. Diese Handlungen geschehen unwillkürlich. Vor einer sol­chen Handlung gibt es kein BP, obwohl ein BP vor einer Handlung erscheint, die der Tourette-Patient willkürlich vollzieht. Bei beliebigen Personen gibt es auch kein vorausgehendes BP, wenn sie schnell auf einen unangekündigten Reiz reagieren. Das ist keine bewusste freie Willenshandlung, obwohl sie von vorausge­henden, vorbereitenden unbewussten Prozessen abhängen mag. Wie oben erwähnt, hat der bewusste Wille zusätzlich zur Ve­tofunktion noch eine andere potentielle Funktion. Er könnte als notwendiger Auslöser fungieren, damit der Willensprozess sich in einer Handlung niederschlägt. Das würde dem bewussten Willen eine aktive Rolle bei der Erzeugung einer motorischen Handlung verleihen. Diese hypothetische Rolle des bewussten Willens wurde experimentell nicht gesichert. Handlungen, die »automatisiert« werden, können ohne einen angebbaren bewuss­ten Wunsch vollzogen werden. Das BP vor solchen automati­schen Handlungen ist jedoch ziemlich minimal, was seine Am­plitude und seine Dauer angeht.

Was sind Obszönitäten? Das ist eine semantische Kategorie. Es ist möglich, bestimmtet Wort zu produzieren, die als Obszönitäten aufgefasst werden, ohne eine Obszönität zu äußern.


Zwanghafte Störungen (obsessive-compulsive disorder, OCD) stellen ein interessantes und relevantes Beispiel für eine abnorme Beziehung zwischen einem volitionalen Handlungsdrang und der Rolle der Vetofunktion dar. Bei OCD erlebt der Patient einen bewussten Drang, eine bestimmte Handlung wiederholt zu vollziehen – wie etwa sich immer wieder die Hände zu waschen. Es fehlt ihm offensichtlich die Fähigkeit, jeden solchen Drang zu unterdrücken und somit nicht entsprechend zu handeln. In ei­ner faszinierenden klinischen Untersuchung konnten die Neu­rologen J.M. Schwartz und S. Begley von der Universität Los Angeles OCD-Patienten trainieren, um deren Fähigkeit zur akti­ven Unterdrückung des zwanghaften Handlungsdrangs zu ver­bessern. Die Patienten mussten hart daran arbeiten, den zwanghaften Prozess bewusst zu unterdrücken und auf diese Weise ihre zwanghafte Störung zu lindern. Schwartz und Begley schlugen vor, dass eine aktive »geistige Kraft« für die Unterdrü­ckung des zwanghaften Handlungsdrangs verantwortlich sein musste und dass diese bewusste geistige Kraft in einem materia­listischen und deterministischen Rahmen nicht erklärt werden kann. Vor kurzem hat mir ein Psychiater aus San Francisco erzählt, er habe damit angefangen, Patienten zu trainieren, die zu Gewalttaten tendieren, damit sie diesen gewalttätigen Drang unterdrücken können.

Das alles stimmt mit meiner Auffassung der bewussten Veto­funktion überein, und es stellt eine starke Unterstützung meines Vorschlags dar, wie der freie Wille funktioniert. Der freie Wille initiiert also keinen Willensprozess; er kann jedoch das Resultat steuern, indem er den Willensprozess aktiv unterdrückt und die Handlung selbst abbricht, oder indem er die Handlung ermög­licht (oder auslöst).

Beim Tourette-Syndrom, einer Krankheit, von der etwa 200.000 Menschen in den Vereinigten Staaten betroffen sind, ist der Drang nach verbalen Ausbrüchen, wobei häufig eine ob­szöne Sprache verwendet wird, meistens nicht bewusst steuerbar. Untersuchungen am Gehirn mit bildgebenden Verfahren haben gezeigt, dass der Nucleus caudatus bei dieser Krankheit in Mit­leidenschaft gezogen ist. Der Nucleus caudatus ist eines der »Ba­salganglien«, die unter der Hirnrinde liegen. Er scheint bei der Organisation von Absichtsbewegungen im Allgemeinen betei­ligt zu sein. Bei Personen mit Tourette-Syndrom weist dieser Nucleus eine erhöhte Empfänglichkeit für Dopamin auf. Im Ge­gensatz dazu ist ein Mangel an dem Neurotransmitter Dopamin für die Parkinson'sche Krankheit verantwortlich. Parkinson-Pa­tienten weisen eine herabgesetzte Fähigkeit zur Einleitung von Bewegungen auf (neben anderen motorischen Veränderungen). Interessanterweise zeigen Patienten, die an zwanghaften Störun­gen leiden und für die es schwierig ist, einen Handlungsdrang zu unterdrücken, ebenfalls eine veränderte Aktivität im Nucleus caudatus. Diese Befunde werfen die Möglichkeit auf, dass das Veto eines volitionalen Handlungsdranges eine neuronale Ein­wirkung auf den Nucleus caudatus beinhalten könnte, obwohl es so scheint, dass das Veto wahrscheinlich im Präfrontallappen der Gehirnhemisphäre eingeleitet wird. Wie an anderer Stelle erwähnt, kann eine Schädigung des Präfrontallappens zu einem enthemmteren und oft asozialen Verhalten führen.

In einem vor kurzem erschienenen Buch präsentiert der So­zialpsychologe Daniel Wegner ein umfangreiches Argument für die Ansicht, dass der bewusste (freie) Wille eine Illusion sei I Er beschreibt korrekt unsere Experimente, die zeigen, dass Willens­handlungen unbewusst vom Gehirn eingeleitet werden. Wegner behauptet wie viele andere, dass unser experimenteller Befund darauf hindeutet, dass der bewusste Wille »einfach ohne Wirkung sein könnte – dass er, wie' die Handlung selbst, eines jener Dinge sein könnte, die von früheren Gehirn- und geistigen Er­eignissen verursacht werden An keiner Stelle seines Buches diskutiert Wegner jedoch das Veto-Phänomen und die Tatsache, dass es eine potentielle kausale Rolle für den bewussten Willen bereitstellt. Diese Rolle wäre die Steuerung der am Ende stattfin­denden Willenshandlung, auch wenn der Willensprozess unbe­wusst eingeleitet wird, bevor der bewusste Wille erscheint.

Auf die Rolle des Nucleus caudatus bei der Initiation von Bewegung wurde von mir schon weiter oben hingewiesen.--Bergerml 15:44, 16. Nov 2006 (CET)


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<root><br /> <h level="2" i="1">== Kontext ==</h>

Freiheit im Kopf (Seminar Hrachovec, 2006/07)

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