Das Daimonische: Unterschied zwischen den Versionen

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Also was ich gestern gemacht habe, war das 10. Kapitel von der Politeia zu lesen, in der das Daimon-Zitat vorkommt. Ich war überrascht, worauf Platon hier Bezug nimmt, nämlich auf die Geschichte eines Mannes, der [http://de.wikipedia.org/wiki/Platonischer_Mythos#Der_Pamphylier_Er "der Pamphylier Er"] genannt wird. ''Er'' ist der Sohn des Armenios... whatever. Er ist nach 10 Tagen wiederauferstanden (das kommt uns bekannt vor ;-) ), um einen Erfahrungsbericht aus dem Jenseits zu geben. Die Geschichte dient zur Erklärung, welche Belohnung gerechte Menschen nach ihrem Tod erwarten können. Zuvor macht Platon aber darauf aufmerksam, dass der Gerechte auch am Ende des Lebens genau das bekommt, was Glaukon im zweiten Buch dem Ungerechten zugesteht. Der Spiess wird am Ende also noch umgedreht:
 
Also was ich gestern gemacht habe, war das 10. Kapitel von der Politeia zu lesen, in der das Daimon-Zitat vorkommt. Ich war überrascht, worauf Platon hier Bezug nimmt, nämlich auf die Geschichte eines Mannes, der [http://de.wikipedia.org/wiki/Platonischer_Mythos#Der_Pamphylier_Er "der Pamphylier Er"] genannt wird. ''Er'' ist der Sohn des Armenios... whatever. Er ist nach 10 Tagen wiederauferstanden (das kommt uns bekannt vor ;-) ), um einen Erfahrungsbericht aus dem Jenseits zu geben. Die Geschichte dient zur Erklärung, welche Belohnung gerechte Menschen nach ihrem Tod erwarten können. Zuvor macht Platon aber darauf aufmerksam, dass der Gerechte auch am Ende des Lebens genau das bekommt, was Glaukon im zweiten Buch dem Ungerechten zugesteht. Der Spiess wird am Ende also noch umgedreht:
 
: "Denn ich werde doch nun behaupten dürfen, daß die Gerechten, wenn sie älter geworden sind, in ihrem Staate die Ämter haben, wenn sie wollen, daß sie aus einer Familie heiraten, aus welcher sie wollen, daß sie ihre Töchter verehelichen, an wen sie wollen, und überhaupt alle äußeren Vorteile, die du von deinen Ungerechten behauptest, behaupte ich nun von meinen Gerechten. Und andererseits werde ich doch auch von Ungerechten sagen dürfen, daß die meisten von ihnen, wenn sie auch in den früheren Jahren unentlarvt bleiben sollten, am Ende ihrer Laufbahn erwischt und zuschanden werden; daß sie im späteren Alter im Elende leben; daß sie von Mitbürgern wie Fremdlingen bittere Mißhandlungen, Peitschenhiebe und alles andere erleiden, dessen Aufzählung nach deiner Aussage allerdings etwas plump lautet: alle diese Qualen denke auch von mir aufgezählt gehört zu haben, in der Überzeugung, daß sie den Ungerechten widerfahren"
 
: "Denn ich werde doch nun behaupten dürfen, daß die Gerechten, wenn sie älter geworden sind, in ihrem Staate die Ämter haben, wenn sie wollen, daß sie aus einer Familie heiraten, aus welcher sie wollen, daß sie ihre Töchter verehelichen, an wen sie wollen, und überhaupt alle äußeren Vorteile, die du von deinen Ungerechten behauptest, behaupte ich nun von meinen Gerechten. Und andererseits werde ich doch auch von Ungerechten sagen dürfen, daß die meisten von ihnen, wenn sie auch in den früheren Jahren unentlarvt bleiben sollten, am Ende ihrer Laufbahn erwischt und zuschanden werden; daß sie im späteren Alter im Elende leben; daß sie von Mitbürgern wie Fremdlingen bittere Mißhandlungen, Peitschenhiebe und alles andere erleiden, dessen Aufzählung nach deiner Aussage allerdings etwas plump lautet: alle diese Qualen denke auch von mir aufgezählt gehört zu haben, in der Überzeugung, daß sie den Ungerechten widerfahren"
:: Dass der Gerechte am Ende ein gutes Leben hat, wird ihm durch eine soziale Konfiguration garantiert. Die Ungerechten werden im Idealfall (und darum geht es Platon in der Politeia, soweit ich das verstanden habe) erwischt und bestraft. Im Kontext eines solchen Staates muss einem vernünftigen Agenten einleuchten, dass Gerecht-sein die bessere Alternative ist, wenn man diese Art von "äusseren Vorteile" erreichen will. In der Spieltheorie würde man sagen: Platons Staat ist ein frühes Beispiel eines [http://de.wikipedia.org/wiki/Mechanismus-Design-Theorie Mechanismus Designs]. Durch die Regeln und Voraussetzungen des Spieles kommt am Ende heraus, dass eine bestimmte Verhaltensweise "kollektiv rational" ist, nämlich gerecht-handeln. Gerechtigkeit ist demnach ein [http://de.wikipedia.org/wiki/Dominante_Strategie dominantes Equilibrium]. Wenn wir lange genug spielen (und durch den Mythos über das Jenseits, das danach kommt, spielen wir ewig), ist Gerechtigkeit eine Notwendigkeit. Wenn diese Betrachtungsweise schlüssig ist, sind wir ganz nahe an der Verbindung zwischen dem gerechten Leben als individueller Entwicklungsperspektive und dem vorgeschlagenen [http://de.wikipedia.org/wiki/Regeln_f%C3%BCr_den_Menschenpark Menschenpark] (polemisch gesagt), um diese Perspektive (oder Phantasie?) zu forcieren.  
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:: Dass der Gerechte am Ende ein gutes Leben hat, wird ihm durch eine soziale Konfiguration garantiert. Die Ungerechten werden im Idealfall (und den Idealfall auszuarbeiten und wirksam darzustellen, darum geht es Platon in der Politeia, soweit ich das verstanden habe) erwischt und bestraft. Im Kontext eines solchen Staates muss einem vernünftigen Agenten einleuchten, dass Gerecht-sein die bessere Alternative ist, wenn man auch nur diese Art von "äusseren Vorteile" erreichen will. In der Spieltheorie würde man sagen: Platons Staat ist ein frühes Beispiel eines [http://de.wikipedia.org/wiki/Mechanismus-Design-Theorie Mechanismus Designs]. Durch die Regeln und Voraussetzungen des Spieles kommt am Ende heraus, dass eine bestimmte Verhaltensweise sowohl "kollektiv rational" als auch "individuell rational" ist, nämlich gerecht-handeln. Gerechtigkeit ist demnach ein [http://de.wikipedia.org/wiki/Dominante_Strategie dominantes Equilibrium]. Wenn wir lange genug spielen (und durch den Mythos über das Jenseits, das danach kommt, spielen wir ewig), ist Gerechtigkeit eine Notwendigkeit. Wenn diese Betrachtungsweise schlüssig ist, sind wir ganz nahe an der Verbindung zwischen dem gerechten Leben als individueller Entwicklungsperspektive und dem vorgeschlagenen [http://de.wikipedia.org/wiki/Regeln_f%C3%BCr_den_Menschenpark Menschenpark] (polemisch gesagt), um diese Perspektive zu forcieren.  
  
 
Um langsam zum angeführten Daimon-Zitat zu kommen: Im Jenseits sieht Platon folgendes vor:
 
Um langsam zum angeführten Daimon-Zitat zu kommen: Im Jenseits sieht Platon folgendes vor:
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Hier springt Platon aus dem Mythos zu einer Meta-Bemerkung, indem er unterstreicht, wie wichtig es ist, sowohl im Jenseits als auch im Diesseits die richtige Lebensweise zu wählen. Für Platon gilt diese Suche als die höchste Priorität im Leben und in den Wissenschaften. Man muss alles daransetzen, dass "<font color="maroon">jeder von uns</font> mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften" diese Unterscheidung kompetent treffen zu können. Darauf folgt, so wie ich es lese, eine bemerkenswerte Stelle, in der Ideale und unsere aktuelle Lebenssituation aufeinander bezogen werden. Denn üblicherweise läuft unser Leben nicht so glatt, wie wir es von Idealen (oder auch von Paradigmen) kennen. Oder anders gesagt: Man hat Stärken und Schwächen. Die sind nun in Balance zu bringen mit der Wahl seiner Lebensweise. Es geht um die Geschicklichkeit, "aus den jedesmal wählbaren [Möglichkeiten] überall die bessere herauszuwählen, dabei auch wohl in Anschlag zu bringen alle unsere obigen Lehren, <font color="maroon">gegenseitige Vergleichungen und Bestimmungen in bezug auf die vorzügliche Lebensweise</font>; ferner zu wissen, was Schönheit, mit Armut oder Reichtum gemischt, tut, und bei welcher Beschaffenheit der Seele sie Gutes oder Schlimmes bewirkt; was ingleichen edle Geburt und niedere Abkunft, was stille Zurückgezogenheit und Staatsbeamtenstand, was körperliche Kraft und Schwäche, was Gelehrtheit und Ungelehrtheit, <font color="maroon">was für Wirkungen überhaupt dergleichen ursprüngliche Eigentümlichkeiten der Seele und ihre dazu erworbenen Eigenheiten tun, wenn sie mit einander vermischt werden.</font> Und so kann man erst nach Erwägung aller dieser Umstände imstande sein, mit Berücksichtigung der eigentlichen Natur der Seele bei seiner Wahl die schlechtere und bessere Lebensweise zu unterscheiden und dabei diejenige einerseits die schlechtere zu nennen, welche die Seele dahin bringt, daß sie ungerechter wird, die bessere andererseits diejenige, die sie immer mehr gerecht macht. Um alles übrige wird man dabei sein Herz unbekümmert lassen; denn wir haben gesehen, daß dies sowohl für das Leben als auch nach dem Tode die beste Wahl ist." Anstatt das Schicksal oder Gott anzuklagen, dass sein Leben nicht so wie gewünscht läuft, soll man "in sich" gehen und überlegen, wo man einen Fehler in seiner Lebensweise gemacht hat.  
 
Hier springt Platon aus dem Mythos zu einer Meta-Bemerkung, indem er unterstreicht, wie wichtig es ist, sowohl im Jenseits als auch im Diesseits die richtige Lebensweise zu wählen. Für Platon gilt diese Suche als die höchste Priorität im Leben und in den Wissenschaften. Man muss alles daransetzen, dass "<font color="maroon">jeder von uns</font> mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften" diese Unterscheidung kompetent treffen zu können. Darauf folgt, so wie ich es lese, eine bemerkenswerte Stelle, in der Ideale und unsere aktuelle Lebenssituation aufeinander bezogen werden. Denn üblicherweise läuft unser Leben nicht so glatt, wie wir es von Idealen (oder auch von Paradigmen) kennen. Oder anders gesagt: Man hat Stärken und Schwächen. Die sind nun in Balance zu bringen mit der Wahl seiner Lebensweise. Es geht um die Geschicklichkeit, "aus den jedesmal wählbaren [Möglichkeiten] überall die bessere herauszuwählen, dabei auch wohl in Anschlag zu bringen alle unsere obigen Lehren, <font color="maroon">gegenseitige Vergleichungen und Bestimmungen in bezug auf die vorzügliche Lebensweise</font>; ferner zu wissen, was Schönheit, mit Armut oder Reichtum gemischt, tut, und bei welcher Beschaffenheit der Seele sie Gutes oder Schlimmes bewirkt; was ingleichen edle Geburt und niedere Abkunft, was stille Zurückgezogenheit und Staatsbeamtenstand, was körperliche Kraft und Schwäche, was Gelehrtheit und Ungelehrtheit, <font color="maroon">was für Wirkungen überhaupt dergleichen ursprüngliche Eigentümlichkeiten der Seele und ihre dazu erworbenen Eigenheiten tun, wenn sie mit einander vermischt werden.</font> Und so kann man erst nach Erwägung aller dieser Umstände imstande sein, mit Berücksichtigung der eigentlichen Natur der Seele bei seiner Wahl die schlechtere und bessere Lebensweise zu unterscheiden und dabei diejenige einerseits die schlechtere zu nennen, welche die Seele dahin bringt, daß sie ungerechter wird, die bessere andererseits diejenige, die sie immer mehr gerecht macht. Um alles übrige wird man dabei sein Herz unbekümmert lassen; denn wir haben gesehen, daß dies sowohl für das Leben als auch nach dem Tode die beste Wahl ist." Anstatt das Schicksal oder Gott anzuklagen, dass sein Leben nicht so wie gewünscht läuft, soll man "in sich" gehen und überlegen, wo man einen Fehler in seiner Lebensweise gemacht hat.  
  
:Zurück im Jenseits. Nachdem die Seelen (Tiere und Menschen übrigens) ihre Wahl (meist durch Gewohnheit aus ihrem früheren Leben vorgezeichnet) getroffen hatten, sind sie zur Lachesis gegangen. Was jetzt passiert, ist quasi Implementierung. Lachesis (Vergangenheit) gibt jeder Seele nun "den Genius der von ihm erwählten Lebensweise zum Beschützer seines Lebens und zum Vollstrecker seiner Wahl" mit. Klotho (Gegenwart) "befestigt" die Wahl in der Spindel der Notwendigkeit und Atropos macht ihn unveränderlich.  
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:Zurück im Jenseits. Nachdem die Seelen (Tiere und Menschen übrigens) ihre Wahl (meist durch Gewohnheit aus ihrem früheren Leben vorgezeichnet) getroffen hatten, sind sie zur Lachesis gegangen. Was jetzt passiert, ist Präkonfiguration der Wahl der Lebensweise in den Weltenlauf. Lachesis (Vergangenheit) gibt jeder Seele nun "den Genius der von ihm erwählten Lebensweise zum Beschützer seines Lebens und zum Vollstrecker seiner Wahl" mit. Klotho (Gegenwart) "befestigt" die Wahl in der Spindel der Notwendigkeit und Atropos macht ihn unveränderlich.  
  
:Am Ende müssen die Seelen aus dem Fluss "Sorgenlos" trinken, um zu vergessen. Je nachdem, wieviel man trinkt, vergisst man seine Wahl im kommenden Leben, in der nächsten Runde sozusagen.
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:Am Ende müssen die Seelen aus dem Fluss "Sorgenlos" trinken, um zu vergessen. Je nachdem, wieviel man trinkt, vergisst man seine Wahl im kommenden Leben, in der nächsten Runde sozusagen.
  
:Und das scheint nun ein iterativer Prozess zu sein. Das Ziel, so wie Platon es mitteilt, ist: absolute Gerechtigkeit zu implementieren.--[[Benutzer:Andyk|Andyk]] 20:40, 7. Dez. 2010 (UTC)  
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:Und das scheint nun ein iterativer Prozess zu sein. Das Ziel, so wie Platon es mitteilt, ist: absolute Gerechtigkeit zu implementieren.--[[Benutzer:Andyk|Andyk]] 20:40, 7. Dez. 2010 (UTC)
  
 
== Role Models ==
 
== Role Models ==
 
* Inwiefern sind "High Potentials" Role-Models? Verhält sich das analog zu den Heiligen? (to be continued)
 
* Inwiefern sind "High Potentials" Role-Models? Verhält sich das analog zu den Heiligen? (to be continued)

Version vom 7. Dezember 2010, 22:13 Uhr


Einleitung und Motivation

In der Vorlesung versuchen wir zu verstehen, wie die kybernetischen Phänomene der Gegenwart mit Platon zusammengehen. Im Folgenden versuche ich hier als Nebenuntersuchung, einen Aspekt der zeitgenössischen individuellen Emanzipation näher anzusehen: Es geht um persönliche Entwicklung, Talente, Mentoringprogramme, Exzellenz-Netzwerke und Konsensuale Entscheidungen.

Was soll das heißen, talentiert zu sein? (Unter welchen Voraussetzungen kann man jemanden dieses Prädikat zu- oder absprechen?) Mir stellt sich diese Frage, weil ich seit Kurzem im Vorstand eines Vereins bin, der sich "Talente Österreich" nennt. Der Verein existiert schon einige Jahre und hat dementsprechend eine bestimmte Geschichte, Gepflogenheiten und Anschlüsse. Eine der Hauptaktivitäten des Vereins besteht darin, ein Mentoringprogramm (T²) zu organisieren, in dem "Talente Talente fördern". So lautete zumindest der vom ehemaligen Vorstand übernommene Untertitel.

Es baut sich aber eine Spannung auf, sobald man außerdem in einer Basisgruppe aktiv ist, dessen Vorstellungen und Anschlüsse sich zunächst einmal recht penetrant voneinander unterscheiden. Ich denke, der Gegensatz ist offensichtlich und schnell zu benennen: Elitär vs. Egalitär. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, was Emanzipation (oder: ein Zugewinn von Freiheit) bedeutet und vor allem wie man in den Prozess der Emanzipation einsteigen kann, um ein gutes Leben zu leben.

Man mag einwenden, dass es Grenzen der eigenen Prinzipien gibt und man sich für eine der Seiten zu entscheiden hat. Wer das nicht tut, ist opportunistisch.

Ich würde auf diesen Einwand mit Wikipedia antworten: Das Gegenteil von opportunistisch ist idealistisch. (Der Opportunismus stellt die Zweckmäßigkeit über die Grundsatztreue. Eine abgeschwächte Form des Opportunismus findet sich im Pragmatismus oder eventuell auch im Realismus wieder. Man kann als Gegenpol zum Opportunisten den Ideologen sehen. In diesem Begriffszusammenhang ist es schwierig, den Übergang zwischen Kompromissbereitschaft und Opportunismus zu definieren oder festzulegen.) Tatsache ist, dass wir in unserer Gesellschaft sowohl exklusive auf Auswahl basierte Mentoringprogramme sowie konsens-orientierte Gruppen finden.

Was ich mir vornehme ist, Linien durch sogenannte elitäre und egalitäre Gemeinschaften zu ziehen und Interaktionen aufrechtzuerhalten. Sobald man nämlich den Versuch aufgibt, das Verständliche und Unverständliche der beiden Bereiche herauszufinden, macht man die Entscheidung davon abhängig, wer welcher Ideologie angehört (und daher: wer wie sozialisiert wurde). Man meint den anderen zu kennen - auf Basis der Klischees, die in den In-Zirkeln kursieren und die für den In-Zirkel den Zweck haben, die eigenen Vorstellungen aufzuwerten. : das kann man als opportunistisch beschreiben. Selbst wenn wir nicht anders können, als an irgend einer Stelle Klischees auszubilden, ist nicht gesagt, dass es gut und sinnvoll ist, sie an dieser Stelle zu behalten.

Ich kann dazu Notizen aus einem Gespräch mit dem Leiter der Postgraduate Ausbildung an der Universität Wien beitragen. Er hat einen Exzellenzkurs entwickelt, der im Jahr 14.500.- EUR kostet und mit einem Großaufgebot an Phrasen beworben wird. Er zeigte soviel Managmenttraining, dass er mich zu einem Kaffee einlud. Dort wurde ein wenig klarer, worum es ihm ging und was der Anstoß war.
Der Hintergedanke war, eine Art exklusiven britischen "Club" aufzubauen, in dem die elitäre Grundvoraussetzung die Attraktion ausmacht. Meine unmittelbare Reaktion war "Udo Proksch im Demel, CLub 45". Die Antwort war, dass es zum Anspruch der Universität gehört, sich an die alleroberste Schicht der Wirtschaft und Verwaltung zu wenden. Also einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem die Vorsitzenden der Aufsichtsräte nicht mit ihren Abteilungsleitern zusammentreffen. Darauf als Reaktion erfand ich einen Witz. "Was ist der Unterschied zwischen einer Prostituierten und der Universität Wien? -- Die Universität Wien steht nicht am Gürtel, sondern am Ring."
Ich konnte einen Punkt deutlich machen, nämlich dass die marktschreierische Werbung für so ein Vorhaben an der genannten Absicht vorbeizielt. Die angesprochenen Top-Manager kommen nicht über Broschüren. Solche Werbematerialien sind eigentlich nur eine Vorkehrung für das Fussvolk. So wie Mercedes und BMW mit den Spitzenmodellen werben, um die simpleren Modelle zu verkaufen. Es geht um das Image der Marke "Universität".
Das alles vorausgeschickt, muss ich gestehen, dass ich an der Idee eines erlesenen Clubs nichts auszusetzen habe. Solln sie doch machen, warum soll die Uni nicht ihr Prestige und ihre holzgetäfelten Räume zur Verfügung stellen? Siehe Lausanne: Warum nicht Rolex als Sponsor? Eine Schwierigkeit ergibt sich allerdings daraus, dass in solchen Unternehmen dann auch Philosophen auftreten, die der versammelten Elite ihre klugen Gedanken vorlegen. O ja, wir verstehen uns auf raffinierte Pointen. Meine eigene Befindlichkeit ist allerdings derart, dass ich mich immer ein wenig danebenbenehmen würde. Da sind wir nun beim Ausser-Gewöhnlichen. --anna 20:52, 6. Dez. 2010 (UTC)


Splitter und Quellen

Ich beginne mit einem Platon-Zitat, das ich an zentraler Stelle für das Werbematerial des Mentoringprogramms verwendet habe. Von hier beginnend versuche ich die oben skizzierte Spannung zu verstehen:

Nicht wird ein Daimon euch erlösen
sondern ihr werdet euch einen Daimon
wählen, den Lebenslauf wählen, mit dem
ihr dann notwendig verbunden bleibt.

Ich bin erst später drauf gekommen, dass es aus dem 10. Buch der Politeia stammt (617e) und Teil des Endspurts der ganzen Untersuchung in diesem Werk ist. Eine alternative Übersetzung dieser Textstelle:

"nicht euch erlost das Lebensverhängnis, sondern ihr wählt euch das Geschick. Sobald einer gelost hat, so wähle er sich eine Lebensbahn, womit er nach dem Gesetze der Notwendigkeit vermählt bleiben wird" (Quelle)

Nochmal in Englisch aus dem Perseus-Projekt, wo sich auch der Griechische Text findet:

"No divinity shall cast lots for you, but you shall choose your own deity. Let him to whom falls the first lot first select a life to which he shall cleave of necessity" (617e)

  • Kontext: Platon Politeia, Buch 10, speziell 614-621 (das ganze ist in einer recht langen Geschichte über Lebensweisen eingebaut, die erzählt wird, um zu beantworten, welche Belohnung jene Personen bekommen, die gerecht sind)

Texte zum Thema Daimon

  • Das Daimon-Portal (Lexikon-Artikel zu Daimon, Daimonion, ...)
  • Rafael Capurro: Engel, Menschen, Computer
    • "Die abendländi­sche philosophische Tradition spricht von "daimones", "göttlichen Wesen" und "intelligentiae separatae". [...] Vor diesem Hintergrund mag es vielleicht weniger befremdend erscheinen, wenn nach der Relevanz der thomistischen Engellehre für die philoso­phische Anthropologie vor dem Hintergrund der Ansprüche der KI-Forschung bzw. der daraus entstehenden mythischen Visionen gefragt wird. Soweit ich feststellen konnte, ist der hier darzustellende Zusammen­hang in der philoso­phischen Literatur bisher nicht erörtert wor­den (4). Die Suggestibilität der thomistischen Engellehre, scheint mir, vor allem an­gesichts unserer jüngsten Träume bezüglich der Schaffung einer uns überra­gende "künstlichen Intelli­genz", be­sonders nahe­liegend. Was unter anderem dadurch zum Vorsch­ein kommt, ist die Suche nach der menschli­chen Selbst­be­stimmung zwischen Natur und Geist. Mit anderen Worten, der Mensch begehrt nicht nur, was unter ihm ist, sondern er strebt über sich hinaus."
  • Das Klischee und die Endlichkeit der Erkenntnis
    • "Unaufgearbeitete Erfahrungsreste, unverdauliche Brocken im Zusammenhang der Kommunikation, sind nicht bloß verpaßte Aufgaben. Es ist auch illusorisch, die Erledigung aller Aufgaben zu verlangen. Bisher war nur von Anforderungen die Rede, die im regulären Erfahrungsprozeß auftauchen können. Die philosophische Sicht reicht darüber hinaus. Nirgends steht geschrieben, daß die permanente Revision der Ausgangsvoraussetzungen das letzte Wort über Erkenntnis ist. Es gibt keine Garantie, daß dieser von der atemberaubenden Entwicklung wissenschaftlich-technischer Möglichkeiten vorangetriebene Anspruch nicht eine glatte Überforderung des ihm zugrundeliegenden Substrat ist. Bevor Erkenntnis unter diesem Druck funktionsunfähig wird, nimmt sie Zuflucht zum Klischee. Traditionell ist die Untersuchung jener Denk- und Wirklichkeitformen, die der ständigen kritischen Bestätigung der Empirie entzogen sind, Metaphysik genannt worden."
  • Jean Baudrillard: Das perfekte Verbrechen
    • "Tatsächlich sind wir nicht mehr Opfer eines Übermasses an Schicksal, an Illusion und an Bedrohung, sondern Opfer einer Abwesenheit von Schicksal und eines Übermasses an Realität, an Sicherheit und an Effizienz so dass gerade das Übermass dessen, was uns rettet und schützt, heute mörderisch geworden ist. Darin liegt heute die Gefahr, in der Positivität, im bedingungslosen Heil durch die Technik. Doch gewiss steht dem etwas Unüberwindliches entgegen, und wir müssen als Anklang an den Satz von Hölderlin jenen zutiefst geheimnisvollen von Heidegger anführen: "Blicken wir in das zweideutige Wesen der Technik, dann erblicken wir die Konstellation, den Sternengang des Geheimnisses." Ein rätselhafter Aphorismus, denn er widerspricht Heideggers eigener Theorie über die Technik als Annektion und Wesensverlust - eine negative Ontologie, welche den gesamten Technizismus durchzieht, der (und das ist das "perfekte Verbrechen", von dem wir sprachen), zur endgültigen Beseitigung des Geheimnisses des Universums beiträgt, zur völligen Sichtbarkeit, zur absoluten Identifikation, mit anderen Worten zum Tod. Und dennoch schimmert durch diese Formel eine andere Hypothese: die einer übermächtigen Reversibilität, die sich letztendlich gegen den unerbittlichen Prozess der Desillusionierung durchsetzen würde. In dieser Hypothese gäbe es am äussersten Horizont der technischen Entwicklung etwas anderes, das Auftauchen einer anderen Spielregel. Der ironische Widerstand des Geheimnisses am Ende eines aussergewöhnlichen Anspruchs, es zu zerstören, zu eliminieren, zu vernichten. Letztlich ist die Technik vielleicht nur ein riesiger Umweg, der uns zur radikalen Illusion der Welt zurückführt - ein riesiger, von unserer Kultur erdacht Umweg, und damit ihre ureigenste Art und Weise des Auftauchens und des Verschwindens, an dessen Ende irgendein Ereignis möglich bleibt, doch davon wissen wir nichts. Wir wissen nichts von einem unvorhersehbaren Ereignis, das endlich jenseits der Metaphysik eintreten könnte und zu dem uns ironischerweise die Technik hinführen würde, in dem Masse gerade wo sie nach Heidegger die absolute Verwirklichung der Metaphysik ist."
  • Die Visualisierung des Außer-Ordentlichen
    Mein Versuch, das Außer-Ordentliche in einem Werbematerial für ein Mentoringprojekt darzustellen
    • "Der Heilige war ein Mensch, aber das ist kein Familienalbum. Der Zweck der Abbildung ist eine Transzendenz. Die Pointe dieser Ikone ist, dass diese Transzendenz durch die Schematisierung einer Fotographie erreicht wird. Man möchte sagen durch den Rückschritt auf veraltete Darstellungsmittel. (Vgl. die Interieurs des 19. Jahrhunderts in "Blade Runner" und "Matrix".) Welche Mittel stehen zur Visualisierung des Ausserordentlichen zur Verfügung? Eine Strategie: Entzeitlichung, Abstraktion, Statik. Die Anfertigung einer Form. Hier eine Zeichenkette: 2,4,6,8,10,12,14,16. Gibt es Gemeinsamkeiten? Was fällt Dir auf? ==> "2n+2". Das ist 'die Form dahinter'."
    • Eine andere Strategie: Störung einer Reihe oder Form. Indem das Außer-Ordentliche als Ordentliches, als Abstraktion, als Vor-Bild dargestellt wird, muss es doch den Charakter des Außer-Ordentlichen verlieren? Als Störung verliert es jedoch das Erhabene und Strahlende. An die Stelle der Sonne tritt das Gewitter.


Anknüpfung

Ich habe diese Seite jetzt schon mehrfach gelesen und ich habe immer noch das Gefühl, die Verknüpfung mit den Themen aus der Cyberplatonismus-Vorlesung nicht ganz erfasst zu haben. Könnten wir gemeinsam versuchen, die Zusammenhänge ein bisschen expliziter zu machen? Ich fange einfach mit einer kleinen Aufzählung an und bitte um Ergänzungen und Spezifizierungen: --PW 07:54, 7. Dez. 2010 (UTC)

  • Der Bildungsbegriff im Ausgang von Platon - paideia - persönliche Entwickung, Talent etc.
  • Platon als Technokrat
  • Darstellung des Außerordentlichen - Abstraktion, Alte Darstellungsmittel, Störung.

Ein Punkt der mir hier besser explizierbar scheint ist der des Hinführens zur Störung/dem Außerordentlichen. Das ist ja ein Moment Platons Sokrates, das in der Spiegelthematik praktisch nicht zu sehen war. Sokrates führt Leute gezielt mit seinen Fragen zu einer Irritation, zu der sie ohne Sokrates vielleicht später, vielleicht aber auch gar nicht gelangt wären. Er weist ihnen einen Weg aus ihrem common-sense Verständnis der Welt hinaus. Er macht dies aber nicht indem er behauptet "so und so ist es", sondern er bietet mittels Fragen die Richtung an und lässt die Antwortenden selbst die Erfahrung machen fortzuschreiten. Das ist eine Form von Mentoren-Mentalität. In dieser Art des Lehrens begegnen Sokrates verschiedenste Menschen die unterschiedlich darauf reagieren. Nicht jeder ist bereit Sokrates antwortend zu folgen, manch einer wendet sich auch einfach ab.

Das kann man auch mit den Matrixüberlegungen verknüpfen. Im Film agieren die bereits Befreiten auch als Mentoren für Neo in seinem Umgang mit der neuen Situation als Wissender der Matrix. Sie weisen ihm den Weg, gehen muss er ihn selbst. Deutlich wird das vor allem bei Neos ersten Sprungversuchen in den Übungsprogrammen. Im Film ist aber vor dem Herausholen aus der Matrix bereits eine gewisse potentielle Skepsis oder Irritation bei Neo vorhanden. Es ist also eine Stufe zwischen der Störung die der Einzelne beim Erblicken des Spiegelbildes alleine erfährt und dem sokratischen Hinführen zur Störung durch jemanden. --Yadseut 16:34, 7. Dez. 2010 (UTC)

Finde die Verknüpfung auch interessant:

  • Beim Neo hat man ausserdem den Exklusivitätscharakter. Es umgibt ihn der Ruf, "der Auserwählte" zu sein. Morpheus krallt sich an dieser Hoffnung fest, weil das Orakel ihm prophezeit hat, dass er ihn finden wird.
  • Sokrates spricht am Marktplatz mit allen, nicht nur mit den bereits Irritierten. Sokrates geniesst aber auch eine Exklusivität. Er wird (wiederum von einem Orakel) als derjenige stilisiert, der der Weiseste ist. Und zwar, weil er der Einzige ist, den seine Umgebung und besonders das Verwendung von Begriffen irritiert anstatt sich mit endlichen und lokalen Verwendungsweisen abzufinden.
  • Neo läuft aber zunächst nicht durch die Gegend und verwirrt die Leute. Sondern er wird angesprochen von den Wissenden Trinity, Morpheus und der ganzen Bande (von Mentoren). Er wird übergeführt in "ihre Welt" (wo man Brei isst), er wird trainiert. Das Clan-Wissen um die Realität soll genutzt werden, um den Simulationen der Matrix zu entkommen und das Wissen des Clans gegen sie einzusetzen. Erst, wenn man das geübt hat, kann die Befreiung losgehen. --Andyk 21:00, 7. Dez. 2010 (UTC)


Metabemerkung: Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gezögert habe, bevor ich die oben angeführten Fragmente hier ins Wiki gestellt habe, aus mehreren Gründen:

  • Da gibt es einen Sprung zwischen den in der Vorlesung angesprochenen Themen und dem hier angeführten. Es ist nicht direkt aus der Vorlesung entwickelbar, obwohl ich denke, dass es Verknüpfungen gibt.
  • Es kommt aus einer privaten Motivation heraus. Da ich bei diesem Thema um Talente ein wenig anstehe, wollte ich die Gedanken nicht im stillen Kämmerchen machen sondern öffentlich zur Debatte stellen.
  • Es sind Fragmente. Die Gedanken und Verknüpfungen, wie PW verständlicherweise bemerkt hat, sind noch nicht formuliert. Ich arbeite mich ein wenig durch das Material. Werde über die Weihnachtsferien noch einiges nachliefern und freue mich, wenn noch jemand für die Fragestellung Interesse hat. --Andyk 21:00, 7. Dez. 2010 (UTC)

Ein Mythos als Richtschnur fürs Diesseits

Also was ich gestern gemacht habe, war das 10. Kapitel von der Politeia zu lesen, in der das Daimon-Zitat vorkommt. Ich war überrascht, worauf Platon hier Bezug nimmt, nämlich auf die Geschichte eines Mannes, der "der Pamphylier Er" genannt wird. Er ist der Sohn des Armenios... whatever. Er ist nach 10 Tagen wiederauferstanden (das kommt uns bekannt vor ;-) ), um einen Erfahrungsbericht aus dem Jenseits zu geben. Die Geschichte dient zur Erklärung, welche Belohnung gerechte Menschen nach ihrem Tod erwarten können. Zuvor macht Platon aber darauf aufmerksam, dass der Gerechte auch am Ende des Lebens genau das bekommt, was Glaukon im zweiten Buch dem Ungerechten zugesteht. Der Spiess wird am Ende also noch umgedreht:

"Denn ich werde doch nun behaupten dürfen, daß die Gerechten, wenn sie älter geworden sind, in ihrem Staate die Ämter haben, wenn sie wollen, daß sie aus einer Familie heiraten, aus welcher sie wollen, daß sie ihre Töchter verehelichen, an wen sie wollen, und überhaupt alle äußeren Vorteile, die du von deinen Ungerechten behauptest, behaupte ich nun von meinen Gerechten. Und andererseits werde ich doch auch von Ungerechten sagen dürfen, daß die meisten von ihnen, wenn sie auch in den früheren Jahren unentlarvt bleiben sollten, am Ende ihrer Laufbahn erwischt und zuschanden werden; daß sie im späteren Alter im Elende leben; daß sie von Mitbürgern wie Fremdlingen bittere Mißhandlungen, Peitschenhiebe und alles andere erleiden, dessen Aufzählung nach deiner Aussage allerdings etwas plump lautet: alle diese Qualen denke auch von mir aufgezählt gehört zu haben, in der Überzeugung, daß sie den Ungerechten widerfahren"
Dass der Gerechte am Ende ein gutes Leben hat, wird ihm durch eine soziale Konfiguration garantiert. Die Ungerechten werden im Idealfall (und den Idealfall auszuarbeiten und wirksam darzustellen, darum geht es Platon in der Politeia, soweit ich das verstanden habe) erwischt und bestraft. Im Kontext eines solchen Staates muss einem vernünftigen Agenten einleuchten, dass Gerecht-sein die bessere Alternative ist, wenn man auch nur diese Art von "äusseren Vorteile" erreichen will. In der Spieltheorie würde man sagen: Platons Staat ist ein frühes Beispiel eines Mechanismus Designs. Durch die Regeln und Voraussetzungen des Spieles kommt am Ende heraus, dass eine bestimmte Verhaltensweise sowohl "kollektiv rational" als auch "individuell rational" ist, nämlich gerecht-handeln. Gerechtigkeit ist demnach ein dominantes Equilibrium. Wenn wir lange genug spielen (und durch den Mythos über das Jenseits, das danach kommt, spielen wir ewig), ist Gerechtigkeit eine Notwendigkeit. Wenn diese Betrachtungsweise schlüssig ist, sind wir ganz nahe an der Verbindung zwischen dem gerechten Leben als individueller Entwicklungsperspektive und dem vorgeschlagenen Menschenpark (polemisch gesagt), um diese Perspektive zu forcieren.

Um langsam zum angeführten Daimon-Zitat zu kommen: Im Jenseits sieht Platon folgendes vor:

Die Seelen der verstorbenen Menschen kommen zu einer wundervollen Wiese. An diesem Ort befinden sich vier Löcher, zwei gen Boden (IN and OUT) und zwei gen Himmel (IN and OUT). Dazwischen sind Richter, die den Ankommenden ihr Urteil anheften:
"[D]iese hätten allemal, nachdem sie ihren Urteilsspruch getan, den Gerechten befohlen, den Weg rechts und durch den Himmel zu wandern, nachdem sie ihnen zuvor vorn ein Zeichen von beurteilten Taten angehängt; die Ungerechten aber hätten sie nach der Öffnung zur linken Hand, und zwar nach unten (unter die Erde), verwiesen, und auch diese hätten ihre Zeichen, aber hinten, anhängen gehabt über alles das, was sie verübt hätten." Schön geordnet: Links/Unten/Hinten vs. Rechts/Oben/Vorne.

Danach beginnt eine 1000-jährige Reise, die angenehm für die Gerechten, unangenehm für die Ungerechten ist. Am Ende kommen sie durch die OUT-Löcher wieder heraus. Die ganz argen Fälle der Ungerechtigkeit aber (Tyrannen, etc.) kommen durch die rechte untere öffnung nicht leicht heraus; wenn sie es versuchen, ertönt ein unangenehmes Geräusch und es kommen Wächter herbei, die die Person zurechtweisen (ich würde sagen: brutal prügeln. So geht es also im Jenseits zu. Interessanterweise sind die brutalen Ausführungen an dieser Stelle in Anführungszeichen gestellt, zumindest in den Versionen (hier eine davon), die ich gelesen habe.)

Am Ende treffen sie sich wieder auf der Wiese und tauschen ihre positiven und negativen Erfahrungen aus. Nun gehen sie zur "Spindel der Notwendigkeit", ein seltsamer Mechanismus, den ich nicht ganz verstehe. Der Kuriosität wegen ist dieser Abschnitt in voller Länge zitiert:
"Nach einer Tagreise wären sie nun da hineingekommen und hätten dort mitten in jenem Lichte gesehen, wie die äußersten Enden der Himmelsbänder am Himmel angebracht seien; denn nichts anderes als jener Lichtstreif sei das Land des Himmelsgewölbes, wie etwa die verbindenden Querbänke an den Dreiruderern, und halte so den ganzen Himmelskreis zusammen; an jenen Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit angebracht, durch welche Spindel alle möglichen Sphären bewegt würden; daran seien nun Stange und Haken aus Stahl, der Wirtel aber habe aus einer Mischung von Stahl und anderen Metallarten bestanden. Die Beschaffenheit dieses Wirtels sei nun folgende gewesen: Die äußere Gestalt sei so gewesen, wie sie der Wirtel bei uns hat; man muß sich jedoch seiner Erzählung nach ihn so vorstellen, als wenn in einem großen und durch und durch ausgehöhlten Wirtel ein anderer eben solcher kleinerer eingepaßt wäre, so wie man Gefäße hat, die in einander passen; und auf dieselbe Weise muß man sich noch einen anderen dritten, vierten und noch vier Wirtel ineinander gepaßt denken. Denn acht Wirtel seien es insgesamt, die ineinander lägen und ihre Ränder von oben her als Kreise zeigten und um die Stange nur eine zusammenhängende Oberfläche eines einzigen Wirtels darstellten; jene Stange sei aber durch den achten mitten ganz durchgezogen. So habe nun der erste und äußerste Wirtel den breitesten Randkreis, der sechste den zweiten, den dritten der vierte, den vierten der achte, den fünften der siebente, den sechsten der fünfte, den siebenten der dritte, den achten der zweite. Der des größten Wirtels sei nun buntfarbig, der des siebenten am glänzendsten, der des achten erhalte seine Farbe von der Beleuchtung des siebenten, der des zweiten und fünften seien einander sehr ähnlich und zwar gelblicher als jene, der dritte habe die weißeste färbe, der vierte sei rötlich, der zweite aber übertreffe an Weiße den sechsten. Wenn nun so die ganze Spindel sich herumdrehe, so kreise sie zwar in demselben Schwünge; während des Umschwunges des Ganzen aber bewegten sich die sieben inneren Kreise langsamer, [402] in einem dem Ganzen entgegengesetzten Schwünge. Am schnellsten von ihnen gehe aber der achte; den zweiten Rang der Schnelligkeit hätten zugleich mit einander der siebente, sechste und fünfte; den dritten im Umschwünge, wie es ihnen geschienen, habe der vierte Kreis gehabt; den vierten der dritte, und den fünften der zweite. Gedreht aber werde die Spindel zwischen den Knieen der Notwendigkeit. Auf ihren Kreisen aber säßen oben auf jeglichem eine sich mit umschwingende Sirene, welche eine Stimme, jedesmal einen zum Ganzen verhältnismäßigen Ton, hören läßt: aus allen acht insgesamt aber erschalle eine Harmonie."
An diesem Ort befinden sich auch noch "die Töchter der Notwendigkeit", Lachesis für die Vergangenheit, Klotho für die Gegenwart und Atropos für die Zukunft. Sie interagieren mit dieser Spindel, ebenfalls nach einer bestimmten Ordnung. Als Moderator tritt ausserdem noch "ein Prophet" hinzu, der die Seelen "in eine Reihe" stellt. Die Daimon-Stelle wird von Lachesis ausgesprochen: "Es spricht die Jungfrau Lachesis, die Tochter der Notwendigkeit: Eintägige Seelen! Es beginnt mit euch eine andere Periode eines sterblichen und todbringenden Geschlechts; nicht euch erlost das Lebensverhängnis, sondern ihr wählt euch das Geschick. Sobald einer gelost hat, so wähle er sich eine Lebensbahn, womit er nach dem Gesetze der Notwendigkeit vermählt bleiben wird. Die Tugend ist aber unabhängig von jedem Herrn: von ihr erhält ein jeder mehr oder weniger, je nachdem er sie in Ehren hält oder vernachlässigt. Die Schuld liegt an dem, der gewählt hat. Gott ist daran schuldlos."
Dann geht das Verfahren los. Man zieht Lose. Jeder bekommt eines. Auf dem steht eine Zahl. Die Zahl beschreibt die Stelle in der Warteschlange. Die Warteschlange wovon? Von der Möglichkeit, seine Lebensweise zu wählen. Nachdem nämlich jeder sein Los gezogen hat, veröffentlicht der Prophet eine Vielzahl an Lebensweisen, "in weit größerer Anzahl als die der Anwesenden. Da hätte es denn allerlei gegeben: Lebensweisen von allen Tieren und auch, versteht sich, alle menschlichen. Darunter hätten sich nun unumschränkte Tyrannenherrschaften befunden, zum Teil lebenslängliche, zum Teil auch solche, die mitten im Leben verloren gehen und mit Armut, Verbannung und mit dem Bettelstab endigen. Auch hätten sich darunter befunden Lebensweisen von wohlangesehenen Männern teils durch Gestalt, Schönheit und außerdem durch körperliche Stärke und Kampftüchtigkeit, teils ihrer Geburt und der Vorzüge ihrer Ahnen wegen; ferner ebenfalls Lebensweisen solcher, die in den genannten Rücksichten unansehnlich waren, und ebenso habe es sich mit den Weibern verhalten. Eine Seelenrangordnung habe aber nicht dabei stattgefunden, weil es eine unbedingte Notwendigkeit ist, daß eine Seele, welche eine andere Lebensweise wählt, auch eine andere wird. Im übrigen seien die Lebensweisen durcheinander gemischt und teils mit Reichtum oder Armut, teils mit Krankheit, teils mit Gesundheit verbunden; manche lägen auch zwischen den genannten Zuständen in der Mitte."

Hier springt Platon aus dem Mythos zu einer Meta-Bemerkung, indem er unterstreicht, wie wichtig es ist, sowohl im Jenseits als auch im Diesseits die richtige Lebensweise zu wählen. Für Platon gilt diese Suche als die höchste Priorität im Leben und in den Wissenschaften. Man muss alles daransetzen, dass "jeder von uns mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften" diese Unterscheidung kompetent treffen zu können. Darauf folgt, so wie ich es lese, eine bemerkenswerte Stelle, in der Ideale und unsere aktuelle Lebenssituation aufeinander bezogen werden. Denn üblicherweise läuft unser Leben nicht so glatt, wie wir es von Idealen (oder auch von Paradigmen) kennen. Oder anders gesagt: Man hat Stärken und Schwächen. Die sind nun in Balance zu bringen mit der Wahl seiner Lebensweise. Es geht um die Geschicklichkeit, "aus den jedesmal wählbaren [Möglichkeiten] überall die bessere herauszuwählen, dabei auch wohl in Anschlag zu bringen alle unsere obigen Lehren, gegenseitige Vergleichungen und Bestimmungen in bezug auf die vorzügliche Lebensweise; ferner zu wissen, was Schönheit, mit Armut oder Reichtum gemischt, tut, und bei welcher Beschaffenheit der Seele sie Gutes oder Schlimmes bewirkt; was ingleichen edle Geburt und niedere Abkunft, was stille Zurückgezogenheit und Staatsbeamtenstand, was körperliche Kraft und Schwäche, was Gelehrtheit und Ungelehrtheit, was für Wirkungen überhaupt dergleichen ursprüngliche Eigentümlichkeiten der Seele und ihre dazu erworbenen Eigenheiten tun, wenn sie mit einander vermischt werden. Und so kann man erst nach Erwägung aller dieser Umstände imstande sein, mit Berücksichtigung der eigentlichen Natur der Seele bei seiner Wahl die schlechtere und bessere Lebensweise zu unterscheiden und dabei diejenige einerseits die schlechtere zu nennen, welche die Seele dahin bringt, daß sie ungerechter wird, die bessere andererseits diejenige, die sie immer mehr gerecht macht. Um alles übrige wird man dabei sein Herz unbekümmert lassen; denn wir haben gesehen, daß dies sowohl für das Leben als auch nach dem Tode die beste Wahl ist." Anstatt das Schicksal oder Gott anzuklagen, dass sein Leben nicht so wie gewünscht läuft, soll man "in sich" gehen und überlegen, wo man einen Fehler in seiner Lebensweise gemacht hat.

Zurück im Jenseits. Nachdem die Seelen (Tiere und Menschen übrigens) ihre Wahl (meist durch Gewohnheit aus ihrem früheren Leben vorgezeichnet) getroffen hatten, sind sie zur Lachesis gegangen. Was jetzt passiert, ist Präkonfiguration der Wahl der Lebensweise in den Weltenlauf. Lachesis (Vergangenheit) gibt jeder Seele nun "den Genius der von ihm erwählten Lebensweise zum Beschützer seines Lebens und zum Vollstrecker seiner Wahl" mit. Klotho (Gegenwart) "befestigt" die Wahl in der Spindel der Notwendigkeit und Atropos macht ihn unveränderlich.
Am Ende müssen die Seelen aus dem Fluss "Sorgenlos" trinken, um zu vergessen. Je nachdem, wieviel man trinkt, vergisst man seine Wahl im kommenden Leben, in der nächsten Runde sozusagen.
Und das scheint nun ein iterativer Prozess zu sein. Das Ziel, so wie Platon es mitteilt, ist: absolute Gerechtigkeit zu implementieren.--Andyk 20:40, 7. Dez. 2010 (UTC)

Role Models

  • Inwiefern sind "High Potentials" Role-Models? Verhält sich das analog zu den Heiligen? (to be continued)