Benutzer Diskussion:Andyka/Über Spiele und Ernst: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 26. November 2014, 01:23 Uhr

Es gibt Regeln, nach denen wir uns bewusst oder unbewusst verhalten. Praktiken und Konventionen.


Es gehört sich nicht, eine Einladung zu akzeptieren und dann nicht zu erscheinen. Wenn man zusagt, muss man erscheinen: Das ist eine Konvention. Bei Nicht-Einhalten kann man sich auf sie berufen, und einen Grund angeben, warum man verärgert ist, warum bestimmte Entscheidungen ohne jemanden getroffen wurden, etc. Dementsprechend organisieren wir unsere Handlungen rund um einer Menge an Konventionen.


Die Praktiken jedoch, die das Verhalten vorzeichnen, sind schwerer auszusprechen. Sie verstecken sich gut. Zumeist gewinnen sie ihre Wirkkraft dadurch, dass man nicht über sie spricht. Die Chefin muss nicht aussprechen: "Ich bin deine Chefin.". Es zeigt sich aus dem Verhalten einer Gruppe. Wer spricht? An wen richtet man das Wort und seine Blicke? Wer kann ungestraft Leuten ins Wort fallen?


Beide, Konvention und Praxis, regeln einen sozialen Zusammenhang. Wie ist nun das Verhältnis zwischen Konvention und Praxis? Kann alle Praxis in Konvention aufgeklärt werden? Ja, siehe Schach. Es gelingt, weil man, während dem Explizieren, eine Distanz zur Situation hat, die den Handlungsspielraum strukturiert. Man kann entkommen, neben dem Schach spielen ein Glas Wasser trinken. Dass man ein Glas Wasser trinkt oder eine Konversation über Politik führt, sind keine zulässigen Spielzüge im Schachspiel. Sind das überhaupt Spielzüge?


Beim Schach lassen sich die zulässigen Züge aufzählen und klar definieren, basierend auf einem Set von Regeln. Es lässt sich außerdem die Spielfigur zu jedem Zeitpunkt klar positionieren. Und auch das Spielziel.


Zwei wichtige Randpunkte im Dialog sind (1) die Irritation und (2) die Feststellung:

  • (1) Ich kann mich fragen, aus Neugierde, wie es dazu kommt, dass (zwei) Menschen sich auf gemeinsame Spielregeln verständigen/einspielen können. "Könnte das nicht eine große Täuschung sein?", fragt der Skeptiker. Ein Irrtum, dem wir (beide) unterliegen, indem wir annehmen, dass sich die Basis für unser Gespräch von selbst versteht. "Schau her, ich zeige es dir.", setzt er fort und findet überall ein Missverständnis. "Ist es nicht ein Wunder", sagt der Neugierige, "wie wir (beide) es schaffen, uns, ohne dass wir für jede Handlung einem Regelbuch folgen müssten, über etwas austauschen und einigen können.", und er findet, wie weit man doch mit dieser Annahme, dass uns der andere schon versteht, kommt. So, dass auch die Missverständnisse in die man gerät, nach einiger Zeit geklärt werden können. "Und so wurschtelt man sich durch", antwortet der Skeptiker. "Wir brauchen eine gründliche Fundierung."
  • (2) Basierend auf der Irritation halten wir fest, dass man im Dunkeln startet, das heißt in einem Bereich, der strukturiert oder unstrukturiert sein mag, je nachdem, ob man eher neugierig nach einer versteckten Struktur ist, oder einen Verdacht der Absenz von Struktur hegt. Jedenfalls hat man sich nicht vorab geeinigt auf alle zulässigen Züge. Das ist nicht etwas, das man versäumt hat, denn in welchem Bereich würde man dies tun? Und welchen Regeln würde man dort folgen?


Es gibt neben der neugierigen und der skeptischen Auffassung noch die konstruktive. Demnach entsteht der Bereich im/während dem Gespräch. Er ist nicht - von woher auch immer - gegeben. Die Frage, von wo der dunkle Bereich kommt, ist nicht anwendbar. Es geht darum, dass durch die Gespräche implizit ein Feld entsteht, das man in den meisten Gesprächen gar nicht beachtet, weil man auf das Gesprächsthema fokusiert ist, doch durch Irritationen kann man auf diesen Bereich aufmerksam werden und ihn austesten.


Sind die Schlussfolgerungen, zu denen man bei diesen Tests kommt, gültig für alle Gespräche? Oder formt sich der Bereich - abhängig von den gestellten Fragen? Gibt es vielleicht ein Set von "richtigen Fragen" oder auch transzendentalen Fragen? Das wären Grenzfragen, die eine Abstraktion von jedem beliebigen Gespräch anzielen. Die Fragen finden nur insoweit in einem Gespräch statt, um herauszufinden, wie Gespräche funktionieren, d.h. wie der dunkle Bereich beschaffen ist.


Die Idee der transzendentalen Fragen kann durch eine weitere herausgefordert werden: Je mehr sich das Gespräch von anderen, alltäglichen, Gesprächen unterscheidet, desto weniger kann es etwas über die Struktur des Dunklen erfahren. Denn das Gespräch selbst steht in einem wechselseitigen Verhältnis zum ihn strukturierenden Feld.


Zwei Grundtendenzen wurden besprochen: Eine, die davon ausgeht, dass das Dunkle durch unsere Strukturierungsfähigkeiten zur Ordnung gebracht werden muss. Eine andere, die annimmt, dass das Dunkle strukturiert ist, wir es nicht sehen, jedoch mit Erfahrung und Sprachbausteinen dem Dunklen ihr Geheimnis entlocken können. Dann eine dritte, mobile, die davon ausgeht, dass die Struktur während dem Gehen entsteht und sich verändert. Es nützt nichts, so die Dritte, den Ursprung dieses Bereichs zu suchen: "Wir starten hier. Alles was uns während dem Gespräch an Rahmenbedingungen auffällt, notieren wir." Und obwohl das Dunkle nicht dazu da ist, ganz aufgeklärt zu werden, macht es einen Unterschied, wenn man das, was sich jeweils zeigt, mit den Erfahrungen im Dunklen konfrontiert. Das geht durch Sprache: Das Gezeigte beschreiben, das Beschriebene einsetzen, um das Dunkle zu durchwandern und Orientierung zu gewinnen. Durch die Wanderung Konventionen erneuern, und Praktiken beeinflussen.


Ein Streifzug durchs Wiki und der Spieltrieb haben uns hierher geführt. Eine Korrektur führt zu einem überraschenden Kommentar, ein Kommentar zu einem anderen (diesen). Und parallel der Versuch von jemanden, das Zeitliche (eines Textes) zu segnen.