Benutzer:Yadseut/Cyberplatonismus: Unterschied zwischen den Versionen

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Ich möchte hier einen zusätzlichen Bogen einbringen, der an der Spannung zwischen Einzelfall und Typologie ansetzt. Platons aufzeigen dieser Spannung ist ein Grundthema der Philosophie,  in völliger Konsequenz implizit von(m) (späten) Wittgenstein in der Spannung zwischen Beispiel und Verwendungsregel im Rahmen der Sprache in den Blick gebracht. Wenn Platons Sokrates fragt, was „Tapferkeit“, „Gerechtigkeit“, u.s.w. sind, bezeichnet er exakt das selbe Themengebiet das Wittgenstein mit der Frage nach den Bedeutungen von Wörtern hereinbringt. Wittgensteins vorgehen dort ist eines, das dem in den Dialogen Platons ähnelt, aber konsequenter ist. Sokrates bekommt als Antworten immer Beispiele für x, möchte aber wissen was denn „x“ tatsächlich ist, denn dass gilt es zu kennen um überhaupt die Beispiele geben zu können. Man könnte nun Wittgenstein so etwas zuschreiben wie: „er hat die Antworten ernst genommen“. Während Platon diese Beispiele nicht genügen und er versucht das den Beispielen zu Grunde liegende etwas zu entdecken, kann man mit Wittgenstein davon sprechen, dass Beispiele als Basis völlig ausreichen. Wir lernen Worte nicht über ein Aufweisen einer Entität, oder expliziten Bedeutung, sondern über Beispiele – über Einzelfälle, nicht über Typologien. Dennoch gibt es eine Basis für die Beispiele: die Verwendungsregeln eines Wortes. Regeln die festlegen für welche Objekte man „ist rot“ verwenden kann (um wahre Sätze zu bilden) und für welche nicht. Man könnte jetzt vorschnell meinen diese Regeln wären bloß so etwas wie die Platonischen Ideen von ihrem Entitäten-Charakter zu befreien, aber der Witz ist viel mehr der, dass die Reihenfolge umgedreht wird. Platon geht davon aus, dass jemand wissen müsste was „Tapferkeit“ ist, um fähig zu sein gerechtfertigte Aussagen der Art „x ist tapfer“ zu machen, d.h. um jemanden Tapferkeit beibringen zu können. Man müsste also die Typologie kennen, um den Einzelfall einordnen zu können. In der Wittgenstein-Version (oder besser: meine Zeichung einer solchen) kann davon keine Rede mehr sein: Man muss hier Einzelfälle kennen, um die Typologie bilden zu können. Um jemanden beizubringen was „Tapferkeit“ bedeutet, bietet man nichts anderes als Beispiele an. Dabei ist es nebensächlich, ob der Lehrer eines Wortes die Verwendungsregeln formulieren könnte, oder nicht. Wenn ich die Rolle des Wortes in der Sprache weiß, ist die Bedeutung damit automatisch dabei, auch wenn ich sie vielleicht nicht explizieren kann. (Bedeutung und Gebrauch können nicht mehr scharf getrennt werden.)
 
Ich möchte hier einen zusätzlichen Bogen einbringen, der an der Spannung zwischen Einzelfall und Typologie ansetzt. Platons aufzeigen dieser Spannung ist ein Grundthema der Philosophie,  in völliger Konsequenz implizit von(m) (späten) Wittgenstein in der Spannung zwischen Beispiel und Verwendungsregel im Rahmen der Sprache in den Blick gebracht. Wenn Platons Sokrates fragt, was „Tapferkeit“, „Gerechtigkeit“, u.s.w. sind, bezeichnet er exakt das selbe Themengebiet das Wittgenstein mit der Frage nach den Bedeutungen von Wörtern hereinbringt. Wittgensteins vorgehen dort ist eines, das dem in den Dialogen Platons ähnelt, aber konsequenter ist. Sokrates bekommt als Antworten immer Beispiele für x, möchte aber wissen was denn „x“ tatsächlich ist, denn dass gilt es zu kennen um überhaupt die Beispiele geben zu können. Man könnte nun Wittgenstein so etwas zuschreiben wie: „er hat die Antworten ernst genommen“. Während Platon diese Beispiele nicht genügen und er versucht das den Beispielen zu Grunde liegende etwas zu entdecken, kann man mit Wittgenstein davon sprechen, dass Beispiele als Basis völlig ausreichen. Wir lernen Worte nicht über ein Aufweisen einer Entität, oder expliziten Bedeutung, sondern über Beispiele – über Einzelfälle, nicht über Typologien. Dennoch gibt es eine Basis für die Beispiele: die Verwendungsregeln eines Wortes. Regeln die festlegen für welche Objekte man „ist rot“ verwenden kann (um wahre Sätze zu bilden) und für welche nicht. Man könnte jetzt vorschnell meinen diese Regeln wären bloß so etwas wie die Platonischen Ideen von ihrem Entitäten-Charakter zu befreien, aber der Witz ist viel mehr der, dass die Reihenfolge umgedreht wird. Platon geht davon aus, dass jemand wissen müsste was „Tapferkeit“ ist, um fähig zu sein gerechtfertigte Aussagen der Art „x ist tapfer“ zu machen, d.h. um jemanden Tapferkeit beibringen zu können. Man müsste also die Typologie kennen, um den Einzelfall einordnen zu können. In der Wittgenstein-Version (oder besser: meine Zeichung einer solchen) kann davon keine Rede mehr sein: Man muss hier Einzelfälle kennen, um die Typologie bilden zu können. Um jemanden beizubringen was „Tapferkeit“ bedeutet, bietet man nichts anderes als Beispiele an. Dabei ist es nebensächlich, ob der Lehrer eines Wortes die Verwendungsregeln formulieren könnte, oder nicht. Wenn ich die Rolle des Wortes in der Sprache weiß, ist die Bedeutung damit automatisch dabei, auch wenn ich sie vielleicht nicht explizieren kann. (Bedeutung und Gebrauch können nicht mehr scharf getrennt werden.)
  
:Siehe dazu den eltzen Abschnitt meines Beitrags [http://sammelpunkt.philo.at:8080/1828/ Ganze Sätze. Davidson über Prädikation]. --[[Benutzer:Anna|anna]] 14:12, 14. Okt. 2010 (UTC)
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:Siehe dazu den letzen Abschnitt meines Beitrags [http://sammelpunkt.philo.at:8080/1828/ Ganze Sätze. Davidson über Prädikation]. --[[Benutzer:Anna|anna]] 14:12, 14. Okt. 2010 (UTC)
  
 
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Version vom 14. Oktober 2010, 14:12 Uhr

Platon – Wittgenstein – Programmiersprachen – Platon

Ich möchte hier einen zusätzlichen Bogen einbringen, der an der Spannung zwischen Einzelfall und Typologie ansetzt. Platons aufzeigen dieser Spannung ist ein Grundthema der Philosophie, in völliger Konsequenz implizit von(m) (späten) Wittgenstein in der Spannung zwischen Beispiel und Verwendungsregel im Rahmen der Sprache in den Blick gebracht. Wenn Platons Sokrates fragt, was „Tapferkeit“, „Gerechtigkeit“, u.s.w. sind, bezeichnet er exakt das selbe Themengebiet das Wittgenstein mit der Frage nach den Bedeutungen von Wörtern hereinbringt. Wittgensteins vorgehen dort ist eines, das dem in den Dialogen Platons ähnelt, aber konsequenter ist. Sokrates bekommt als Antworten immer Beispiele für x, möchte aber wissen was denn „x“ tatsächlich ist, denn dass gilt es zu kennen um überhaupt die Beispiele geben zu können. Man könnte nun Wittgenstein so etwas zuschreiben wie: „er hat die Antworten ernst genommen“. Während Platon diese Beispiele nicht genügen und er versucht das den Beispielen zu Grunde liegende etwas zu entdecken, kann man mit Wittgenstein davon sprechen, dass Beispiele als Basis völlig ausreichen. Wir lernen Worte nicht über ein Aufweisen einer Entität, oder expliziten Bedeutung, sondern über Beispiele – über Einzelfälle, nicht über Typologien. Dennoch gibt es eine Basis für die Beispiele: die Verwendungsregeln eines Wortes. Regeln die festlegen für welche Objekte man „ist rot“ verwenden kann (um wahre Sätze zu bilden) und für welche nicht. Man könnte jetzt vorschnell meinen diese Regeln wären bloß so etwas wie die Platonischen Ideen von ihrem Entitäten-Charakter zu befreien, aber der Witz ist viel mehr der, dass die Reihenfolge umgedreht wird. Platon geht davon aus, dass jemand wissen müsste was „Tapferkeit“ ist, um fähig zu sein gerechtfertigte Aussagen der Art „x ist tapfer“ zu machen, d.h. um jemanden Tapferkeit beibringen zu können. Man müsste also die Typologie kennen, um den Einzelfall einordnen zu können. In der Wittgenstein-Version (oder besser: meine Zeichung einer solchen) kann davon keine Rede mehr sein: Man muss hier Einzelfälle kennen, um die Typologie bilden zu können. Um jemanden beizubringen was „Tapferkeit“ bedeutet, bietet man nichts anderes als Beispiele an. Dabei ist es nebensächlich, ob der Lehrer eines Wortes die Verwendungsregeln formulieren könnte, oder nicht. Wenn ich die Rolle des Wortes in der Sprache weiß, ist die Bedeutung damit automatisch dabei, auch wenn ich sie vielleicht nicht explizieren kann. (Bedeutung und Gebrauch können nicht mehr scharf getrennt werden.)

Siehe dazu den letzen Abschnitt meines Beitrags Ganze Sätze. Davidson über Prädikation. --anna 14:12, 14. Okt. 2010 (UTC)

PU560: „Die Bedeutung des Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt. D.h.: willst du den Gebrauch des Wortes ‚Bedeutung’ verstehen, so sieh nach, was man ‚Erklärung der Bedeutung’ nennt.



Damit Spanne ich meinen Bogen weiter, zu Programmiersprachen. Diese haben nämlich die interessante Eigenheit den Charakter einer formalen Sprache zu haben, ohne für das Verständnis ein vollständiges Wissen der Semantischen Ebene zu erfordern. Was ich damit sagen will ist das folgende: Eine Programmiersprache besteht zum einen aus einer Syntax, dem Code, der gewissen Regeln folgen muss. Andererseits aber aus einem Compiler, der (vereinfacht) den Code in eine Form umwandelt mit der die Maschine arbeiten kann, welche dann ein Signal für ein Bild zum Monitor schickt – und wir sehen dieses Bild schlussendlich. Diese Ebene, die von der Programmiersprache ausgehend für den Prozess bis zum Bild verantwortlich ist, ist eine andere als die syntaktische des Codes selbst. Es ist die Verarbeitung des Codes in einer Form die durchaus einer Semantik entspricht. Der Code wird nach exakten Regeln „gedeutet“ bis wir z.B. ein rotes Quadrat auf dem Bildschirm sehen. Die Parallele zu der Wittgenstein Ausführung ist nun die, dass der Programmierer um arbeiten zu können diese semantische Ebene nicht genau kennen muss. Wenn der Programmierer weiß, der Code xyz ist syntaktisch korrekt und ein Programm mit diesem Code ergibt in der Ausgabe am Bildschirm ein rotes Quadrat, weiß er genug um programmieren zu können. Er muss die exakten Vorgänge im Compiler und in den technischen Komponenten der Maschine nicht wissen. Um die Parallele deutlicher zu machen: Er muss die Regeln nicht explizieren können und er muss nicht wissen was der Prozess zum Bild des roten Quadrats am Bildschirm tatsächlich ist. Er muss nur in der Lage sein seinen Code so zu wählen, dass am Monitor x zu sehen ist. In der Art reicht es auch für jemanden die Verwendungsregeln eines Wortes wie „Tapferkeit“ derart zu kennen, dass er weiß wie man mit diesem Wort wahre Sätze bilden kann. Er muss nicht wissen, was genau „Tapferkeit“ ist, d.h. wie diese Regeln zu explizieren sind.

Hier kann man den Bogen zurückspannen zu Platon. Dieser hinterfragt in seinen Dialogen zwar stets, ob seine Gesprächspartner von „Tapferkeit“ (z.B.) oder nur von einem Beispiel für Tapferkeit sprechen, aber er stellt meines Wissens nach nicht die Richtigkeit der Beispiele in Frage. Wenn Laches von den standhaltenden Menschen des Heeres als Tapfere spricht, stimmt Sokrates zu, dass diese tapfer sind. Er spricht nicht die Wahrheit (der Aussage) des Beispiels ab. Wenn gleich er spätere Versuche die „Tapferkeit“ zu explizieren widerlegt, das Beispiel aber bleibt in seiner Richtigkeit bestehen. Sokrates wirft Laches nicht vor, nicht zu wissen wie man „ist tapfer“ richtig verwendet, sondern im Grunde bloß, dass er diese Verwendungsweise nicht begründen kann – er kann die Verwendungsregeln nicht explizit aussprechen. Das ist aber wenn man die Rolle des Beispiels und der Verwendung in der Sprache betont (wie Wittgenstein z.B.) kein Problem mehr. Es ist nur dann ein wirkliches Problem, wenn man annimmt man müsste ein explizites Wissen davon haben, was „die Tapferkeit“ ist, um jemanden diese Tugend zu lehren. Das Problem findet sich im Laches also genau an einer zentralen Stelle zur Frage der Tugend (190b):



Sokrates: Haben nun nicht, o Laches, auch jetzt diese beiden uns zur Beratung gerufen, auf welche Weise wohl den Seelen ihrer Söhne Tugend beigebracht werden und sie besser machen möge?

Laches: Freilich.

Sokrates: Muß also nicht dieses wenigstens sich bei uns finden, daß wir wissen, was die Tugend ist? Denn wenn wir etwas ganz und gar nicht wüssten von der Tugend, was sie eigentlich ist, wie könnten wir wohl jemanden Rat darüber erteilen, auf welche Weise er sie am besten erwerben möge?

Laches: Wir könnten es ganz und gar nicht, wie mich wenigstens dünkt, o Sokrates.

Sokrates: Behaupten wir also, o Laches, daß wir wissen, was sie ist?

Laches: Freilich wollen wir das.

Sokrates: Wovon wir aber wissen, davon müssen wir doch auch sagen können, was es ist?

Laches: Wie sollten wir nicht.



Wie sollten wir?


(Wittgenstein gibt meines Wissens keine Beispiele für Verwendungsregeln von Wörtern)

--Yadseut 14:55, 13. Okt. 2010 (UTC) (Ich zähle mich weder zu Platon-, noch Wittgenstein- und schon gar nicht Programmierexperten, daher die Bitte auf eine jede fehlerhafte/problematische Deutung hinzuweisen)