Benutzer:PW\Schulmotto

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Version vom 19. Mai 2011, 20:28 Uhr von PW (Diskussion | Beiträge)
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Ich möchte hier ein Fallbeispiel präsentieren, in dem es einerseits um den Umgang mit Texten geht und andererseits um Bildungseinrichtungen, die u.A. auch der Einführung in unsere Schriftkultur dienen. Es handelt sich um ein Thema, das mich vor einiger Zeit sehr beschäftigt hat und das ich jetzt aus größerer Distanz noch einmal betrachten möchte.

Es geht um ein Wiener Realgymnasium, das, im Kampf mit schwindenden SchülerInnenzahlen, beschlossen hat, das eigene Profil durch einen sogenannten Schulentwicklungsprozess zu schärfen. Es wurden verschiedene Veränderungen angestrebt: der Umstieg von einer 6- auf eine 5-Tage-Woche, eine neue modulare Oberstufe und einiges anderes. Das Bemerkenswerte daran war aber, dass man nur äußerst selten sachliche Argumente für diese Umstellungen hören konnte, die Grundidee schien eher zu sein: wir probieren einmal aus was geht und wenn wir Glück haben, dann bekommen wir dadurch auch mehr SchülerInnen.

Diese Grundidee drückte sich auch in einem Gedicht aus, das dem Leitbild der Schule vorangestellt wurde:

Wer will
dass die Welt
so bleibt
wie sie ist
der will nicht
dass sie bleibt.

Das Gedicht stammt vom Namensgeber der Schule, Erich Fried, und wurde nicht nur an der prominenten Stelle im Schul-Leitbild, sondern auch in diversen anderen Schriftstücken im Zusammenhang des Schulentwicklungsprozesses so wiedergegeben.

Die Pointe ist nun, dass dieses Gedicht in dieser bestimmten Form kein Gedicht von Erich Fried ist. Zunächst einmal trägt das echte Gedicht einen Titel (der manchmal mitgenannt wurde): "Status quo". Andererseits trägt es auch noch einen sinnstiftenden Untertitel: "zur Zeit des Wettrüstens", der in den Zusammenhängen der Schulentwicklung unterschlagen wurde. Vollständig lautete es:

Status quo
zur Zeit des Wettrüstens

Wer will
daß die Welt
so bleibt
wie sie ist
der will nicht
daß sie bleibt.

Ein Freund von mir hat diesen Zitierfehler entdeckt und auch die Verantwortlichen informiert. Darauf und auf einen Artikel im Schuljahrbuch zu diesem Thema gab es keine Reaktion. In darauf folgenden Semestern versuchten einige (wenige) Lehrer, die SchülerInnenvertretung und einige Elternvertreter diese Peinlichkeit - eine Schule, die nicht einmal ihren Namensgeber richtig zitieren kann, bzw. ihn sogar missbraucht - zu beheben, stießen aber auf großen Widerstand einer Gruppe von LehrerInnen, die im Schulentwicklungsprozess sehr engagiert waren und diese Version des Gedichts sehr lieb gewonnen hatten. Letztlich erschien sogar ein Artikel im Spectrum der Presse zu diesem Thema: Setzen, nicht genügend. Bis heute hat sich nichts daran geändert, dass diese Schule, die sonst so viel Wert auf "wissenschaftliches Arbeiten" und korrektes Zitieren legt, auf ihren Websites die besagte (Sinn-)gekürzte Variante des Gedichts als eigenes Motto präsentiert: Leitbild des BRG9.


Nachtrag. Ich möchte einen Punkt noch deutlicher betonen: Wenn irgendeine Institution oder ein Unternehmen die gekürzte Version des Gedichts als Motto wählen würde, dann könnte man ebenfalls den Vorwurf machen, dass entweder nicht sorgfältig recherchiert wurde oder bewusst am Text manipuliert wurde. Wenn sich diese Institution zusätzlich noch nach Erich Fried benennt, dann wiegen beide Vorwürfe ein bisschen schwerer, weil man meint von einer solchen Organisation besondere Sorgfalt erwarten zu können.

Wirklich dramatisch finde ich aber, dass es sich nicht um irgendeine Organisation (z.B. Würstelstand) handelt, sondern um eine Bildungseinrichtung. D.h. eine Insitution, die in unsere Schriftkultur und in die vorhandene "Ethik im Umgang mit Texten" so tief eingebettet ist, wie man es sich nur vorstellen kann. Und das gilt für diese Schule nicht nur aus dem "abstrakten Grund", dass sie eine Bildungseinrichtung ist, sondern dort wird (an anderen Stellen als beim Leibild-Gedicht) auch faktisch viel Wert auf korrekten Umgang mit Texten gelegt (z.B. müssen in der 6. Klasse "wissenschaftliche Arbeiten" unter Beachtung relativ detaillierter Zitationsregeln geschrieben werden).--PW 20:28, 19. Mai 2011 (UTC)