Benutzer:Mario R

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bearbeitet von Nancy Mertins und Mario Reiter
ausgewählte Texte aus der deutschen Zeitschrift für Philosophie mit Schwerpunkt: Hirn als Subjekt? I (2/2004) + II (6/2004) + III (5/2005)


Gerhard Roth: Worüber dürfen Hirnforscher reden - und in welcher Weise?

Summary

Gerhard Roth, seines Zeichens Biologe und Hirnforscher, hat sich in den letzten Jahren der Publikation zahlreicher neurophilosophischer Bücher und Artikel angenommen. So steht auch der, in der 2. Ausgabe des Jahres 2004 erschienen "deutschen Zeitschrift für Philosophie", gedruckte Artikel unter der Ägide, die Tabus der naturwissenschaftlichen Hirnforschung und ihre Positionierung in der Philosophie darzustellen.

"Es kann den Philosophen nicht gleichgültig sein, dass Teile der Neurowissenschaften bzw. der Hirnforschung, die man inzwischen unter dem Begriff 'kognitive und emotionale Neurowissenschaften' zusammenfasst, in Bereiche vordringen, die zu den Kernbestandteilen der Philosophie gehören, wie Erkentnnistheorie und Geistes- und Bewusstseinsphilosophie, oder sich gar mit Fragen der Moral, Ethik und Willensfreiheit befassen.

mE ist die Interdisziplinarität der Philosophy of Mind, der CogSci oder auch der Kybernetik, deren Anfänge wohl als Referenz für das Ineinandergreifen, transdisziplinieren von monokulturellen Wissenschaften, eine der wichtigsten Weiterentwicklungen auf dem Weg zu einem besseren, wenn auch überbewerteten, naturwissenschaftlich angehauchten, Verständnis des Menschen. Einer Disziplin zu verbieten sich in die Gefilde einer anderen einzumischen, mutet mir äußerst einfältig an, vor allem dann, wenn sie (die Disziplin) in ihrer eigenen Theoriegetränktheit regelrecht unterzugehen scheint. Die mE beste Möglichkeit dieser Theoriegeladenheit zu entfliehen ist über die Strangification wissenschaftstheoretischer Konzeptionen.


Roths philosophische Positionen

nicht-reduktionistischer Physikalismus
Epiphänomenalismus
interaktionistischer Dualismus
mentale Verursachung


Positionen im Text

"Die Hirnforschung hat, anders als Physik und Chemie, für sich bisher keine grundlegende Methoden- und Begriffskritik durchgeführt. Hierfür war sie bisher zu jung und zu vielfältig in ihren Methoden und Gegenständen. Nichts-destoweniger ist es für eine wissenschaftliche Disziplin unabdingbar, dass sie sich eine logisch-begriffliche Basis schafft, in der festgelegt ist, worüber sie in welcher Weise reden soll."

mE bezieht sich Roth hier explizit auf eine rein sprachphilosophische Dekonstruktion von Begriffen. Jede Disziplin also braucht ihren eigenen Wortschatz, ihre eigene scientific-community-language damit sie von den anderen bloß nicht verstanden werden kann. Klarerweise bedarf es bei einem inter-/transdisziplinären Forschungsvorhaben, bei unterschiedlicher Verwendung ähnlicher Positionen und Begrifflichkeiten ein einheitliches Begriffsfeld. Dass die Hirnforschung sich an der Philosophie orientiert, ist daher viel eher als Kompliment an die Philosophie zu verstehen, alsdass sich hier darüber aufgeregt werden sollte. Programme wie CogSci laufen heute studientechnisch fast ausschließlich über das philosophische Departement. Diese Art der Neuentwicklung von Institutionen scheint in den letzten Jahren/Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung zu gewinnen. Man denke nur an den großen Bereich der Medientheorie, in denen Philosophen wie Joseph Vogl herausragendes geleistet haben, um neue interdisziplinäre Zweige zu entwerfen und Neu entstehen zu lassen.


Sprache als Entwicklung und Gegenstand

Paul Broca, der französische Neurologe machte in der Mitte des 19. Jhds. als Erster die Beobachtung, dass die Zerstörung in einem Bereich des linken Stirnlappens zu einer typischen Beeinträchtigung des Sprachvermögens führt, die man später "Broca-Aphasie" nannte. Dieser "Lokalisationismus" war neben der Neuronenlehre die erfolgreichste Theorie der Neurowissenschaften. Weitere Zusammenhänge wie etwa, dass eine Verletzung im Bereich des Stirnhirns zu Sprachstörungen, oder später ein dysfunktionaler Hippocampus zu tiefgreifenden Störungen des so genannten deklarativen Gedächtnisses und Verletzungen im Bereich des Mandelkerns zu Gefühlsarmut führen kann, haben den Neurowissenschaften eine gute Basis für ihr Weiterkommen geliefert. Diese Fülle von neurolgischen Einsichten wurde gelegentlich als "Neo-Phrenologie" bezeichnet, was eher für Spot und Häme sorgte. Kein ernsthafter und kompetenter Neurobiologe würde zB die syntaktisch-grammatikalische Sprache in das Broca-Areal "setzen" usw.


Wilhelm Wundt

"Viele Philosophen, aber auch manche philosophierende Neurobiologen, nehmen hinsichtlich der Beziehung zwischen Gehirn und Geist/Psyche den Standpunkt des Vaters der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt, ein, die behauptet, dass im Bereich einfacher Wahrnehmungsleistungen und motorischer Akte diese Beziehung eng ist, dass aber bei komplexen kognitiven und psychischen Zuständen keine eindeutigen Bezüge zu erkennen sind." Diese ist eine Position die in der Diskussion um die Willensfreiheit oft vertreten wird, indem man annimmt, dass das "wollende Bewusstsein" einen gewissen Freiheitsraum besitzt, im speziellen wenn es um "wichtige" Entscheidungen geht. --> sh Libet-Experimente. Dieser Standpunkt war natürlich nur solange gültig, wie sich methodisch nur die einfachsten Sinnesleistungen und Reaktionen und ihr Bezug zu Bewusstseinsinhalten erforschen ließ. "Er gerät aber dadurch in Schwierigkeiten, dass die Hirnforschung inzwischen zeigen kann, dass auch sehr komplexe kognitive Leistungen, zB Wahrnehmungstäuschungen, aufs Engste mit neuronalen Prozessen in bestimmten Teilen der Großhirnrinde zusammenhängen." Dies wurde ua durch die Kombination von unterschiedlichen ua. bildgebenden Verfahren möglich wie etwa: Elektroenzephalographie (EEG), Magnetoenzephalographie (MEG) oder Kernspintomographie (fMRI)


Willensfreiheit als Konsequenz!?

Das lateralisierte Bereitschaftspotenzial geht dem bewussten Erleben, der bewusst-wahrgenommenen, entschiedenen, Entscheidung voraus, wenn es nach den Erkenntnissen mancher Neurobiologen geht. Der Schluss aus solchen Untersuchungen lautet oft, dass die klassisch-philosophische wie auch alltagspsychologische Aussage "mein Arm und meine Hand haben nach der Kaffeetasse gegriffen, weil ich dies so gewollt habe" nicht richtig ist. Dem subjektiv empfundenen Willensakt geht also ein neuronaler, kausal verursachter Prozess voraus, der eine Art Festlegung zu haben scheint.

mE findet hier eine Überbewertung bzw. sprachlich falsche Bewertung der Erkenntnisse statt. Nicht das was wir als freien Willen, indem Moment wenn wir ihn empfinden, sondern das was eben diesem vorausgeht, dürfte der "wirkliche freie Wille" sein. Das würde heißen, dass nicht erst die bewusste Wahrnehmung des freien Willens, diesen auch bedeutet, sondern bereits zuvor MIT unserem zutun, der Akt des Empfindens einer freien Entscheidung vorbereitet wird. Irgendwie muss sich das oft zitierte Bereitschaftspotenzial auch aufbauen, und wodurch sollte es zu einer neuronalen Aktivität kommen, wenn nicht durch den "freien Willen" der das BP sich entstehen lässt?

Trotzdem ist das Entsetzen vieler Philosophen verständlich, denn was würde passieren, und es geschah bereits, wenn ein Schwerverbrecher vor Gericht sagt: "Nicht ich bin es, mein Gehirn ist es gewesen!" und er oder sein Anwalt sich auf die Erkenntnisse der Hirnforschung berufen?

Und wieder mischen sich hier die Disziplinen, wenn Philosophen und andere Geisteswissenschaftler davor zu Bewahren versuchen, dass Hirnforscher überhaupt Aussagen über moralisch-ethische, philosophische oder juristische Postionen treffen. Als Konsequenz daraus fanden sich Psychiater, Philosophen und Strafrechtler zusammen um über einen "starken" Begriff von Willensfreiheit (Libertarianismus) zu verhandeln. Dieser besteht aus den Annahmen, "dass die Willenshandlung einer Person durch den bewussten Willen und unabhängig von kausal wirkenden Einflüssen bestimmt ist (das Prinzip der mentalen Verursachung), und dass die Person für ihre Handlung deshalb verantwortlich ist, weil sie unter identischen inneren und äußeren Umständen (vor allem in ihrem Gehirn) auch eine andere als die von ihr vollzogene Handlung hätte ausführen können (Alternativismus).

Die sich hier auftuende Frage ist doch aber, ob in einem deterministischen Weltbild hier tatsächlich eine andere Entscheidung hätte getroffen werden können. Der Diskurs in der Philosophy of Mind ist in dieser Frage noch nicht abgeschlossen. Würde man das Beloffsche Gedankenexperiment der Zombie-Welten von 1977, in denen es grob darum ging, dass zwei Welten existieren, die eine mit Bewusstsein, die andere ohne, und die jeweils darin "lebenden" Menschen unmerklich ausgetauscht würden, mit der Diskussion um die Willensfreiheit verfremden entstünden hier vermutlich interessante neue Erkenntnisse. Welche Auswirkung hätte es, wenn sich herausstellen würde, dass das Bewusstsein / Qualia für das Bereitschaftspotenzial von maßgebender Bedeutung ist? Bzw. dass das Reagieren oder Handeln aufgrund der Wahrnehmung der Außenwelt geschieht, und das BP eine Energiespitze der Wahrnehmungsrezeptoren ist!? Demnach würden wir nur Handeln, oder Empfinden, wenn da auch etwas wäre, dass uns dazu veranlasst dies zu tun.

Für Gerhard Roth scheint der Satz "nicht das Ich, sondern das Gehirn hat entschieden!" korrekt zu sein, denn "eine Entscheidung treffen" ist der Vorgang, dessen Auftreten objektiv überprüfbar ist. Wenn wir es hingegen mit phänomenalen, intentionalen oder volitionalen Zuständen wie "fühlen", "glauben", "wollen" zu tun haben, deren Ergründung bisher nicht allein aus der Beobachterperspektive heraus möglich war, genauso wenig wie es zu verstehenn ist, etwas zu glauben, zu wollen oder verliebt sein, dann können wir uns heute noch auf keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse berufen. Vielmehr sind wir auf Berichte der Versuchspersonen oder auf unsere eigene Erfahrung (Introspektion, Erste-Person-Perspektive, Inkorrigibilität usw) angewiesen. Obwohl sich natürlich eine Andersartigkeit der Gehirnströme, oder der Hormonausschüttung messen lässt, zB im Falle des Verliebt-seins, so gibt es dennoch keine Forschung die verlässlich diese Zusammenhänge aufzuzeigen imstande ist.


radikal-reduktionistischer Materialismus

"Ein reduktionistischer Ansatz ist vor allem dann gerechtfertigt, wenn ich allein aus der Kenntnis der anatomisch-physiologischen Bedingungen ein bestimmtes Phänomen voraussagen oder zumindest in seinen wesentlichen Zügen erklären kann (Einstein hat bekanntlich im Rahmen seiner allgemeinen Relativitätstheorie bestimmte Phänomene wie schwarze Löcher oder den Laser vorausgesagt, die erst Jahrzehnte später entdeckt wurden). Aus der Kenntnis bestimmter Eigenschaften der Nervenzellenmembran und ihrer Ionenkanäle kann ich die Eigenschaften des Aktionspotenzials mehr oder weniger vollständig erklären und sogar voraussagen, selbst wenn ich vorher noch nie ein Aktionspotenzial beobachtet habe. Ich könnte eventuell sogar auf Grund einer hinreichenden Kenntnis des zu einem Zeitpunkt vorliegenden strukturellen und funktionalen Zustandes des menschlichen Gehirns und der einwirkenden Sinnesreize das Verhalten eines Menschen vollständig erklären, sofern mir die entsprechenden mathematischen Hilfsmittel zur Verfügung stünden. --> sh Laplacescher Dämon


Ursachen und Gründe

"Hirnprozesse laufen auf Grund bestimmter Ursachen kausal ab, Menschen aber handeln aus Gründen. Anders ausgedrückt: Gehirne reagieren aus Ursachen, Menschen handeln aus Gründen. Der Mensch ist deshalb willensfrei, weil er aus Gründen nicht aus Ursachen handelt." Für einen Dualisten ist diese Auffassung sehr praktikabel, da es hierfür sowohl die stofflich-kausale als auch die mentale Verursachung gleichzeitig geben kann. Handeln aus Gründen ist demnach identisch mit dem Handeln auf Grund mentaler Verursachung, nicht auf Grund neuronaler Prozesse, bei denen es sich um Ursachen handelt. Der emergente Dualismus spricht davon, dass Gründe als etwas explizit Nicht-Neuronales zu betrachten sind, wobei sich die strikte vollständig neuronale Bedingtheit des Mentalen aufbrechen müsste. Laut Roth sind Gründe "bewusste Erlebnisformen" von Gehirnprozessen die Ereignisse darstellen. Danach wären "Gründe", innere erlebte und "Ursachen" die äußeren neurphysiologischen Aspekte eines umfassenden Dritten, das ganz offenbar deterministisch abläuft, uns jedoch grundlegend verschlossen ist. "Wir Menschen stehen in einem Erklärungs- und Legitimationszwang unseres Handelns, der uns bereits in der frühen Kindheit vermittelt wird, und der je nach soziokulturellem Kontext verschieden ausfällt. Daraus folgt:, dass wir zwar aus Ursachen handeln, aber dieses Handeln mit Gründen zu erklären versuchen.

Wolf Singer: Selbsterfahrung und neurobiologische Fremdbestimmung.
Zwei konfliktträchtige Erkenntnisquellen

„Die Aufklärung der neuronalen Grundlagen höherer kognitiver Leistungen ist mit epistemischen Problemen behaftet. Eines folgt aus der Zirkularität des Unterfangens, da Explanadum und Explanans eins sind. Das Erklärende, unser Gehirn, setzt seine eigenen kognitiven Werkzeuge ein, um sich selbst zu begreifen, und wir wissen nicht, ob dieser Versuch gelingen kann. (siehe Matthias Vogel) Ein weiteres Problem rührt daher, dass sich das Gehirn evolutionären Prozessen verdankt, die nicht notwendigerweise zur Ausbildung eines kognitiven Systems führten, das unfehlbar ist.“

Er geht hier auf die evolutionsbedingten „Fehler“ im Gehirn ein, die lediglich darin bestehen, dass es „Im Wettbewerb um Überleben und Reproduktion vorwiegend darauf ankam, aus der Fülle im Prinzip verfügbarer Informationen nur jene aufzunehmen und zu verarbeiten, die für die Bedürfnisse des jeweiligen Organismus bedeutsam sind“, was schon auf eine Unvollständigkeit der Aufnahme hinweist. „Obgleich unsere Sinnessysteme nur diskontinuierliche Ausschnitte aus dem physiko-chemischen Kontinuum der Welt aufnehmen, erscheint uns die Welt dennoch als kohärent. Der Grund ist, dass wir Fehlendes ergänzen und über Ungereimtheiten hinwegsehen, um ein schlüssiges Gesamtbild zu erhalten. (...) Unsere Sinnessystem (...) legen keinen Wert auf Vollständigkeit und Objektivität. Sie bilden nicht getreu ab, sondern rekonstruieren und bedienen sich dabei des im Gehirn gespeicherten Vorwissens. Dieses speist sich aus zwei Quellen: Zum einen ist es das im Laufe der Evolution erworbene Wissen über die Welt, das vom Genom verwaltet wird und sich in Architektur und Arbeitsweise von Gehirnen ausdrückt. Zum anderen ist es das zu Lebzeiten durch Erfahrung erworbene Wissen. (...) Vorwissen kann genutzt werden, um Lücken aufzufüllen, und logisches Schließen kann helfen, Ungereimtheiten aufzudecken. Zudem lassen sich durch technische Sensoren Informationsquellen erschließen, die unseren natürlichen Sinnen nicht zugänglich sind. (...) Aber auch bei diesen rationalen Erklärungen handelt es sich natürlich um Konstrukte unseres Gehirns, denn auch Denkprozesse beruhen auf neuronalen Vorgängen. (...) Deshalb bleibt die Sorge, Denken könne auch nicht verlässlicher oder objektiver sein als Wahrnehmen.“

Im Prinzip ist das doch die einzig wichtige Aussage: Denken kann auch nicht verlässlicher sein, als objektives Wahrnehmen, weil sowieso alles in unserem Gehirn zusammenläuft, weil alles, egal was wir erfinden, was wir tun, was wir uns ausmalen, sowieso auf Ergebnissen eines Hirnes beruht, welches dazu auch noch fehlerhaft konstruiert ist (weil es keinen Wert legt auf Vollständigkeit). Somit kann es so etwas wie richtig oder falsch auch nicht geben, da sämtliche Ergebnisse auf einem Rechenapparat beruht, der fehlerhaft arbeitet. Wie kann man sich dann überhaupt jemals anmaßen so etwas wie „Wahrheit“ zu formulieren. Selbst wenn man die Probleme der sprachlichen Umsetzung von Gedanken mal außer Acht lässt, kann es rein logisch und mit unserem Wissen oder Nicht-Wissen über Gehirn und Außenwelt nicht möglich sein, Wahrheit zu erfassen.

Im weiteren geht Singer auf das Problem der Selbsterfahrung ein, welche sich nicht deckt mit der Beschreibung von außen (vgl. unter anderem Hans Julius Schneider). „Wir begreifen uns als beseelte Wesen, die an einer immateriellen, geistigen Sphäre teilhaben, deren Erscheinungen nur der subjektiven Erfahrung zugänglich sind. Zugleich aber, und hier tritt der Konflikt auf, wissen wir uns mit der gleichen Gewissheit als der materiellen Welt zugehörig. (...) Wir gehen davon aus, dass es im Prinzip möglich ist, [alle] Phänomene im Rahmen naturwissenschaftlicher Beschreibungssysteme fassen und erklären zu können. (...) Dieser Sichtweise steht die von unserer Selbsterfahrung genährten Überzeugung entgegen, dass wir an einer geistigen Dimension teilhaben, die von den Phänomenen der dinglichen Welt unabhängig und ontologisch verschieden ist. (...) Wir empfinden unser Ich den körperlichen Prozessen gewissermaßen gegenübergestellt. (...) Wir haben offenbar im Laufe unserer kulturellen Geschichte zwei parallele Beschreibungssysteme entwickelt, die Unvereinbares über unser Menschsein behaupten. Diese Inkompatibilität zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung hat die Menschheit beschäftigt, seit sie begann, über sich nachzudenken.“ Nehmen wir also an, es gäbe in der Tat ontologisch verschiedene Welten, eine materielle und eine immaterielle, so bleibt das dualistische Weltmodelle die Antwort auf die Frage schuldig „wann im Lauf der Evolution oder der Individualentwicklung das Geistige vom Materiellen Besitz ergreift und sich zu erkennen gibt.“ Bereits während der Verschmelzung zwischen Ei und Samenzelle? Während der Embryonalentwicklung? Bei der Geburt? Wenn Menschenkinder kognitive Leistungen ausbilden? Wann in der Evolution könnte sich so etwas wie Seele entwickelt haben?

Ich halte das irgendwie für ein Scheinproblem. Natürlich gibt es aus naturwissenschaftlicher Sicht, und das kann auch von Philosophen oder sonstigen Geisteswissenschaftlern nicht geleugnet werden, keine Argumente für die Existenz einer Seele. Aber hier geht es wohl eher um eine Metapher als um das tatsächliche Vorhandensein einer sogenannten Seele oder wie immer man dieses Etwas, was wir eben nicht in der Lage sind zu messen, zu bestimmen, zu formulieren – und wahrscheinlich ist es tatsächlich lediglich ein Problem der Spracherfassung, der Unvollkommenheit von Sprache die ab einem gewissen Punkt (oder nie) einfach nicht mehr in der Lage ist, auszudrücken, was eigentlich auszudrücken wäre. Offensichtlich sind trotz besonders guter Messinstrumente noch immer Fragen offen geblieben, die nicht oder nur teilweise geklärt werden können. Unter anderem Selbstempfindung, Ich-Gefühl, Bewusstsein etc. Was läge also näher, als dafür einen Namen zu finden, bei dem jeder wenigstens so ansatzweise „weiß“ oder zumindest intuitiv erfassen kann, was es bedeuten soll. Mal abgesehen davon, dass gerade das Wort Seele aufgrund unserer religiösen Ansichten – möge man sie teilen oder nicht – eine lange Tradition, welches natürlich auf eine ganz spezielle Weise konnotiert ist. Mit dem Wort Seele wird immer auch Unsterblichkeit verbunden, der Wunsch und die Hoffnung, dass ein bestimmter Teil in uns weiterlebt, sobald unsere sterbliche Hülle aufgegeben wird. So gesehen ist das Wort Seele gerade in diesem Zusammenhang einfach falsch gewählt, da es hier nicht um Unsterblichkeit oder um ein Leben nach dem Tode geht, sondern lediglich darum, wie wir uns als Person, als Identität wahrnehmen und wie sehr das im Widerspruch zu den messbaren Daten steht.

Gehen wir also weiterhin davon aus, dass es diese immaterielle Welt tatsächlich gibt. „Wenn es diese immaterielle geistige Entität gibt, die von uns Besitz ergreift und uns Freiheit und Würde verleiht, wie sollte diese dann mit den materiellen Prozessen in unserem Gehirn in Wechselwirkung treten? Denn beeinflussen muss sie die neuronalen Prozesse, damit das, was der Geist denkt, plant und entscheidet, auch ausgeführt wird. Wechselwirkungen mit Materiellem erfordern den Austausch von Energie. Wenn also das Immaterielle Energie aufbringen muss, um neuronale Vorgänge zu beeinflussen, dann muss es über Energie verfügen. Besitzt es aber Energie, dann kann es nicht immateriell sein und muss den Naturgesetzen unterworfen sein. Umgekehrt stellt sich das Problem, wie sich das Immaterielle über die Welt draußen informiert. (...) Wie also werden die Sinnessignale, die Energie tragende elektrischen Entladungen der Nervenzellen in die Sprache des immateriellen Geistes übersetzt? (...) Falls die Prämisse gilt, dass Weltdeutungen widerspruchsfrei sein müssen, um zutreffend zu sein, bleiben drei Möglichkeiten: Unsere Selbsterfahrung trügt und wir sind nicht, wie wir uns wähnen, oder unsere naturwissenschaftlichen Weltbeschreibungen sind unvollständig, oder unsere kognitiven Fähigkeiten sind zu begrenzt, um hinter dem scheinbaren Widerspruch das Einende zu erfahren.“

Ich finde es interessant, dass diese Möglichkeiten hier überhaupt erwähnt werden, und dann noch so, als ob nur eine dieser drei Möglichkeiten richtig sein könnte. Wie bereits am Anfang dieses Artikels festgestellt wurde sind natürlich unsere Selbsterfahrungen falsch, unsere Fähigkeiten begrenzt und ergo auch – da es sich ja um Erzeugnisse unserer begrenzten Fähigkeiten handelt – die Naturwissenschaftlichen Weltbeschreibungen unvollständig. Im Prinzip genügt hier bereits die Erklärung, dass unser Hirn gar nicht in der Lage ist, alles zu erfassen, was eventuell fassbar wäre (was wir ja nicht wissen können, da wir es ja nicht fassen können und unsere Vorstellungskraft wahrscheinlich gar nicht ausreicht um Messgeräte oÄ zu entwickeln um dieses Nicht-Fassbare fassbar zu machen), da es sich im Laufe der Evolution für unser Überleben nicht als notwendig herausgestellt hat, das zu können. Der logische Schluss: alles was wir denken, wahrnehmen und erfinden ist unvollständig.

Gleich im Anschluss schreibt Singer: „Für alle drei Lesarten lassen sich gute Argumente ins Feld führen. Damit diese Abhandlung nicht in ein fatalistisches, alles relativierendes Ignoramus mündet und jede weitere Überlegung gegenstandslos macht, sollen zumindest jene Beschreibungen und Erklärungen als gegeben und zutreffend angesehen werden, die sich aus der Dritten-Person-Perspektive der wissenschaftlichen Betrachtung als konsensfähig, widerspruchsfrei und gemäß der Kriterien von Wiederhol- und Voraussagbarkeit als beweisbar erwiesen haben. Dabei soll jedoch nicht aus dem Blick geraten, dass auch dieses Wissen sich den kognitiven Leistungen menschlicher Gehirne verdankt.“

Diese Aussage ist interessant, weil er hier versucht, Widersprüche miteinander zu vereinen. Einerseits meint er selbst, dass unsere Gehirne unvollständig wahrnehmen, andererseits will er, dass wir Erklärungen annehmen, die sich als widerspruchsfrei (ist das überhaupt möglicht? gibt es einen Beweis ohne Gegenbeweis? gibt es eine These ohne Antithese?) herausgestellt haben um dann gleich wieder darauf hin zu weisen, dass all das auch nur aus unseren Gehirnen entsprungen ist, womit er uns quasi selbst wieder darauf hinweist, dass die Fähigkeiten des (menschlichen) Hirnes beschränkt sind. Natürlich besteht die Gefahr, in ein „alles ist realtiv“-Argument zu verfallen, aber wäre es nicht der bessere Weg sich einzugestehen, mit den jetzigen Mitteln nicht weiterzukommen um vielleicht an anderen zu arbeiten, als zu sagen, dass die jetzigen Mittel zwar falsch bzw. unvollständig sind aber trotzdem zu Rate gezogen werden müssen, da uns nichts anderes zur Verfügung steht? Nun, wohl nicht, denn jedes weitere Mittel, und sei es noch so revolutionär, müsse wohl auch als Produkt unseres Hirnes gesehen und damit als unvollständig betrachtet werden. Allerdings kann man hier die Frage anführen: was wäre, wenn es dem Menschen gelänge, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die anders wahrnehmen kann, die andere Daten ausarbeitet, die zu anderen Ergebnissen käme – wären diese Ergebnisse immer noch menschliche Erzeugnisse, Erzeugnisse aus menschlichen Gehirnen oder wären es die Erzeugnisse dieser Intelligenz und damit unter Umständen wahrer, richtiger, vollständiger? Wären wir überhaupt in der Lage, diese „neuen Ergebnisse“ zu erfassen und zu verstehen, da sich unser Gehirn in seiner Leistung und Wahrnehmung nicht geändert haben dürfte?


„Im Folgenden soll der Versuch gemacht werden, die Bedingungen zu identifizieren, die es uns ermöglichen, uns als selbstbestimmende, frei entscheidende Wesen zu erfahren. Eine zentrale Rolle scheint hierbei dem Faktum zuzukommen, dass uns bei weitem nicht alle Vorgänge in unserem Gehirn bewusst werden. (...) Nur die Aspekte, denen wir Aufmerksamkeit schenken, werden uns auch bewusst, und nur diese können wir im deklarativen Gedächtnis abspeichern, und nur über diese können wir später berichten. Natürlich hinterlassen auch die unbewussten Verarbeitungsprozesse Gedächtnisspuren und beeinflussen zukünftiges Handeln. Aber wir werden uns dieser Handlungsdeterminanten nicht bewusst und können sie deshalb nicht als Begründungen für unser Tun anführen. Diese Parallelität von bewussten und unbewussten Handlungsdeterminanten ist ein wichtiger Grund dafür, dass wir uns aus der Ersten-Person-Perspektive heraus als freie autonome Agenten erfahren können. Eine weitere Voraussetzung für die Konstitution eines Selbst, das sich frei wähnt, (...) ist die soziale Interaktion.“ Hier geht er darauf ein, dass wir von frühester Kindheit an lernen, eine Wahl zu haben, ob wir etwas tun oder lassen. Von den Eltern wird uns eingetrichtert, dass wir, wenn wir etwas bestimmtes tun oder lassen, dann bestimmte Konsequenzen zu erwarten hätten, was eindeutig suggeriert: du könntest wenn du wolltest, musst aber mit den Folgen leben können. „Sollte diese Interpretation zutreffen, dann wäre unsere Erfahrung, frei zu sein, eine Illusion, die sich aus zwei Quellen nährt: 1.) der durch die Trennung von bewussten und unbewussten Hirnprozessen widerspruchsfreien Empfindung, alle relevanten Entscheidungsvariablen bewusst gegeneinander abwägen zu können und 2.) der Zuschreibung von Freiheit und Verantwortung durch andere Menschen.“

Des Weiteren meint er zum Thema „freier Wille“: „Wir gehen offenbar davon aus, dass Motive, die wir ins Bewusstsein heben und einer bewussten Deliberation unterziehen können, dem freien Willen unterworfen sind, während Motive, die nicht bewusstseinsfähig sind, offenbar nicht dem freien Willen unterliegen. Im Bezug auf die zu Grunde liegende neuronalen Prozesse erscheint diese Dichotomie wenig plausibel. Denn in beiden Fällen werden die Entscheidungen und Handlungen durch neuronale Prozesse vorbereitet, nur dass in einem Fall der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf den Motiven liegt und diese ins Bewusstsein hebt und im anderen nicht. Aber der Abwägungsprozess selbst beruht natürlich in beiden Fällen auf neuronalen Prozessen und folgt somit in beiden Szenarien deterministischen Naturgesetzen.“

„Die in der lebensweltlichen Praxis gängige Unterscheidung von gänzlich unfreien, etwas freieren und ganz freien Entscheidungen erscheint in Kenntnis der zu Grunde liegenden neuronalen Prozesse problematisch. Unterschiedlich sind lediglich die Herkunft der Variablen und die Art ihrer Verhandlung: Genetische Faktoren, frühe Prägung, soziale Lernvorgänge und aktuelle Auslöser, zu denen auch Befehle, Wünsche und Argumente anderer zählen, wirken stets untrennbar zusammen und legen das Ergebnis fest, gleich, ob sich Entscheidungen mehr unbewussten oder bewussten Motiven verdanken. Sie bestimmen gemeinsam die dynamischen Zustände der ‚entscheidenden’ Nervennetze.“

Mit anderen Worten scheint sich die Frage nach einem Freien Willen gar nicht zu stellen, denn er ist aus dieser Sicht der Dinge nichts weiter als eine Illusion, die uns von unserem Gehirn erzeugt wurde.

Hans-Peter Krüger: Das Hirn im Kontext exzentrischer Positionierungen. Zur philosophischen Herausforderung der neurobiologischen Hirnforschung

Jürgen Habermas: Freiheit und Determinismus

Wolfgang Detel: Forschungen über Hirn und Geist

Uwe Kasper: Kann die Quantentheorie den Hirnforschern helfen, Probleme zu verstehen?

Summary

Textpositionen

Ausgangszitate

"Ich würde mich auf die Position zurückziehen, dass es zwei von einander getrennte Erfahrungsbereiche gibt, in denen Wirklichkeiten dieser Welt zur Abbildung kommen. Wir kennen den naturwissenschaftlichen Bereich, der aus der Dritte-Person-Perspektive erschlossen wird, und den soziokulturellen, in dem sinnhafte Zuschreibungen diskutiert werden: Wertesysteme, soziale Realitäten, die nur in der Erste-Person-Perspektive erfahr- und darstellbar sind. Dass die Inhalte des einzigen Bereichs aus den Prozessen des anderen Berichs hervorgehen, muss ein Neurobiologe als gegeben hinnehmen. Insofern muss, aus der Dritte-Person-Perspektive betrachtet, das, was die Erste-Person-Perspektive als freien Willen beschreibt, als Illusion betrachtet werden."

"Beim freien Willen ist es doch so, dass wohl fast alle Menschen unseres Kulturkreises die Erfahrung teilen, wir hätten ihn. Solcher Konsens gilt im allgemeinen als hinreichend, einen Sachverhalt als zutreffend zu beurteilen. Genauso zutreffend ist aber die konsensfähige Feststellung der Neurobiologen, dass alle Prozesse im Gehirn deterministisch sind und Ursache für eine jegliche Handlung der unmittelbar vorangehende Gesamtzustand des Gehirns ist."


Heisenbergsche Unschärferelation

Eine in der Quantenphysik 1927 formulierte Position geht davon aus, dass jeweils zwei Messgrößen eines Teilchens (etwa sein Ort und Impuls) nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt sind. Sie ist nicht die Folge von Unzulänglichkeiten eines entsprechenden Messvorgangs, sondern prinzipieller Natur. Als "Unschärfe" versteht sich die mathematische Standardabweichung. "Der naturwissenschaftliche und der soziokulturelle Bereich stehen dabei für zwei Größen, die man nach der klassischen Physik glaubt, gleichzeitig und ohne Störung der anderen genau messen zu können. Die Quantenphysik führte zu der Erkenntnis, dass die genaue Messung der einen Größe zur vollkommenen Unkenntnis der anderen führt."

mE ist die Unschärferelation in zu vielen Belangen einer Überbewertung ausgeliefert. Nicht nur, dass andere physikalische Ansätze, wie etwa die Quanten-Elektro-Dynamik von Feynman völlig andere Erkenntnisse liefern, aus denen heraus sich ableiten lässt, dass es keine Berücksichtigung der Unschärferelation braucht, um die Unmöglichkeit von Aussagen zu bestätigen. Seine quatenfeldtheoretische Beschreibung des Elektromagnetismus mittels Pfeilen die sich in einer vierdimensionalen RaumZeitlichen Lagrange-Dichte (also das Integral der Lagrange-Funktion) bewegen, lässt es zu, dass die Bewegungsgesetze anstatt über die Newtonschen Formulierungen über das explizite Ausrechnen von Zwangskräften und Zwangsbedingungen oder die Wahl geeigneter Koordinaten, einfach berechnet werden kann. Nicht nur also von dieser Seite aus wird Quantenmechanik nach Heisenberg überbewertet.
Welche Konsequenz hätte es, wenn man die Messinstrumente auf eine Größe bringen würden bei der eine Beeinflussung keine Rolle mehr spielen würde? Ich denke dabei konkret an das Beispiel mit dem Auto und der Radarmessung: Ein Polizist der seine Radarkanone auf mein Auto richtet, während ich unterwegs bin, verlangsamt durch seine ausgesendete Messung mein Automobil, in einer quasi nicht messbaren Größe. Würde man nun also, die Position und des Spin eines Teilchens gleichzeitig beschreiben wollen, so müsste man "lediglich" ein Instrumentarium haben, deren Wirkung so niedrig ist, dass es den Quanteneffekt nicht beeinflusst, und erst durch Messverstärker und exponentielle jedoch hyperreale Vergrößerung der Messwerte zu etwas lesbarem wird.

Dieser Umstand der Unschärfe jedoch lässt sich mE nicht auf ein soziokulturelles Gefüge, geschweige denn auf das Gehirn anwenden. Uwe Kasper selbst schreibt, dass diese Unschärferelationen sich lediglich auf Quantenebene bemerkbar machen, wie also könnten sie auf einen makroskopischen Kulturdiskurs anwendbar sein? Aus der Position des eigenen Gehirns heraus entsteht, davon abgesehen ohnedies keine Unschärfe. Dies wäre in etwa damit zu vergleichen, wenn ein Photon sich selbst oder seinen Zustand messsen wollen würde, genauso wird hier lapidar versucht sich selbst zu messen. Damit wird ihm zugesprochen, dass wir schon mal etwas über unseren eigenen Zustand wissen, jedoch nicht wissenschaftlich basierend, sondern nur über das Erleben des Mensch-seins, der sich 1. jedoch leider irren kann, und 2. als ontologischer Organismus keine vertrauenswürdige Quelle für wissenschaftliche Erkenntnis sein kann.


Konstruktionen und Wirklichkeit

Weizsäcker sagt: Die Natur war vor dem Menschen da, aber der Mensch vor der Naturwissenschaft. Damit wird klar, dass Naturwissenschaft des Menschens Handwerk und Teufelswerk zu gleich ist. Er verändert nicht die Natur der Dinge, er beobachtet nicht, wie sie in ihrer ontologischen Realität augenscheinlich zu sein scheint, auch wenn er es sich einredet, um seine "Wissenschaft" zu rechtfertigen. Was Wissenschaft od Naturwissenschaft im allgemeinen tut, wenn sie "Wissen" schafft, ist es zu Konstruieren. Nicht in dem Sinne zu verstehen, dass sie die Welt willkürlich herbeiführt, sondern, indem sie Entscheidungen trifft, Überlegungen anstellt, Berechnungen durchführt und Erkenntnisse gewinnt, nur um dann zu behaupten "es wäre so...". Ein wissenschaftlich interessantes Extrembeispiel hierfür ist die ToE (Theory of Everything). Ein Versuch also das Universum in all seiner Pracht und Schönheit zu begreifen und seine gesamte Struktur in nur eine einzige wunderschöne Formel zu verpacken, aus der sich alles ableiten lässt. Stephen Hawking, Steven Weinberg, Brian Greene usw sind prominente Verfechter dieser Hoffnung. Mit der M-Theorie wurde vor einigen Jahren ein erster konkreter Versuch gestartet der in diese Richtung gehen sollte, bei der die jedoch bis heute nich vereinbare Relativitätstheorie mit den Quantenmechanik "verschränkt" werden sollte usw. Das wissenschaftstheoretische Problem das daraus folgt, würde Popper vermutlich "asymptotische Approximation" nennen, also eine Schrittweise Annäherung an die objektive Wahrheit. Eine Tendenz selbstreflektierter Naturwissenschaftler die um die Theoriegetränktheit ihrer Disziplin wissen, und versuchen diese auf elegantem Wege zu umgehen. Das konstruktivistische Problem dabei ist, dass es sich an etwas per se unbekanntes nicht annähern lässt, diese beobachterunabhängige Wirklichkeit nicht existieren kann, weil wenn niemand hinsieht auch nichts da ist. Das alleinige Suchen solch einer Wahrheit entbehrt jeglicher Wissenschaftlichkeit, da selbst in dem Moment wenn man vor der Lösung stünde, sie nicht greifbar wäre, eben weil sie unbekannt ist. Thomas S. Kuhn hat in seinen wissenschaftshistorischen Studien darauf aufmerksam gemacht, dass Wissenschaftler und Forscher immer nur kontextgebunden innerhalb wissenschaftskultureller Rahmenbedingungen konkreter Wissenschaftlersozietäten arbeiteten. Faktisch waren also Forschungsaktivitäten stets eingebettet in einen komplexen Zusammenhang von speziellen theoretischen Grundannahmen, Vorüberzeugungen und Gegenstandsperspektiven, von speziellen Interessen, Zwecken und Zielvorgaben und von speziellen Strategien, Methodologien und Verfahrensweisen - und daran habe sich bis heute nicht das Geringste geändert. Dieser Sachverhalt lässt sich allgemein als "Paradigma" bezeichnen. Erkenntnisrelativität war noch nie das Spezialgebiet der Naturwissenschaft, weil es doch den traditionellen Ideologien heftigst widersprach und der Faktor "Mensch" unbedingt aus der Forschungsaktivität ausgeschlosen werden muss. "Die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden", stammt gleichfalls aus den Reihen der Physik. Damit wird auch gleichzeitig die Weltformel-Manie zum Hauptmotiv interdisziplinärer Forschung - in jedem Bereich. "Erst wenn man einen allumfassenden Zugang zur Welt gewinnt, indem man die einzelwissenschaftlichen Disziplinen überschreitet, kann man korrekterweise auch von echter Erkenntnis sprechen." (Fritz Wallner) Dieses Credo des "einheitswissenschaftlichen" Programms hat jedoch stets die Bürde auf sich geladen zu antizipieren "was Wissen ist" bzw. Wissenschaft überhaupt ist, noch bevor überhaupt etwas gewusst werden kann. Der Konstruktivist hat natürlich kein zwingendes Argument, dass seine Wahrheit belegt, auch aus dem einfachen Grund, dass er in genau diesem Moment selbst seine konstruierte Welt als die richtige hinstellen müsste. Nichtsdestotrotz liegt das eigentliche Problem nur in der unreflektierten Annahme der Wissenschaften, diese Welt hätte eine vorgegebene rationale Struktur, die wir irgendwann entdecken können. Viel eher scheint es offensichtlich zu sein, dass kein einziger Naturwissenschaftler den "ontologischen Quantensprung" aus seiner wissenschaftlich konstruierten Erfahrungswelt heraus in die metaphysische Seins-Welt hinein schaffen würde. Was ein Wissenschaftler demnach tut, wenn er dabei ist, Wissen zu schaffen ist lediglich eine subjektive Beobachtung zu erfahren und sich im geeigneten Moment der richtigen Sprache (Mathematik) bedient, um diese Beobachtung für andere zugänglich werden zu lassen. Diese Sprache scheint so eindeutig, dass bei der Überprüfung der Werte tatsächlich die gleichen Ergebnisse zum Vorschein kommen. Doch ist dies nicht die ontologische Welt an sich, ist dies nicht die letzte Wirklichkeit hinter der keine Türe mehr offen steht. Es ist eine Sichtweise, die in und durch unsere/r Gesellschaft hindurch völlig überbewertet wird, anhand von Macht- und Ideologiezwängen.

Wirklichkeitserfahrung - Erfahrungshandlung = objektive Wirklichkeit (so in etwa stellen sich ToE-Forscher die Wirklichkeit vor.

Ich schaue auf einen Gegenstand, und in dem Moment des daraufsehens habe ich bereits ein Bild davon im Kopf wie es sein sollte. Der Gegenstand hat gar nicht die Möglichkeit noch anders zu werden, als so wie ich ihn bereits sehe, wie er in meiner Vorstellung ist. (Objekt-Methode-Zirkel)


Bemerkungen zur klassischen Mechanik

Das Sonnensystem kann in der Beschreibung klassischer Mechanik erst einmal als Massepunkte betrachtet werden. Tatsächlich ist es so, dass wir aufgrund der Berechnungen der Umlaufbahnen der Planeten, vorhersagen können wann und wo sich ein Planet befinden wird. Dies hat auch für andere physikalische Systeme zum Erfolg geführt. Als Konsequenz lässt sich herausholen, dass sich mit der Zeit die Aufassung festgesetzt hat, dass sich die Massenpunkte auch dann auf Bahnen bewegen, wenn wir sie nicht beobachten.

mE greift hier wieder das Argument des Konstruktivisimus - denn die Planeten bewegen sich hier nur deshalb auch ohne tatsächlichen Beobachter auf ihrer Bahn, weil wir es in unserer mathematischen Sprache irgendwann einmal festgelegt haben, dass wir unser Sonnensystem genau so wahrnehmen wollen. Früher waren die Menschen fest davon überzeugt, dass die Welt im Zentrum des Universums steht, bis sich ein Bewusstmachungsprozess, eine Konstruktion, daran gemacht hat diesen Umstand zu ändern. Von da an, wollten alle verstehen lernen, wie es sein kann, dass wir nicht mehr im Zentrum des Universums stehen, wie Gott uns nicht zum Zentrum seiner Schöfpung gemacht hat. Heute sagen wir, oder vielmehr stimmen in einer großen Zahl darin überein, dass wir Teil eines Planetensystems mit einer Sonne im Zentrum sind. Mitte letzten Jahres, hat sich eine Diskussion darüber ergeben, wie ein Planet auszusehen hat, welche Eigenschaften er besitzen muss, um als solcher bezeichnet werden zu können, und plötzlich werden aus historischen 9 Planeten nur mehr 7 od 8. bzw. kommen bis dato unbekannte und nur mit Nummern bezeichnete Steinbrocken hinzu. Niemals nicht wird diese Entwicklung zu einem Stillstand kommen. Was hingegen erreicht werden kann, ist das Ausdrucksvermögen der Sprache Mathematik. Was erreicht werden kann ist die Grenze des Komplexitätspotenzials unseres Gehirns, dass ab einer bestimmten Ebene, aufgrund seiner Struktur einfach nicht mehr dazu in der Lage ist, etwas zu begreifen - ein System aufzustellen, das Universum in seiner Komplexität und Unendlichkeit zu verstehen. An diesem Punkt angelangt, wird ein neuer bisher unbekannter Aspekt an Ausdruck, Vorstellung, Bewusstsein, Ideal zu Tage treten, und neue erweiterte Grenzen für uns bereit halten. Vermutlich gibt es dieses Bewusstsein jetzt schon irgendwo, doch ist es noch nicht zu uns durchgedrungen, weil wir an den Konzepten der Gewohnheit, der Materie, des Körpers und all den Dingen hängen.


Bemerkungen zur Quantenmechanik

Max Planck hat Ende 1900 festgestellt, dass sich in atomaren Systemen Größen, die die Dimension "Wirkung" haben sprunghaft ändern. In bestimmten Systemen ist diese Erkenntnis gleichbedeutend mit der Erkenntnis der sprunghaften (quantenhaften) Änderung der Energie. Aus diesem Umstand heraus formulierte er das, was wir heute als Plancksches Wirkungsquantum kennen. Es verknüpft Teilchen- und Welleneigenschaften, zeigt das Verhältnis von Energie und Frequenz eines Lichtquants und ist maßgebend für die Formulierung des Verhältnisses von Masse, Geschwindigkeit und Wellenlänge eines unterlichtschnellen Teilchens. Ganz bewusst ist hier die Betonung auf "unerlichtschnell" zu legen, da das Wirkungsquantum etwa für Tachyonenteilchen nicht mehr von Bedeutung ist.

"Nach der Quantenmechanik antwortet uns die Natur immer nur auf die Frage, die wir durch unsere Apparate an sie stellen."

Die einzige quantenmechanische Größe, die einer raum-zeitlichen Beschreibung unterworfen ist, ist die Wahrscheinlichkeitsamplitude oder Zustandsfunktion. Deren Quadrat gibt den Wert an, die die interessierende Größe annehmen kann.


Komplementarität und Hirnforschung

Denken und Handeln! Sind dies komplementär zueinander stehende Modelle, also diejenigen die in einem sich gegenseitig bedingenden Verhältnis zueinander stehen? Anders gefragt: Repräsentieren diese beiden Größen verschiedene einander ausschließende Seiten eines Systems (zB sozialen Systems) und ergeben trotzdem zusammen eine Vorstelllung vom betrachteten System? Auch zB Wissenschaft und Religion können in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen. Niels Bohr hat das "Leben" einer Zelle in ein komplementäres Geflecht zu ihrer molekularen Struktur gesetzt. DH, dass wenn wir der Zelle "Leben" zu sprechen, wir in diesem Moment nichts mehr über ihre molekulare Beschaffenheit aussagen können und umgekehrt. Als Möglichkeit trotzdem etwas über die Zelle zu erfahren, ohne sie damit zu töten ist, wenn wir den Begriff "Leben" etwas vage halten.

Uwe Kasper kommt an dieser Stelle zu den Anfangszitaten zurück und versucht damit auszudrücken, dass auch der naturwissenschaftliche und soziokulturelle Bereich komplementär zueinander stehen. Daraus würde folgen, dass sich bestimmte Bereiche des Handlungsspektrums unseres Alltags sowohl in das naturwissenschaftliche Ressort als auch den rein soziokulturell indizierten Wahrnehmungsapparat einfügen lässt. Beides zur gleichen Zeit lassen uns so etwas wie "vollständige Wahrnehmung" verstehen oder konstruieren.

"Aber auch wenn man auf eine Beobachtung des Gehirns verzichtet, kann man immer noch fragen, ob die Willensfreiheit des Menschen nicht eine Illusion ist. Dies ist aber dann eine Diskussion, die vollkommen im Rahmen des soziokulturellen Bereichs verläuft." Durch das Argument der Komplentarität von soziokulturellen Eigenschaften und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, entsteht hier also eine Einsicht die dazu führt, das Problem der Willensfreiheit aus den Tagebüchern der Neurobiologen zu streichen, um sie statt dessen auf die Bereiche des alltags-psychologischen Erlebens anzuwenden.

Reinhard Olivier: Die Willensfreiheit aus der Sicht einer Theorie des Gehirns. Ein unentscheidbares Problem.

Ilan Samson: Freier (?) Wille

„Es gibt drei Bereiche, in denen der Widerspruch zwischen Willensfreiheit und Determinismus von Bedeutung sein könnte: 1. Der Konflikt zwischen den Begriffen selbst 2. Die Konsequenzen für unsere Einstellung zu zukünftigen Handlungen 3. die Betrachtung im Nachhinein, besonders wenn es um Verantwortlichkeit geht Ich möchte nun für diese Bereiche zeigen, dass der Widerspruch zwischen Willensfreiheit und Determinismus nicht von Bedeutung ist.“


Der Konflikt selbst

Eine Weise, wie der Konflikt zwischen Determinismus und Willensfreiheit eine äußerst große und beunruhigende Bedeutung erlangen könnte, wäre, wenn es uns gelänge, den Determinismus dafür einzusetzen, Entscheidungen vorauszusagen oder vorauszuberechnen, und dann zu entdecken, dass noch so viel ‚freies Wollen’ in der Zwischenzeit nie ein anderes Ergebnis bewirkt hat. Wir werden zeigen, dass dies nicht geschehen kann. (...) Aus Unschärfe bzw. Unvorhersagbarkeit folgt jedoch keine Nicht-Kausalität. Unschärfe bedeutet nicht, dass es keinen Grund gibt, warum das Ereignis eintritt oder nicht. Alles hat eine Ursache, es ist bloß so, dass wir sie nicht kennen, bzw. nicht dazu in der Lage sind, aus ihr den Endzustand zu berechnen, bevor er eintritt. (...)“

Ist uns der Endzustand nicht bekannt bezeichnen wir ihn als Zufälligkeit „aber diese Zufälligkeit ist nur eine scheinbare“ denn alles geschieht „durch eine Abfolge von ganz bestimmten physikalischen Ursachen“ Wir allerdings sind nicht dazu in der Lage, das Ergebnis vorher zu sagen bzw. zu berechnen weil zu viele Faktoren eine Rolle spielen und dass „die Vorhersage des Ergebnisses dieser Faktoren in bestimmten Situationen davon abhängt, dass ihre „Anfangszustände“ mit einem Grad an Genauigkeit bekannt sind, der in der Praxis unmöglich zu erreichen ist.“

Hier spricht Samson auf das an, was wir mit „Chaos“ bezeichnen. Ein Vorgang, der möglichst exakt wiederholt werden soll, bei dem ein möglichst ähnlicher Anfangszustand wiederhergestellt werden soll um ein möglichst ähnliches Ergebnis zu erhalten, führt zu einem vollkommen anderen Ergebnis. „Es gibt keine Wunder: Hätten wir den Durchlauf mit genau dem gleichen Anfangszustand wiederholt, erhielten wir in der Tat wieder das gleiche Ergebnis. (...) Da es natürlich in der Praxis unmöglich ist, den Anfangspunkt mit unendlicher Genauigkeit zu messen und festzuhalten, gibt es also keinen Weg, den Endzustand solcher ‚chaotischen’ Prozesse zuverlässig vorherzusagen.“

„Wir [brauchen] auch dann, wenn die Dinge für immer ungewiss und unvorhersagbar sein mögen, keinen Mystizismus, um zu erklären, warum sie sich uns entziehen. Situationen ergeben sich auf eine vollkommen kausale Art und Weise. Es sind bloß wir, die nicht mithalten können und an der Aufgabe scheitern, Situationen vorherzusagen, nicht nur weil die erforderliche Menge an Daten und Berechnungen unsere praktischen Fähigkeiten übersteigt, sondern weil sich die erforderliche Genauigkeit sogar allem entzieht, wozu wir theoretisch im Stande wären. Das Auseinanderklaffen von vorausberechneter und tatsächlicher Entscheidung kann also nicht die Grundlage für eine Unterscheidung zwischen Freiheit des Willens und Ungenauigkeit der Vorausberechnung bilden. Willensfreiheit und Unausweichlichkeit der Kausalität sind mithin nicht widersprechende Vorstellungen, aber der Widerspruch kann sich niemals zeigen.“


eine 'Komme was wolle'-Option?

Gewiss wäre die Unverträglichkeit zwischen Determinismus und Willensfreiheit von größter Bedeutung wenn der Determinismus eine Rechtfertigung für den Fatalismus wäre. (...) Es gibt keinen Weg für uns, in Erfahrung zu bringen, was der ‚Plan’ enthält (...) In einer solchen Situation hat die Vorherbestimmtheit keinerlei Auswirkung, sie ist einfach bedeutungslos.“


Die Betrachtung im Nachhinein, Verantwortlichkeit

Hier geht es wieder um den Konflikt im Rechtssystem, dass Menschen, die so zusagen aus dem Affekt heraus gehandelt haben, anders bestraft werden, als Menschen, die ihre „Taten“ lange geplant haben und sozusagen vorsätzlich vorgegangen sind. Immer wieder wird hier das Argument gebracht, dass in beiden Fällen eine Entscheidung des Gehirns vorliegt, dass der Unterschied lediglich darin läge, dass der eine seine Entscheidung unbewusst getroffen hat (das Gehirn wägt unbewusst ab und bezieht Genetik, Erfahrungen und Gelerntes aus frühester Kindheit – Wissen, welches nicht mehr erinnert werden kann und deswegen im allgemeinen als unbewusst gilt –, Erfahrungen, die uns nicht bewusst geworden sind, dennoch im Hirn gespeichert wurden etc.  Wolf Singer) und der andere bewusste Argumente gegeneinander abgewogen hat (und dabei gar nicht merkt, dass das Gehirn natürlich auch unbewusste Daten verarbeitet). Auch hier geht es wieder um die Vorherbestimmung, um Kausalität: alles was getan wird, ob aus Berechnung oder aus dem Affekt heraus entspricht einer Kette von kausalitätsbedingten Unausweichlichkeiten. Samson schlägt nun eine neue Art und Weise vor, mit dem Thema umzugehen: „Strafen gibt es nicht für die Taten, sondern als gerechten Ausgleich für das, was man sowieso ertragen hätte – auch wenn man sich zurückgehalten hätte. Belohnungen werden nicht für die Leistungen verteilt, sondern als gerechter Ausgleich für das, was man sowieso genossen hätte – auch wenn man sich der Mühe entzogen hätte.“ Als Beispiel für die Strafe nennt er einen Jugendlichen, der mit einer 50 Pfund Geldstrafe dafür bestraft wird, dass er die Zeitung ‚aus einem Kasten für Zeitungen mit einer Dose für Münzen’ mitgehen lässt, ohne dafür zu bezahlen. Das Argument des Jugendlichen, das Geld nicht bezahlen zu müssen: „Wir beide (...) wissen doch, dass ich keine wirkliche Wahlfreiheit hatte.“ Das Argument des Polizisten, warum das Geld doch zu bezahlen sei: „All die anderen, die – unbeaufsichtigt – vor dem Kasten standen, wussten auch, dass sie die Zeitung einfach mitgehen lassen könnten. Um das nicht zu tun, mussten sie der Verlockung widerstehen. Das tut weh, das ‚kostet“. Daher hätten Sie in irgendeiner Form sowieso bezahlt – selbst wenn Sie das Geld eingeworfen hätten.“ Die Belohnung als gerechter Ausgleich beschreibt er hier mit einem Angestellten, der nicht um 17 Uhr seinen Arbeitsplatz verlässt um nach Hause zu gehen, sondern sich die ganze Nacht mit einem Problem beschäftigt, einen Durchbruch erlangt und dafür mit einer Auszeichnung belohnt wird. „Die Belohnung gibt es nicht für die Leistung. Sie wird als ein gerechter Akt des Ausgleichs für den großen Preis ausgeteilt, den alle anderen sich dadurch verschaffen konnten, dass sie um fünf Uhr gegangen sind.“

„Zusammengefasst heißt dies: Dadurch, dass Belohnung und Bestrafung mit Fragen der Gleichheit verbunden werden – das heißt: „’Verlockung widerstehen’ vorher = Strafe nachher“ und „’Sich Belastungen entziehen’ vorher = Belohnung nachher“ – anstatt mit den Handlungen, hat die Frage ob sie „frei“ sind oder nicht, keine Auswirkung auf die Haltbarkeit des Belohnens oder Bestrafens.“

Wie sähe das Verfahren dann angewandt auf einen Mord aus? Wäre dann die Gefängnisstrafe doppelt so hoch mit dem Argument, dass der Täter, hätte er sich zurück gehalten, noch länger unter der Last des noch Lebenden zu leiden gehabt?
Was hieße das, angewandt auf unser Rechtssystem? Ließe sich diese Art und Weise zu verfahren überhaupt durchsetzen, ohne dass man in den Menschen das Gefühl weckt, immer alles nur falsch machen zu können? Mal angenommen, es wäre so, dass Belohnung und Bestrafung sich genau ausgleichen, egal was man tut – wäre es nicht verdammt unklug, das den Menschen innerhalb einer Rechtslage vor Augen zu führen? Wäre es überhaupt möglich, Menschen unter „Kontrolle“ zu haben, würde man ihnen das Gefühl geben, es wäre egal, es käme sowieso aufs gleiche heraus? Menschen halten sich doch nur an Gesetze, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen dieses Verhalten einen Vorteil verschafft.

Konklusion

Anstatt danach zu suchen, wie die offensichtlich unverträglichen Vorstellungen Determinismus und Willensfreiheit doch zu vereinbaren sind, wird stattdessen das Beunruhigende an dem Widerspruch in seine Schranken verwiesen – dadurch, dass gezeigt wird, dass er nicht notwendigerweise Auswirkungen für die Praxis hat. Anders gesagt: Die Frage ist nicht, ob Determinismus und Willensfreiheit unverträglich sind – natürlich sind sie das (...) –, sondern ob es von Bedeutung ist, dass sie unverträglich sind. Es wurde gezeigt, dass dem nicht so ist: die Anerkennung einer völligen kausalitätsbedingten Unausweichlichkeit (Determinismus) muss nichts an der Art und Weise ändern, wie wir unter dem Eindruck von Willensfreiheit handeln (ausgenommen ein paar Anpassungen im Vokabular von Anwälten).“


Matthias Vogel: Diskussion: Gehirne im Kontext

Folgenden Absatz aus Singers Selbsterfahrung und neurobiologische Fremdbeschreibung wird von Vogel kritisch kommentiert:

„Die Aufklärung der neuronalen Grundlagen höherer kognitiver Leistungen ist mit epistemischen Problemen behaftet. Eines folgt aus der Zirkularität des Unterfangens, da Explanadum und Explanans eins sind. Das Erklärende, unser Gehirn, setzt seine eigenen kognitiven Werkzeuge ein, um sich selbst zu begreifen, und wir wissen nicht, ob dieser Versuch gelingen kann.“

Vogel meint dazu folgendes im Zusammenhang mit Unklarheiten und Verständnisschwierigkeiten zwischen Hirnforschern und Philosophen:

„Inwiefern liegt hier eine – womöglich vitiöse – Zirkularität vor? Inwiefern gibt es eine Identität zwischen Explanandum und Explanans? Eine problematische explanative Zirkularität läge vor, wenn eine Erklärung das zu Erklärende als gültig Erklärtes voraussetzt, aber diese Beziehung besteht zwischen dem Explanandum höherer kognitiver Leistungen und dem Explanans einer Theorie neuronaler Prozesse nicht, denn die Erklärung höherer kognitiver Leistungen durch neuronale Prozesse setzt nicht voraus, dass wir diese Erklärung bereits akzeptieren müssen, um uns der explanativen Aufgabe stellen zu können. Das Explanandum kognitiver Leistungen ist aber auch nicht identisch mit dem Explanans, weil das zu erklärende Phänomen nicht identisch ist mit einer Theorie – oder einer Menge wahrer Sätze – über neuronale Prozesse. Und schließlich, inwiefern sollte es mit Blick auf die Erklärung höherer kognitiver Leistungen ein spezifisches Erkenntnisproblem geben? Weil wir, wenn wir unsere kognitiven Fähigkeiten erklären wollen, uns unserer kognitiven Fähigkeiten bedienen müssen? Haben denn Lebewesen, weil sie leben, ein spezifisches Problem, das Phänomen des Lebens zu verstehen? Oder weniger polemisch und etwas genauer: Stellt es ein spezifisches epistemisches Problem dar, dass das Geben von Erklärungen, die die Realisierung höherer kognitiver Leistungen durch das Vorliegen neuronaler Prozesse erläutern, gemäß ebendiesen Erklärungen selbst durch neuronale Prozesse realisiert werden muss? Ich glaube, kaum. Natürlich ist unsicher, ob unsere Erklärungsversuche erfolgreich sein werden, aber das gilt für nahezu jede Erklärung in nahezu jedem Kontext.“


Roth schlägt eine begriffliche Differenzierung vor, um den Satz „das Gehirn entscheidet“ (und nicht die Person) rechtfertigen zu können:

„Dieser Differenzierung zufolge gibt es a) mentale Ausdrücke, die auf der Grundlage von Verhaltenskriterien zugeschrieben werden und somit den gleichen Zuschreibungsbedingungen unterliegen, wie Ausdrücke, mit deren Hilfe das Verhalten des Gehirns beschrieben werden kann. Zu diesen Ausdrücken gehört das Verb „entscheiden“, das man auf Personen, aber auch auf das Organ anwenden kann. Und es gibt b) mentale Ausdrücke, die der Autorität der ersten Person unterworfen sind, insbesondere solche des phänomenalen Erlebens, die nur auf Personen angewendet werden dürfen.

Obwohl wir Roth zufolge sowohl von Personen als auch von Gehirnen sagen können sollen, dass sie entscheiden, müssen wir dafür sorgen, dass „Entscheidungen“ der Gehirne nicht grundbegrifflich von den Entscheidungen abhängen, die von Personen getroffen werden. Wir müssen daher ausschließen, dass die Rede von Entscheidungen des Gehirns so gerechtfertigt wird, dass es sich um Gehirne von Personen handelt, die Entscheidungen treffen. Versuchen wir, diese Anforderung zu erfüllen: Wenn ein System S beobachtbare Verhaltensalternativen Vn angesichts des Eintretens gewisser Umweltbedingungen Un hat und beim Eintritt von U1 vom Verhalten V1 zu V2 übergeht, dann hat sich S für V2 entschieden. Doch diese Formulierung wird offenbar auch von folgendem Satz erfüllt: wenn ein Stück Eisen die Verhaltensalternative hat, stabil zu sein (V1) oder zu rosten (V2), und Eisen angesichts von U1 (Gegenwart von Sauerstoff und Feuchtigkeit) zu V2 übergeht, dann hat sich das Stück Eisen entschieden zu rosten.“

Vogel räumt in weiterer Folge ein, dass Roth vielleicht etwas anderes gemeint hat.


Hans Julius Schneider: Reden über Inneres. Ein Blick amit Ludwig Wittgensein auf Gerhard Roth.

<root><br /> <h level="2" i="1">== Kontext ==</h>

Freiheit im Kopf (Seminar Hrachovec, 2006/07)

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