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Version vom 30. März 2011, 16:23 Uhr

Begrüßung und Einleitung

Schön, dass Sie sich von den gefährlichen Drohungen des Anmeldesystems nicht haben einschränken lassen. Ich kann an der Stelle, damit der allgemeine Orientierungsrahmen für Sie gegeben ist, ein paar Bemerkungen darüber machen wie so etwas passiert. Das weiß ich zufällig, weil ich längere Zeit als Vorsitzender der Curricularkommission tätig war und mit Studienverwaltung zu tun habe und ich sage es Ihnen deswegen, damit Sie sich auch darüber ein Bild machen können, wie so etwas zustande kommt, was die Zustände und Missstände sind, die so etwas bewirken. Das hat auch eine bestimmte Verbindung zu dem, worüber ich in der Vorlesung selber auch noch sprechen werde, nämlich über Technisierung von Direktaustauschprozessen. Man könnte sagen: das Thema der Vorlesung ist mündlich, schriftlich, elektronisch. Bei "elektronisch" klingeln schon die Alarmglocken: elektronisches Anmeldeverzeichnis. Das ist auf der rechten Seite und auf der linken Seite mit "mündlich" ist eine Vorlesung, wie wir sie jetzt haben: Ich stehe vor Ihnen, ich sage Ihnen was. Das kann in der klassischen Art und Weise nur dadurch geschehen, dass Sie hier sind, ich auch da bin und wir miteinander reden - ich zu Ihnen hauptsächlich, aber ich höre gerne, was Sie sagen. Wenn Sie jetzt hier den Bogen spannen, dann haben Sie schon ein ganz ein wesentliches Thema von dem, worüber ich sprechen will.


Elektronische Reglementierung

Die elektronische Reglementierabsicht sucht wie immer, greift ein und greift über in die traditionellen mündlichen Vorlesungsbetriebe, aus einer ganzen Reihe von Gründen. Manche davon sind zumindest diskutierbar, manche sind indiskutabel. Ich will Ihnen die ein, zwei Gründe sagen, über die man reden kann, die das plausibel machen. Angesichts dessen, dass zu Beginn des Semesters an vielen Stellen Überlastung von Räumen herrscht, Kapazitäten entsprechend überfordert werden, gibt es eine Möglichkeit das ganze generalstabsmäßig zu regeln, indem man das in eine elektronische Zugangspflicht abfüllt. Das ist eine sehr neue Geschichte. Früher wäre das so gegangen, dass irgendwie ein Saalordner draußen steht und nur so und soviele Leute reinlässt oder so ähnlich. Mittlerweile ist das einen Schritt sublimiert und findet auf elektronische Art und Weise statt und für Übungen ist das vielleicht auch akzeptabel.

Zweiter Umstand, den man wissen muss, ist: Diese Art der elektronischen Reglementierung von Vorlesungs- und Lernprozessen ist an der Universität Wien in etwa seit zehn Jahren eingeführt, tröpferlweise in einer gewissen Form, denn die Universität Wien ist ausgesprochen inhomogen: Von den Theologen und Theologinnen, die gerne noch zusätzliche Hörerinnen haben, zu den Biologen und Kommunikationswissenschaftlerinnen, die gerne alle Hörerinnen wieder loswerden würden, gibt es sehr unterschiedliche Bedingungen und es haben sich historisch auch sehr unterschiedliche Praktiken ausgebildet, wie man mit diesem Stressfaktor zu Beginn des Semesters umgeht. Eine Charakterisierung von elektronischen Reglementierungen ist, dass sie sich sehr schön am Papier entwerfen lassen, dass sie sich auch implementieren lassen, dass es dann ein Roll-Out gibt, in dem man meistens in einer Versuchsanordnung zeigen kann, wie schön das funktioniert und dass man sich in aller Regel - das hängt ein bisschen an der Sache - nicht so viel darum kümmert, was eigentlich dranhängt und wie das eigentlich im einzelnen dann doch unterschiedlicher läuft als das, was man vorgesehen hat.


Beispiel Kompetenzverlagerung zu Studienprogrammleitungen

Durch diese Spannung zwischen Elektronik und Einzelsteuerungsbedarf hat es an der Universität Wien die folgende Situation gegeben - die an dieser Stelle positiv einzuschätzen ist - dass man gesagt hat: "Ja wir können das wirklich nicht für alle gleich auf einmal implementieren. Das sind 85.000 Studierende mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Wir geben die Kompetenz an die Studienprogrammleitungen, nämlich die Kompetenz, genauer einzuteilen, wie Sie mit dem elektronischen Anmeldesystem umgehen, was sie dafür verlangen und für welche Typen von Lehrveranstaltungen Sie so etwas vorsehen."

Vom Tippfehler zur Verzweiflung

Das hat dazu geführt, dass einige Studienprogrammleitungen das ignoriert haben, manche haben es freudig aufgenommen und manche verweigern es aus Prinzip. Zu meiner zunächst einmal großen Enttäuschung, schien mir am Anfang des Februar in der Studienprogrammleitung Philosophie ein Bruch eingetreten zu sein, da ich plötzlich von einer ganzen Reihe von Ihnen folgende Mails bekommen habe: "Ihre Vorlesung, obwohl es eine Vorlesung ist, hat eine Anmeldungsgrenze von 45 Leuten. Kann ich da noch reinkommen?" und Ende Februar zunehmend desperat: "Ich finde nicht, wo ich mich anmelden kann. Ich brauche es aber zum Abschluss meines Studiums! Es folgt die Hälfte meiner Lebensgeschichte und gern, warum das jetzt notwendig ist." Und ich muss schon sagen: Meine Wut und mein Amüsement haben sich in etwa die Waage gehalten. Wut darüber, dass Ihnen das angetan wird und Wut darüber, dass das in der Philosophie jetzt auch schief gegangen ist, bis ich draufgekommen bin: es ist gar nicht so. Ich habe den Fehler gemacht, beim Studienservicecenter anzufragen, dabei hätte ich bei der ersten oder zweiten Mail fragen müssen: "Sag mal, was ist denn jetzt los?" Ich hätte mich an der Stelle schon mal aufregen sollen, dann hätte ich Ihnen und mir einiges erspart - ich war aber ein bisschen abgelenkt und schon ein bisschen fatalistisch. Da habe ich mir gedacht: "Okay, jetzt ist es bei uns auch passiert!" Ich bin also erst Ende Februar draufgekommen, dass das einfach ein Fehler in der Eingabemaske war, von der entsprechenden verantwortlichen Person. Diese hat mit einem kleinen Häkchen - und das ist mein Unter-dem-Strich-Kommentar dazu - im elektronischen Administrationsverfahren für sicherlich 50-60 Leute das Leben nutzlos schwer gemach hat. Das war nicht ihre Absicht, aber das ist eine der Situationen, in die man an der Stelle kommt.

Problem der Lokalisierung

Und jetzt noch die letzte Beobachtung zu dem allgemeinen Rahmen: Die Feudalisierung - das kann man in gewissen Sinn als Feudalisierung der Regelung der Anmeldesysteme in den Studienprogrammleitungen beschreiben - die zunächst ganz sinnvoll erscheint, weil man an der Stelle flexibler reagieren kann und ich freue mich, dass in der Philosophie das noch immer gilt, dass Vorlesungen etwas Mündliches sind und wenn zu viele Leute anwesend sind, wir schon damit umgehen können. Diese Lokalisierungsmöglichkeit führt allerdings im Kontext der Universität zu einer unerwünschten Nebenwirkung und diese ist, dass Studierende, die in mehr als einer Studienprogrammleitung unterwegs sind (z.B. die Philosophie hier als Erweiterungscurriculum machen und darum noch nicht wissen, wie großartig liberal wir in der Philosophie sind und diese Sachen frei betrachten), kommen z.B. aus der Bildungswissenschaft: In der Bildungswissenschaft haben sie einen Hardliner, der für die Vorlesungen die Anmeldung verlangt und die stehen nun vor der interessanten, schwierigen und ärgerlichen Frage: Was gilt jetzt? D.h.: diese Lokalisierung in Zusammenhang mit einer Globalisierung des Gesamtsystems für alle Studierenden führt zu zusätzlichen Verwirrungspotential. Vielleicht können Sie beim nächsten Mal, wenn sie auf eine solche Barriere stoßen, etwas damit anfangen: Wehren Sie sich! Sagen Sie laut, das käme Ihnen nicht sinnvoll. Ich weiß, dass braucht manchmal Extra-Motivation. Soviel zu der allerersten Bemerkung, die ich Ihnen aus gegebenem Anlass sage.

Internetressourcen

Philo-Wiki

Zweiter Punkt: Ich sehe zwar einige Leute, die ich schon kenne, aber doch auch eine Mehrzahl, die hier neu sind. Der Brauch dieser Vorlesung ist, dass ich die Vorlesungsunterlagen auf einer Wiki-Plattform, die dieselbe Software hat wie die Wikipedia, zur Verfügung stelle: philo.at/wiki oder wiki.philo.at. Diese beiden Sachen können Sie nehmen. Auf der Hauptseite gibt es einen Eintrag "Lehrveranstaltungen" und hier finden Sie eine Reihe von Veranstaltungen dieses Semesters, früherer Semester und u.a. den Link auf die Vorlesung "mündlich, schriftlich, elektronisch". Wir haben, wie Sie vielleicht schon gemerkt haben, einen ganz bedeutenden technischen Apparat aufgebaut, auf den ich im weiteren Verlauf noch ein bisschen zu sprechen kommen werde.

Dann möchte ich mit einer Warnung fortfahren: Das, was Sie in dieser Stunde hören werden - und vermutlich auch in der nächsten Stunde - das wird sehr mosaikartig sein. Ich werde Ihnen keine, nicht sehr viele Texte und nicht sehr viel Philosophie anbieten, sondern eher ein Potpourri von unterschiedlichen Themen und Beobachtungen aus dem Bereich von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Elektronik, um Sie auf die philosophischen Überlegungen vorzubereiten, die dann kommen werden. Und auch, um Sie anzuregen, selber in die Thematik und in die Auseinandersetzung mit dem Thema einzusteigen. Der Zweck des Wikis ist nicht nur Ihnen hier Materialien für die Lehrveranstaltung zur Verfügung zu stellen, sondern auch Gelegenheit zu geben, zu diskutieren. Sie haben einen Button neben der jeweiligen Seite, die aufgerufen wird. Das kommt daher, da die MediaWiki-Software geplant ist, designed ist, für solche Enzyklopädieprojekte, die einen Artikel im Hauptartikel haben und eine Diskussionsseite zu jedem Artikel, in dem man sich darüber austauschen kann, was im Hauptartikel steht. Wir können diese Diskussionsseite zu guten Zwecken verwenden: um Stellung zu nehmen, Diskussionen zu führen über das, was an dieser jeweiligen Seite angesprochen ist. Damit Sie das tun können, müssen Sie sich anmelden. Das geschieht mit einem Benutzernamen und einem Passwort, die Sie sich selber aussuchen können. Dann können Sie an der Diskussion teilnehmen und ich möchte Ihnen sehr ans Herz legen, das zu tun, da das die Qualität und die Dichte dessen, was wir hier in der Vorlesung tun, bedeutend verstärken und erhöhen kann.

Philosophische Audiothek und Streaming

Für Sie ist wichtig, dass ich die Vorlesung auf MP3 aufnehme. Sie können das auch separat aufnehmen, aber wir stellen die Sachen noch in der selben Woche in die philosophische Audiothek, die SIe bei Gelegenheit kennen lernen werden. Es gibt hier auch diese kleine Kamera. sodass wir einen Stream haben. Das ist ein bisschen eine kleine - ich will jetzt nicht sagen Guerilla-Aktion - aber eine Nebenaktion: Die Universität hat in sechs Hörsälen Streams eingerichtet. Das ist schon verständlich, dass man, wenn man das universitätsweit organisiert - im Audimax, im Campus, im Hörsaal 1 macht. Wir machen hier unsere eigene kleine bescheidene Streamingvariante - das nur für diejenigen, die mal keine Zeit, keine Lust haben hierher zu kommen: Sie können es auch ansehen. Und vor allem hat das für mich einen prinzipielleren Wert, weil ich gar nicht geschaut habe, wie sehr die Streaminglösungen der Universität Wien "closed-circled" sind. Ich nehme an, die werden nur für die Uni gelten. Diesen Stream hingegen können Sie auch in Frankreich sehen, er ist frei zugänglich und das ist meine Auffassung auch von dem, wie man heutzutage mit so etwas umgehen kann.

Zeugniserwerb und Prüfung

Am Ende des Semesters mache ich eine schriftliche Prüfung, in der ich Ihnen Textstücke, Textfragmente vorlege, die sich aus der Vorlesung ergeben und Sie zu einem Kommentar zu diesen Textstücken auffordere. Haben Sie dazu Anmerkungen, Fragen?

Frage: Muss man sich auch anmelden?

Das ist ein bisschen heikler. Ich bin nicht sicher, was die juridischen Bestimmungen sind. Möglicherweise schon, von mir aus aber nicht, denn in der Regel ist es eine überschaubare Anzahl von Leuten. Wenn Sie zur Prüfung kommen und sagen, Sie konnten nicht rein, oder Ihr computer ist abgestürzt, dann können Sie die Prüfung sicher machen.

Frage: Weitere Prüfungstermine?

Nach den Sommerferien. Das ist gesetzlich vorgesehen. Es muss drei Termine geben, weil der vierte dann kommissionell ist. Das ist übrigens eine wichtige Frage: Erlauben Sie mir die kleine, ebenfalls aktuelle politische Bemerkung. Ich werde im Laufe der Vorlesung nicht wenig über den Charakter von Vorlesungen reden und über die Tradition, die Vorlesungen haben. Im Rahmen dieser Traditionen gibt es den Gebrauch, dass es erstens mehrere Prüfungstermine geben muss. Diese Prüfungstermine gibt es am Ende des Semesters, am Anfang des nächsten Wintersemesters und wenn notwendig in der Sprechstunde. Das ist die allgemeine Regelung. Zweitens aber gibt es nach der alten Regel der Dinge die Möglichkeit zu einer Prüfung dreimal anzutreten. Man kann also drei mal durchfallen und das vierte Mal ist dann eine kommissionelle Prüfung. Das kommt aus einer Zeit, in der die Selektionsmechanismen und der Prozentsatz der Studierenden eines Jahrgangs, der an der Universität ist, noch vergleichsweise gering waren und es offensichtlich zu den akademischen guten Sitten gehört hat, dass man Studierenden auch die Gelegenheit gibt, zwei oder dreimal die Prüfung zu verpatzen. Ich sage Ihnen das deswegen, weil die neue Studieneingangsphase, die eben im Nationalrat beschlossen worden ist, erstmals seit Menschengedenken diese Regelung für die Studieneingangsphase außer Kraft setzt und Ihnen nur eine Wiederholung gestattet - per Gesetz für alle Universitäten Österreichs. Daran sieht man, dass es nicht eine Frage der Elektronik, sondern eine Frage der Hochschulpolitik, des Hochschulpolitikzuganges ist, in welchem Feld von umstrittenen Regulierungsansätzen wir uns mit Lehrveranstaltungen befinden. Ich habe nur die Gelegenheit wahrgenommen, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass das eine aktuelle Thematik ist. Sonst noch Fragen?


Zentrale Punkte der Vorlesung

Gerade weil ich Ihnen als nächstes mal ein gewisses Potpourri vorstellen werde, habe ich vor dem Potpourri ein, zwei Hauptmotive herausgestrichen, die als allgemeine Motivation für das dienen können, was ich Ihnen hier anbieten möchte.

Eric Havelock

Ein Motto für das, was über dem allen drüber stehen könnte, was ich Ihnen in diesem Semester sagen will, habe ich von Eric Havelock genommen. Eric Havelock ist ein Altphilologe, der in einem Buch, Preface to Plato, das schon 1963 erschienen ist, ein wenig nebenher den folgenden Satz geschrieben hat, den ich nicht nur für einen Neben-Her-Satz halte, sondern der ein sehr eindringliches Motiv benennt: "You can not flourish a document to command a crowd". Flourish heißt herumwacheln, schwenken, sowas Ähnliches. Als ich das gelesen habe, hab ich mir gedacht "Ha, das stimmt. Das ist ein entscheidendes Thema, darüber kann man einen Zugang finden." Stellen Sie sich vor, es gibt eine aufgebrachte Menschenmenge und jemand kommt mit einem Buch und schwenkt das Buch vor der Menschenmenge. Es gibt in abgeleiteter Folge durchaus solche Szenarios. Leopold Figl Mein erstes Szenario, das mir in dem Zusammenhang eingefallen ist, ist Leopold Figl. Er hat das Buch und er schwenkt das Buch am Balkon des Belvederes und die Menschenmenge jubelt. Das ist ansatzweise ein Gegenbeispiel zu diesem Zitat, aber er befiehlt der Menge nichts. Er hat an dieser Stelle als Hintergrund eine gemeinsame kulturelle Kenntnis, viel Geschichte, viel Leid und das Buch symbolisiert an dieser Stelle ein Ereignis, eine gemeinsame Geschichte. Es ist nicht das, was passiert - wenn ich jetzt schon mit Menschenmengen rede und darum habe ich die Revolutionen, die wir gerade auch erleben, genannt - wenn Sie sich in Tunesien, in Kairo oder in Libyen vor eine Menschenmenge stellen und dort ein Buch schwenken, dann werden Sie keine entsprechenden Effekte haben, was nichts anderes ist und das ist die Aussage, die Havelock an der Stelle machen will: Es gibt bestimmte menschliche Erfahrungen - und politische Prozesse und kulturelle Prozesse sind wesentlich solche Erfahrungen - die abhängig sind von der Leiblichkeit der gesprochenen Rede einer Person, die sich sichtbar, präsent, in einem körperlichen Zusammenhang an andere Personen wendet und in diesem Zusammenhang eine Aufforderung, ein Kommando, eine Handlungsanleitung ansprechen kann.

Körperlichkeit in Twitter, Facebook?

Diese Tendenz, zu sagen, da müssen körperlich Menschen dabei sein, die miteinander reden und die das verhandeln und auch ausstreiten können, steht gegen eine Tendenz, die sie eben z.B. unter dem Schlagwort Twitter und Facebook-Revolution merken können, in der der Eindruck entsteht, dass man genügend Textmessages schreiben kann und die Textmessages führen dann zur Revolution. Das ist durchaus etwas, was diskutiert wird. Ich will Ihnen einfach nur einmal das Motiv nennen - und der Grund warum ich Ihnen das Motiv nenne, hat mit mündlich und elektronisch zu tun, mit Mobiltelefon-Texting und Netzkommunikation. Eines der Themen der "Twitter- und Facebook-Revolution" ist, dass die Frage gegen die klassische Weisheit gestellt wird, die meint, dass man eine Menge nur als Rhetor, als jemand, der sich an sie direkt wendet, dirigieren, kontrollieren und motivieren. Diese Form von politischer Basisauffassung gerät ins Wanken, wenn man fragt: "Wer war in Kairo der große Sprecher? Wer war in Tunesien der große Sprecher?" Die hat es nicht gegeben! Es scheint so zu sein, dass elektronische Textverteilung an der Stelle dennoch eine Menge kommandieren kann. Das Beispiel unibrennt Ich hab in einem Artikel, den ich gerade fertigschreibe, das im Zusammenhang mit unibrennt analysiert. Hier haben wir eine ziemlich interessante und ähnlich gelagerte Fragestellung, nämlich die klassischen, ehemaligen Audimax-Besetzungen, die so stattgefunden haben, dass sich eine entsprechend aufgebrachte Menschenmenge in das Audimax setzt und dann die Reporter kommen und das in der nächsten Zeitung oder vielleicht noch am Abend in der Zeit im Bild berichten - an der Stelle gibt es eine lokale politische Aktion, die getragen und gestützt wird von einem Nachrichtensystem, das in dieser unibrennt-Bewegung so nicht mehr funktioniert hat, sondern die elektronische Verteilung und Verbreitung von Informationen und Motivation für die ganze Bewegung einen wesentlichen politischen Faktor bedeutet haben.

Themenfeld der Vorlesung

Das will ich jetzt nur ansprechen, um das Themenfeld und die Spannung aufzureißen. Wir haben ein Feld, in dem die herkömmliche Darstellung von politische Prozesse an die Anwesenheit und an die Rede der betroffenen Personen gebunden sind. Die herkömmliche Weisheit scheint in einem schwierigen Verhältnis zu stehen, wenn man an die Revolutionen denkt. Ich will - das sind meine nächsten drei Punkte - darauf hinweisen, dass diese Art von Bruch, den man hier konstruiert, schwerwiegende und signifikante kulturelle Distinktionen schafft, z.B. gegen Bürokratie im Sinn des Anmeldesystems oder auch im Zusammenhang mit elearning, wo man ähnliches wie zum elektronischen Anmeldesystem sagen könnte, wo wir ein Spannungsfeld dazwischen haben, dass jemand im Zusammenhang mit Bürokratie sagt: "Aber ich möchte mich diesen anonymen Regeln, die irgendwo geschrieben und durchexerziert werden, nicht unterwerfen. Ich will dagegen meine Person, meine Stimme, meine Präsens in die Waagschale legen." Ebenso beim elearning analog dazu: Man könnte nicht nur sagen, eine Menge wird nicht kommandiert, indem man ein Buch vor ihren Augen schwenkt, sondern genau in einer ähnlichen Argumentation: man lernt nicht dadurch, dass man sich in einer elearning-Plattform weiterklickt. Man braucht zum Lernen eine Realpräsens, eine Liveauseinandersetzung. Lernen hat genauso wie politische Angelegenheiten wesentlich diesen Involvierungsfaktor und Sie können, wenn Sie z.B. mit Bürokratie zu tun haben, auch bestimmte Effekte nur durch leiblichen Einsatz erzielen. In einer Menge haben Sie vorgeformt eine klassische Trennung zwischen den Menschen auf der Straße und den Gebildeteten, den Intellektuellen, denjenigen, die die Bücher lesen oder vielleicht sogar schreiben. In dieser Beobachtung steckt etwas drinnen, wie "du kannst noch so viel studiert haben, du kannst noch so viele Bücher gelesen haben und wissen - mit den Büchern, die du da gelesen hast, kannst du die Menschen nicht motivieren. Du kannst ihnen nicht das Buch hinstellen und kannst sagen: "Das ist doch wirklich ein wunderschönes Buch und nicht nur ein schönes Buch sondern auch ein wichtiges Buch und weil es ein wichtiges Buch ist, musst du dem Buch folgen."" Das ist vielleicht noch gegangen, ähnlich wie beim Staatsvertrag, in einer Zeit, wo das Buch die Bibel war. Aber in der Regel haben wir heutzutage eine Situation, in der diese Intellektualität im Sinn des Expertentums in Umgang mit Text und Schrift, das gelernte Wissen in einem Kontrast steht zu dem, was staatsbürgerliche Aufgaben sind. Obwohl auch hier eine gewisse Problematisierung dieses Aufbrechens, dieser Trennung zwischen einfach reden wie einem der Schnabel gewachsen ist und Intellektualität, Bücher lesen usw. festzustellen ist. Worauf ich noch kurz hinweisen möchte, damit Sie in etwa wissen, in welche Richtung das gehen wird, was ich mache, ist das Potpourri, von dem ich schon gesprochen habe. Dann komme ich wahrscheinlich relativ ausführlich zur Situation von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Griechenland. Wir werden sehen, dass das ein sehr einprägsames Motiv für die Fragen ist, die wir hier haben. Das Stichwort vom Meer, das Stichwort Platon, Stichwort Kritik der Schrift in Platons phaidros.

Der Sonderfall „Bibel“

Ich habe die Christen schon angesprochen: Das göttliche Wort hat die Besonderheit, dass es mündlich und schriftlich gleichzeitig ein Thema ist. "Und das Wort ist Fleisch geworden", heißt in einer Weise nicht nur, dass dieses Göttliche, geisthafte Wort inkarniert, Mensch geworden ist, sondern dass es, indem es Mensch geworden ist, auch Protokollanten gegeben hat. Die Protokolle dessen, dass das Wort Fleisch geworden ist, haben wir vorliegen in der Bibel und damit haben wir eine ganz besondere Konstellation von körperliche Realität, Lehre, Gelehrte, die Lehren Jesu, als er auf der Welt gewesen ist zusammen mit der Aufzeichnung. Was hätten wir nicht für ein anderes Leben, wenn es damals schon MP3 gegeben hätte? Die Verlage sind dann die Säkularisierung des Wortes und dessen Mechanisierung - das geht auf Gutenberg, auf das Thema, wie sich die Verschriftlichung mit einer massenmedialen Technik verbindet, zurück.

Logozentrismus

Ein Kontext, vor dem ich vieles sage, ist das, was Jacques Derrida als Schlagwort für genau diesen Satz erfunden hat, wie ich ihn erläutert habe: der Terminus Logozentrismus, also der Glaube daran, dass das gesprochene Wort in der Gegenwärtigkeit, in der Wirksamkeit das kulturtechnische Hauptphänomen ist. Derrida hat in seiner Grammatologie, in seiner Akzentsetzung auf die Schriftlichkeit, auf Notationssysteme schon etwas getan, was in die selbe Richtung geht, wie das, was ich Ihnen angedeutet habe, nämlich diesen Logozentrismus unter Verwendung von Argumenten in Frage zu stellen, die darauf hinweisen, wie unentbehrlich die Schrift in all diesen Prozesse ist. In diesem Rahmen passt auch der Aspekt des Computercodes. Ich lasse es damit einmal bei den einleitendsten Bemerkungen und gehe zu den Motiven.

Motive der Vorlesung

Motive kann mehreres heißen, aber ich gehe dem jetzt nicht direkt nach und werde bei Havelock beginnen, bei dem Buch, das ich Ihnen schon zitiert habe und das eine Themenstellung in die Diskussion bringt, die aus mehreren Gründen, obwohl es schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts gewesen ist, jetzt etwas sehr Aktuelles hat. Diese Themenstellung kann man vielleicht am besten so einführen: Stellen Sie sich eine Welt vor, in der gibt es keine Zeitung, keine Elektrizität, keine Flugzeuge und ehr viel anderes nicht. Da gibt es auch keine Schrift, die Leute sprechen miteinander, leben in eher wenigen Bereichen, es gibt Schiffsverkehr - kurzum, es ist das 7. und 8. Jahrhundert vor Christus. Und in diesem 7. und 8. Jahrhundert vor Christus kommen die Leute ganz offensichtlich auch über die Runden. Die wissen noch nicht, wie viele schöne andere Möglichkeiten es gibt. Was tun die nun in ihrer Freizeit, abgesehen davon, sich zu erholen von den Schwierigkeiten des Lebens? Die Frage war etwas ironisch gemeint, was ich eigentlich sagen wollte ist: was tun sie, wenn die Mühen des Alltags und die Notwendigkeiten der Verständigung, die darauf hinauslaufen, dass man sagt: "Du musst dich um das Pferd kümmern, weil das ist krank." oder "Du musst da jetzt rechts weggehen, weil da kommt eine große Welle." Wenn diese Art von Verständigungen, die man zum Überlegen braucht weggefallen sind, welche kulturtragenden Möglichkeiten der Verständigung gibt es dann dort? Wie können sich in dem Fall die Griechen darüber verständigen dass sie z.B. eine gemeinsame Stammesbasis haben, dass sie z.B. alle aus einer Einwanderungswelle kommen? Wie können sie sich darüber verständigen, wenn eine Person von einer Stadt in eine andere Stadt kommt, dass es hilfreich und geradezu lebenswichtig ist, dass man Leute nicht einfach erschlägt, wenn sie dort hinkommen, sondern z.B. aufnimmt, wenn sie Griechisch können und ihnen zumindest für einen Tag lang Essen geben? Wo kommt das her? Wo ist das niedergeschrieben? Es ist in diesem Zusammenhang nirgends niedergeschrieben. Es gibt keine griechische Verfassung oder Gesetze, auf die man sich beziehen kann. Und hier ist die Idee von Havelock - ich muss dazu sagen, ich übernehme sie einfach, ich bin kein Historiker und Kulturgeschichtler, der das jetzt genau untersuchen würde, wie sehr diese Idee tatsächlich in der historischen Wirklichkeit belastbar ist, aber ich glaube als eine Aufforderung zum Denken ist das sehr wichtig und interessant. Havelock sagt, um es mit dem Beispiel der Gastfreundschaft zu sagen: "Das ist niedergeschrieben." Es ist nicht niedergeschrieben, aber in einer Form in den Epen niedergelegt, in der Poesie und in der Dichtung, die z.B. Homer repräsentiert.

Kommunikation von Konventionen – Von Gesängen zur Schriftlichkeit

Wir werden auf Homer noch genauer zu sprechen kommen. Die Besonderheit von Homer in dem Zusammenhang besteht darin, dass er ganz offensichtlich kursierende Gesänge, die memoriert und aufgeführt worden sind von Sängern, die von Stadt zu Stadt, von Hof zu Hof gezogen sind, und die sich mit gemeinsamer Geschichte, mit der Herkunft der gemeinsamen Geschichte diese griechischen verstreuten Städte beschäftigt haben, ins Bewusstsein gebracht und immer wieder durch das Aufführen von Gesängen (z.B. von rhapsodischen Inszenierungen der Ilias) aktualisiert hat. In diesen Gesängen finden sich z.B. nun die Paradigmen, wie man mit Gästen umgehen soll oder wie man damit umgeht, wenn ein General bockt, wenn man einen unwilligen Kriegsführer hat oder wie man die Verteilung der Beute organisiert, wenn man eine Stadt erobert, auch wie man das Begräbnis einer Person abhält, die am Schlachtfeld gefallen ist. Das sind alles Fragen, die insofern kulturtechnisch wichtig sind, als man sagen könnte: "Also wenn jemand tot ist, fällt uns schon nochmal was ein, wie wir ihn irgendwie beseitigen, damit er uns dann nicht mehr in der Stadt herumliegt." Das ist die eine Geschichte. Zum Verständnis einer Gruppe von Menschen, zum Selbstverständnis einer Gruppe von Menschen, einer Kultur, gehört aber dazu - und das war das was ich dann spaßhaft angesprochen habe, wie ich gesagt habe "was machen die in ihrer Freizeit?" - dass es Formen gibt, mit denen man diese Eventualitäten auffängt, Rituale, Formen, Gebräuchlichkeiten. In der Ermangelung der Schriftkultur, ist die Aufzeichnungsform, die sich anbietet, eben das gesprochene, das gesungene Wort. Das zirkuliert als Volksweisheit. Volkslieder haben wir noch immer - so ein ganz einen kleinen Zipfel von Volksliedkultur kennt der eine oder die andere vielleicht noch - und an dieser Stelle auch vorausblickend: diese neuen Perspektiven auf die Homerforschung - neu sind sie ja nicht mehr ganz - sind wesentlich angestoßen worden durch Ethnologen, die am Balkan die Kultur von Volksethen und die Art und Weise, wie noch am Anfang des vergangenen Jahrhunderts Volksepen aufgeführt und weitergegeben worden sind, untersucht haben: Die Art von Geschichtenerzählen, bei der Geschichten von alten Leuten bewahrt und an die Kinderweitergegeben worden sind. Und Leute, die diese Gebräuche im Balkan untersucht haben, haben die Verbindung gezogen zu den Zuständen vor Homer und zu der Situation, in der es dann dazu kam, diese kursierenden Gesänge zu verschriftlichen. Denn das, was wir haben - hier sind wir genau an dieser Schnittstelle von mündlich und schriftlich - ist die Ilias und klarerweise die Art und Weise wie wir aus einer tief geprägten Schriftkultur darüber reden. Es funktioniert über die Verschriftlichung der damaligen Gesänge, was aber nicht heißt, dass wir nicht Mittel und Wege finden könnten, mit Hilfe dieser Verschriftlichung nach hinten zu schauen und zu fragen, wie wäre das damals gewesen. Ich habe jetzt ein bisschen extemporiert und werde Ihnen nicht das Zitat im Ganzen vorlesen, Sie können es studieren. Ein wichtiger Punkt, der hier drinnen steht, ist der- und das meint die verkehrte Welt - dass unter solchen Bedingungen die Dichtung und die Inszenierung gehobener Erinnerungsdramen, einen ganz anderen Stellenwert gewinnt, als den, den es bei uns hat. Bei uns ist Lyrik - Epik gibt es ja schon gar nicht mehr - etwas Raffiniertes, Abgeleitetes. Die normale Rede und die Schriftkultur gelten als die Basis unserer Gemeinsamkeit. Nationalsprachen z.B. sind durch Verschriftlichung entstanden. Das Slowakische z.B. entsteht als im 19. Jh. ein Pfarrer die gesprochene Rede transkribiert, in ein bestimmtes grammatisches System bringt und damit ein Schriftsystem erzeugt, auf das sich das Volk berufen kann, auf das es hinweisen kann und zu dem es sagen kann: "Das ist unsere slowakische Sprache!". Und dann gibt es in der Sprache noch extra Literatur, Lyrik oder Ähnliches. Diese Ordnung der Dinge wird in dem Moment umgekehrt, in dem die erhabene, gehobene Kommunikationsform eines Epos das Verbindende ist und die alltäglichen Besprechungen nicht den Level an Raffinesse erreichen können, den diese kulturtragenden Medientechnologien und Kommunikationsstrategien haben, aber mit dem kleinen Unterschied, dass diese Kommunikationsstrategie eine der Wörter, der mündlichen Adressierung ist und diese mündliche Adressierung nicht mit Lautsprechern oder Podcasting anderswohin möglich ist.

Nutzanwendung zum "Potpourri" mündlich - schriftlich – elektronisch

Ich möchte noch eine Nutzanwendung dieser Überlegungen machen - wie gesagt, es wird ein Potpourri - für den Lehrtyp "Vorlesung", für das Event, dem wir hier alle beiwohnen. Und ich habe Ihnen hier drei Bilder zur Erinnerung gebracht, die jetzt die richtige Welt sind. Die verkehrte Welt ist die, in der die Sänger bestimmen wie das Volk zusammengehört. Die Welt, die wir kennen und im Prinzip noch immer auch die Universitäten reguliert und zwar seit hunderten Jahren, ist an dem Beispiel dadurch charakterisiert, dass es eine Vorlesung gibt, dass es Vorlesungsmitschnitte gibt und dass es Bücher gibt. Diese drei Begriffe sind an dieser Stelle selbstverständlich zu nennen. So selbstverständlich, dass man vielleicht gar nicht glaubt, dass das einer Erwähnung wert ist. Die alte mittelalterliche Konstellation, die Sie hier sehen und die im Prinzip noch immer genau dieselbe ist: körperliche Anwesenheit. Vorne steht einer, gestikuliert und sagt etwas. Daneben, auf der anderen Seite gibt es aufmerksame oder weniger aufmerksame Leute, die sich das sagen lassen. Was ist die Folge davon? Manche schreiben mit, manche schreiben nicht mit, aber die traditionelle Form dieser Kommunikation, die von dem einen Kopf in den anderen geht, wird traditionell dadurch umgesetzt, erweitert und implementiert, dass jemand mitschreibt. Das ist ein Transfer von der mündlichen Augenblicklichkeit in die schriftliche Festgeschriebenheit, welche damit zu tun hat, dass man in der Lage sein möchte, zu Prüfungszwecken oder vielleicht nicht nur zu Prüfungszwecken sondern auch zu anderen Zwecken, das wieder aufzurufen, was hier passiert. Es ist ganz offensichtlich eine Speichertechnik, die durch Ihren Körper hindurch geht, vom Kopf in die Hand oder in den Laptop und was dann dort drin ist, ist ein niedergeschriebenes Ding und das wird dann weiterverarbeitet. Das Buch im klassischen Sinn und auch noch immer im heutigen Sinn, ist ein Destillat aus einer Reihe von solchen Prozessen, lässt sich aber einfach sehr separat und segmentiert als der dritte Schritt dieses Vorgangs wahrnehmen und mehr brauche ich glaube ich jetzt zu diesem Vorgang zunächst nicht zu sagen, zu diesem klassischem Muster.

Audioeinspielung

Stream

"zeichen, dass Sie bei dieser Witterung hierher gefunden haben und möchte damit beginnen, abschließend zu den Bildwelten, die wir bisher besprochen haben, also sozusagen wirklich abschließend einen kurzen Hinweis auf die Wiki-Diskussion zu machen, die sich in den letzten beiden Wochen entwickelt hat unter den Titel "Von der Matrix zur Sonne". Sie erinnern sich vielleicht das letzte Mal eben vor vierzehn Tagen ist von der Frau Burian dieses Problem angesprochen worden, dass wir, wenn wir uns schon einmal massiv getäuscht haben, dass uns das immer wieder passieren könnte."


Zusammenhang von mündlich, schriftlich und elektronisch am Beispiel der Vorlesung

Dieses Beispiel dient dazu, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass das, was hier geschieht, per Audio hörbar zur Verfügung steht, verwendet werden kann und mit dem Wiki verbunden ist. Es handelt sich einfach um den Anfang einer Vorlesung vom vergangenen Semester. Das ist die Seite, über die ich diese Vorlesung gehalten habe, und die jetzt die Notizen, die der Vortragende zur Vorlesung mitbringt, repräsentieren, sodass Sie sehen können, worauf ich mich bezogen habe und dann gibt es im vergangenen Semester eine Transkription der Vorlesungen. Alle Vorlesungen, die hier mit MP3 aufgenommen worden sind, sind von Studierenden transkribiert worden und das ist einfach der Text "Ich betrachte es als besonderes Treuezeichen bei dieser Witterung hierher gefunden haben. Ich möchte damit beginnen." D.h., was Sie gerade gehört haben, ist ganz als Text vorhanden und weil es dieses Vorlesungsmaterial gibt, weil ich das Vorlesungsmaterial zur Verfügung gestellt habe, gibt es im Wiki - ich habe Ihnen da ein ganz besonderes Highlight herausgeholt, sie können es sich dann anschauen, wenn Sie das dann weiter studieren - die Möglichkeit, darüber zu schreiben, weiter zu schreiben. Das ist die Diskussionsseite zu der Anfangsseite hier. Das sind die Ikonen im Cyberspace, über die ich da rede, das ist meine Vorlesung und hier hat der Peter Ramtaser in einer Recherche sehr interessante zusätzliche Bemerkung darüber und Entdeckungen gemacht, was ich in der Vorlesung gesagt habe, was wiederum dazu geführt hat, dass ich mich in der nächsten Vorlesung auf das bezogen habe und dann haben Sie wieder die Audiofiles, das Vorlesungsmaterial, die Transkription usw. Das ist einfach nur einmal eine Beschreibung, von dem, was wir hier tun und was ich schon seit längerer Zeit tue. Ich nehme aber die Gelegenheit wahr, Ihnen eine Skizze vorzulegen, die das ganze ein bisschen auf den Punkt zu bringen versucht, was da passiert. Und auch die Bedeutung, eigentlich das Erstaunliche, was da passiert, was man ganz einfach nur zur Kenntnis nimmt, wenn es halt abläuft ohne die richtigen Begriffe zu haben, vor Augen zu führen.

Verschwimmen der Ebenen

Sie haben nämlich eine Vorlesung und diese Vorlesung funktioniert jetzt nicht mehr so, wie ich es Ihnen oben im alten Modell gesagt habe, sondern die Vorlage zu dieser Vorlesung ist in der Vorlesung selbst präsentiert. Das ist natürlich in jeder Powerpoint auch schon ganz üblich, das ist nichts Besonderes. Wir sind an vielen Stellen einfach so weit, dass die Vorlagen zur Vorlesung und die Vorlesung parallel laufen und darüber hinaus gibt es live eine 1:1-Wiedergabe dieser Vorlesung. Etwas, was es schlicht und einfach nicht gegeben hat, wenn irgendjemand im letzten Jahrhundert mit der Kamera reingekommen ist, konnte eine Vorlesung zwar aufnehmen, nicht aber streamen, was wir hier machen. Wir haben hier ein Öffnen dieses Vorlesungszusammenhangs in die gesamte Globalität, in den gesamten Internetbereich und zwar auf eine 1:1-Art und Weise. Sie haben eine weitere 1:1-Korrespondenz zwischen der Vorlesung und der Tonaufnahme der Vorlesung. Das ist strikt 1:1. Und Sie haben eine mehr oder weniger 1:1-Korrespondenz zwischen der Aufnahme und der Transkription der Aufnahme. D.h. Sie sind sozusagen in einer Echokammer, es ist in einer gewissen Weise unglaublich, was da passiert. Als ob die Inhalte dessen so wichtig wären, sodass es nicht ausreichen würde, dass ich Ihnen im kleinen Kreis mal ein bisschen was erzähle. Das hier ist ja so angelegt, als ob es das Wesentlichste überhaupt wäre, wenn das dreimal dokumentiert und entsprechend nachgefabelt usw. wird. Die Idee ist natürlich nicht, dass das so wichtig ist. Die Idee ist eher die, das auszuprobieren, was möglich ist und zu schauen, welche Ergebnisse sich daraus ergeben. Ich habe Ihnen jetzt die 1:1-Sachen gesagt. Es ergeben sich daraus noch weitere Perspektiven, die ich hier jetzt als 1:∞ dargestellt habe zwischen der Vorlesungsvorlage und der Vorlesung. Ich habe das hierhin geschrieben, weil es sich in der Transkription dann niederlegt. Dazwischen gibt es einen sehr hohen Spielraum. Sie werden es noch manchmal feststellen, dass ich hierher komme und eine Vorlage habe und dann über was anderes rede. Dass mir gerade die Vorbereitung von bestimmten Hilfsmitteln als ein Absprungbrett dient, um etwas anderes zu sagen, was ich mir unter anderem dadurch leisten kann, dass ich dann etwas sagen kann, wie: "Wissen Sie, das Zitat, das lesen Sie sich dann selber zuhause durch." Vor allem muss ich Ihnen das jetzt nicht vorlesen. Es ist ja nicht meine Aufgabe, Ihnen das Lesen zu ersparen. Diese Form von Unbestimmtheit und Mehrfältigkeit gibt es und dann vor allem die schon angesprochene Mehrfältigkeit zwischen Transkription und den Diskussionen, zwischen dem, was mit den Transkriptionen gemacht werden kann.

Differenz von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Elektronik

Warum ich Ihnen das alles ein bisschen auseinander dividiere, ist, weil ich das Stichwort verschwimmen plausibel machen wollte. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Da geht es zur Vorlesung. Und da kommen Sie zur Vorlesung und in diesem Zusammenhang denken Sie auch "Na, gibt es da irgendwie Extra-Schikanen? Muss ich mich, damit ich dort hingehen kann, noch extra irgendwo anmelden? Weil wenn ich mich nicht angemeldet habe, dann bin ich dort nicht und wenn ich nicht dort bin, dann verpass ich was Wichtiges und dann geht mir das Zeugnis verloren" oder "Der ist unangenehm und lästig, wenn er mich nicht sieht in der Vorlesung." Das sind die Muster, die wir - also ich sowieso, aber Sie vermutlich auch noch - mitbekommen haben und das stimmt alles nicht mehr. Angesichts dieses Verlaufes ist es gelinde gesagt lächerlich. Und die Frage ist: Wie geht man damit um? Der Grund dafür, warum ich Ihnen das hier so am Anfang der Vorlesung sage, ist: Das kommt daher, dass die Differenzen zwischen Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Elektronik den traditionellen Lauf der Dinge sprengen. Das ist die Pointe, die ich hier machen wollte. Dass wir uns in einer Welt befinden, in der nun plötzlich Dinge möglich sind, die früher nicht möglich waren und nun nicht nur möglich, sondern einigermaßen selbstverständlich sind.

Globalisierung der Vorlesung durch Digitalisierung

Ich bringe Ihnen nur den einen Punkt: Ich weise Sie auf die philosophische Audiothek hin und ich weise Sie darauf hin, dass im Philo-Wiki ganz am Anfang, wenn Sie dort hinschauen, durch ausgesprochene motivierte und unglaublich hilfreiche Arbeit von Marios Passov Vorlesungen am Institut für Philosophie audiomäßig gesammelt sind. Wie kommt es dazu, dass die gesammelt sind? Das ist eine Illustration von dem, wie die Sachen aus dem Leim gehen. Diese Geschichte, dass hier die Aufnahmegeräte liegen, passiert nicht in der Vorlesung alleine, sondern in vielen Vorlesungen und seit nicht allzu langer Zeit gibt es die ganz einfache Möglichkeit, was man da digitalisiert aufnahmemäßig erfasst hat, wenn man es am Computer hat, auf einen Click-Hoster zu schicken, also FileShare damit zu betreiben. D.h., sie kriegen das von Ihrem kleinen Gerät sofort auf ein Depot im Internet und das hat zur Folge, dass sich die Lehrtätigkeit des Instituts für Philosophie zur Hälfte in den verschiedenen ClickHostern der Welt spurenmäßig niederschlägt. Das ist eine Illustration und Marios Passov ist derjenige, der mich darauf aufmerksam gemacht hat und der gesagt hat, das sollte man doch wieder einmal ein bisschen zurückbeziehen, da sollte man vom Institut her eine koordinierende und organisierende Möglichkeit vorsehen. Noch jetzt als Beispiel dafür, wie sehr die DInge auseinandertriften und wie eindrucksvoll darum das Problem ist, mit dem wir uns hier beschäftigen müssen.


Frage zu Wikipedia, Youtube - Problem des Verschwimmens

Verstehen Sie Wikipedia, Youtube als Bindungsmittel der Gesellschaft?

Nein, Wikipedia spreche ich ganz ausgesprochen nicht an, weil die haben zwar einen sehr breiten Themenbereich, aber eine sehr ausgeklügelte Form die Sachen zu organisieren und - mit all den Schwierigkeiten die man damit gibt - es geordnet darzustellen. Also die geordnete Darstellung des Wissensbestandes in einem Lexikon, alphabetisch und mit Stichworten und mit Literaturangaben usw. Das ist von der Idee her ganz alte Schule. Es bringt dadurch, dass es eine gemeinsame Aktion ist und dadurch dass es am Internet ist, wesentliche neue Bestandteile, aber orientiert ist es an einer Enzyklopädie. Und es funktioniert auch deswegen so gut, weil die Leute trainiert sind auf Enzyklopädie und wissen, wie man mit Enzyklopädien umgeht und den Mehrwert der elektronischen Enzyklopädie an dieser Stelle genial ausnützen. YouTube ist ebenfalls ultragut organisiert und funktioniert nach normalen Suchbegriffen usw. Was ich hier sagen wollte und was ich vor allem durch die Verteilung von Vorlesungen rund um die Welt sagen wollte, ist etwas Anderes, nämlich dass YouTube und Wikipedia Versuche sind, Ordnung in diese Diffusion zu bringen, die wir aber in der Regel erst mal feststellen müssen, da wir nicht wissen, wie diese Ordnung ausschaut und wo sich verschiedene Impulse, Soundfiles und Textfiles befinden. Und d.h., es verschwimmen einfach diese Konturen. Und Ihre Frage gibt mir genau den richtigen Einsatz dazu, dass ich sagen möchte: Dort, wo wir insbesondere aufmerksam werden auf das Problem, ist, wo diese schöne diffundierende Freiheit zusammenbricht, wo es in einer Art und Weise nicht mehr funktioniert, wo nämlich die alte Ordnung nicht mehr funktioniert und die alte Ordnung insofern nicht mehr funktioniert, da z.B. - um es hier bei der Buchwelt zu sagen - Leute Plagiate produzieren. Das ist der Punkt worauf ich hinkomme.

In der Wikipedia muss man alles zitieren, sonst fliegt man raus aus dem Artikel. Und in YouTube ist das so, wenn das jemanden gehört, Sony oder anderen, der das sieht und dann das Movie ab bestellt - du bekommst das Movie nicht mehr, du bekommst den Sound nicht mehr, du kriegst das Bild nicht mehr. D.h., hier ist die Eigentumsordnung noch einigermaßen unangetastet. Und ich habe noch nicht überprüft, wie viele Leute sich an den mind. fünf Jahren Vorlesungen bedient haben, die ich daran gehalten habe und die man einfach mit Cut & Paste irgendwo reintun kann. In dieser Verwirrung könnte man ja jetzt sagen - und das ist meine Pointe - "okay, jetzt, wo alles durcheinander geht, können wir mit den Texten auch so umgehen, wie ich z.B. mit den Texten umgehe: ich schreibe da irgendetwas hin, ich sage etwas, ich streame es in die Welt hinein, jeder kriegt es, warum soll sich nicht jeder daran bedienen, warum soll das nicht ein großer allgemeiner Kulturkessel sein, in den jeder hineingreift und sich das nimmt, was er braucht und es ist in Ordnung? Das als eine Perspektive. Und wo die Stellen, an denen sich die allgemeine Bedenklichkeit meldet und sagt "Ganz so kann es ja doch nicht gehen!", bedeutet das, dass Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Elektronik doch auseinandergehalten werden müssen. Diese Stellen sind z.B. die, wo es darum geht, dass man zu bestimmten Zwecken, wie z.B. zur Erreichung eines Doktorgrades bestimmte Regeln einhalten muss. Diese Regeln kommen aus der alten Ordnung und diese ist jetzt aber gleichzeitig eingebettet in der Internetwolke und plötzlich sind die Leute, die möglicherweise ganz über das, was man alles im Internet machen kann, begeistert sind, dann ebenso empört darüber, dass sich jemand im Internet bedient und in dieser verschwimmenden Situation bestimmte Regeln doch verletzt, die es einzuhalten gilt. Das sind Bruchstellen in diesem Kontinuum, Bruchstellen in der einigermaßen Unübersichtlichkeit in der verschwimmenden mündlichen, schriftlichen Ordnung.

Sprachmoment am Beispiel der Lesung im Audimax

Ich habe Ihnen im Zusammenhang mit Sprechen, im Zusammenhang mit Schreiben und im Zusammenhang mit Distribuieren drei Beispiele gezeigt. Das eine hier ist die Dissertation vom Hahn, die dem Plagiatsvorwurf unterliegt, das andere ist die Guttenberg-Dissertation, für die es ein eigenes Wiki gibt, was manche von Ihnen wissen werden. Interessant ist, dass darin tatsächlich auch ein Sprung ist: Was Hahn macht und was Guttenberg macht sind noch eine Qualitätsdifferenz, aber zeige ich Ihnen die Sprache. Das Moment Sprache ist aus dem Audimax genommen, in dem Speziellen aus YouTube und das funktioniert. Ich zeige es Ihnen deswegen und es funktioniert in meiner Argumentation deswegen, weil das ein Sprachevent ist, das aufgrund unserer juridischen Situation nur als Sprachmoment möglich ist - das könnte man in der Art und Weise nicht hinschreiben. Das muss man als Performance machen und als eine Performance ist es eine politische Aktion. Das ist ein typisches Beispiel dafür, dass es ganz gegenwärtig etwas gibt, das es nicht anders als mündlich geben würde und das andere interessante ist natürlich, dass der Meischberger und der Plech an dieser Stelle genau in die Verwirrung hineingeraten sind, die ich Ihnen im Zusammenhang mit der Vorlesung gemacht habe. Die haben nämlich geglaubt, sie können in klassischen Modellen miteinander übers Telefon reden und würden nicht abgehört. In Wirklichkeit haben sie aber verpasst, dass sie mit ihren kleinen Telefongespräch eingebettet sind in einen Apparat von Technik- und Aufzeichnungssystemen, der sie nicht mehr für kompetent und verantwortlich alleine sein lässt, für das, was sie sagen.

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„Man sollte eben meinen es sei alles geklärt, nä, nein Walter Meischberger kann es nicht lassen und er telefoniert an diesem tag noch einmal mit dem Herr Plech. Der Plech auf speziellen Wunsch wird der Thomas jetzt in die Rolle vom Herrn Plech sich verfestigen und ich mache wieder den Meischi: "Ah ja, schnell noch zu den anderen Geschichten. Ah, wir haben gemeinsam die wie war die Nordbergstraßen noch einmal? Wie war das vom Rechnungsablauf? Hast du das noch im Kopf?" "Ja, das ist gelaufen über die... bei der Nordbergstraßen hab ich eigentlich nichts... also, wie gesagt, ich habe mitkassiert und da habe ich"

Schlussbemerkung

Das reicht, ich will ja nicht, wie sagt man, die tote Katze auch noch schlagen. Aber den einen Hinweis will ich noch machen und das ist einer der Gründe, warum ich es Ihnen sage: Wenn Sie sich das anhören, dann ist u.a. sehr, sehr wichtig, wie Körperlichkeit an der Stelle funktioniert. Die nachgemachte Sprache, die ganze Inszenierung der Satire bringt etwas zu dem Schriftverkehr dazu, was Sie sonst nicht haben könnten. Ich sage das deswegen, weil in der Rhapsoden-Geschichte mit den Sängern wie in einem homerischen Zustand Information weitergegeben und gefeiert wird. Wir dürfen nicht vergessen, können nicht vergessen, dass das Menschen sind, die eine bestimmte Sprache sprechen, eine bestimmte Stimme haben, einen bestimmten Akzent haben und dass dieser Akzent eine wichtige Rolle im System der Zuordnung spielt, der diese Rolle, die in dem Moment verloren geht, in dem das niedergeschrieben wird, also in dem Moment, in dem sie die Telefonmitschnitte ganz einfach haben - also eine Diskrepanz zwischen dem, was mündlich möglich ist und was schriftlich möglich ist, auf die ich Sie dann noch extra hinweisen wollte.

Das war's mal für heute. Wie gesagt, erinnern Sie sich, Sie können diskutieren und ich werde darauf auch antworten.