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Open Source Philosophie - Einheit1: 03.10.2008

Technische Details als Kommentare zum Thema Open Source

Warum Wikis in Lehrveranstaltungen?

Die Idee ist die, ein kleines Signal dazu setzen, dass akademische Veranstaltungen, Vorlesungen, Inhalte zur Verfügung stehen sollen für Leute, die sich daran Interessiert zeigen und nicht nur für die, die zufällig am Freitag, um 10 Uhr am Vormittag gerade Zeit haben, sich hier herzusetzen. Sie sehen, das ist bereits ein Kommentar zum Thema Open Source Philosophie.

Eine Wiki-Installation kennzeichnet sich dadurch, dass man mit minimalem Aufwand und einer minimalen Authentifizierungsstrategie mitarbeiten und mitschreiben kann. Das hat sich in den letzten drei Tagen so ausgestaltet, dass plötzlich zwei Lehrveranstaltungen aus dem Institut für Philosophie, ohne dass ich sie bekniet habe, sich im Wiki wieder finden. Die Leute kommen drauf, dass es so etwas gibt und dass man es benutzen kann. Sie haben vielleicht am Rande mitbekommen, dass es eine offizielle Lernplattform der UniWien gibt – WebCTVista. Kostet ein Heiden Geld und ist unglücklicherweise jetzt gerade abgestellt worden, weil die Firma sich noch nicht einmal beworben hat für eine Verlängerung des E-Learning-Plattform-Vertrags, was dazu führt, dass mit einem gewissen Aufwand Basics transformiert werden können in eine neue Plattform. Doch andererseits ist ein Haufen Arbeit, die die Kollegen und Studentinnen investiert haben in die Ausgestaltung von Tests und anderen Inhalten einfach verloren. Man konnte zwar noch ein Backup machen, aber man kann es nicht mehr wirklich anwenden, weil es die Plattform nicht mehr gibt. Das ist eine weitere kleine Vorbemerkung zum Thema Open Source.

Ich habe vor 5 Jahren, als diese desaströse Entscheidung gefallen ist, argumentiert, dass man Arbeit investiert in eine Plattform, die jemanden gehört, der dafür Geld will und zwar Geld will für die Verarbeitung von akademischer Arbeit, die im Prinzip vom Staat bezahlt wird, die frei ist und die auch frei zur Verfügung stehen sollte. Und genau das ist eingetreten – die Sachen stecken im WebCTVista. Jetzt haben wir eine neue Plattform, die heißt Fronter. Das ist zumindest eine OpenSource-Plattform. Was an dieser Stelle für Open Source spricht ist nicht, dass dies unbedingt die besten Programme sind (es gibt für Geld sicher günstigere Lösungen), doch was auf jeden Fall ausgeschlossen ist, ist dass sie verschwinden und kein Zugriff mehr möglich ist.

Das waren Nebenbemerkungen zur Tatsache, dass ich mit einem Wiki arbeite. […] Für mich ist es wichtig, dass Studierende und Kollegen direkt an die Sache ran und damit arbeiten können.

Einführung und Draufsicht:

Ist der Zusammenhang Open Source und Philosophie ähnlich wie der von Sushi und Philosophie?

Ich habe mich an dieser Stelle bemüht, mich auf eine Art und Weise zu nähern, die nicht mit dem philosophischen Jargon und mit dem Open-Source-Jargon beginnt, sondern ein bisschen von außen und in Kreis-Bewegungen. Vielleicht sollte ich mit der Beobachtung beginnen, dass wenn sie so etwas hören wie „Open Source Philosophie“ hat das einen eigentümlichen Klang. Das unterscheidet sich zum Beispiel von Vorlesungstiteln wie „Strukturphilosophie“, „Anthropologie“, „Transzendentalphilosophie“ Das sind Bereiche, die in der Disziplin etabliert sind und wo man weiß es gibt Lehrbücher, es gibt einen bestimmten Ort, an den man sich an dieser Stelle wenden kann. Open Source Philosophie hat, und damit spiele ich durchaus, ein bisschen etwas abgefacktes, oder besser: schleißiges wie Fahrrad-Philosophie, Sushi-Philosophie oder so etwas Ähnliches. Das hat insofern einen anderen Akzent als man Philosophie dabei in einem anderen Kontext nimmt. Nehmen wir Sushi-Philosophie. Es gibt ein Phänomen, das eine Gruppe von Leuten interessiert. Die wollen darüber mehr hören. Man will nicht nur einfach Sushi essen, sondern möchte auch wissen, was denken sich die Leute, die Sushi machen; was können wir denken darüber, dass Leute Sushi machen. Das ist durchaus eine berechtigte Zielgruppen-Philosophie und in einer Weise ist es durchaus meine Absicht, eine Zielgruppe, nämlich die die an Open Source Interesse hat, anzusprechen und ihnen Informationen und Diskussionen, ein gewisses Rüstzeug zu geben.

Welche Literatur gibt es zum Thema OSP?

  • Nun, es ist so: Da gibt es noch nicht so viel aus dem Bereich der klassischen Philosophie. Wenn Sie sich Literatur diesbezüglich ansehen, finden Sie, dass es rein philosophisch wenig gibt, mir fallen da nur ein, zwei Leute ein. Worüber aber geredet wird, und was an dieser Stelle die ersten Interessenspunkte sind, sind Fragen, die in den Rahmen der Rechts-&Sozialphilosophie fallen. Hauptsächlich Rechtsphilosophie in dem Zusammenhang „geistiges Eigentum“. Was gehört wem in einer Gesellschaftsordnung, die vom Kapitalismus bestimmt ist und die gleichzeitig eine Wissensgesellschaft zu sein vorgibt oder so beschrieben wird. Also die „intellecutal property“-Frage, die Frage, wie sehr sind Fragen kommerziell einzugrenzen, abzugrenzen und nutzbar zu machen.
  • Andererseits gibt es Geschichte und Theorie des Eigentums, die darauf aufmerksam machen, dass wir im Bereich des Nachdenkens und der „intellektuellen Tätigkeit“ nach anderen Kriterien operieren sollten. Das ist der Hauptbereich. Dann gibt es noch die marxistische, sozialistische Open Theorie-Überlegung, wo prinzipieller noch, abgesehen von diesen Eigentumsüberlegungen, von der These ausgegangen wird, dass die Entwicklung im Open Source Bereich etwas ist, was bestimmte Grundprinzipien unseres Wirtschaftsmodells und unserer Bedingungen der Kooperativität, unserer fortgeschrittenen spätkapitalistischen Gesellschaft in Frage stellt.

Was verstehen Sie unter OSP?

Ich werde auf die obigen Bereiche der OSP auch zu sprechen kommen, möchte aber für meine Zwecke Open Source Philosophie in einem ein bisschen anspruchsvolleren und wenn Sie wollen wagemutigeren Sinn fassen. Und zwar in einer Zugangsweise, wie sie in der Philosophie in der Regel weitgehend üblich ist oder zumindest nicht für großes Aufsehen sorgt, nämlich indem man auf die Griechen zurückgeht. Das ist nicht mein „normales“ Arbeitsgebiet, ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Vorlesungen über Griechen angeboten. Es ist mir aber in der Vorbereitung dieser LV deutlich geworden, dass eine genauere Hinsicht auf das, wie Philosophie seit Sokrates und Platon angesetzt ist und wie darum die Institution „Institut für Philosophie“ im Prinzip organisiert ist und was sie für Ihre Aufgaben hält, mit Plato beginnt. Das ist selbstverständlich, doch was wagemutig ist, ist die These, dass die Definition von dem, was sich in diesem Zusammenhang als Philosophie herausentwickelt hat, entscheidend etwas mit den politischen Umständen in der Zeit der athenischen Demokratie zu tun hat und dass diese spezifischen, politischen Umstände (Stichwort: radikale Demokratie) dazu geführt haben, dass die Philosophie jene Fragestellungen entwickelt hat, die sie entwickelt und in denen wir noch immer drinnen sind. Am Ende der Vorlesung werde ich dann zu folgender Frage kommen:

  • Angesichts der Folgen einer Radikaldemokratie in Griechenland im intellektuellen Bereich einerseits
  • und angesichts der technisch-gesellschaftlichen Entwicklungen durch die Informatik und Open Source-Bewegung heutzutage aktuell sind andererseits,
  • angesichts dieser zwei Vorgaben: Ist es möglich, dass man einen Beitrag der Philosophie der Demokratisierung leisten und auch einen neuen Begriff der Philosophie erzeugen und vorschlagen kann, der sozusagen auf demselben Level ist wie das, was bei den Griechen stattgefunden hat?

Das ist von meiner Absicht her nicht nur ein zusätzlicher Beitrag zur Bewegung der Open Source-Aktivitäten sondern es ist der Versuch, Philosophie als etwas zu beschreiben, was mit Open-Source entscheidend viel zu tun hat und was selbst als Philosophie neu gedacht und umgedacht werden kann, wenn man die Open Source-Orientierung dazu nimmt. Ich werde Ihnen nach den Präliminarien – soviel vorweg – eine Vorstellung vom wesentlichen Thema eines sokratischen Dialogs (Gorgias) präsentieren. In der Darstellung dessen, was Sokrates mit der Auseinandersetzung mit Gorgias leistet, wird sich ergeben, wie sich die Chancen und Probleme der athenischen Demokratie auswirken auf die Entstehung der Disziplin Philosophie.

Lippen und Remixing

  • Lippenstift
Lippenstift
  • Lippenbart
Lippenbart

Quelle: Präliminarien (OSP)

Was sollen uns diese Bilder zeigen?

Was sicherlich bei diesen beiden Bildern ins Auge springt, ist der Remix-Faktor. Wenn man das Ganze als psychologische Versuchsanordnung betrachten würde, sollte man nicht zwei solche Beispiele nehmen, sondern die Freiheitsstatue auf der linken Seite und auf der anderen Seite die „remixed“ Abbildung der Freiheitsstatue, um den Effekt greifbarer zu haben. Der Effekt besteht darin, dass Sie eine Information bekommen, die mehr ist als das, was Sie sehen. Jemand der die Freiheitsstatue oder die Mona Lisa nicht kennt, sieht dasselbe, was Sie auch sehen. Es ist aber deutlich, dass jeder der die Freiheitsstatue kennt, zusätzlich zu den Nervenreizungen, die über die Sehorgane kommen, eine Information erhält.

Es ist eine ganz eigene philosophische Thematik, die an dieser Stelle angesprochen wird: Sie sehen nicht nur diese Frau, sondern Sie sehen die Freiheitsstatue. Sie sehen die Mona Lisa und Sie sehen die Mona-Lisa mit einem Schnurrbart. In der kulturellen Eingebettetheit, in der wir sind, haben wir zusätzlich eine Wahrnehmung, die so beschaffen ist, dass wir mehrere Sachen gleichzeitig sehen. Die kulturelle Intervention, die da drinnen ist, dass jemand ein solches Bild produziert mit der Absicht: „Ich fotografiere euch jetzt nicht nur die Freiheitsstatue, sondern ich gehe davon aus, dass ihr wisst, was das Bild der Freiheitsstatue ist und dass ich mit Hilfe dieses Vorwissens etwas mit der Vorlage mache, was woanders hinführt, was einen weiteren Effekt hat.“ Man kann lange reden, welche Effekte das sind. Bei Marcel Duchamp ist der einfache Effekt klar und bekannt. Es ist ein Statement über den paradigmatischen Charakter eines Kunstwerks, von dem manche Leute bewundernd stehen; sozusagen eine kleine Ohrfeige für die Bewunderungspartie, die vor dem Bild steht. Diese Bewegung, die bei Duchamp drinnen ist, die in seinem Kontext ein sowohl theoretisches als auch ästhetisches Statement ist, ist in diesem Bild zu sehen. Der Punkt im Zusammenhang mit der Open Source-Thematik, der dorthin führt, ist nun der, dass dieser - der von mir hier nur kurz geschilderte - Effekt nicht möglich wäre, wenn man nicht auf solche Materialien zurückgreifen könnte. Wenn Ducham eine Frau gezeichnet hätte mit Schnurbart (Max Ernst oder Dali könnten so etwas gezeichnet haben), dann würde dieses Bild den entscheidenden Punkt, sich auf eine Bildlichkeit beziehen zu können, die in unserer Sozialisierung, in unserer Bildungsgesellschaft verankert ist, verlieren. Das ist im Bereich der Kunst an dieser Stelle greifbar. Es ist natürlich, wenn ich es von der akademischen, philosophischen Seite sehe, klarerweise nichts Besonders überraschendes. Das ist einer der Punkte, warum man quasi aus der Philosophie eine extra Anstrengung produzieren muss, um sich mit der Sache auseinanderzusetzen, die Open Source in nicht-philosophischen Bereichen bedeutet. Stellen Sie sich ein simples, zu Tode gerittenes Beispiel vor: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“. Da gibt es 5 entsprechende Schnurrbart-Versionen dafür. Jeder zweite Intellektuelle glaubt, er kann eine Variation darüber machen. „Worüber man nicht schweigen kann, darüber kann man pfeifen“ oder so etwas Ähnliches. Das ist in der Philosophie also ähnlich. Doch was ich sagen wollte: Der Effekt ist der des Zitats.

Der Schnurrbart als Zitat? Wie meinen Sie das?

Zitate funktionieren so, dass man mit der eigenen kreativen Tätigkeit andockt an einen vorgegebenen, kulturellen Bestand, den Leuten also sagt: „Hier könnt ihr mich fixieren. Hier lasse ich mich sehen und beurteilen.“ Das sind quasi Fixpunkte, an denen die Kopfgeburten, für die Philosophinnen durchaus bekannt sind, in anderen renommierten, geprüften Zusammenhängen festgemacht werden, sodass man – das ist natürlich klar – gewisse Autorität gewinnt.

Die Zitate, die Sie in der Proseminarausbildung kennen, sind natürlich der klassische Fall, von dem was dann hier ein Remix ist. Eine Reihe von PS-Arbeiten oder SE-Arbeiten und so sind ja auch immer wieder mal Remixes von anderen Arbeiten. Ich werde auf ein oder zwei Beispiele noch in weitere Folge kommen, möchte Ihnen aber jetzt den Text von Lev Manovich vorstellen.

Worum geht es in dem Text von Lev Manovich?

Dieser Text mit dem Titel „Who is the Author? Sampling / Remixing / Open Source“ der mir im letzten Semester in der VO: „Code, Kommunikation und Kontrolle“ sozusagen übrig geblieben ist, ist hier als Einleitung gut geeignet, da er mit einem Hinweis auf Open Source endet und schon im vergangenen Semester dazu gedacht war, vom vorherigen Thema überzuleiten.

Eine der wichtigen Bemerkungen in den ersten 5 Punkten ist die, dass wir seit den 80er Jahren eine neue Zugangsweise von Interaktivität haben, die sich im Zusammenhang mit Software und Autorschaft bemerkbar macht. Sein Punkt ist, dass diese Interaktivität, in der Sie etwas eintragen können, in der Sie gefragt werden, in der Kunstwerke reagieren auf die Interventionen von Betrachterinnen, nicht wirklich in einem ernst zu nehmenden, tragfähigen Sinn Interaktivität ist. Das will ich jedoch nicht näher verfolgen. Ich springe zu Punkt 6, wo es um Remixing geht.

Was heißt und woher kommt Remixing?

Man spricht im akademischen Bereich eigentlich nicht vom „Remixen“. Es gibt stattdessen ein wenig gemütlichere Terminologien wie z.B. „Zettelkasten“. Wenn Sie sich z.B. eines der zahlreichen Bücher von Hans Blumenberg angesehen haben, wird Ihnen klar werden, dass da ein riesiger Zettelkasten dahinter ist, der in der Verfolgung einer bestimmten These durchgearbeitet wird. Remix ist also ein wenig abwertend verstanden, wenn man es im Rahmen der Philosophie verwenden wollte. Die Zuspitzung, die Lev Manovic vornimmt, ist aus einem anderen Bereich, aus einem Medienbereich zu verstehen.

Der Terminus „Remixing“ kommt, wie Lev Manovic sagt, aus der DJ-Zeit, der schon ca. 1973 vorkommt. Diese Form von Auseinandernehmen von Tonmaterial und Neuzusammensetzen ist natürlich eine Folge der entsprechenden Audiotechnik (z.B. 24-Spur-Audio-Mischer). Die einzelnen Bestandteile (Tonspuren) kommen rein und werden aufgrund der digitalen Verarbeitungsweise gemischt und können auch wieder auseinander genommen werden.

Als ich groß geworden bin, bekam man ein Endprodukt als Schallplatte oder Kassette. Was damals – auch aufgrund der technischen Möglichkeiten – noch nicht angezeigt war, ist die Möglichkeit, die einzelnen Bestandteile der Audioprodukte auf neue Art und Weise zusammen zu setzen. Die Konfiguration des Endprodukts kann zurückgenommen und neu gestaltet werden. Das sind Beobachtungen, die mit Philosophie oder klassischer akademischer Tradition sehr wenig zu tun haben. Obwohl ich Sie darauf aufmerksam mache, dass es in der Philosophie auch etwas Ähnliches gibt. Ich habe mehrere Jahre Vorlesungen über den Nachlass von Wittgenstein gehalten. Der Wittgensteinsche Nachlass ist auf eine faszinierende Art und Weise ein solches Ensemble von unterschiedlichen Tonspuren, die teilweise sogar über Loops laufen. Wittgenstein ist derjenige, der aus seinem eigenen Tonmaterial, eine Endabmischung versucht. Es ist ihm einmal gelungen: die Endabmischung Traktatus; herausextrahiert und zusammengestellt aus seinen Tagebuchaufzeichnungen, in seiner Arbeit in den Jahren 1914 bis 1918. Es ist ihm nicht noch mal wieder gelungen. Er hat massives Material gehabt und er hat es immer neu zusammengestellt doch es ist ihm nicht gelungen, es in eine Endfassung zu bringen. Kurz gesprochen: Es gibt in der Philosophie einige ausgesprochen prominente Fälle, in denen man so etwas feststellt. Der Nietzsche-Nachlass ist ein zweites Beispiel diesbezüglich.

Warum ich Ihnen das sage ist, weil ich Sie zuerst darauf aufmerksam machen wollte, dass diese Phänomene aus der technischen Unterhaltungskultur kommen. Die nächste Stufe zu dem Remix ist aus Sicht Lev Manovichs das Assembling:

Was bedeutet Assembling? Oder: YouTube als Plattform für politische Beteiligung

This take-over is closely related to the new freedom in the use of mixing and sampling. That year M/A/R/S released their record “Pump Up the Volume”; as Poscardt points out, “This record, cobbled together from a crazy selection of samples, fundamentally changed the pop world. As if from nowhere, the avant-garde sound collage, unusual for the musical taste of the time, made it to the top of the charts and became the year’s highest-selling 12-inch single in Britain.“

Ich lasse mich auf die Geschichte der Audioproduktion nicht ein, sondern springe zu einer Übertragung der Entwicklungen der Audioproduktion in den Videobereich, die innerhalb der letzten 5-8 Jahren passiert ist. Ich nehme an, Sie kennen YouTube. Ich werde in der nächsten Einheit genauer darauf zu sprechen kommen. Was Sie auf YouTube haben, ist eine neue und bedeutend generalisiertere Form dieses Remix aus der DJ-Kultur. Sie können in der Audiowelt, in der Welt der DJ-Kulturen und der Welt der MP3-Freaks vergleichsweise beschränkte Vorlieben musikalischer Experimentierung vornehmen. Das explodiert jedoch ab dem Zeitpunkt, ab dem Sie leicht transformierbare und transferierbare Videoinhalte haben. Es gibt vergleichsweise wenig politische Musik und wenig politisches Investment in Musik. Es gibt natürlich Nationalhymnen auf der einen und Anti-Nationalhymnen auf der anderen Seite, aber das ist für die Musikszene vergleichsweise nicht so wichtig. Es gibt aber unermesslich viele politische Videoinhalte, einfach schon deswegen, weil es digitales Fernsehen und digitale Rekorder gibt und weil Sie mit 25 Kanälen und 24 Stunden an Tag mit einer Unmenge an Videoinhalt konfrontiert werden. In diesem Zusammenhang ist die Motivlage für Personen, sich dieses Materials zu bedienen, um daraus etwas zu machen, um ein Vielfaches höher. Sie haben mit Flash und diesen Video-Sharing-Seiten eine Möglichkeit der Selbstdarstellung und der politischen Intervention auf der Basis solcher Remixes. Die Clips, die Sie auf YouTube sehen, sind ja zumeist nicht Videoclips davon, dass eine Kandidatin eine Rede hält. Das kommt natürlich vor. Es gibt – um ein Beispiel zu nennen – einen Clip von Erwin Pröll auf YouTube. Eine Live-Aufnahme davon, wie er einen Pfarrer niedermacht, der für Gerechtigkeit am Arbeitsmarkt eintritt. So etwas gibt es natürlich auch. Das sind vergleichsweise lokale, wenn auch viel sagende Einzelepisoden, wo der Vorteil darin besteht, dass man gerade zur richtigen Zeit anwesend war und die Videokamera draufgehalten hat. Das kann ausgesprochen peinlich sein, hat aber eine ähnliche Bedeutung wie wenn jemand vergessen hat, das Mikro auszuschalten, wenn er eine Beschimpfung von sich gegeben hat oder Ähnliches. Was ich sagen will ist: Die Tatsache, dass insbesondere politische Interventionen im Wesentlichen nicht mehr auf solchen Einzelveranstaltungen beruhen, sondern sie beruhen auf etwas, was es noch niemals in der Geschichte der Demokratie – da bin ich wieder bei dem großen Bogen - gegeben hat: Durch Remixing von Videos können Interventionen von einzelnen Personen auf politische Inhalte in kürzester Zeit in das Maximum an Publikum gespeist werden. [AKA: Um die Unterschiede zu den klassischen Möglichkeiten aufzuzeigen, können drei Formen von politischer Beteiligung herausgezeichnet werden:]

  • Auf der einen Seite tritt jemand in einer Live-Veranstaltung auf und enthüllt ein Protest-Plakat und setzt damit einen Gegenakzent gegen die Veranstaltung. Das ist neben Klatschen und Buhrufen eine der klassischen Möglichkeiten, politisch aufzutreten; gegen die Veranstaltung einen Kontrapunkt zu setzen.
  • Auf der anderen Seite ist es natürlich heute selbstverständlich, dass dort ein Fernsehteam anwesend ist und das Plakat fotografiert oder abfilmt, damit auch der Rest der Nation sieht, dass die Veranstaltung gestört wurde.
  • Und nun das Neue, was für demokratische Abläufe Konsequenzen hat, die wir noch nicht einschätzen können, wo es aber zunächst einmal wichtig ist, es überhaupt zur Kenntnis zu nehmen: Nämlich, dass wir mit YouTube und ähnlichen Interaktionen eine Plattform haben, in der man sein Protestplakat enthüllen kann, ohne dass einem jemand abführt. Das ist das Positive. Man kann ungehindert fünf Minuten reden über etwas, das jemand gesagt hat. Und wie tut man das? Man kann sich einfach vor die WebCam setzen und eine Rede halten, aber die populärere, effektivere und attraktivere Form ist natürlich, einen Remix von Videoinhalten zu machen. Und genau das gibt es sehr zahlreich und das ist es, was ich unter Anderem im Auge habe, wenn ich eine Vorlesung wie die solche halte.

Doch was sind die negativen Aspekte im Zusammenhang mit Assembling? Oder: Das Andere der Remix-Kultur

Ich habe viel Positives zumindest impliziert über diese Zusammenhänge. Wenn ich schon dabei bin, möchte ich auch den Gegenpunkt sagen, weil mir das wichtig ist und weil das nicht ungern übersehen wird und weil das auch etwas mit den Geschichten zu tun hat, die ich Ihnen demnächst über Athen erzählen werde. So wie ich all die kreativ-positiven Aspekte aufgezählt habe, ist es ebenso ein Faktum, dass der ödeste Schrott auf diese Art und Weise produziert wird. Und nicht nur der ödeste Schrott, sondern auch der aggressivste und bösartigste Schrott auf dieselbe Art und Weise produziert und auf YouTube veröffentlicht wird. Das ist eine Konstellation, die man mit berücksichtigen muss. Man kann nicht einfach die größere Beteiligung der Massen feiern, ohne zu sehen, dass mit dieser stärkeren Aktivierung der Massen Momente in die Diskussion kommen, die nicht so wohlerzogen sind. Darauf werde ich – wie gesagt auch im Zusammenhang mit der damaligen Situation in Athen – zu sprechen kommen.

Was ist das Open Source Modell? Oder: Browserkriege und bugfreie Bücher

Lev Manovich spricht vom „Open Source Model“ und greift zur Erläuterung auf Ted Nelson zurück, der schon in den 50er/60erJahren, bevor es noch Hypertext im Web gab, eine Vorstellung im Projekt Xanadu entwickelt hat, die folgendermaßen aussieht: Er nimmt im Prinzip das Konzept des Hypertext im globalen Zusammenhang vorweg. Der Bezug/ die Verlinkung hat bei Nelson das Zitatewesen in der Buchkultur zur Grundlage. Was als Fußnote in einem gewöhnlichen Buch fungiert, hatte er zum Ausgangspunkt genommen, um eine neue Kultur des medialen, internet-mäßigen Kreuz- und Querbezugs zu erdenken. Es gibt einen Slogan, der mir massiv im Gedächtnis ist, und den er in seinem berühmten Buch von sich gibt: „Books are debugged“. Bücher sind quasi schon fertig entwickelt im Hinblick auf ihre Verweisungsstrukturen. Im Zusammenhang mit Büchern haben wir keine Bugs mehr, wenn zitiert wird. Wir können damit umgehen. Es gibt keinen Zusammenbruch der Verweisungsfragen. Das WWW hat in einer Weise das, was Ted Nelson vorgeschlagen hat, bei Weitem übertroffen. Es hat aber lange Zeit gedauert, bis es zu einem einigermaßen stabilen Linkzusammenhang gekommen ist. Ich erinnere mich an die damals berühmt-berüchtigten Browser-Wars, wo immer wieder das Problem auftrat, dass eine Website, die von einem Typ von Browser geschrieben wurde, vom anderen nicht gelesen werden könnte. Das ist etwas, was in Büchern nicht stattfindet.

Der Punkt, den Lev Manovich aber machen möchte ist, dass es diese Bewegung in der Computergenerierten Informationsgesellschaft gibt: Mit Hilfe von Mehrfachverwendung und Hyperlinks, von Patchwork, wird diese Form von Mixing hergestellt. Das ist der eine historische Punkt, auf den er hinweist.

Und der zweite, den man in der ersten Stunde in der man über Open Source redet, unbedingt erwähnen muss ist, dass es Open Source und OSP nicht ohne Linux geben würde.

Und was genau ist jetzt Open Source?

Ich habe von Open Source bislang einfach so geredet wie „das Rathaus“, als ob jeder wüsste, was Open Source ist. Ich sollte deshalb erst einmal beschreiben, was ich darunter verstehe:

Open Source ist die Beschreibung einer Kommunikationsform im Bereich der Softwareentwicklung. In der Softwareentwicklung gibt es einen Ausdruck der heißt „Quellcode“ oder „Sources“. Dieser wird von Programmiererinnen in den jeweiligen Programmiersprachen produziert, um ihn dann in ein Binärfile zu kompilieren. Der Quellcode enthält die gesamte Struktur und Programmlogik, die ganze Virtualität dessen, was Programme Zeile für Zeile tun können; er ist einfach ein Text, den Sie lesen können. (Beispiel: Wiki-Syntax und Darstellung des Wiki-Codes im Browser). Also „Source“ ist diese Form von terminus technicus in der Informatik. Die Geschichte dieses Wortes „Source Code“ ist die, dass es zu einem Zeitpunkt, an dem Computer gänzlich neu und teuer waren, es natürlich wie heute notwendig war, dass der „Source Code“ vorhanden war, um den Computer zu steuern, jedoch hatte er keinen Wert in dem Sinne, wie die teure Hardware ihn hatte. Jeder, der die Millionen von Dollars für die Maschine nicht aufbringen konnte, auf dem der Source Code lief, konnte mit dem Source Code nichts anfangen. Das hat sich ab dem Zeitpunkt entscheidend geändert, in dem der PC wirtschaftlich auch für die Einzelbenutzer leistbar war.

Die Frage war dann: Welche Programme laufen auf dem PC, den man sich als jemand aus dem Mittelstand leisten konnte? Und da entstand sozusagen ein neuer Markt, in der Benutzer nicht nur die Hardware, sondern auch die Software kaufen mussten, damit der Computer läuft, oder damit man am Computer Textverarbeitung durchführen konnte. Eine für die Weltwirtschaft absolut entscheidende Situation. Wie Sie wissen, Microsoft ist es gelungen, genau diesen Erfolgstreffer zu landen, dass man jedem Einzelbesitzer eines Computers ein solches Programm, nämlich das Betriebssystem, verkauft. Und das geht nur, wenn Sie den Quellcode, auf dem diese Programme beruhen, nicht zur Verfügung stellen. Denn wenn Sie diesen zur Verfügung stehen, sagen sich die Einzelkunden: „Na gut, dann kompilier ich mir den selber“. Das heißt also: Die gesamte Computerbenutzungs-Situation hängt an dem Faden, dass der Quellcode, der für den Gebrauch dieser PCs entwickelt wurde, geschlossen ist und nicht öffentlich zur Verfügung steht. Das, was öffentlich und gegen Bezahlung zu bekommen ist, ist das kompilierte Endprodukt, das verwendet, aber in ihrer Infrastruktur nicht verändert werden kann.

Die Alternative war und ist im steigenden Maß noch immer, dass jedem Einzelnen der PC-Benutzer nicht dasselbe Programm verkauft wird. Sie müssen sich zusätzlich vor Augen halten, dass die Entwicklung dieses Programms zwar teuer und aufwendig ist, das jedoch, wenn Sie das Programm einmal entwickelt haben, einen kleinen Klick machen und Sie das Programm auf die CD brennen und Ihnen das praktisch nichts mehr kostet. Sie haben Hunderttausende von Kopien, die sie für kein Geld angelegt haben. Für ein Auto brauchen Sie teures Material – Sie brauchen Hardware. Beim Computer haben Sie also eine sehr eigentümliche Profitstruktur. Darüber werden wir auch noch reden. Die Alternative, das wollte ich sagen, ist natürlich, dass Sie den Quellcode haben. Sie können also selbst entscheiden, welche Programme auf Basis frei zugänglichen Quellcodes Sie in diesem Computer laufen lassen. Die entscheidende und epochale Entwicklung in dieser Hinsicht war die Entwicklung des Linux-Systemkerns von Linus Torvalds zusammen mit der juridischen Konzeption von Stallman: der GPL, der GNU General Public License. Die beiden zusammen ergeben die Situation, dass Sie eine Software haben, für die juridisch festgelegt ist, dass der Quellcode dieser SW immer zur Verfügung steht als empirisches Faktum. Das ist einer der Punkte, wo ich von der Philosophie her immer staune.

Einwand: Hat die Geschichte des Open Source nicht für Stallmann mit der Drucker-Geschichte begonnen?

Das ist völlig richtig. Ich wollte sagen, dass man Linux in einer Open Source Vorlesung nennen muss. Ich habe etwas nicht gesagt, was in Lev Manovich drinnen steht. Die zwei entscheidenden Punkte in diesem Software-Zusammenhang sind Lizenz und Kernel:

Wenn man den Beitrag von Open Source Linux + GPL versucht zu artikulieren, ist wichtig: Das ganze ist unter einem Rechtsrahmen. Das ist der Rahmen, den R. Stallman mit der sogenannten Public License/Copy-Left-Vereinbarung geschaffen hat. Der besagt: „Du kannst das nehmen, was ich zur Verfügung stelle, du kannst damit machen, was du willst, aber nur unter der Voraussetzung, dass das, was du machst, ebenso der Öffentlichkeit zur Verfügung steht“. Das ist im Prinzip genau das Gegenteil von dem, was normalerweise in Copyrights vereinbart wird. Dort steht normalerweise: „Du darfst es verwenden, aber du darfst es nicht ändern“. Ein ganz wichtiger Punkt, den man hier dazusagen muss ist, dass es sich bei GPL nicht darum handelt, dass es keine Vereinbarungen gibt, dass nur die Willkür herrscht und jeder das machen kann, was er machen will, sondern die GPL ist eine Vereinbarung über das, was man tun kann, jedoch geht diese Vereinbarung in die andere Richtung wie konventionelle Copyright-Vereinbarungen: „Wenn du etwas veränderst, müssen den Inhalt die anderen unter denselben Bedingungen zur Verfügung haben, wie du ihn zur Verfügung hattest.“ Das ist die Bedingung.


Diese Form von empirischem Faktum kann man in der Philosophie nur herbeiwünschen, herbeisehnen, herbeiträumen, aber niemals kann das in dem Sinne so geschehen, jedoch an der Stelle ist es geschehen: Es gibt eine größere Anzahl von Softwareentwicklern, denen es gelungen ist, auf der Basis von Kooperation und Internet, ein Betriebssystem zu entwickeln, dass von der Leistungsfähigkeit her mindestens so belastbar ist wie die damals verbreiteten und verwendeten kaufbaren Softwaresysteme. Es hat sich also empirisch gezeigt, dass es unter diesem alternativem Entwicklungsmodell möglich ist, effektivere, wirksame Software zu erstellen, die die von mir kurz beschriebene Dynamik im Softwaremarkt massiv beeinflussen kann.

Mit dem Philosophen-Traum habe ich gemeint, dass es genügend Fantasien in der Philosophie gibt, sie brauchen sich nur Thomas Morus etc. ansehen, um eine Idee zu bekommen, wie sinnvolle Kooperation entstehen könnte. Ich veranstalte ein Seminar – in diesem Semester – über Platons „Der Staat“. Das ist eines der spektakulärsten Kopfprodukte darüber, wie Gemeinschaften aussehen sollen. Man kann in der Philosophie unter Appell an hohe Prinzipien solche Modelle entwerfen, was man nicht kann, ist so etwas durchzuführen, was de facto in der OpenSource-Welt geschehen ist.

Was verstehe ich also unter Open Source. Open Source beginnt mit dieser Form von Quellcode im Entwicklungsbereich und lässt sich verallgemeinern in einen Begriff von „Open Culture“. Nachdem unsere Kultur in zunehmenden Maß umgeben und getragen wird von Kommunikationstechnologie, hat dieses Modell des Umgangs mit Inhalt, da rede ich auf der einen Seite von Remixing, auf der anderen Seite von Open Source – zunehmende Bedeutung in dem Bild, das wir uns von kultureller Kommunikation machen.

Lippenstift-Clips

Ich werde noch ein bisschen für Unterhaltung sorgen und Ihnen ein Remix-Beispiel vorführen. Das ist der Anfang von einem Vortrag, den ich morgen (04.10.08) über „Open Access“ halten werde im Rahmen der Veranstaltung „Emergenzen 7“. Es eignet sich gut als Illustration.




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