Benutzer:Andyka/Mitschriften/SS08-Code2-25 04 08

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Fragmentarische Mitschrift der VO Code(2) am 18.04.08

  • Vortragender: Herbert Hrachovec

Mechanischer Prozess vs. Bedeutungsschweres Resultat

Husserl hat schon zu Beginn des 20 Jh. Ideen über Semiologie ausgesprochen, die für uns heute noch interessant für das Thema formale Sprachen sind (vgl. Diskussion Rechenregeln). Dort wird das demonstriert, worum es im Kern bei Husserl geht:

Wir sind gewohnt, in Disziplinen wie der Informatik ein Regelsystem anzunehmen, dass in nichts anderem besteht als in rein formalen Ersetzungsregeln. Zeichen auf der linken Seite werden durch Zeichen auf der rechten Seite ersetzt. Das ist eine Tätigkeit, die im Prinzip auch mechanisch durchgeführt werden kann. Ein anderes Beispiel dazu, an denen sowohl die Ähnlichkeit als auch der Unterschied gezeigt werden kann: Kartenmischen.

In einer Kartenspielrunde ist es notwendig, dass bei jeder Runde die Karten anders verteilt sind. Deshalb mischt man die Karten. Man denkt beim Mischen nicht nach, vollzieht bestimmte Handbewegungen. Dadurch wird der Zweck erreicht, dass die Karten in der nächsten Spielrunde neu verteilt sind. Und hier zeigt sich der wunderschöne Zusammenhang zwischen Mechanismus und Inhalt: Man findet es hier nicht anstößig, beim Mischen nicht nachzudenken. Es muss einfach jemand/etwas diese Tätigkeit machen - und dadurch wird ein inhaltlicher Zweck erfüllt.

Das führt auch zu einer nebenläufigen Überlegung: Kann man außerhalb des Spiels Kartenmsichen? Hier kann man Heidegger heranziehen, der das verneinen und in etwa sagen würde: Kartenmischen geht nur im Kartenspiel und das heißt im gesellschaftlichen Umgang. Man braucht zum Kartenmischen Leute mit denen man Karten spielt.

Zum Vergleich zwischen formalen Sprachen und Kartenmischen

  • Beide Beispiele, das Kartenmischen wie die Ersetzungssysteme, können mechanisch durchgeführt werden.
  • Was beide Beispiele unterscheidet: Beim Kartenspielen ist es nicht skandalös, wenn ein mechanischer Zufallsfaktor vorhanden ist. Wir würden aber niemals - wenn wir einen Zufallsgenerator hätten, der ohne Gesetzlichkeit Zeichen der einen Art Zeichen in Zeichen der anderen Art ersetzt - sagen, das ist ein System zum addieren oder multiplizieren.

Das ist der Punkt, an dem Husserl mit seiner Fragestellung einsetzt:

Erzeugt der mechanische Prozess richtige, wahre Ergebnisse?

Auf der einen Seite haben wir formale Manipulationen von Zeichen, die eigentlich nichts anderes ist als ein Spiel. Woher haben wir die Berechtigung zu glauben, dass diese formale Manipulation von Zeichen irgendein Ziel erreicht, irgendwie für uns wichtig ist? Die Schritte zur Antwort liegen jetzt darin, dass man schauen kann, wie - im Einzelnen ausbuchstabiert - der Weg zwischen den Vorgängen auf der formalen Ebene und der Erreichung eines Ziels als inhaltlicher Ebene tatsächlich aussehen kann.

  • Kartenmischen ist im Alltag ein Bedürfnis nach einem Zufallsgenerator, den wir einsetzen und von dem wir erwarten, dass er funktioniert. Wir sind mit einem formalen System zufrieden, das uns vorgeblich beim Rechnen hilft. Warum aber vertrauen wir darauf, warum sind wir zufrieden?
  • Heideggers Antwort: Der Endzweck solcher mechanischer Tätigkeiten kann nur sein: einen Lebensvollzug zu ermöglichen. Es muss ein Bedürfnis solcher Rechenvorgänge geben und innerhalb dessen findet ein Mechanismus Berechtigung. Die Einbettung von Mechanismen im System gesellschaftlicher Zwecke ist eine wichtige Perspektive.
  • Husserls Antwort geht in Richtung der Frage: Wie kommt der Mechanismus zur Erfüllung des gesellschaftlichen Zweckes? Ein solcher Mechanismus hat für sich aus keinerlei Bedeutung. Inputs und die Transformationsregeln von Inputs in den Output haben von sich aus keinerlei Bedeutung.
    • Der Mechanismus ist einfach ein Verfahren zur bedeutungslosen Zeichenmanipulation. Man kann dann fragen: Warum wählst du denn dann diese Regeln, wenn die nichts bedeuten?
    • Die Antwort kann nicht direkt sein: Weil ich multiplizieren will. Sie kann aber sein: Diese Zeichengestalten lassen sich interpretieren als Stellvertreter (als Code) für etwas, was sie bedeuten, z.B.: natürliche Zahlen. Die a's können interpretiert werden:
      • Dafür ist ein Definitionsbereich - im Beispiel der formalen Sprachen eine formale Ontologie - notwendig. Man braucht einen Bereich wo man findet, worauf sich diese Zeichen beziehen können.
    • Bestimmte Arten der Manipulation von Zeichen kann man als Verhältnis von Zahlen interpretieren. Wenn man eine Zeichengestalt nimmt und ein weitere dieser Zeichengestalten dazutut und die Zeichengestalt ist interpretiert als eine Zahl - dann ist die Interpretation dieses '+'-Zeichens das Verhältnis der Hinzufügung einer Zahl zur anderen Zahl, also des Zählvorgangs.
    • Das sind Überlegungen, die noch nicht in der Alltagspraxis drinnen sind - das ist nicht etwas, was sie in der Volksschule lernen, wenn sie multiplizieren lernen - das ist der entsprechende Zwischenschritt einer formalen Interpretation eines mechanischen Systems - nämlich des Zählens von natürlichen Zahlen. Das ist ein Gedankenkonstrukt.
  • Nächster Schritt: Ist diese formale Interpretation ein akzeptables, sinnvolles Modell?
    • Modell im Sinne von: Syntaktische Vorgänge haben ein formales Modell in den Zahlen.
    • Modell im Sinne von: Modelleisenbahn. Diese ist im kleinen Stil etwas, was die Eisenbahn im großen Stil ist.

Dies nur als Kurzzusammenfassung der gegenwärtigen Perspektive auf die Antwort des Husserl-Problems. Husserl stellt die Frage: Warum ist die Maschine so unglaublich effektiv? Was antwortet Husserl inhaltlich darauf: Weil unsere Zeichensysteme so sinnvoll konstruiert sind. Weil in unseren Apparaten eine formale Rekonstruktion dessen drinnen steckt, was wir wollen, um wahre Sätze zu erzeugen und in der Praxis umzusetzen. Weil die Konstruktionsgesetze logisch einsichtig sind, können wir uns auf den Apparat verlassen. Wir wissen, dass der Apparat auf diese Weise konstruiert ist.

Die formalen Manipulationen, die wir in der Volksschule lernen (simple Algorithmen) erzeugen bei ihrer Verwendung Resultate und diese werden im alltäglichen Urteilsprozess interpretiert als wahre Urteile. Das ist die Linie von Husserl. Ich muss mir nicht - wenn ich richtig gerechnet habe - im einzelnen Fall vorstellen, ob das wirklich stimmen kann. Wenn ich richtig gerechnet (den Rechenvorgang richtig angewandt) habe, stimmt das Resultat auch.

Gegenbeispiel, das man leicht nachvollziehen kann: Man rechnet in einer Schularbeit etwas aus und erhält ein unmögliches Resultat mit unzähligen Kommastellen. Unmöglich deshalb, weil normalerweise bei Schularbeiten ganze Zahlen oder mindestens Zahlen mit wenig Kommastellen vorkommen. Das heißt dann: Man kann letztlich nie darauf verzichten, dass man sich das Ergebnis anschaut und sich die Frage stellt: Ist das Ergebnis plausibel? Diese Frage bleibt. Dass diese Frage bleibt, hängt damit zusammen, dass diese Vorgänge letztlich eingebettet sind in den gesellschaftlichen Zusammenhang.

Das Für-wahr-halten von Mechanismen gilt schon für die Systeme v. Bleistift und Papier in der Volksschule - aber das gilt auch für Taschenrechner und Computer, die uns das gedankenlose Ziffern untereinander schreiben abnehmen um z.B. eine Addition durchzuführen. Die Funktion, dass hier die Maschine in die Zeichenmanipulation eingreift, die ist der Punkt, wo Informatik/Computer einen Eingang in die Code-Problematik finden. Der zentrale Punkt sind in diesem Zusammenhang die Konzepte von A. Turing: In den 30er Jahren begann er, sich einen theoretischen Mechanismus zu überlegen, wie Rechenvorgänge/Codeabläufe formalisiert werden können, sodass...

  • a.) man die Rechenvorgänge wirklich durchführen kann (AKA: vgl. Halteproblem ), und dass
  • b.) die Ergebnisse dieser Durchführungen mittels Durchlaufen von einfachen, hirnlosen Maschinenzuständen erreicht werden können (vgl. Turingmaschine als JavaApplet und bei Wikipedia ).

Man hat ein Band - einen Lesekopf und eine sehr beschränkte Anzahl von Operationen. Die Maschine durchläuft bestimmte Zustände und befindet sich am Ende (AKA: wenn die Maschine hält) in einem Endzustand. Endzustand ist nun zweideutig:

  • Endzustand als Ende des Vorgangs
  • Endzustand als Ergebnis der Multiplikation.

Es ist in der Regel so, dass der Endzustand verwendbar ist als eine Aussage, die ich als "So ist es" mit einem Wahrheitsanspruch behaupten kann.

Zwischen trinkbarem Orangensaft und wahren Zeichenfolgen

Wenn der Apparat zur Herstellung von gepresstem Orangensaft funktioniert, dann ist das Ergebnis ein Glas von gepresstem Orangensaft, das ich trinken kann. Dieses Beispiel verharmlost die Problematik etwas, ähnlich wie das Mischen der Karten. Wir haben Maschinen eben dafür, dass sie solche Resultate produzieren.

Die Besonderheit und das Relevante für die Philosophie ist aber nun, dass das Resultat der mechanischen Tätigkeit bei formalen Sprachen nicht das "Zusammenstauchen" von Orangenhälften ist. Sondern: Das Resultat der Manipulation von Zeichengestalten - vergleichbar mit dem "Ich kann es trinken" bei der Orangenpresse - ist :es kommt eine Zeichenkette heraus. Da kann irgendeine Zeichenkette herauskommen. Wunderbarerweise ist die Zeichenkette, die dabei rauskommt das, was ich verwenden kann und wo ich sagen kann: "So ist es", wobei die Frage, "Wer bestätigt das?" eine andere ist und da kommen wir rein in den Bereich der Wahrheit - den Bereich der Praxis. Wir sind nicht in einer Welt in der man im Beispiel des Schul-Kontexts folgendermaßen vorgeht:

Die Mathe-Lehrerin fragt mich: Wie viel ist 300*13? Ich tippe auf den Rechner und halte ihr das Resultat des Rechners hin (in dem Sinne: Warum fragst du mich das, ich muss dir ja nur zeigen, was die Maschine gerechnet hat). Das ist ganz einfach nicht die Beschreibung der Umstände, in der wir sind. Es gehört zur Befriedigung der Frage der Lehrerin so ein Moment rein wie: Wenn ich etwas sage, kann das zwar mechanisch erzeugt sein, aber ich muss die Antwort argumentieren können. Ich muss argumentieren können. Argumentation ist ein entscheidender Faktor in der Art und Weise, wie man mit Wahrheit umgeht. Das sieht man ganz gut darin, dass ich im obigen Beispiel derart vorgehe:

  • Ich zeige das Ergebnis des Taschenrechners
  • Die Lehrerin fragt: Warum zeigst du mir das?
  • Ich kann dann argumentieren und sagen: Das ist die Antwort, weil das steht auf meinem Taschenrechner. Und was dort steht stimmt, wenn es um das Lösen von solchen einfachen Rechenbeispielen geht.
  • Dann sagt die Lehrerin: Wie seht es aus, wenn dir der Rechner heruntergefallen ist und etwas von den Verdrahtungen kaputt geht? Oder was ist, wenn der Rechner steckenbleibt?

Dann steht man vor der Frage: Wie argumentiert man weiter? Wie geht man mit dem Problem um? Dies wären Bsp. von mechanischer Produktion, die nicht das Ergebnis produzieren, das man sich wünscht.


Zum Verhältnis von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit bei Husserl

Ich habe darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung, die Husserl macht, eine zwischen einem eigentlichen und einem uneigentlichen Zeichengebrauch ist und dass der eigentliche Zeichengebrauch eine nahe Verankerung an die lebenspraktischen Kompetenzen der Menschen hat, während der uneigentliche Zeichengebrauch, der uns hier "eigentlich" interessiert, eine Künstlichkeit mit sich bringt.

Ohne die Möglichkeit äußerlicher, dauernder Merkzeichen als Stützen unseres Gedächtnisses, ohne die Möglich­keit symbolischer Ersatzvorstellungen für abstraktere, schwer zu unterscheidende und zu handhabende eigentliche Vorstellungen oder gar für Vorstellungen, die uns als eigentliche überhaupt ver­sagt sind, gäbe es kein höheres Geistesleben, geschweige denn eine Wissenschaft. Die Symbole sind das große natürliche Hilfsmittel, durch welches die ursprünglich so engen Schranken unseres psychischen Lebens durchbrochen, durch welches diese wesentlichen Unvollkommenheiten unseres Intellekts, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, unschädlich gemacht werden.

Ich bin das letzte Mal beim Thema Uneigentlichkeit auf folgendes gekommen: Uneigentlich erinnert in Anschluss an Husserl an Heidegger und seine prominente Unterscheidung von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit. Dazu gab es in der Wiki-Diskussion eine Auseinandersetzung, über die ich später noch zu sprechen komme.

Husserl spricht davon, dass es ohne uneigentliche Zeichen keine Wissenschaft geben könne; dass wir Wesen sind, die in der Lage sind, mit Symbolen verschiedenster Arten uns auf Vorstellungskomplexe zu beziehen, Vorstellungskomplexe zu markieren, die weit komplizierter, verketteter, raffinierter sind als die Vorstellungen unseres gewöhnlichen Reiz-Reaktionsmäßigen eingebetteten Verhaltens.

Es war letztens die Rede von Afrika: Wir können uns in Uganda im Urwald befinden - doch das ist nicht Afrika. Wir sehen tropische Pflanzen oder Tiere - aber wir sehen nicht Afrika. Afrika - die Welt - den Planeten Erde können wir nicht sehen. Doch dennoch haben wir ein Zeichen dafür. Wir können damit Verfahren und kommen so in den Abstraktionsbereich der Wissenschaft.

Wirkliche Vorstellungen stehen an dieser Stelle in Opposition von symbolischer Vorstellungsbildung. Bevor es die Photographie vom Weltall aus gegeben hat, war die Erde nicht wirklich vorstellbar - nicht für eine menschliche Sinneserfahrung zu verarbeiten. Doch heutzutage - das ist tatsächlich eine quantitative Erweiterung dessen, was wir uns vorstellen können - können wir uns die Erde wirklich vorstellen. Das Bild Gottes im Kontrast dazu macht deutlich, wie es hierbei noch immer einen nächsten Schritt gibt, der in die Richtung Wissenschaft läuft. Wir können uns Gott, das liegt im Begriff Gottes, (wie auch in den Begriffen Außending, Seele, wirklicher Raum,...) nicht sinnlich vorstellen. Sie sind nicht von der Art, dass wir zu einer sinnlichen Anschauung der Gedankeninhalte kommen könnten.

Und das ist nun der Punkt, wie Husserl eigentliche und uneigentliche Vorstellungen voneinander unterscheidet. Er spricht von einer Vereigentlichung von Begriffen. Das bedeutet bei Husserl: Die Überführung vom Begriff in wirkliche Vorstellungen, derart dass man die Wahrheit von Aussagen über solche Zusammenhänge bestätigen kann -und nicht sagen muss: Da hab ich nur ein Surrogat - ein uneigentliches (Husserl) Symbol.

Es würde nun die genauere Diskussion im Sinne einer Textinterpretation kommen, über das, was Husserl über die Mathematik ausführt. Ich werde hier nur das Endresultat kurz ausführen; es spitzt sich auf die Frage zu: Worin gründet der Wahrheitswert der Resultate dieser Mechanismen? Die Form des Schlusses - die Form der Maschine ist vorweg koordiniert mit der logischen Form, die wir der Form der Maschine gegenüber aufwenden/aufprägen wollen: Durch die Koordination der logischen Form ergibt sich die Verwendbarkeit der Resultate. Bei dem Lehrerin-Schüler-Taschenrechner-Beispiel: Wenn der Taschenrechner heruntergefallen ist und nicht mehr die erwünschten Resultate bringt, dann ist die logische Form davon unberührt - doch der Schaltkreis, dem die logische Form aufgeprägt ist, ist beschädigt und dadurch ist die Koordination zwischen dem Funktionieren des Schaltkreises und der logischen Form gestört.


Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit bei Heidegger

Heidegger war eigentlich nicht vorgesehen, doch den kann ich doch an der Stelle nicht auslassen. Man kann auch Kittler nicht wirklich verstehen, wenn man nicht auch auf Heidegger eingeht. Ich beginne zunächst mit einem anderen Einstieg, der uns schon einmal beschäftigt hat:


Die Mystik des Programmierens

Am Ende des Kittler-Aufsatzes heißt es:

Wer auch nur einmal Code geschrieben hat, in Computerhochsprachen oder gar Assembler, weiß aus eigener Erfahrung zwei sehr schlichte Dinge. Zum einen führen alle Worte, aus denen das Programm ja mit Notwendigkeit entstanden und entwickelt worden ist, nur zu lauter Fehlern, Wanzen oder Bugs: zum anderen läuft das Programm mit einem Mal, sobald der eigene Kopf von Worten ganz ganz (sic!) entleert ist.

Hier sind zwei provokante Auffassungen von Kittler enthalten. In dem Zusammenhang, in dem wir es jetzt beschreiben, zeigt sich schön, wogegen Kittler sich abgrenzt:

  • Die eine Seite: "Alle Worte führen zu lauter Wanzen Bugs" ist gerade zu paradigmatisch die Gegenbewegung zu Husserls wunderbarer Maschine. Während Husserl sagt: Wir sind in der Lage, Programme zu schreiben, die uns auf wunderbare Weise die Wahrheit in den Mund legen, sagt Kittler: Man weiß doch, wenn man mit Computermaschinen arbeitet: Das ist einfach nichts anders als eine Menge von lauter Fehlern. Das ist zwar genauso kurz gegriffen wie die wundersame Maschine aber hier zeigt sich sehr schön der Schwarz-Weiß-Kontrast.
  • Die zweite Seite: Auf eine raffiniert involvierte Weise enthält es ein Resultat der Heidegger-Debatte: Wenn wir versuchen wollten, als bewusste, entscheidungsfähige, aufmerksame, kompetente, rationale was immer Wesen, und konfrontiert mit diesen Formalsystemen und den vielen Fehlern, die sie produzieren, versuchen, zu einer Eigentlichkeit zu kommen in dem Sinn in dem wir sagen: die Eigentlichkeit besteht darin, im wachen Zustand in der Lage zu sein, die Produkte unserer Maschinentätigkeit zu überschauen und uns in unserer normalen Praxis anzueignen. Wir wüssten dann, wir könnten aus eigener Erfahrung das Resultat der Maschine als vertretbar, wahr anerkennen. Wenn wir auf diese Art und Weise - mit einem klassischen Personenbegriff ausgestattet - in die informatische Praxis gehen und versuchen unser Selbstverständnis, unsere Vernunft, unsere Autonomie auf diese Art und Weise zu finden, dann geht das niemals, weil wir "dasteßn" uns in lauter Wanzen und Bugs. Der einzige Zustand, der diese Abgeklärtheit/Rundung erreicht, der uns entlastet vom Fehler, vor der Verantwortung, diese Fehler neu zu produzieren/reproduzieren, ist nicht der Zustand der rationalen/vernünftigen Einsicht, sondern ist endlich der Zustand ohne zu denken, ohne dass ich sagen könnte, warum das Programm jetzt läuft. Das ist für Leute die damit umgehen, eine reale Erfahrung. Denn es passiert sehr einfach und oft, dass man Herumfummelt im Source-code und irgendwann läufts dann. Das ist der Punkt, ich ziehe dies hier sehr riskant als einen Strich (das ließe sich auch ausbuchstabieren), wo die Linie der Husserlschen Überlegung von der rationalen Wahrheitsvertretbarkeit des mechanischen Verfahrens über die Heidegersche Kritik am Umgang mit Symbolsystemen und die daran anschließende Umwertung des Subjektivismus und des Rationalismus in eine post-subjektivistische Betrachtung - letztlich in einen mystischen Zustand führt - in dem man sich befindet, wenn der Code läuft. Die Erfahrung, dass sich die Komplikationen auflösen und ein Programm läuft ohne dafür einen Grund dafür angeben zu können - sind ja geradezu mystische Begriffe.

Das war ein Rückgriff auf den Diskussionsprozess bei Kittler. (AKA: diese Überlegungen sind mir nun nach diesen Erklärungen auch einsichtig und einleuchtend)

Überblick: Heidegger-Texte 1-2

Ich komme zum Problem der Eigentlichkeit/Uneigentlichkeit vom letzten Mal: Dazu finden sich im Wiki drei Heidegger-Texte.

  • Text1: Husserl-Anknüpfungstext: Die Husserlschen Vorarbeiten über Zeichen, zitiert Heidegger wirklich, obwohl er in SZ nicht viel zitiert. Dadurch ist eine direkte Bindung mit den Vorläufer-Überlegungen von Husserl hergestellt.
  • Text2: Systematische Klärungen im Zusammenhang von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit in SZ bei Heidegger. Heidegger bettet die an Husserl anknüpfenden Überlegungen über Zeichen ein in einen eigenen hochwirksamen Begriffsrahmen, von dem die Begriffe Eigentlichkeit/Uneigentlichkeit nur ein Teil sind. Es wird sich zeigen - das versuche ich im weitern Verlauf noch - wie dieses Verständnis der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit bei Heidegger sich zum Verständnis der gleichlautenden Termini bei Husserl verhält. Das wird uns letztlich eine Auskunft darüber geben, inwiefern die von Heidegger ausgehende Philosophie sich derartig wegentwickelt hat von den Überlegungen, die mit Husserl begonnen haben und die eine sehr große Nähe der Philosophie und der Informatik impliziert haben.

Zur Abwendung Heideggers von dem Bereich der formalen Logik

Ich hatte es nicht so geplant, aber Folgendes bietet sich an: Zu Beginn des 20. Jh. hat Husserl, der selbst Mathematiker war, bereits Überlegungen angestellt, von denen man mit Recht sagen könnte: "Husserl wäre heutzutage Informatiker gewesen" - und zwar über die Schnittstelle von uneigentlichen Zeichen und ihrer Leistungsfähigkeit. Heidegger in SZ greift die Husserlsche Zeichenlehre auf und hat einen Begriff von Eigentlichket und Uneigentlichkeit, der komplett ablenkt in eine andere Dimension und der die ganze deutsche Phänomenologie-Tradition, wenn ich das so sagen kann, in eine Richtung bringt, die nichts mehr mit Informatik zu tun haben will und die sich dann in eine polemischen Gegenposition zu allem was mit Mathematischer Logik, Code, Kalkül, Berechnung, Analyse zu tun hat, setzt.

Diese zweite Linie (die mit Mathematischer Logik, Code, Kalkül, Sprachanalyse usw. zu tun hat) ist vor allem bekannt durch den Wiener Kreis und deren Anknüpfungen. An dieser zweiten Linie ist Husserl nahe dran gewesen. Heidegger hat aber das Steuer herumgerissen und ist in eine Richtung weitergegangen, die nichts damit zu tun hat, die aber nach ca. 50 Jahren - das ist der letzte Stand der Entwicklung - sich doch noch einmal anders konfiguriert hat; die dann im Anschluss an Heidegger gegen Heidegger die Themen des Kalküls, der Schrift, der Grammatologie, der Spur, usw. mit einer Form von Sinnhaftigkeit versieht, die zu tun hat mit Uneigentlichkeit. Es wird eine positive Deutung der Uneigentlichkeit von formalen Schriftzeichen vorgenommen. Das ist, kurz umrissen, eine Überlegung, die uns eher heute beschäftigt.

Überblick: Heidegger-Text 3

  • Text3: wurde zu Beginn der 50 Jahre geschrieben und kommt aus den Vorbereitungen zu einer Vorlesung "Einführung in die Metaphysik". Dies ist der wahrscheinlich handfesteste Text, wo Heidegger sich gegen die Betrachtung des Kalküls des von der formalen Logik bestimmten Umgangs mit Zeichensystemen ausspricht, um deutlich zu machen: Er hat das Steuer herumgerissen.

Das Zeigzeug beim Automobil (Text1)

Eine Stelle ist mir hier besonders ins Auge gefallen. Davor aber etwas anderes Bemerkenswertes, was im Umgreifen der Husserlschen Problemstellung gleichzeitig eine Neugestaltung dieser Problemstellung ist:

Der Mensch im Lebenszusammenhang

Husserl hat sich von 1907 an weiterentwickelt und in den 20/30-jharen zusätzlich zu wissenschaftsheoretisch reflektiertem Umgang auch eine Form der lebenspraktischen Analyse gewählt und spricht von Lebenswelten als den Bezugsrahmen in dem Menschen sich aufhalten. In SZ findet sich zwar Lebenswelt, aber Heidegger nennt dieses Konzept "Bewandtniszusammenhang". Das ist der sinnvoll organisierte Erfahrungszusammenhang in dem Menschen sich aufhalten und orientieren. In diesem Bewandtniszusammenhang findet sich etwas, das Heidegger Zeug nennt - also Dinge, die wir (ge-)brauchen können. Ein Hammer, eine Kreide, eine Maus, ein Mikrofon. Das sind Sachen, die wir für unser Alltaglseben brauchen. Und unter diesen Sachen, findet sich auf Zeug, das uns auf etwas Anderes verweist - also Zeichen.

Das Automobil im ländlichem Alltag

"Wegmarken, Flursteine, der Sturmball für die Schiffahrt, Signale, Fahnen, Trauerzeichen und dergleichen" sind Beispiele die genommen sind aus dem ländlichen Alltag. Es ist oft bemerkt worden, dass Heidegger zwar ein Philosoph von welthistorischer Differenziertheit ist, der sich aber gefallen hat, diese mit Klischeeartigen Versatzstücken aus dem ländlichem Bereich zu schmücken - das ist etwas, was hier auch passiert. Aber der wichtige Punkt, der über Husserl hinausgeht ist der Folgende:

Was diese Beispiele (Fahnen, Wegmarken) alles tun, ist "extrem formal genommen ein Beziehen" - aber Beziehung ist nicht ausreichend, um das wirklich zu erfassen, worum es bei Zeichen geht. Das worum es geht, ist nicht so sehr die Beziehung, sondern die Einbettung der Beziehung in den Lebenszusammenhang. Es bezieht sich zwar die Flagge auf die Clubzugehörigkeit. Man kann formal Herausheben und sagen: mit dieser Flagge zu wacheln, ist entweder Aufhalten eines Autos, oder bezieht sich auf die Zugehörigkeit zum Club. Oder das Trauerzeichen bezieht sich auf einen Trauerfall in der Familie. Dieses Beziehen, dass sich formalisieren lässt - funktioniert letztlich in einem Zeug- und Sinnzusammenhang. In dem ich weiß, was dieses Zeichen mir zu sagen hat. Es gibt sozusagen eine Durchschaltung - es wird das Signal als das Syntax-zeichen - es wird nicht betrachtet als "Was zeigt mir das?" - das muss auch mit drin sein - aber in dem Heidegger es in einen Lebenszusammenhang, in eine Bewandtnisganzheit hinein nimmt, ist dieses "Worauf zeigt das Zeichen?" nur die Durchgangsstelle und nicht die erste Stelle, sondern eher das worauf man zurückkommt. Die erste Stelle ist: Ich weiß, was das Zeichen bedeutet. Ich sehe das schwarze Armband und nähere mich der Person und unterdrücke den Witz, den ich gerade erzählen wollte. Das schwarze Armband ist ein Signal für "Geh mit mir vorsichtig um". Dies geschieht noch bevor ich rekonstruiere, dass die schwarze Schleife bezogen werden kann auf einen Todesfall in der Familie.

Husserl ist das Operieren in einem Zeichenbereich wichtig. Heidegger bettet es ein in den Bewandtniszusammenhang und jetzt kommt das Beispiel, mit dem Heidegger überrascht und das auch die Begründung ist, weshalb ich mir die Bemerkungen über den ländlichen Kulturraum geleistet habe:

An den Kraftwagen ist neuerdings ein roter, drehbarer Pfeil angebracht, dessen Stellung jeweils, zum Beispiel an einer Wegkreuzung, zeigt, wel­chen Weg der Wagen nehmen wird. Die Pfeilstellung wird durch den Wagenführer geregelt. Dieses Zeichen ist ein Zeug, das nicht nur im Besorgen (Lenken) des Wagenführers zuhanden ist. Auch die nicht Mitfahrenden — und gerade sie — machen von diesem Zeug Gebrauch und zwar in der Weise des Ausweichens nach der entsprechenden Seite oder des Stehenbleibens.

Die Szene die suggeriert wird und die geradezu köstlich ist: Es rattert ein Gefährt vorbei und zeigt mit diesem roten Pfeil, dass es da jetzt abbiegen wird. Die Leute verlassen schlagartig die Straße, weil das Auto da jetzt kommt. Der Punkt, der hier drinnen ist, ist analog dem schwarzen Armband und der Trauerstimmung: Das Funktionieren des schwarzen Armbandes ist das Herbeiführen einer bestimmten Trauerstimmung. Ähnlich das Funktionieren des roten Pfeils: Es funktioniert, indem es die Leute entsprechend auseinander treibt. Darin liegt die primäre Verwendbarkeit dieses Zeichens, die man dann auch analysieren kann als: Es zeigt den Weg.

Der wichtige Punkt ist: Der Mechanismus, ist im Prinzip nur ein Seilzug, der betätigt wird - aber es zeigt die Mitteilung des Lenkers: "Ich will hier abbiegen". Das läuft nicht so, dass die Leute auf der Straße stehen, und sehen, dass jetzt der Seilzug betätigt wird, und dann dem Betätigen der Seilzüge eine Interpretation verpassen, die so aussehen könnte: "Die Lenkerin will jetzt abbiegen". Sie schließen nicht aus dieser Absicht der Mitteilung, dass sie nun ein paar Schritte zur Seite gehen sollten. Nach Heidegger sehen die Leute das Zeichen und reagieren darauf; das ist das Wichtige.

Technik eingebettet in den Lebenszusammenhang

Der Grund, warum ich das so vor Augen führe, und der auch in der Heidegger -Interpretation Gewicht haben könnte (auch wenn er soweit ich sehe zur Zeit kaum eines hat): In diesem Beispiel kommt Heidegger von den Flursteinen zum Autoverkehr und sieht dabei den Autoverkehr völlig harmlos als Teil des gewöhnlichen Lebens. Was Heidegger macht ist, ein völlig technisches Gerät, das die letzte Entwicklung der Automobilisierung in seiner Zeit war, als selbstverständliches Beispiel eines Zeichengebrauchs zu verwenden. Kurz gesagt: Hier findet sich überhaupt kein Gegenwort, keine Kritik an die Technik, so wie es beim späten Heidegger vorkommt. Von Kritik ist keine Spur - im Gegenteil: Er beschreibt ja, die Leute müssten aus dem Weg gehen, wenn sie das Zeichen sehen. "Geh mir aus dem Weg - Verschwinde" ist hier die Form von Zeichengebrauch.

Wenn man sich im Kontrast dazu vor Augen führt, welche drastischen, abwehrenden Beschreibungen von technischen Zusammenhängen sich beim späten Heidegger finden, fällt die Tatsache auf, dass das hier noch nicht der Fall ist. Ich erwähne dies nicht deswegen, weil ich einen Widerspruch einklagen möchte. Die Technikkritik des späten Heidegger in der Art: "Wir wollen keine Gen- oder Verkehrsmanipulation" läge es nahe, dem Heidegger vorzuwerfen, dass er ja statt dem Flurstein den Autoverkehr genommen hat. (...)

Die Pointe der philosophischen Betrachtung ist hier: So wie Husserl zu Eigentlichkeit geht, wir auch hier eigentliche, menschliche Abläufe haben wollen. Die Idee ist die: Man sollte die Eigentlichkeit in SZ suchen. Diese befindet sich aber nicht an dieser Stelle. Das sind genau keine eigentlichen Phänomene, sondern Phänomene der Durchschnittlichkeit, des Besorgens, der Alltäglichkeit. Man könnte sagen, das ist alles uneigentlich in einem Sinn der es einem gestattet, die Technik abzuqualifizieren. Das ist eine Betrachtungsweise und es gibt gewisse Indikatoren, dass man es so sehen könnte. Doch dies ist eine nur zum Teil vertretbare.

Die andere Betrachtungsweise, die nächstes Mal noch ausgeführt wird, ist: Nach Heideggers eigenen Voraussetzungen ist das obige Verkehrsbeispiel eine Beschreibung von Abläufen, mit der die Philosophie allgemein beschäftigt ist - die nicht verfallen oder sonst etwas ist. Dazu abschließend noch ein Zitat von Text2:

Die Uneigentlichkeit des Daseins bedeutet aber nicht etwa ein »weniger« Sein oder einen »niedri­geren« Seinsgrad.

Straßenverkehr ist ein völlig berechtigtes Beispiel davon, wie Menschen leben, Er nennt es uneigentlich, aber damit meint er nichts Abwertendes.