Benutzer:Andyka/Günther über Heidegger

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Gotthard Günther über Heideggers Abwendung vom Formalismus

Günther, Gotthard: Idee und Grundriss einer nicht-aristotelischen Logik. ? :Meiner, 1959, S.14-24


Da in der klassischen Metaphysik nur das Sein zum Thema des Denkens gemacht werden kann, wird das Nichts als nicht relevant erachtet und den Bereichen des Mystizismus, des Irrationalismus und der negativen Theologie (Dionysius Areopagita) überlassen. „Es ist aus der klassischen Logik durchaus ausgeschlossen. Daher die Ablehnung dieser Logik bei den Mystikern und beim modernen Existenzialismus, der ebenfalls dafür empfindlich geworden ist, dass der Mensch nicht nur vom Sein, sondern erst recht vom Nichts konfrontiert wird.“

Günther legt nun Heideggers Standpunkt dar, der auch darauf hinweist, dass das Sein-überhaupt aus Sein und Nicht-Sein besteht. Und da Logik nur das Sein thematisiert, ist diese völlig außerstande, das Sein zu begreifen. Günther zitiert Heidegger in "Einführung in die Metaphysik":

“Die Gesamte und bekannte und wie ein Himmelsgeschenk behandelte Logik ist in einer ganz bestimmten Antwort auf die Frage nach dem Seienden gegründet, dass mithin alles Denken, das lediglich den Denkgesetzen der herkömmlichen Logik folgt, von vornherein außerstande ist, von sich aus die Frage nach dem Seienden auch nur zu verstehen, geschweige denn wirklich zu entfalten und einer Antwort entgegenzuführen.“ (Heidegger, Matrin: Einführung in die Metaphysik. ?: Niemeyer, 1966, S.19)

Günther analysiert diesen Satz Heideggers folgendermaßen: „Sein-überhaupt umschließt Seiendes sowohl wie Nichts. Die klassische Logik versagt, weil sie an der Thematik des Seins nur die Gegenständlichkeit des Seienden begreift und die Frage nach der Nicht-Gegenständlichkeit des im Sein eingeschlossenen Nichts nicht versteht und deshalb auch nirgends logisch bestimmt. Diese Logik ist deshalb kein brauchbares Organon der Philosophie, weil sie radikal monothematisch ist. Sie kennt nur ein Thema: Sein, und sie ignoriert das komplementäre Thema: Nichts.

Günther zeigt nun 2 Wege, um dem zu entkommen.

  • Man verwirft wie Heidegger die gesamte Logik, da sie (wie es auch alle Aristotelischen Logiker behaupten) monothematisch ist, und sucht den „Fortschritt der Philosophie außerhalb und in direktem Widerspruch zur Logik“.

oder

  • Man lässt die Idee, dass das Sein dem Nichts übergeordnet ist, fallen und stellt die Logik als (mindestens) doppel-thematisch (Sein und Nichts) heraus.

G.G. kritisiert Heidegger, der der Logik einen Mangel vorwirft, der doch aber in der „historisch unzureichenden Basis unseres Bewusstseins“ aufzudecken ist: “Die traditionelle Logik ist in ihrer Beschränkung vollkommen. Wäre sie das nicht, dann hätte sie sich nicht als zureichendes Mittel erwiesen, die abendländische Mathematik und Naturwissenschaft bis zu Georg Cantor und der Quantentheorie aufzubauen.“ Man wirft der Logik ungerechtfertigt vor, sich nur auf das Sein anstatt auf das Sein des Seienden zu konzentrieren, denn „durch die Entwicklung der symbolischen Logik“ sei diese Auffassung „eindeutig widerlegt“. So wie ich das verstehe, versteht G.G. die Aussagenlogik als Kalkül, das bestimmt, was möglich „Sein“ kann und die Prädikatenlogik als das Kalkül, was es „Seiendes“ gibt (durch den Gebrauch des Existenz- und des All-Quantors).

Die Logik ist also nicht, wie Heidegger das versteht, eine spezielle Antwort auf die Frage nach dem Seienden, sondern, „dass sie das Gefäß für alle überhaupt möglichen Antworten ist, die das gesamte Fundamentalthema Sein“ betreffen. Unbefriedigend ist sie für „moderne Philosophen“ nicht deswegen, weil sie die Frage nach dem Sein des Seienden nicht umfassend behandelt, sondern weil „sie ihn mit unerschöpflichen logischen Mitteln bei dieser Frage festhält und ihm nicht erlaubt, über dieselbe hinauszugehen und sich ein zweites metaphysisches Fundamentalthema zu suchen, das jenseits der Transzendenz des Seins, als des einzigen Grundes des Seienden, liegen mag. Es ist dies nämlich die unabdingbare These der Ontologie, dass alles Seiende, also empirisch Gegebene, nur eine einzige primordiale Wurzel hat, nämlich das absolute Sein als die metaphysische Einheit von Subjekt und Objekt, von Seele und Ding.“

Günther will nun auf etwas hinweisen, was bei einer solchen Annahme passiert: “Wir sagen also kurz und bündig: alles Wirkliche entspringt aus jener Einheit des absoluten, in sich selbst ruhenden Seins. Aber mit diesem Ausspruch verstricken wir uns in eine unlösbare Schwierigkeit. Denn wann auch „Alles“ als Manifestation und Resultat dieser Einheit verstanden werden kann, so ist zumindest ein Datum unseres philosophischen Bewusstseins davon ausgenommen, nämlich der Satz, in dem wir die metaphysische Identität von Denken und Sein konstatieren. Dies ist alles andere als ein dialektischer Trick. Wir haben hier nur in philosophischer Sprache einen Grundsatz der formalen Logik ausgesprochen, der allen Logikern, die mit dem symbolischen Kalkül vertraut sind, seit langem geläufig ist. Dieser Grundsatz bezieht sich auf den All-Operator der logischen Qualifikation. Er besagt, dass jede All-Aussage sich aus dem, was sie aussagt, selber ausschließt. Sie gehört einem höheren logischen Typus an als ihr eigener Aussageinhalt. D.h. in der Aussage: Denken und Sein sind metaphysisch identisch, bleibt ein Reflexionsrest bestehen, der jeder eindeutigen Abbildung auf das Sein unbedingt widersteht. Anders ausgedrückt, die klassische Identitätsthese von der endgültigen metaphysischen Koinzidenz von Denken und Sein kann selber in diese Koinzidenz nicht eingeschlossen werden. Der erweiterte Funktionenkalkül der symbolischen Logik gibt die genauen Bedingungen an, unter denen sich dieser Reflexionsrest der Abbildung auf das Sein entzieht.

Was bedeutete dies für die Philosophie? „Man hat begonnen sich von einer ehrwürdigen zweitausend-jährigen Tradition, die sich mit steigendem Erfolg bemüht hat, die Philosophie und speziell die Metaphysik als strenge Wissenschaft zu etablieren, abzuwenden und die Disziplin der Plato, Aristoteles, Kant und Hegel zu einem Spezialfall der Poesie zu degradieren. Ironischerweise geschieht dies in derselben Epoche, der es endlich gelungen ist, zum ersten Mal Metaphysik als eine Wissenschaft von mathematischer Strenge zu demonstrieren.“ Diese Abspaltungstendenz der Philosophie von der Wissenschaft beginnt „mit dem Zusammenbruch der klassischen Tradition der Metaphysik im deutschen Idealismus“.

Kierkegaard ist einer der ersten Wortführer, die die Metaphysik zu Grabe tragen. Leider sagt mir Kierkegaard’s Absatz auf S.18 überhaupt nichts, Günther erhellt das ein wenig, indem er sagt, dass es einen Gegensatz der klassischen Metaphysik und der nihilistischen Metaphysik gibt. Erstere meint, dass das Thema „Sein“ dem Denken seine letzte metaphysische Ausrichtung gibt, während Letzteres meint, dass das Nichts das Sein herausbildet. Diese Anschauung ist die christliche (warum auch immer? creatio ex nihilo):

“Die christliche Betrachtung dagegen, die ontologisch betrachtet „Nihilismus“ ist, setzt voraus, dass das oberste metaphysische Thema des Menschen nicht das Sein, sondern vielmehr das Nichts (und nichts als das Nichts) ist. Dies führt zu der überraschenden Konsequenz, dass das Seiende, nicht wie die sprachliche Wortverbindung uns suggerieren will, seinen Grund im Sein, sondern viel mehr im Nichts hat. Aus dieser metaphysischen Abkunft aus dem Nichts erklärt sich der Schein und Trug des Seienden und seine Vergänglichkeit. Der Weg zum Absoluten führt hier durch eine Verneinung des Seienden als einer metaphysischen Chiffre des Nichts. Nur dadurch wird das wahre Seiende, das Sein, das jenseits des Nichts liegt, hervorgerufen.“ Zusammenfassend: “Wissenschaft ist immer Naturwissenschaft, und Logik ist immer Natur-(Seins)Logik. Eine exakte Logik der Geschichte, aufgebaut auf mathematisch symbolischer Methode, ist ein Unding. Hierin sind sich Kierkegaard, Dilthey, Spengler, die sogenannte Lebensphilosophie und der moderne Existentialismus durchaus einig. Das Gespenst einer „Logik der Geisteswissenschaften“ ist von seinen eigenen Propheten nie so ganz ernst genommen worden. Hätte man wirklich ernst gemeint, was man predigte, so wäre der erste Schritt in der Richtung eines solchen neuen Systems des Denkens eine Formalanalyse der Hegelschen Logik gewesen. Vielleicht am stärksten unter den Philosophen von Rang tritt der antilogische Charakter der gegenwärtigen Philosophie bei Heidegger auf. Hier geht argumentative Diktion und Terminologie ganz in eine solipsistische Poetik über, die sich jeder objektiven Kontrolle durch logische Symbole entzieht. Es ist dies mit Recht als eine bedenkliche Verfehlung gegen den philosophischen Geist beanstandet worden (Heinrich Scholz).“

Seit Heideggers Buch „Sein und Zeit“ sieht es so aus, als ob man sich damit abgefunden hätte, dass Philosophie nichts mit exakter Wissenschaftlichkeit zu tun hat. Man überlässt diese lieber den mathematisch fundierten Naturwissenschaften. Das Projekt einer Logik der Geisteswissenschaften wird als gescheitert gewertet. Günther sieht wie man Vico, den eigentlichen Begründer der Kulturwissenschaften, ignoriert, der eigentlich genau das Gegenteil behauptet, indem er sagt, dass „es der Naturalismus mit letztlich rein gegebenen, unbegreiflichen Körpergrößen des Raumes zu tun hat, während der Historismus das Selbstverständnis des Geistes ist, sofern es sich um die eigenen Hervorbringungen seiner in der Geschichte handelt.“ Hegel übernimmt später dieses Konzept: „Die Logik beginnt im Geist und nicht in der Natur, weshalb die letztere durch den dialektischen Prozess restlos aufgelöst werden soll.“

Günther stellt nun die Parteien einander gegenüber. Der Aussagetypus „S“ bildet seine Aussagen auf den Hintergrund der Subjektivität (also Geist und Bewusstsein“ während „O“ seine Aussagen auf den Objektzusammenhang (Gegenstand, Natur). „O“ brachte die Wissenschaft Mathematik und Naturwissenschaften hervor, während „S“ Philosophie und Geschichtswissenschaften produzierte.

Beide behaupten für sich aber alleinigen Wahrheitsanspruch und egal welche Epoche man in der abendländischen Kultur betrachtet, man findet diese Problematik von den sich streitenden Parteien „S“ und „O“ in der ein oder anderen Weise wieder. Der Gegenseite wird kein relevanter Wahrheitsgehalt zugesprochen, wenn sie nicht gar für irrational erklärt wird. Günther analysiert den für ihn aktuellen Stand der Dinge: Die Erfolge der Naturwissenschaften in den letzten 100 Jahren seien indiskutabel, man brauche sie gar nicht zu verteidigen, da sie uns ohnehin allen bekannt sind. „Der Aussagetypus „O“ erfüllt alle Ansprüche, die man an ihn stellen kann. Er setzt eine rational exakte Logik voraus und produziert eindeutig kommunikable Aussagen.“ Was man aber genau aufgrund der Verfeinerung der Methoden in letzter Zeit merkte ist der Übergang zu einem neuartigen Logikkalkül. Denn mit Hilfe der klassischen Logik ließen sich manche Erfolge in Mathematik und Naturwissenschaft nicht erklären; versucht man es, hat man mit Widersprüchlichkeiten, Paradoxien zu kämpfen „(Richard, Burali-Forti, Russel usw.)“. Auf der anderen Seite hat die Geisteswissenschaft, wenn sie sehr wohl in einem „logisch“ chaotischen Zustand ist, sich trotzdem als Disziplin existieren (Herder, Schiller, Hegel). Interessant ist, dass genau jene Grenzphänomene und Paradoxien, die in den Naturwissenschaften aufgetaucht sind (z.B. die unendliche Iteration des All-Operators in der Prädikatenlogik), genau die Grundlage der sog. Geisteswissenschaften ist. Man ist also geneigt zu sagen, dass beide Parteien, wenn sie behaupten rational und kommunikabel zu sein, Recht haben, und beide Parteien in Unrecht sind, wenn sie für sich alleinige Rationalität beanspruchen.

Günther zeigt nun, dass diese Beanspruchung alleiniger Rationalität durchaus verständlich ist auf dem Boden der klassischen Logik, sich aber seit Kant, der dies herausgestellt hat, anbietet, die klassische Logik zu überwinden: “Diese Alternativsituation eines exklusiven Entweder-Oder, in der sich beide Parteien bewegen, zeigt eins sehr deutlich. Es besteht gar kein Zweifel, dass sich die ganze Kontroverse auf dem Boden der klassischen Logik selbst abspielt. Diese Logik besitzt ein radikal zweiwertiges Denkschema. In dem selben oszilliert das Denken zwischen 2 Polen unaufhörlich hin und her. Die Eigenschaften beider Pole schließen sich gegenseitig aus. Hat also das Objekt eine präzise rationale Struktur und kann es durch das System einer formalen Logik definiert werden, dann kann dasselbe unmöglich vom Subjekt gelten. Unter dieser Voraussetzung fügt sich nur die Natur exakten und allgemeinverbindlichen Kategorien, nicht aber der Geist. Nimmt man aber umgekehrt an, dass das Subjekt die Quelle aller Rationalität ist, und das System der Logik sich in ihm gründet, dann erscheint die Natur als irrationales factum brutum. Sie kann jetzt bestenfalls in geborgten Kategorien – und damit grundsätzlich nur inadäquat verstanden werden. Es ist die Position, die von Vico, Fichte, Schelling, Hegel, Novalis und bis zu einem gewissen Grade von Kant eingenommen wird. Kants berühmtes Wort: „Bisher nahm man an, all unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten, aber alle Versuche über sie a priori durch Begriffe auszumachen… gingen unter dieser Voraussetzung zunichte“, zeigt diese Alternativsituation sehr deutlich. Erkenntnis wurzelt entweder im Objekt oder im Subjekt. Indem Kant diesen Alternativcharakter der klassischen Problematik der Metaphysik aufzeigt, bereitet er die kommende Wendung vor, die zu einer Abwendung von der zweiwertigen Logik als alleinigen formalen Organ der Philosophie führen muss.“

Kant selbst kann sich aber von der Objekt-orientierten Logik-Theorie nicht trennen und schafft eine parallel fortlaufende Logik. Diese ist an der Idee des Subjektes orientiert und nennt sich „Transzendentale Logik“. Leider kann man nicht von Logik im eigentlichen Sinne sprechen, sondern von Erkenntnistheorie, da der formale Charakter, ein Vorkommen von Operatoren und Operationsregeln völlig fehlt. Fichte und Hegel greifen die Transzendentale Logik auf und versuchen, sie weiter in Richtung eigentlicher Logik weiterzuentwickeln, wobei sie aber den „Organon-Charakter der Aristotelischen Logik“ völlig vermissen lassen. Sie sind nicht willkürlich operierbar, und genau das wird von einem Organon verlangt. Woran es scheitert: Dem spekulativen Idealismus fehlt die Kategorie des Falschen. Hegel hat zwar einen Pseudo-Operator, den dialektischen Prozess, der aber ist nicht willkürlich operierbar, sondern der operiert sich selbst.

„Erst die Möglichkeit von Freiheitsgraden in der Logik macht dieselbe zu einem formalen System. Nur Form ist Freiheit. Inhaltliche Bestimmung aber ist gewesene Freiheit, ist Zwang. Am Ende der Hegelschen Logik ist das Bewusstsein unwiderruflich gebunden. In der späteren Anwendung dieser Logik in der materialistischen Geschichtsphilosophie von Marx folgt dann die historische Gebundenheit des Individuums an die gegebene geschichtliche Situation unvermeidlich nach. Es enthüllt sich verspätet der gefährliche Doppelsinn des idealistischen Freiheitsbegriffes: „Bejahen dessen, was sowieso geschieht“.

Diese letzten historischen Konsequenzen zeigen deutlich, dass der Versuch, die Logik am Subjekt statt am Objekt zu orientieren, in den ersten Anfängen steckengeblieben ist, sie lassen uns aber ebenfalls sehen, warum er vorläufig missglückt ist. Man wir nicht imstande einen neuen logischen Operator einzuführen, der von einem individuellen denkenden Ich behandelt werden konnte und durfte. Die am subjekthaften Geist orientierte Logik wurde sofort zu einer absoluten Logik des Universums oder Gottes. Das Einzelich durfte ihrem kosmischen Gang nur zuschauen und einen Versuch machen, ihn zu beschreiben. Alle logischen Traktate Fichtes und Hegels sind in diesem Sinne „deskriptiv“.“

Also: Warum hat man es nicht geschafft, eine Logik auf Grundlage der Subjektivität zu errichten oder anders formuliert: Warum konnte man die rationale Struktur des Objekts aufdecken, aber nicht die des Subjekts?

Günther beantwortet diese Frage folgendermaßen: Wir sind der metaphyischen Vorstellung verhaftet, Sein und Bewusstsein sind zur Deckung zu bringen. Einmal hat das Objekt das Primat (ist Quelle der Wahrheit) und das Bewusstsein muss sich diesem Objekt in Deckung bringen, ein andermal hat das Subjekt die Oberhand (Gott) und das Sein muss sich mit dem Bewusstsein decken. Für Günther ist leicht ersichtlich, dass die Frage in einem endgültigen Sinn nicht beantworten lässt, da die Mittel für ihre Beantwortung unzureichend sind. Die Mystiker hätten jedoch einen Weg gefunden: Sein und Denken verschmelzen im Absoluten zu einem unausprechlichen undefinierbaren Dritten. Diese Aussage jedoch taugt nichts für die Wissenschaft, und Hegel wendet sich auch explizit gegen dieses mystische Unsagbare. Außerdem hätte man in der philosophischen Tradition ohnehin bereits festgelegt, dass das Sein das Absolute ist und einen Primat gegenüber dem Denken habe. „Jedes Subjekt oder Ich tritt im Denken immer nur durch das Sein vermittelt auf.“ Das ewige absolute Sein als das „Zentralthema aller wissenschaftlichen Metaphysik“ und klassischen Ontologie. In ihr spiegelt sich die Entscheidung zum Primat des Seins gegenüber dem Denken. Unnötig, über das Denken selbst zu reflektieren: „Die Reflexion, die sich als Subjekt verdichtet, ist nur ihr sekundärer Widerschein. Sie ist Abfall vom Sein und vorläufige Entzweiung, die in der Geschichte wieder zurückgenommen werden muss (Alexandrinisches Weltschema). Primordiales Sein – biblisch: das Paradies – hat keine Geschichte. Die Geschichte, d.h. das Verhältnis des Bewusstseins zur Zeit und damit zu sich selbst, beginnt erst mit dem Sündenfall. Sie beginnt, ontologisch gesprochen, mit der Aufteilung des absoluten Seins in objektiv Seiendes und subjektives Bewusstsein.“

Warum objektive Wahrheit auch intersubjektiv für jedes denkende Ich verbindlich sein muss?

„Das Absolute Sein ist absolute Einheit und vollkommene Identität mit sich selbst. Das Denken ist mit diesem Sein identisch. Es ist also ebenfalls in allen seinen Manifestationen einfach Identität mit sich selbst. Und soweit sich verschiedene Subjekte in ein und demselben wahren Begriff begegnen, d.h. objektiv dasselbe denken, müssen sie auch subjektiv übereinstimmen. Denn im Denken gleichen sie sich dem Sein an. Das Sein aber ist das Eine. In dieser Angleichung an das Eine müssen aber die intersubjektiven Unterschiede, die ein Bewusstsein von dem anderen unterscheiden, verschwinden. Im Denkprozess zieht sich das individuelle Bewusstsein auf Bewusstsein-überhaupt zurück. Letzteres ist aber, wie Kant überzeugend nachgewiesen hat, in allen Ichen identisch dasselbe – wenn es sich auf Gegenstände richtet. Logisch gesprochen: in der seinsthematischen Orientierung des Denkens verschwindet der Pluralität stiftende Gegensatz von Ich und Du. Was für ein beliebiges Ich logisch wahr ist, das gilt in dem gleichen Sinn für jedes jeweilige Du.

Kurz: „Das Absolute Sein ist eins. Wenn Denken und Sein sich metaphysisch decken, dann ist auch das Denken eins. Das Denken ist also in allen Subjekten identisch dasselbe.“ Wenn ich also etwas Wahres Denke, heißt das, dass jeder andere genauso denken muss. Das ist die Allgemeingültigkeit des Wahren Denkens für alle Subjekte. Interessant ist, dass in der Logik das individuelle „ICH“ keinen Sinn im Kalkül hat. Man ersetzt es durch Namen. Anstatt „Ich gehe in die Stadt“ wird in der Schreibweise des Logikkalküls: „AKA geht in die Stadt“ gesetzt. „Das gilt so selbstverständlich, dass es in den üblichen Darstellungen des Logikkalküls kaum erwähnt wird.“ Günther würde dies auch gar nicht sonderlich relevant finden, denn die mehrtausendjährige Erfahrung unseres theoretischen Bewusstseins mit der zweiwertigen Logik haben uns derart unempflindlich für solche Unterschiede gemacht, dass es selbstverständlich für uns ist, Aussagen wie „Hier regnet es“ oder „Spargel schmeckt gut“ umzuformen. Leider aber, sind nicht alle Phänomene von dem Typus „Spargel schmeckt gut“.

Von daher ist Logik/Sprache im gewissen Sinne Zwang, da sie strukturelle Vorgaben macht, andererseits Freiheit, da - wenn man die Vorgaben schluckt - einem unendlich viele Ausdrucksmöglichkeiten offen stehen. Und trotz den unendlichen Ausdrücken kann man etwas vermissen (Ausdrucksstärke, Nuancen, Vokabular, Konventionen, Praxen oder offen lassen, WAS es ist). Wie kann man etwas Bestimmtes vermissen? Doch nur im Vergleich mit etwas Anderem. Mit Zwängen und Freiheiten anderer Kontexte.