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* Teilweise Verschriftlichung eines Vortrags von Jean-Lunc Marion, gehalten am [http://www.iwm.at/ Wiener Institut für die Wissenschaft vom Menschen], am 11. September 2012.
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* Teilweise Verschriftlichung eines Vortrags von Jean-Luc Marion, gehalten am [http://www.iwm.at/ Wiener Institut für die Wissenschaft vom Menschen], am 11. September 2012.
 
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Version vom 9. Dezember 2012, 21:36 Uhr

Das Unreduzierbare

Die Frage entscheidet über Horizont und Effektivität der Antworten

Müssen wir über das, wovon wir nicht sprechen könnnen, schweigen? Zweifellos, zumindest wenn wir begreifen, warum wir darüber nicht sprechen können und aus welchem guten Grund wir also darüber nichts sagen dürfen. Denn unter dieser Vorbedingung könnte es immer auch sein, dass wir uns einfach nur aus Nachlässigkeit, Unaufmerksamkeit oder Unaufrichtigkeit ins Schweigen zurückziehen. Denn die Unfähigkeit etwas zu sagen, kann sich auch einfach aus unseren Entscheidungen ergeben, den impliziten oder expliziten. Um sich ins Schweigen zurückzuziehen, genügt es zuweilen, dass man immerzu nur gemäß den Bedingungen redet, die gegebenenfalls dem widersprechen, was es zu denken gilt. Wenn es auf die schlecht gestellten Fragen keine Antwort gibt, so ist es doch möglich, diese, anstatt sie kurzerhand wieder fallen zu lassen, einer erneuten Prüfung zu unterziehen, sodass sie vielleicht nicht schon [...] dem widersprechen, was sie erreichen will. Erreichen, denn man kann nicht einfach davon ausgehen, dass hier Begriffe wie "bedeuten", "meinen", oder auch nur "abzielen auf" angemessen sind, die sich dabei vielleicht schon zuviel oder zuwenig zumuten oder, was noch wahrscheinlicher ist, das Ziel überhaupt verfehlen.

Anders gesagt: Wenn es um das geht, was wir mangels Besserem unter Vorbehalt Gott nennen, muss man sich zuerst und vor allem über die Vorbedingungen der Frage selbst unterhalten. Hier, wie überall (aber hier noch schwieriger als anderswo), entscheidet bereits die Frage nicht nur über den ganzen Horizont an dem mögliche Antworten erscheinen können, sondern auch darüber, was diese jemals erreichen werden. Wie kann man im Fall von Gott verlangen, etwas über etwas zu sagen, da es ja zunächst nicht selbstverständlich ist, dass Gott unter die Ordnung von etwas fallen kann oder fallen soll? Auch versteht es sich nicht von selbst danach zu fragen, ob er existiert, da es ja genauso wenig selbstverständlich ist, dass Sein Gott angemessen sein kann und muss.

Noch bevor man über die Antworten diskutieren kann, erfordert die grundlegendste Kritik, dass wir die Angemessenheit unserer Fragen auf den Prüfstand stellen, denn diese sind es, die bereits eine Vorentscheidung über unsere Absicht treffen und über deren Reichweite entscheiden. Vor allem in diesem Fall: Falls es sich, nur als Hypothese, tatsächlich um so etwas wie einen Gott handelt, wird er auf welche Art, in welcher Art und Weise auch immer über die Reichweite dessen, der über ihn zu sprechen beabsichtigt, hinausgehen. Um folglich auch nur die geringste Chance zu haben, es ins Auge zu fassen, und zwar es selbst und nicht einen beliebigen Erstaz, gilt es, es anzuzielen ohne es zu sehen, zu verstehen oder es jemals zu erreichen. Anstatt dieses Paradox kurzerhand abzuqualifizieren, sollten wir es lieber etwas genauer betrachten:

Da Gott unerreichbar ist, worauf beziehen sich unsere Gottesvorstellungen?

In der Sprache der Metaphysik, wird der besagte Sprecher, der die Frage nach Gott stellt, nur eine inadequate Idee von Gott hervorbringen. Inadäquat, das heißt nicht nur eine Idee, die in formaler Hinsicht nicht der objektiven Realität entspricht, die die Idee gerne begreifbar machen würde, sondern auch in Folge dessen eine Idee, die mehr über den zum Ausdruck bringt, der sich diese Idee vorstellt (der Fragende) als über das, was die Idee vorzustellen vorgibt. Ich meine zum Beispiel die Definition der idea bei Spinoza (Ethik, Buch 2, Lehrsatz 17), wo er sagt, dass die idea, die Peter über Paul hat, mehr Informationen über Peter gibt als über Paul.[1][2] [3] Es ist die inadäquate Idee, die mehr über den Sagenden sagt als über das Gesagte, die tatsächlich nur Dinge zum Ausdruck bringt, die sie sich vorstellt, die der Sagende sich also nur selbst vorstellt.

Die Diskurse über Gott im Allgemeinen taugen von vornherein zumeist und ausschließlich nur als Symptom ihrer selbst und keineswegs als Entwürfe von Gott. Das was man über Gott sagt, gibt uns von zumeist nur Auskunft über diejenigen, die sprechen, aber betrifft in keinster Weise das, was Gott möglicherweise sagen wollen könnte (im doppelten Sinn (a.) seiner möglichen Bedeutung und b.) seines möglichen Ergreifens der Worte). Diejenigen, die das Wagnis eingehen von Gott zu sprechen, in welcher Weise sie es auch riskieren mögen, sagen unheimlich viel mehr über sich selbst als über diesen vermeintlichen Gott. Und dass sie sich einbilden über Gott zu sprechen bleibt ein Vorwand, ein Pretext, gegenüber dem wirklichen Text, der sich auf diejenigen bezieht, die sprechen.

In der Sprache der Theologie sagt man, dass jede sichtbare oder begriffliche Vorstellung, jede Aussage oder Definition von dem oder über das, was unter die Bezeichnung Gottes angezielt wird, keinerlei Zugang zu diesem Gott gewährt, aber dafür einen vollkommenen Blick auf diejenigen bietet, die die Definition hervorbringen oder empfangen. Augustinus sagt in De Civitate Dei, Buch 12, Nummer 18: "profecto non deum, quem cogitare non possunt, sed se met ipsos pro illo cogitantes, non illum, sed se ipsos, nec illi, sed sibi conparant".[4] Anders gesagt: Alles läuft auf ein Idol hinaus. Und das Idol, um es noch einmal deutlich zu sagen, hat nichts von einem Trugbild an sich, weil es genau das zeigt, was es zeigt, ohne Schatten, ohne Entzug. Aber es zeigt immer nur das, was man in ihm ins Auge fasst, nämlich diejenigen, die es ins Auge fassen und nicht das, von dem sie sagen, dass sie es ins Auge fassen. Das Idol steckt in seiner Gestalt das Maß des Übermaßes an Sichtbaren ab, den ein solcher Blick ertragen kann und zwar genau bis an die äußerste Grenze des Erträglichen. Das, was das Idol sichtbar macht, reflektiert wie ein unsichtbarer Spiegel, die Reichweite und das Fassungsvermögen von denen, die sehen und sprechen. Das Idol enthüllt also immer eine Wahrheit, aber nicht die von Gott sondern von demjenigen, dem er sich als ein Idol offenbart, ihm selbst und ihm allein, indem er dieses Angezielte als das höchste Maß seiner Vorstellung vom Unendlichen, den äußersten Punkt seiner Fähigkeit sich zu verstellen, und als die äußerte Grenze seines phänomenalen Erlebens, anerkennt.

Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Und jetzt?

Wenn also die vorausgesetzte Frage nach Gott nur solche Antworten ermöglicht, die denjenigen betreffen, der sie stellt, und niemals das betreffen, wovon er zu sprechen beansprucht, oder kurz gesagt: wenn sich die vorausgesetzte Frage nach Gott tatsächlich nur auf mich bezieht, ohne zu wissen, was ich da sage, sollte man dann nicht auf sie verzichten? Aber darauf verzichten würde genau genommen darauf hinauslaufen, die vorausliegenden Bedingungen der Frage einfach kritiklos anzunehmen und nicht die eigentlichen Aufforderungen dessen zu tragen, woraufhin sie abzuzielen beansprucht. Wie also lässt sich die Frage von der Hypothese der bereits allzu bekannten Antworten befreien? Wie lässt sie sich von dem herauslösen, was nur mich betrifft, der ich die Frage nach Gott nur darum stelle, um für mich selbst zu bürgen und mir selbst zu entsprechen, oder genauer, um mir selbst meinen Platz zuzuweisen? Es bleibt daher nur ein Weg offen, die Antwort zu reduzieren, um die Frage zu wahren. [? Aber was sagt die Antwort?]

Über die Verbindlichkeit des Idols lässt sich nicht streiten, eben weil es nur den betrifft, der es hervorbringt [...]. Aber diese Verbindlichkeit, mag sie auch begrenzt sein, hat einen Preis. Das Idol führt niemals bis an Gott heran, es kehrt immer wieder zu mir zurück, der ich Gott sage, und sei es, um mich zu verleugnen [...] um mich in erster Linie zu widerrufen [...].

Wir wollen diese reflexive [Charakteristik] der Antworten noch erläutern und an einigen Beispielen aufzeigen, dass sie die eigentliche Frage nach Gott in die Irre führen. Zu sagen: "Ich glaube an Gott" oder "Ich glaube nicht an Gott" sagt noch nichts über Gott aus, aber bereits sehr viel über mich selbst. Noch nichts über Gott, denn es handelt sich ja um einen bloßen Glauben, den man in der Metaphysik als eine Meinung bezeichnet, der zudem keinerlei Wesenheit definiert [...] und eine solche noch viel weniger beweist. Aber es sagt sehr viel über mich, z.B.:

  • dass ich entweder das, was ich nicht sehe, als wahr annehmen kann. Oder im Gegenteil: Nur das als wahr annehme, was ich als Objekt überprüfen kann.
  • dass ich entweder die Absicht habe, mich in eine Gemeinschaft einzuschreiben, die sich über den Bereich des nur-menschlichen hinaus erstreckt bis hinein ins Göttliche. Oder umgekehrt: nur die Gemeinschaft des Menschen gelten lasse, sozusagen eine politische Position.
  • dass ich entweder in dieser Annahme von Gott zweifellos einen Halt, ein Vertrauen, eine Sicherheit, usw. erfahre (eine psychologische Disposition der Heteronomie). Oder dass ich im Gegenteil jede äußere oder transzendente Entität zurückweise (eine psychologische Disposition der Autonomie).

Aber in alledem verweist nichts auf Gott.

Könnte man nicht einwenden, dass die Aussage "Ich glaube an Gott (oder nicht)", dennoch etwas über etwas aussagt, nämlich über die Existenz Gottes? Weil damit ja gemeint ist: Ich glaube, dass Gott existiert, oder nicht. Es handelt sich folglich, objektiv betrachtet, um eine propositionale Aussage die man beweisen oder widerlegen könnte, oder kurz gesagt, mit der man sich aufgrund von Argumenten auseinandersetzen könnte. Das aber ist nur ein bloßer Schein. Im streng metaphysischen Sinne zu sagen, dass Gott existiert (oder nicht), sagt immer noch fast nichts über Gott, aus mindestens zwei Gründen:

  • Zuerst weil die Aussage noch nicht das zeigt, was sie in den Vordergrund rückt und weil, wie die Geschichte der Philosophie bestätigt, die Beweisführung pro und contra sich nicht von selbst versteht. Daher lässt die Aussage, und selbst die rein theoretische, alles unentschieden. Sie sagt daher, de jure, nichts Entscheidendes über Gott, außer dies: Was Gott betrifft, kommt die Entscheidung nicht Gott zu, sondern demjenigen, der ihn denkt. Was dann sogar die Metaphysik selbst als Idolâtrie bestätigt.
  • Dann zweitens, weil die Aussage voraussetzt, dass die Existenz Gott als Attribut zugeschrieben werden kann, was aber nicht selbstverständlich ist. Zuerst, weil Existenz zweifellos genauso wenig eine Definition zulässt wie der Begriff des Seins selbst, sodass sich über sie, würde man sie Gott zuschreiben, nichts sagen ließe. Und dann: Auch wenn die Existenz in diesem Fall eine Bedeutung annimmt (eine notwendige, unendlich seiende, usw. Existenz, die nur Gott zukommt) müsste man sie begreifen, und also wiederum in unsere univoken Begriffe des Sagenden miteinschließen, damit wir folglich nur auf etwas Wirkliches denken. Nun aber verweist nichts unmittelbarer als das Ego auf dieses Seiende, das auf die Stufe eines bloßen Konzepts reduziert wird, das durch dieses Ego begriffen wird, und das begriffen wird als ein einfaches und reines [?...]. Von daher also noch einmal die Bestätigung des Seins selbst als Idolâtrie.

Gestehen wir also ein für alle mal den idolâtrischen Status jeder Aussage über Gott ein. tbc

Anmerkungen

  1. Ein bisschen Kontext: Spinoza setzt ein axiomatisches System ein, das von einem unendlichen Wesen ausgeht und fragt sich durch deduktive Explorationen, wie unser kognitiver und körperlicher Apparat in Gott aufgehoben ist. Schlussendlich soll gezeigt werden, dass "das unendliche Wesen Gottes und seine Ewigkeit allen bekannt sind", und weil sie allen bekannt sind, kann Spinoza schon zu Beginn der Ethik "aus dieser Erkenntnis sehr viel adäquate Erkenntnis ableiten". Dass das unendliche Wesen Gottes aber so schwer zu begreifen ist, besteht darin, dass das Phänomen, mit einem Namen "Gott" versehen, suggeriert, dass es ein sichtbares Einzelding gäbe, das mit diesem Namen bezeichnet würde. Denn so kommunizieren wir üblicherweise. "In der Tat bestehen die meisten Irrtümer darin allein, daß wir den Dingen ihre Benennungen nicht genau anpassen." "[... W]ie leicht man sich täuscht, wenn man das Allgemeine mit dem Einzelnen und die Dinge, welche nur in der Vernunft sind, das Abstrakte, mit den wirklichen Dingen vermengt."
  2. Der im Vortrag erwähnte Lehrsatz 17 in Spinozas Ethik lautet: "Wenn der menschliche Körper von einer Erregungsweise erregt ist, welche die Natur eines äußerlichen Körpers in sich schließt, so wird der menschliche Geist diesen äußern Körper als wirklich existierend oder als gegenwärtig betrachten, bis der Körper eine andere Erregung empfängt, welche die Existenz dieses Körpers oder seine Gegenwart ausschließt."
  3. Die Stelle, auf die Marion Bezug nimmt, findet sich in den Anmerkungen zu diesem Lehrsatz: "Außerdem verstehen wir jetzt vollkommen (aus dem vorigen Zusatz und dem Zusatz II zu Lehrsatz 16 dieses Teils) den Unterschied zwischen der Idee z.B. des Peter, welche das Wesen des Geistes des Peter selbst ausmacht, und zwischen der Idee von Peter, welche in einem andern Menschen, etwa in Paul, ist. Denn jene drückt das Wesen des Körpers des Peter selbst direkt aus und schließt die Existenz nur ein, so lange Peter existiert. Diese dagegen zeigt mehr den Zustand des Körpers des Paul als die Natur des Peter. Daher wird der Geist des Paul, solange jener Körperzustand des Paul dauert den Peter, auch wenn er nicht existiert, als sich gegenwärtig betrachten."
  4. Deutsche Übersetzung: "so setzen sie in Gedanken wirklich sich selbst an Stelle Gottes, den sie mit ihren Gedanken nicht zu erfassen vermögen, und vergleichen nicht Gott mit Gott, sondern sich mit sich selbst"