Benutzer:Andyk/Taktisch

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Taktiken von Praktikern

Ausschnitte aus: Michel de Certeau - Kunst des Handelns. Merve Verlag, Berlin 1988. S.21-28

Eklektisch

Als verkannte Produzenten, Dichter ihrer eigenen Angelegenheiten, und stillschweigende Erfinder eigener Wege durch den Dschungel der funktionalistischen Rationalität produzieren die Konsumenten durch ihre Signifikationspraktiken etwas, das die Gestalt von "Irr-Linien" haben könnte, wie sie die jungen Autisten von F. Deligny zeichnen. In dem technokratisch ausgebauten, vollgeschriebenen und funktionalisierten Raum, in dem sie sich bewegen, bilden ihre Bahnen unvorhersehbare Sätze, zum Teil unlesbare "Querverbindungen". Auch wenn sie aus dem Vokabular der gängigen Sprachen (des Fernsehens, der Zeitung, des Supermarktes oder der offiziellen Museen) gebildet werden und der vorgeschriebenen Syntax (Zeitmodi des Stundenablaufes, paradigmatische Ordnungen von Orten etc.) unterworfen bleiben, verweisen sie auf Finten mit anderen Interessen und Wünschen, die von den Systemen, in denen sie sich entwickeln, weder bestimmt noch eingefangen werden können.

Durch die Netze gehen

Sogar die Statistik weiß darüber nahezu gar nichts, da sie sich darauf beschränkt, die "lexikalischen" Einheiten zu klassifizieren, zu berechnen und aufzulisten, aus denen diese Bahnen zwar zusammengesetzt sind, auf die sie sich aber nicht reduzieren lassen; und da sie von den Kategorien und Taxonomien ausgeht, die ihr selber eigen sind. Sie erfasst das Material dieser Praktiken und nicht ihre Form; sie bezieht sich auf die verwendeten Elemente und nicht auf die "Satzform", die sich aus der Bastelei, aus dem "handwerklichen" Erfindungsreichtum und aus der Diskursivität ergibt, welche all diese "vorgegebenen" und sich ihrem Hintergrund anpassenden Elemente kombinieren. Indem die statistische Untersuchung dieses "Umhervagabundieren" in Einheiten zerlegt, die sie selber definiert hat, und indem sie die Ergebnisse ihrer Zerstückelungsarbeit entsprechend ihren eigenen Codes wiederzusammensetzt, "findet" sie nur Homogenitäten. Sie reproduziert nur das System, dem sie selber angehört, und lässt die Ausbreitung der heterogenen Geschichten und Aktivitäten, die das Patchwork des Alltäglichen bilden, beiseite. Die Kraft ihrer Berechnungen beruht auf ihrem Auf- und Unterteilungsvermögen, aber gerade aufgrund dieser ana-lytischen Zerkleinerung entgeht ihr eben das, was sie zu suchen und darzustellen glaubt.

Die "Bahn" evoziert eine Bewegung, aber sie beinhaltet auch eine Projektion auf eine Ebene, eine zweidimensionale Darstellung. Sie ist eine Transkription. Eine Tätigkeit wird durch einen Graphen (der für das Auge überschaubar ist) ersetzt; eine zeitlich irreversible Reihe durch eine reversible Linie (die in beide Richtungen lesbar ist); Handlungen durch eine Spur. Ich beziehe mich daher lieber auf die Unterscheidung zwischen Taktiken und Strategien.

Strategie (Die Eigentümerin)

Als "Strategie" bezeichne ich eine Berechnung von Kräfteverhältnissen, die in dem Augenblick möglich wird, wo ein mit Macht und Willenskraft ausgestattetes Subjekt (ein Eigentümer, ein Unternehmen, eine Stadt, eine wissenschaftliche Institution) von einer "Umgebung" abgelöst werden kann. Sie setzt einen Ort voraus, der als etwas Eigenes umschrieben werden kann und der somit als Basis für die Organisierung seiner Beziehungen zu einer bestimmen Außenwelt (Konkurrenten, Gegner, ein Klientel, Forschungs-"Ziel" oder "-Gegenstand") dienen kann. Die politische, ökonomische, oder wissenschaftliche Rationalität hat sich auf der Grundlage dieses strategischen Modells gebildet.

Taktik (Die Mieterin)

Als "Taktik" bezeichne ich demgegenüber ein Kalkül, das nicht mit etwas Eigenem rechnen kann und somit auch nicht mit einer Grenze, die das Andere als eine sichtbare Totalität abtrennt. Die Taktik hat nur den Ort des Anderen. Sie dringt teilweise in ihn ein, ohne ihn vollständig erfassen zu können und ohne ihn auf Distanz halten zu können. Sie verfügt über keine Basis, wo sie ihre Gewinne kapitalisieren, ihre Expansionen vorbereiten und sich Unabhängigkeit gegenüber den Umständen bewahren kann. Das "Eigene" ist ein Sieg des Ortes über die Zeit. Gerade weil sie keinen Ort hat, bleibt die Taktik von der Zeit abhängig; sie ist immer darauf aus, ihren Vorteil "im Fluge zu erfassen". Was sie gewinnt, bewahrt sie nicht. Sie muss andauernd mit den Ereignissen spielen, um "günstige Gelegenheiten" daraus zu machen. Der Schwache muss unaufhörlich aus den Kräften Nutzen ziehen, die ihm fremd sind. Er macht das in günstigen Augenblicken, in denen er heterogene Elemente kombiniert (so vergleicht eine Hausfrau im Supermarkt fremdartige und wechselnde Gegebenheiten, wie zum Beispiel die Vorräte im Kühlschrank, die Geschmäcker, Vorlieben und Launen ihrer Gäste, die preiswertesten Produkte und ihre mögliche Verbindung mit dem, was sie bereits zu Hause hat etc.); allerdings hat deren intellektuelle Synthese nicht die Form eines Diskurses, sondern sie liegt in der Entscheidung selber, das heißt, im Akt und in der Weise, wie die Gelegenheit "ergriffen wird".

Viele Alltagspraktiken (Sprechen, Lesen, Unterwegs-sein, Einkaufen oder Kochen etc.) haben einen taktischen Charakter. Und noch allgemeiner, auch ein großer Teil der "Fertigkeiten": Erfolge des Schwachen gegenüber dem "Stärkeren" (dem Mächtigen, der Krankheit, der Gewalt der Dinge oder einer Ordnung etc.), gelungene Streiche, schnelle Kunstgriffe, Jagdlisten, vielfältige Simulationen, Funde, glücklische Einfälle sowohl poetischer wie kriegerischer Natur. Diese operationalen Leistungen gehen auf sehr alte Kenntnisse zurück. Die Griechen stellten sie in der Gestalt der metis dar. Aber sie reichen noch viel weiter zurück, zu den uralten Intelligenzen, zu den Finten der Verstellungskünsten von Pflanzen oder Fischen. Vom Grunde der Ozeane bis zu den Straßen der Megapolen sind die Taktiken von großer Kontinuität und Beständigkeit.


In unseren Gesellschaften vermehren sie sich mit dem Zerfall von Ortsbeständigkeit, als ob sie - da sie nicht mehr von einer sie umgebenden Gemeinschaft fixiert werden - aus der Bahn gerieten, herumirrten und die Konsumenten mit den Immigranten in einem System auf eine Stufe stellten, das zu groß ist, als dass es das ihre sein könnte, und das zu engmaschig ist, als dass sie ihm entkommen könnten.

Anmerkung, AK: An dieser Stelle kommen soziale Netzwerke ins Spiel, die versuchen, neue Attraktoren zu schaffen - auch bei häufigem Ortswechsel.

Aber sie führen eine Brownsche Bewegung in dieses System ein. Diese Taktiken machen deutlich, in welchem Maße die Intelligenz von den alltäglichen Kämpfen und Vergnügungen, die sie verknüpft, abhängig ist, während die Strategien ihr Verhältnis zu der Macht, die sie unterstützt, und durch einen eigenen Ort oder durch eine Institution schützt, unter objektiven Kalkülen verstecken.

Lesen als Aktivität

[...] Zur Beschreibung dieser Alltagspraktiken, die produzieren ohne anzuhäufen, das heißt ohne die Zeit zu beherrschen, drängt sich ein bestimmter Ausgangspunkt auf, weil er der ins Auge springende Brennpunkt der gegenwärtigen Kultur und ihres Konsums ist: die Lektüre. Vom Fernsehen bis zur Zeitung, von der Werbung bis zu all den Epiphanien der Waren unterliegt unsere Gesellschaft einer Wucherung des Sehens; sie bewertet jede Realität nach ihrem Vermögen, sich zur Schau zu stellen oder zur Schau gestellt zu werden, und verandelt jede Kommunikation in ein Wandern des Auges. Sie ist eine Epopöe des Auges und des Lesedrangs. [...] Das Binom Produktion-Konsum könnte durch sein allgemeines Äquivalent Produktion-Konsum ersetzt werden. Die Lektüre (von Bildern oder Texten) scheint somit den Höhepunkt von Passivität darzustelle, der für einen Konsumenten charakteristisch wäre, der zum Voyeur (Höhlenmensch oder Nomade) in einer "Gesellschaft des Spektakels" wird.

Die Leseaktivität enthält indes tatsächlich alle Züge einer stillen Produktion: das Überfliegen einer Seite, die Metamorphose des Textes durch das wandernde Auge, Improvisation und Erwartung von Bedeutungen, die von einigen Wörtern ausgelöst werden, das Überspringen von Schrifträumen wie in einem flüchtigen Tanz. Aber da der Leser kein Lager anlegen kann (es sei denn, er schreibt oder er macht "Aufzeichnungen"), ist er gegen den Zeitverschleiß (er vergisst sich beim Lesen und er vergisst, was er gelesen hat) nur durch den Kauf des Objekts (Buch, Bild) gefeit, welcher nur ein Ersatz (eine Spur oder ein Versprechen) für die beim Lesen "verlorenen" Augenblicke ist. Er führt die Finten des Vergnügens und der Inbesitznahme in den Text eines Anderen ein: er wildert in ihm, er wird von ihm getragen und mitgerissen, er vervielfacht sich in ihm wie das Rumoren der Organe. Als List, Metapher und Kombinatorik ist diese Produktion auch eine "Erfindung" von Gedächtnis. Sie macht aus den Wörtern Resultate von stummen Geschichten. Das zu Lesende wird zum Erinnerungswürdigen: Barthes lies Proust im Text von Stendhal; der Betrachter liest die Landschaft seiner Kindheit in einer aktuellen Reportage. Das winzig kleine Schriftelement versetzt Berge und wird zu einem Spiel mit dem Raum. An die Stelle des Autors tritt eine völlig andere Welt (die des Lesers).

Regeln zur Anregung

Durch diese Mutation wird der Text bewohnbar wie eine Mietwohnung. Sie verwandelt das Eigentum des Anderen für einen Moment in einen Ort, den sich ein Passant nimmt. Mieter führen eine ähnliche Operation in der Wohnung durch, die sie mit ihren Gesten und ihren Erinnerungen möblieren; Redner machen etwas ähnliches in der Sprache, in die sich durch ihren Akzent, durch ihre eigenen "Wendungen" die Botschaften ihrer Muttersprache und ihre eigene Geschichte einfließen lassen; und auch die Fußgänger machen auf den Straßen etwas ähnliches, wo sie ihren unzähligen Wünschen und Interessen freien Lauf lassen. Auch die Benutzer von gesellschaftlichen Codes verwandeln diese in Metaphern und Ellipsen ihrer Bestrebungen. Die herrschende Ordnung dient zahllosen Produktionen als Stütze, aber sie verheimlicht deren Eigentümern diese Kreativität (so wie jene "Chefs", die es nicht sehen können, wenn etwas anderes in ihrem eigenen Betrieb erfunden wird). Auf die Spitze getrieben wäre diese Ordnung ein Äquivalent der Reim- und Metrik-Regeln früherer Dichter: ein Vorschriftenregister, das zu Ideen anregt, ein Regelkanon, auf dessen Grundlage die Improvisationen ablaufen.

Vom Buch zur multi-referenziellen Produktion

Die Lektüre führt somit zu einer "Kunst", die nicht passiv ist. Sie ähnelt eher jener Kunst, deren Theorie von mittelalterlichen Dichtern und Romanciers entwickelt worden ist: eine Erneuerung, die in den Text und sogar in die Begriffe einer Überlieferung eingreift. Verwoben mit den Strategien der Moderne (die die Kreation mit der Erfindung einer eigenen, kulturellen oder wissenschaftlichen, Sprache identifizieren), scheinen die gegenwärtigen Konsumprozeduren die subtile Kunst von "Mietern" zu konstituieren, die zu klug sind, um ihre tausend Differenzen in den vom Gesetz vorgeschriebenen Text einzubringen. Im Mittelalter war der Text in die vier oder sieben Lektüreformen eingebettet, für die er geeignet war. Und dieser Text war ein Buch. Heute entsteht dieser Text nicht mehr aus einer Überlieferung. Er wird durch die Entwicklung einer produktivistischen Technokratie aufgezwungen. Es handelt sich nicht mehr um das Buch als Referenzpunkt, sondern die Gesellschaft, die vollständig zu Text geworden ist, bildet die Schrift des anonymen Produktionsgesetzes.