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* MP3 der Vorträge [http://is.gd/8S1Oo in der Audiothek]  
 
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''Mitte Jänner 2010 fand in Berlin ein Workshop statt zu Technik und Theorie digitaler Medien.Workshop in Berlin. Auf diesem Workshop sprachen auch 2 Vertreter der Philosophie der Universität Wien, Herbert Hrachovec und Claus Pias, die sich beide als Piraten in dem Feld Informatik, Medienwissenschaften und Philosophie bezeichneten. Wir bringen die beiden Vorträge der genannten Philosophen.''
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''Mitte Jänner 2010 fand in Berlin ein Workshop statt zu Technik und Theorie digitaler Medien. Auf diesem Workshop sprachen auch 2 Vertreter der Philosophie der Universität Wien, Herbert Hrachovec und Claus Pias, die sich beide als Piraten in dem Feld Informatik, Medienwissenschaften und Philosophie bezeichneten. Wir bringen die beiden Vorträge der genannten Philosophen.''
  
 
= Claus Pias: "Was waren Medien?" =
 
= Claus Pias: "Was waren Medien?" =

Version vom 21. Februar 2010, 17:23 Uhr

Medientheoretiker als Piraten

Mitte Jänner 2010 fand in Berlin ein Workshop statt zu Technik und Theorie digitaler Medien. Auf diesem Workshop sprachen auch 2 Vertreter der Philosophie der Universität Wien, Herbert Hrachovec und Claus Pias, die sich beide als Piraten in dem Feld Informatik, Medienwissenschaften und Philosophie bezeichneten. Wir bringen die beiden Vorträge der genannten Philosophen.

Claus Pias: "Was waren Medien?"

Ich mache kein Powerpoint, obwohl der Vortrag heute ungewöhnlich durchnummeriert ist und sich super anbieten würde für Bulletlisten. Gestellt war die Frage des in oder zwischen Informatik, Philosophie und/oder Medienwissenschaft, die Frage nach der Aufgehobenheit eines Objekts das da heißt: "Technik und Theorie".

Schon das ist in gewisser Weise problematisch, weil das Fächer-Verständnis von Theorie unterschiedlich ist, oder wie Horst Zuse mir einmal sagte: "Was verstehen Sie denn unter Theorie? Bei uns ist das was ganz anderes." Schon das ist schwierig, trotzdem nehme ich es einmal als ein Objekt digitaler Medien.

Weiters setzt der Untertitel voraus, dass es diese Disziplinen gibt, bei denen man prüfen kann, inwieweit es zu ihnen gehört oder inwieweit sie es behandeln können. Dass es Philosophie oder Informatik gibt ist unbestritten, ob es Medienwissenschaft gibt und in welcher Form, ist eben mein Thema. Ich würde für ein nicht-medienwissenschaftliches Publikum gerne erklären, was das für ein in meiner Wahrnehmung komisches Fach ist.

Denn meines Erachtens rankt sich diese Frage nach Medienwissenschaften selber um die Frage in zwischen oder neben anderen Disziplinen und was ist das für eine Disziplin, was ist deren Gegenstand? (Diese Selbstrefelexivität hatte in letzer Zeit Konjunktur in den Medienwissenschaften. Darauf will ich nicht unbedingt eingehen.)

Wo ist die Frage der Medien überhaupt in der Wissenschaftslandschaft situiert? Ich mache dazu drei Schritte, die ich jederzeit abkürzen kann. Einen historischen, einen systematischen und einen faktischen mit einem Vorschlag am Ende.

Der historische Teil

Wer betreibt eigentlich Medienwissenschaften im Moment? Wo kommen die Leute her? Das Modell, das ich habe, um das plastisch zu machen (im Detail stimmt es dann natürlich nicht) ist ein Generationenmodell. Und das Generationenmodell nehme ich selbst aus den Medien, nämlich aus dem Film. Ein Film wo dieses Konzept der Generationen vom biologischen Alter entkoppelt ist: R.W. Fassbinder, "Die dritte Generation". Ein Film über die RAF. Fassbinder macht eine systematische Unterscheidung der Generationen innerhalb der RAF. Zitat:

  • Die erste Generation wäre die, die aus Idealismus gepaart mit übergroßer Sensibilität und Verzweiflung über die eigene Ohnmacht gegenüber dem System und seinen Vertretern sowas wie wahnsinnig wurde.
  • Die zweite Generation wäre die, die aus Verständnis für die Motive der ersten Generation heraus deren Vertreter meist verteidigt haben, häufig genug im Sinne des Wortes, denn viele von ihnen waren echte Rechtsanwälte. Dieses Verteidigen wurde jedoch solange und derart intensiv als im Grunde kriminelles handeln diffamiert, dass der Schritt der zweiten Generation ins praktisch-Kriminelle und somit in den Untergrund eher nachvollzogen als vollzogen wurde. Wie auch immer jeder einzelne Bürger den Handlungen und Motiven der ersten und zweiten Generation der RAF irgendwo in der Lage ist, so etwas wie Verständnis entgegen zu bringen (oder auch nicht), fällt ein Verstehen der Motive der dritten Generation mehr als schwer und ist vieleicht von den beiden vorangegangenen Generationen aus betrachtet fast unmöglich.
  • Denn die dritte Generation der Terroristen hat, so scheint mir, mit ihren Vorgängern wenig gemein als viel mehr mit dieser Gesellschaft und der Gewalt, die diese zu wessen Nutzen auch immer ausübt. Ich bin überzeugt, sie wissen nicht, was sie tun. Und was sie tun hat Sinn in nichts weiter als im Tun selbst, in der erregenden Gefahr und dem Abenteuer in diesem zugegeben immer beängstigend perfekter verwalteten System. Handeln in Gefahr, aber ohne Perspektive, ein Rausch erlebter Abenteuer zum Selbstzweck, das sind die Motive der dritten Generation.

Soweit Fassbinder. Wer den Film kennt weiß, was das bedeutet: Schnelle Autos fahren, Waffe im Hosenbund, schöne Frauen und so. Wohin bringt uns das? Die Analoglie zwischen RAF-Generation und deutscher Medientheorie ließe sich vielleicht durchbuchstabieren:

  • Die erste Generation wäre eine, sensibel, intelligent, institutionell machtlos, ziemlich verzweifelt über den Zustand der eigenen akademischen Disziplin (wie etwa deutsche Germanistik), mit einer grundlegenden Verständnislosigkeit für die Motive der dritten Generation (also jetzige Studienanfänger). Friedrich Kittler, als ich ihn in Wien zum Gastvortrag hatte, sagte als Erstes ins Mikrofon: "Medienwissenschaft, das ist doch heute eine Ausbildung für den Club Méditerranée". Also das ist dieses Erste-Dritte-Generation-Verhältnis.
  • Zweite Generation: Siehe Fassbinder: "mit tiefen Verständnis für die historische und institutionelle Lage und Situation der ersten Generation, für die Entscheidung die sie getroffen hat und die Wege, die sie gegangen ist." Und eine Generation, die ihr irgendwo auf diesem Grad auf Vollzug und Nachvollzug, den Fassbinder beschreibt, nachfolgt. Die zweite ist eher die Beobachterposition, die das Verhältnis erste und dritte Generation relationiert, da würde ich mich auch einordnen.
  • Die dritte Generation betritt die Bühne, in dem Moment, in dem so etwas wie Medienwissenachft zu einer akademischen Disziplin geworden ist. Ich habe auch einmal versucht zu googeln, wie viele Medienabschlüsse es gibt: Es gibt jede jede Menge, teilweise auch sehr spezialisierte (Bindestrich-Medien-Abschlüsse). Damit ist sie strukturell den Disziplinen ähnlich, gegen die die erste Generation opponiert hat. Es gibt da ein hübsches Büchlein zweier junger Medienwissenschaftlerinnen mit dem Titel "was mit Medien", weil das die häufigste Antwort von Abiturientinnen ist auf die Frage "Was wollt ihr denn mal machen?": Was mit Medien. Sie ahnen die ganze Analogie zu Fassbinders dritte Generation, wo der Sinn in nichts anderem liegt als diese Sachen zu tun: Waffe im Hosenbund, Autos klauen, Banken überfallen, "Was mit Medien".

Auf der anderen Seite ist das Ganze das Falsche und das Bild gerät schief, wenn man dieser Versuchung zu weit folgt und diese Analogie zu sehr ausbuchstabiert. Denn anders als die RAF ist die Medienwissenschaft in ihrer Institutionalisierung sehr erfolgreich gewesen. Trotzdem gibt es glaube ich das, was Fassbinder so schön beschrieben hat: Das Unverständnis der ersten Generation, die Melancholie der zweiten und das "Was mit Medien" der dritten Generation. Das war der erste Punkt, um ein bisschen die Personallage zu beschreiben. Wie gesagt hat das nichts mit biologischem Alter zu tun, sondern ist eine systematische Klassifizierung.


Der systematische Teil

Zweiter Punkt, den ich als systematisch angekündigt habe. Das sind drei von den fünf Punkten, die ich einmal bei Herbert Hrachovec auf dem Wittgenstein-Symposium vortragen durfte.

Ist Medienwissenschaft eigentlich eine akademische Disziplin?

Der erste Punkt rankt sich um die Frage: Ist Medienwissenschaft eigentlich eine akademische Disziplin? Ich habe es unter dem Titel "institutionalisierte Dauer-Reflexion" gestellt, das ist ein Audruck von Helmut Schelsky, der genau darin einen Widerspruch sieht: Man kann Reflexion auf Dauer nicht durch Institutionen stellen, zumindest ist das problematisch.

Neben vielen anderen Dingen (damit meine ich Lehre, Forschung, Flächendeckende Organisation an Universitäten) beruhen Disziplinen vor allem auf zwei Dingen: Entweder einer eingeschränkten Zahl von Gegenständen (das sind die, die innerhalb einer Disziplin als solche konstruiert oder definiert werden und dann als Objekte von ihr behandelt werden können) oder einer Methodologie, mit der man heterogene Objekte in einer eingeschränkten Weise behandeln kann. Also irgendwo muss es eine Einschränkung geben, entweder von der Gegenstandsseite oder von der methodologischen Seite. Veränderungen entstehen meistens, wenn man eine Sache verschiebt, also gleiche Dinge anders anschaut oder andere Dinge auf bekannte Weise anschaut.

Der interessante Punkt scheint mir zu sein, dass die Medienwissenschaft, so wie ich sie verstehe, zwei Fronten eröffnet hat und sowohl die Gegenstände als auch die Methodologien in Frage gestellt hat. Deswegen haben Leute wie Martin Seel Medienwissenschaft als Renovierungsunternehmen der Geisteswissenschaften bezeichnet.

Insofern ist Medienwissenschaft kein Problemlösungsversprechen sondern eher ein Verfahren der Problematisierung und damit eher eine Diskursstrategie oder eine Fragestellung oder eine Epistemologie als eine gesicherte Disziplin mit gesichertem Objektbereich oder gesicherter Methodologie. Die Sache so zu sehen rückt Medienwissenschaft eher in die Nähe von feministischer Theorie oder Dekonstruktion, d.h. es geht um eine Fragestellung, die an bestimmten Wissenskörpern ansetzt, eine fast parasitäre Konstruktion. Das heißt es wird ein Korpus vorausgesezt, an den diese Frage gerichtet werden kann.

Die Frage nach Medien kommt aus verschiedenen Disziplinen. Es gibt sie in der Kunstgeschichte, in der Literaturwissenschaft, in der Informatik, aber auch in der Medizin, in der Physik und sie wird aus diesen Disziplinen heraus gestellt. Das ist nicht unproblematisch, wenn man daraus eine eigene Disziplin machen will. Aus etwas, das eigentlich an einen Wissenskorpus gebunden ist, an den man Kritik ansetzen will.

Eine historische Vergleichssituation, damit habe ich mich einige Zeit beschäftigt, ist so etwas wie Kybernetik. Eine bestimmte Art der Epistemologie, eine bestimmte Art, Dinge zu sehen, zu formalisieren, zu beschreiben, die nicht Disziplin wurde aber durch bestimmte Begriffe und Konzepte andere Disziplinen mit etwas infiziert hat, um ihr Wissen neu zu ordnen. Die Kommunikation zwischen Disziplinen lief über die durch die Kybernetik gespeisten Begriffe.

Also wenn man sich überlegt, dass das ein Modell für die Lage der Medienwissenschaft sein könnte, muss man die Möglichkeit des Verschwindens der Medienwissenschaft mit einkalkulieren.

Dilemma des Kanons

Auch hier lässt sich vielleicht historisch argumentieren: Das, was Medienwissenschaft vorangebracht hat, die Leute die eine medienwissenschaftliche Frage formuliert haben, aus ihrer Disziplin heraus (Germanistik, Informatik) logischerweise keine Medienwissenschaftler waren. Ich möchte es nicht zuspitzen und sagen: Die interessanten Fragen kommen nicht einmal aus der Medienwissenschaft selbst, aber es hätte einen gewissen Anreiz, das zu tun. Ein Beispiel: Denken sie etwa daran, dass und wie Protagonisten etwa der Personal Computing Bewegung Nelson oder Alan Kai um 1970 Schriften von M. McLuhan's gelesen haben, der wiederum den Kybernetiker Norbert Wiener gut gelesen hatte und plötzlich in der Informatik (wenn man es schon Informatik nennen kann, gerade in den 60er ist es ja erst als Studiengänge institutionalisiert worden) diese Leute, die sich praktisch mit den Dingen beschäftigen, erkennen, dass sie es mit Medien zu tun haben. Und dann stellen sie Fragen nach Repräsentationsweisen, nach praktischem Umgang mit den Geräten, die eigentlich eminent medienwissenschaftliche Fragestellungen sind.

Das heißt, wir haben die Medienreflexion in ganz anderen Gebieten selbst als Teil der Mediengeschichte, ohne eine akademische Medienwissenschaft. Das ist überhaupt kein Problem. Wenn man das ernst nimmt, dass die interessanten Fragen immer aus den jeweiligen Disziplinen kommen, hat man das, was ich das "Dilemma des Kanons" versucht habe zu nennen. Man hat einen Spagat zwischen Kritik und Konservatismus. Man müsste eigentlich im Sinne der interessanten Fragen die klassische Disziplinarität schützen und zugleich problematisieren. Voraussetzen und zugleich dekonstruieren.

Die Heterogenität der Medienwissenschaften

Der dritte Punkt: Das, was als Medienwissenschaft firmiert, ist ein extrem heterogenes Feld:

  • Medienwissenschaften 1: Publizistik und Kommunikationswissenschaft, eher soziologisch politikwissenschaftlich orientiert, quantitativen Methoden.
  • Medienwissenschaften 2: Film und Fernsehwissenschaft, Auslagerung der Theaterwissenschaft, auch ein Spät-60er-Produkt in Deutschland.
  • Medienwissenschaft 3 der 80er Jahre, die anfängt, sich für digitale Medien zu interessieren.

Das sind sehr verschiedene Dinge, sodass DIE Medienwissenschaft zumindest problematisch ist, da sie sich historisch aus sehr vielen Quellen und Richtungen speist.

Der pragmatische Teil

Terminologische Präliminarien

  • Medienwissenschaft wäre der problematische und wenn nicht sogar paradoxe Status und Titel einer akademischen Disziplin. Problematisch aufgrund der genannten Punkte. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es hat Vorteile, eine Disziplin zu sein, aus fördertechnischen Gründen (die DFG wurde ja mehrfach erwähnt). Es hat aber Nachteile, wenn die Sache, wie ich es verstehe, eher eine Fragestellung ist, die an verschiedenen Orten interveniert und nicht den Status einer klassischen Disziplin mit gesichertem Objektbereich hat.
  • Medientheorie wäre eher ein Geschehen, das sich häufig in der Geschichte ereignet hat, an ganz unterschiedlichen Orten. Medientheorie muss nicht in unserem moderenen Verständis Wissenschaftsförmig sein. Medientheorie muss nicht an Universitäten stattfinden. Muss sich nicht unbedingt in Büchern niederschlagen und ist vor allem überhaupt nicht an eine universitär organisierte Wissenschaft gebunden.
  • Medienphilosophie, das wofür ich selber da stehe, und viele andere Komposita dieser Art, bezeichnen glaube ich den Ort der Frage nach Medien im Kontext einer bestehenden disziplinären Struktur, wie hier etwa die Philosophie. Das wäre vielleicht Bildwissenschaft im Bereich der Kunstgeschichte, Medieninformatik oder Computer als Medium aus der Informatik heraus, usw.

4 Organisationsformen des Nachdenkens über Medien

Daran anschließend noch 4 Punkte, um zu sehen, welche Organisationsformen es für dieses Nachdenken über Medien es gibt. Ich nenne 3 deutsche und eine österreichische Universität und versuche die persönliche Erfahrung auf Modellebene zu bringen.

  • Ein Modell, das ich das Modell "großer Plan" nennen würde, ist Weimar. Die Weimarer Uni ist eine kleine, ostdeutsche Uni. Sie hat die Medienwissenschaften als eigene Fakultät neben den traditionellen Fakultäten eingerichtet. Diese macht eine Binnengliederung in Medieninformatik, Medienökonomie, Medienrecht, Mediengeschichte, Mediengestaltung. Innerhalb ist sie wieder Disziplinförmig organisiert, weil man Einzelabschlüsse bekommt: Einen BWL-Abschluss, Ingenieursabschluss, Dr.Phil oder ähnliches.
  • Zweite Möglichkeit: Ruhr Uni Bochum. Man glaubt, dass man Medienwissenschaft als eine eigene Disziplin braucht. In Bochum als Zusammenlegung dessen, was ich vorhin als Medienwissenschaft 1,2,3 bezeichnet habe. Da hat man vereinheitliche halbwegs vollständige BMA-Abschlüsse, da wird man Medienwissenschaftler. Die Disziplin ist intern sehr heterogen und hat wenig kollaborative Forschung. Ein Studienplan, ich sage es vorsichtig, würde es aber auch vor den Bochumern sagen, der die Gefahr des Gemischtwarenladen enthält. Dafür aber als autonome Disziplin organisiert.
  • Drittes Modell, das ich kennen lernen durfte, das oft an Kunsthochschulen oder Akademien zu finden ist: das Service-Provider-Modell. Sprich: Medienwissenschaft existiert als Zulieferer für Studiengänge, ist aber kein eigener. Man hat Medientheorie und Mediengeschichte für Fotografen, Künstler, Industriedesigner oder Ähnliches. Das hat gewisse Vorteile, weil das oft kleine schnittige Organisationen sind. Man hat aber dann wiederum keine eigenen Studenten, meist nur externe Doktoranden, Forschung findet in der Regel außerhalb der Dienstzeit statt und man ist in der Zuliefererposition.
  • Das vierte Modell, als letztes: Die Universität Wien. Große Traditions-Voll-Uni von 1365, das ich mal vorsichtig - das ist nicht die offizielle Strategie - das "Partisanen-Modell" nennen würde. Man hat keine Fakultät, keine Disziplin, sondern verteilt die Leute, die sich für Medien interessieren, über die Disziplinen. Das heißt, man hat 1-2 Leute in der Philosophie, 1-2 Leute bei den Historikern, 1-2 Leute in der Informatik sitzen, die sich für die Frage nach Medien interessieren. Diese Leute treffen sich halb außerhalb der Dienstzeit, eher in Kollegs, eher über die Fakultäten und Institute hinweg organisiert. Ich finde, dass dieses Modell große Vorteile hat. Da kann man in der Abschlussdiskussion noch darüber reden.

Also das sind die vier Modelle, wo sich Beschäftigung abzeichnet: "Großer Plan", "Traditionelle Disziplin", "Service-Provider" oder "Partisanen"-Modell.

Eine utopische Miniatur von Universität

Ein letzter Punkt, um es perspektivisch zu machen: Wie sollte die Sache für Studierende aussehen? Ich würde einen Vorschlag machen, der nicht verallgemeinerbar ist, an dem ich im Moment herumlaboriere, der OK für kleine schnittige Unis ist, nicht unbedingt tauglich für große Universitäten. Ein Vorschlag, der in gewisser Weise einige Optionen der gescheiterten/angeeckten Bologna-Reform kapern kann und daraus etwas machen, das vielleicht das komplette Gegenteil von Verschulung ist. Dabei scheinen die Medien ein guter Aufhänger, um das zu machen. Ich könnte mir also vorstellen, dass an einer kleinen Uni prinzipiell alle Lehrveranstaltungen dieser Universität - in allen Fakultäten - einfach aufgemacht werden. Nennen wir es: Studieren ohne Studienplan oder Nachfrage-orientiertes Studium. Wie der Anfang aussieht, weiß ich nicht ganz. Aber der Mittelteil des Studium könnte so aussehen, dass Leute sich Themensemester machen. Das heißt, man könnte sich ein Themensemester "Bild" oder so etwas setzen. Man kann in die Kunstgeschichte, in die Philosophie, in die Computergrafik bei den Informatikern, zu den Medizinern in die Visualisierung gehen, usw. Oder ein Semester über bestimmte Methoden, etwa quantitative Methoden, das auch durch die verschiedenen Disziplinen hinweg. Dazu bräuchte es vielleicht eine Art Mentoring-Programm, das nicht beim Kaffee-trinken stecken bleibt, sondern wo jeder Studierende seinen Plan jemanden zeigt, der checkt, ob das zusammenpasst. Das setzt voraus, dass man halbwegs einschätzen kann, was die Kollegen tun. Deswegen kleine Unis. Das Absignieren des Plans müssen Leute machen, die ihre Uni kennen und die dadurch gezwungen werden, zu wissen, was die Kollegen so treiben. Das bräuchte ganz neue Debutats-Verrechnungsformen und überhaupt neue Verrechnungsformen, da man ja nicht nur die eigenen Studierenden versorgt. Am Ende wäre das Studium ein BA, der hauptsächlich auf der Abschlussarbeit beruht und nicht Punkte aus dem Gesamtstudium reinschleppt, weil das dazu führt, dass Leute nur noch dort reingehen, wo es einfach ist. Dieser BA wird wieder für eine traditionelle Disziplin gemacht. Sprich: In der letzten Phase sind die letzten Semester wieder orientiert auf Informatik, Kunstgeschichte, Philosophie etc mit einem BA, der die Standards dieser Disziplin hält und nicht eine luftige Medienwissenschaft, der aber anderwertig informiert ist dadurch, dass die Leute sich im Mittelteil ihres Studiums gewissermaßen herumgetrieben haben, und sich bei "Bild" nicht nur kunsthistorische Vorlesungen angesehen haben sondern in der Informatik saßen oder in der medizinischen Visualisierung. Auf diesen disziplingebundenen BA könnte man Medienwissenschaft aufsetzen, weil man dann einen disziplinären Korpus an Wissen hat, auf den eine Medienwissenschaftliche Frage erst Sinn macht. Man hat dann Leute mit dem sicheren Gespür, was eine interessante medienwissenschaftliche Fragestellung eigentlich ist. Medienwissenschaft müsste dann eine Strategie der offenen Rekrutierung ernsthaft betreiben. Es können Leute aus der Informatik, aus der Physik, aus anderen Geisteswissenschaften rüber kommen, wenn und sobald sie eine medienwissenschaftliche Themenstellung haben. Das setzt - obwohl es nach mehr Aufwand aussieht - sehr viel Entbürokratisierung voraus. Es setzt sehr viel Vertrauen in die Leute voraus und macht Kooperation zwischen den Betreuern und Disziplinen möglich. Das wäre eine utopische Miniatur von Universität gewesen.


Herbert Hrachoec: "Rückmeldung und feedback"

in progress