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:: "What counts is that the intellectual is engaged in politics and commits to or takes the side of the people and the workers. I move in that tradition. My philosophy tries to keep alive, as best it can (it is not always easy), the idea that there is a real alternative to the dominant politics and that we are not obliged to rally around the consensus that ultimately consists in the unity of global capitalism and the representative, democratic state." (S.647)
 
:: "What counts is that the intellectual is engaged in politics and commits to or takes the side of the people and the workers. I move in that tradition. My philosophy tries to keep alive, as best it can (it is not always easy), the idea that there is a real alternative to the dominant politics and that we are not obliged to rally around the consensus that ultimately consists in the unity of global capitalism and the representative, democratic state." (S.647)
  
Ein paar Zeilen vorher wurde davon gesprochen, dass die Unterscheidung von klassisch-demokratisch-bürgerlicher Politik und revolutionärer Politik so nicht mehr aufrecht erhalten kann, da alles viel komplexer und obskurer geworden ist. Demnach müsste das, was "die Arbeiter" und "die Intellektuellen" sind, auch komplexer geworden sein (und da würde ich zustimmen, man denke etwa an die 'knowledge worker'). Wie lässt sich also weiterhin mit den alten Begrifflichkeiten - anscheinend in der alten Bedeutung - reden? Die Seite der Arbeiter und die Seite des Großkapitals, wir kennen das gut. Was fehlt ist die klärende Abkühlung oder Umwendung, etwa durch Theorie, meinetwegen in zeitlosem Gewand.
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Ein paar Zeilen vorher wurde davon gesprochen, dass die Unterscheidung von klassisch-demokratisch-bürgerlicher Politik und revolutionärer Politik so nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, da Politik viel komplexer und obskurer geworden ist. Demnach müsste ein Verständnis davon, was "die Arbeiter" und "die Intellektuellen" sind, auch komplexer geworden sein (und da würde ich zustimmen, man denke etwa an die 'knowledge worker'). Wie lässt sich also weiterhin mit den alten Begrifflichkeiten - anscheinend in der alten Bedeutung - reden? Oder danach: Die Seite der Arbeiter und die Seite des Großkapitals. Was man nicht findet ist eine Abkühlung oder Umwendung, etwa durch Theorie, meinetwegen in zeitlosem Gewand. Oder ist eine Abkühlung sachlich gar nicht gerechtfertigt? Die Sorge ist momentan ja groß, die Rede von der "real alternative" macht die Runde. Liegt Badiou also im Trend?
  
 
Es gibt einen Unterschied in Blickstand, Blickrichtung und Sichtweite, wenn man sich erst in eine Situation versetzt oder wenn man immer schon dort auf- und hineingewachsen ist. Im letzteren Fall handelt es sich nicht um ein ''retro''aktives Verhältnis zur politischen Situation, sondern um ein aktives.
 
Es gibt einen Unterschied in Blickstand, Blickrichtung und Sichtweite, wenn man sich erst in eine Situation versetzt oder wenn man immer schon dort auf- und hineingewachsen ist. Im letzteren Fall handelt es sich nicht um ein ''retro''aktives Verhältnis zur politischen Situation, sondern um ein aktives.

Aktuelle Version vom 10. Februar 2012, 00:12 Uhr

Interview von Filippo Del Lucchese und Jason Smith mit Alain Badiou. In: Critical Inquiry 34 (2008)

Politik als Bedingung für Philosophie

Badiou wird nach der Beziehung zwischen Politik und Philosophie gefragt. Er antwortet, indem er zwei mögliche Richtungen skizziert: Philosophie als Grundlegung für Politik, oder Politik als Bedingung für philosophische Klärung und Legitimation im Horizont einer politischen Praxis. Badiou favorisiert die zweite, da Politik ein so komplexes und obskures Feld geworden ist. Für ihn ist das Verhältnis zwischen Philosophie und Politik retroaktiv: "In this case, the relation between philosophy and politics would be, in a certain sense, retroactive. That is, it would be a relation in which philosophy would situate itself within political conflicts in order to clarify them."

Ein retroaktives Verhältnis hieße also, Philosophie manovriert sich zurück in den Horizont der politischen Situation, die für sich selbst steht, um die Dynamik der Situation von dort her theoretisch zu bearbeiten. Diese Beschreibung ist zumindest anschlussfähig mit einer Stelle von Sein und Ereignis, die anna ad hoc auf einer Diskussionsseite beschrieben hat. Eine historisch konfliktreiche Situation wird ins "Gewand der zeitlosen Ordnung" geglättet. Badiou sagt, er steht Seite an Seite mit den 'normalen Arbeitern' und dass seine Philosophie aus den politischen Bewegungen, an denen er Teil genommen hat, entstanden ist:

"What counts is that the intellectual is engaged in politics and commits to or takes the side of the people and the workers. I move in that tradition. My philosophy tries to keep alive, as best it can (it is not always easy), the idea that there is a real alternative to the dominant politics and that we are not obliged to rally around the consensus that ultimately consists in the unity of global capitalism and the representative, democratic state." (S.647)

Ein paar Zeilen vorher wurde davon gesprochen, dass die Unterscheidung von klassisch-demokratisch-bürgerlicher Politik und revolutionärer Politik so nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, da Politik viel komplexer und obskurer geworden ist. Demnach müsste ein Verständnis davon, was "die Arbeiter" und "die Intellektuellen" sind, auch komplexer geworden sein (und da würde ich zustimmen, man denke etwa an die 'knowledge worker'). Wie lässt sich also weiterhin mit den alten Begrifflichkeiten - anscheinend in der alten Bedeutung - reden? Oder danach: Die Seite der Arbeiter und die Seite des Großkapitals. Was man nicht findet ist eine Abkühlung oder Umwendung, etwa durch Theorie, meinetwegen in zeitlosem Gewand. Oder ist eine Abkühlung sachlich gar nicht gerechtfertigt? Die Sorge ist momentan ja groß, die Rede von der "real alternative" macht die Runde. Liegt Badiou also im Trend?

Es gibt einen Unterschied in Blickstand, Blickrichtung und Sichtweite, wenn man sich erst in eine Situation versetzt oder wenn man immer schon dort auf- und hineingewachsen ist. Im letzteren Fall handelt es sich nicht um ein retroaktives Verhältnis zur politischen Situation, sondern um ein aktives.

Mathematik als Bedingung für Philosophie?

Was anderes. Mir sind die obigen Stellen aufgefallen, weil mir beim Lesen sofort die folgende Frage eingefallen ist: In welchem Verhältnis stehen Mathematik und Philosophie bei Badiou? Soll dieses Verhältnis etwa auch retroaktiv sein, d.h. Mathematik als eine Bedingung von Philosophie, d.h. Philosophie versetzt sich in einen Horizont einen bestimmten mathematischen Konflikt, um Entscheidungen in der beobachteten Dynamik aufzuzeigen?

TODO: Kritik der Nirenbergs (und etwas weiter gedacht): kontingente Modelle werden mit notwendigen Strukturen der Mengentheorie vermischt/verwechselt, es werden keine Entscheidungen aufgezeigt, sondern ein bestimmtes Verständnis wird affirmiert und von ihm ausgehend eine Ontologie gebastelt. ... Hier geht sich wieder kein retroaktives Verhältnis aus. Ein bestimmtes Arrangement innerhalb der mathematischen Praxis wird fixiert und von dem aus wird das Selbstverständnis der Philosophie (als 'nochmal was anderes als Ontologie') gesichert. Die Frage ist: Wie ist diese Fixierung begründet? Es reicht doch nicht zu sagen: Das ist die Wette, die Badiou eingeht.