Benjamin Libet und die Folgen (FiK): Unterschied zwischen den Versionen

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* [[Kartographie des Freiheitsbegriffs (FiK)]]
 
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Version vom 4. Juni 2007, 12:57 Uhr

Gegeben seien ein willkürlicher Akt, ein Bewusstseinszustand und ein Zeitverlauf. Der Akt ist für die Umwelt sichtbar, der Bewusstseinszustand einer Versuchsperson bekannt und beides findet in einer Abfolge derselben Zeit statt. Freie Handlungen werden oft so beschrieben, dass Personen zu einem bewussten Entschluss kommen und ihn anschließend umsetzen. Zuerst kommt die gedankliche Tätigkeit, dann eine von ihr ausgelöste Aktion. Mit bildgebenden Verfahren lassen sich Vorgänge im Gehirn lokalisieren und in ihrer Entwicklung verfolgen. Die Frage ist dann, wie sich die hirnphysiologischen Prozesse mit dem Bewusstseinsbefund auf eine Linie bringen lassen.

Benjamin Libet konstruierte eine Versuchsanordnung, in der es möglich ist, die Zeitmessung des neurologischen Experiments mit dem Zeitempfinden der ProbandInnen zu verbinden:

"Als ich 1977 Gastwissenschaftler am Rockefeller Center for Advanced Studies in Bellagio, Italien, war, kehrten meine Ge­danken zu diesem scheinbar unlösbaren Messproblem zurück. Es fiel mir damals ein, dass eine Versuchsperson die 'Uhrzeit' ihres Erlebnisses der bewussten Absicht berichten könnte. Sie würde sich die Uhrzeit im Stillen merken und dann, nachdem jeder Versuchsdurchgang vorbei war, berichten."

Wir können vermöge eines "inneren Zeitbewusstseins" temporale Beziehungen erfahren. Zusätzlich bewegen wir uns in Verhältnissen, die mit Uhren gemessen werden. Eine Überschneidung sieht folgendermaßen aus: Wir sehen, wenn wir etwas fühlen, auf einen Zeitmesser. Der Vorgang ist ganz alltäglich. Es kommt häufig vor, dass jemand sich plötzlich an eine Verabredung erinnert und auf die Uhr schaut (oder umgekehrt). Libet verwendet ein, für den Mikrosekundenbereich seiner physiologischen Aufzeichnung geeignetes, Kathodenstrahloszilloskop.

Abbildung 4: Kreisender Lichtfleck
"Die Versuchsperson saß 2,3 m vom Oszilloskop entfernt ... Sie wurde gebeten, eine freie Willens­handlung zu vollziehen, eine einfache, aber plötzliche Bewegung des Handgelenks, und zwar zu einem beliebigen Zeitpunkt. Sie wurde gebeten, nicht im Voraus zu planen, wann sie handeln würde; sie sollte vielmehr die Handlung 'von sich aus' erschei­nen lassen. Das würde uns gestatten, den Prozess der Handlungs­planung von dem Prozess für einen freien, spontanen Willen, 'jetzt zu handeln', zu unterscheiden. Sie wurde außerdem gebeten, ihr erstes Bewusstsein ihrer Bewegungsabsicht mit der 'Posi­tion auf der Uhr' des kreisenden Lichtflecks zu verknüpfen. Diese verknüpfte Uhrzeit wurde von der Versuchsperson nach Beendigung des Versuchs berichtet."

Libets Beschreibung enthält eine wichtige begriffliche Voraussetzung des Experiments. Für ihn ist die spontane Bewegung des Handgelenks eine freie Willenshandlung. Er instruiert die getesteten Personen dahingehend, dass sie zu einem beliebigen Zeitpunkt einen Körperteil aktivieren und fasst das als Manifestation der Freiheit auf. Überlegungen ("den Prozess der Handlungsplanung") schließt er explizit von der Betrachtung aus. Freiheit ist ein unvermittelter Einfall, dem eine Person folgen kann. Sie sieht auf der Uhr, wann es dazu kommt, und gleichzeitig werden ihre Gehirnströme aufgezeichnet. Nun lässt sich testen, ob der oben beschriebene Eindruck korrekt ist, dass wir zuerst entscheiden und dann ausführen.

Es zeigt sich, dass vor dem durch die TeilnehmerInnen angegebenen Zeitpunkt der bewussten Handlungsabsicht im neurologischen Befund ein so genanntes "Bereitschaftspotenzial" zu beobachten ist. Das sind Hirnaktivitäten, die sich im Vorfeld einer Aktion aufbauen und als Bedingung für ihre Ausführung gedeutet werden können.

"Wir fanden, kurz gesagt, dass das Gehirn einen einleitenden Prozess durchläuft, der 550 ms vor dem freien Willensakt beginnt; aber das Bewusstsein des Handlungswillens erschien erst 150-200 ms vor der Handlung. Der Willensprozess wird also unbewusst eingeleitet, und zwar etwa 400 ms bevor die Versuchsperson sich ihres Willens oder ihrer Handlungsabsicht bewusst wird."

Über die Verlaufskurve des Geschehens im Gehirn werden Markierungen gelegt. Zwei Fixpunkte sind der Moment, in dem die Person sich des Entschlusses zur kommenden Handbewegung bewusst wird, und jener, in dem ihre Durchführung beginnt. Anders als es die landläufige Meinung nahelegt, liegt der Beginn der einschlägigen körperlichen Abläufe nicht nach dem Bewusstseinsakt, er geht ihm voraus. Libet spricht von einer "unbewussten" Vorbereitung der Aktion. Die meisten derartigen Körperbewegungen erfolgen ohne Bewusstsein, im vorliegenden Punkt ist wesentlich, dass eine Aktivierung des Gehirns festzustellen ist, bevor die Person bewusst Kontrolle über ihr Handlungsspektrum gewinnt.

Die dargestellte Versuchsanordnung bietet im Rahmen der Experimentalpsychologie einen Beitrag zum Thema Freiheit. Zu seinem Verständnis ist festzuhalten, wie dabei "Freiheit" verstanden wird. Libets Angaben orientieren sich an der populären Auffassung, Freiheit bedeute, ungezwungen tun zu können, was man will.

"Unsere Definition einer Willenshandlung enthielt folgende Merkmale: Der Handlungswille entstand auf endogene Weise. Es gab also keine äußeren Hinweisreize für den Vollzug der Handlung; keine äußeren Beschränkungen für den Zeitpunkt der Handlung; und vor allem hatte die Versuchsperson den Eindruck, dass sie für die Handlung verantwortlich war, und sie hatte auch das Gefühl, dass sie es in der Hand hatte, wann sie handelte und ob sie überhaupt handeln sollte oder nicht."

Ergebnis: Unter Einklammerung vorbereitender Planungen und unter der Voraussetzung, Freiheit käme maßgeblich spontanen Aktionen zu, zeigt der gehirnphysiologische Befund einen "Vorsprung" der neuronalen Abläufe vor dem Bewusstsein.

Fortsetzungen

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<root><br /> <h level="2" i="1">== Kontext ==</h>

Freiheit im Kopf (Seminar Hrachovec, 2006/07)

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