19. März 2007

Aus Philo Wiki
Version vom 26. März 2007, 21:49 Uhr von Res (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu:Navigation, Suche

Freud, Sigmund (1908): Über infantile Sexualtheorien, in: ders.: Studienausgabe Bd. 5 Sexualleben, Frankfurt/M.: Fischer 2000, 169-184.

Nasio, Juan David (1999): Der Begriff der Kastration, in: ders.: 7 Hauptbegriffe der Psychoanalyse. Wien: Turia+Kant 1999, 7-19.



Keuschheitsgelübde

In der letzten Sitzung wurde vorgeschlagen, die Grundsätze, welche von der Dogma95 Gruppe formuliert worden sind, als eine Art Kastration im Filmischen zu verstehen. Das bedeutet, die Restriktionen, welchen sich die Filmemacher der Gruppe unterworfen haben, als eine Art Gesetz zu begreifen. Als solches würde es erinnern an Gesetze, denen wir im Feld der Ethik begegnen. Das erste, was an einer solchen Übertragung auffällt, ist die Engführung, die damit zwischen dem Ethischen und dem Ästhetischen nahegelegt wird. Wenn wir, was wohl Fragen und Diskussionen nach sich ziehen wird, das Ethische mit dem Symbolischen und das Ästhetische mit dem Imaginären bei Lacan in Verbindung bringen, so geht es bei dieser Übertragung um das Verhältnis zwischen Symbolischem und Imaginärem. Hans-Dieter Gondek (1994) hält eine solche Übertragung deswegen für gerechtfertigt, weil beide verflochten imponieren, der ethische mit dem ästhetischen Bereich und der imaginäre mit dem symbolischen Modus.


Kant für Lacan

Gondek (1994) weist auf eine Funktion hin, die Kant für Lacan gehabt haben könnte. Kant könnten wir als einen unnachgiebigeren Denker ansehen, der im Unterschied zu Hegel auf bleibenden Dysjunktionen besteht. Bei Kant gibt es kein geordnetes Verfahren zur Aufhebung von Gegensätzen, wie etwa im Selbstbegriff des Geistes bei Hegel. Lacan hat sich in den Dreißiger, teilweise auch in den Vierziger Jahren mehr an Hegel orientiert. Ein Beispiel dafür wäre seine Konzeption des Imaginären, die in dieser Zeit im Zentrum seiner Forschungsbemühungen gestanden ist. Mehr als das Symbolische, das Lacan erst in den Fünfziger und frühen Sechziger Jahren systematisch beschäftigt hat. Das Imaginäre ist durch ein Anerkennungsgeschehen gekennzeichnet, das sich an Hegels Herr-Knecht-Dialektik orientiert. Es geht um einen Kampf um Anerkennung. Kant ist ein Denker der Spaltung (Gondek 1994) und als solcher für Lacan attraktiv (vgl. die in der vorangegangenen LV beschriebene Spaltung des Subjekts bei Kant und Lacan). Das lässt sich zum Beispiel mit der Tatsache illustrieren, dass die Erkenntnis nach Kant zweier Vermögen bedarf – der Sinnlichkeit und des Verstandes. Ein Vermögen bleibt vom anderen getrennt und ist auf das andere angewiesen. Ohne Sinnlichkeit ist kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand kann kein Gegenstand gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.


Das Schöne und das Erhabene

Ein Film ist mehr als eine Aneinanderreihung von Bildern. Zum Film gehört dazu, dass er angeschaut, mit Urteilen versehen wird.

Das ästhetische Urteil bedarf des Zusammenspiels von Einbildungskraft und Verstand. Wo Einbildungskraft und Verstand im freien Spiel aufeinander treffen, gelangen wir zum Schönen. Schön ist das, was interesselos gefällt. Von diesem ist das Erhabene zu unterscheiden. Es verdankt sich einem Widerstreite zwischen Einbildungskraft und Vernunft. Die Erfahrung einer Unterlegenheit des Menschen als Sinnenwesen schlägt hierbei um in das Bewusstsein einer moralischen Superiorität. Die Differenz zwischen Schönem und Erhabenem markiert den Übergang vom Sinnengeschmack zu einem Reflexionsurteil.

Im Unterschied zu klassischen Hollywood-Filmen überfordert Vinterberg die sinnlichen Möglichkeiten der BetrachterInnen. Er tut dies im Namen einer allgemeinen Regel. Wir könnten sagen: Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sinnlichkeit und Vernunft entspricht der Frage nach dem Verhältnis zwischen Imaginärem und Symbolischem, von dem wir bis jetzt nur festgehalten haben, dass es ein verflochtenes ist. Hier stellt sich nun heraus, dass die Dogma95 Regeln als Beispiel für nur eine Richtung dieses Verhältnisses angesehen werden können. Denn mit den Dogma95 Regeln wird gleichsam ein symbolischer Schnitt eingeführt in einen bildhaften Raum. Die Gegenrichtung, eine Imaginisierung des Symbolischen, lässt sich damit nicht illustrieren.


Achtung

Um eine solche geht es dafür im Begriff der Achtung bei Kant. Die Achtung, die dem Gesetz in seiner Erhabenheit zu zollen ist, können wir als einen imaginären Rest im Verhältnis zum Symbolischen bezeichnen. Es stellt sich die Frage, wozu ein solcher Rest gut ist, ob er bestehen soll und wenn nicht, wie er zu eliminieren ist. Ebenso ist zu fragen, wie wir den Übergang von einer ästhetischen Achtung vor dem Gesetz zu einer Annahme des Gesetzes im Sinne einer symbolischen Akzeptanz denken können. Gondek (1994) ortet hier ein Defizit bei Kant. Für Gondek ginge es bei einer solchen Annahme des Gesetzes darum., das Gesetz nicht nur als eine allgemeine, mit dem Vater und seinem Namen verbundene Vorschrift anzusehen, sondern in einer Bewegung, die die Transzendenz des anderen ernst nimmt, in jedem Aufeinandertreffen mit irgendeinem anderen den Ernstfall des Gesetzes bzw. seiner Anwendung zu sehen (Gondek 1994). „Bei Kant mangelt es an einem solcherart ausgeführten Übergang , jedenfalls in der Ethik, im Selbstverhältnis des ethischen Subjekts als des Verhältnisses von Gesetz und Achtung für das Gesetz: Es gibt keine ethische Arbeit des Subjekts an sich selbst, sondern allein die Unterwerfung“ (Gondek 1994, 151).

Die Kastration beschreibt diese Unterwerfung als einen Prozess. Das Skandalöse an dieser Beschreibung liegt nicht nur in der geschlechterdifferenten Behandlung der Thematik, der wir uns erst in der kommenden Woche zuwenden werden, sondern zunächst darin, dass der Körper, im Speziellen der sexuelle Körper, zum Ort der Annahme des und der Achtung für das Gesetz erklärt werden.



Gondek, Hans-Dieter (1994): Vom Schönen, Guten, Wahren. Das Gesetz und das Erhabene bei Kant und Lacan, in: ders. / Peter Widmer (Hg.): Ethik und Psychoanalyse. Vom kategorischen Imperativ zum Gesetz des Begehrens: Kant und Lacan, Frankfurt/M.: Fischer 1994, 133-168.


--Uk 18:11, 20. Mär 2007 (CET)


Freud-Referat (Kurzzusammenfassung

Freud prägte wie kaum ein anderer das 20 Jhdt. Sein Name wird mit Begriffen in Verbindung gebracht, die auch heute noch teilweise unser Denken tragen, auch wenn sich viele seine Thesen als "falsch" erwiesen haben und er nicht der "Entdecker" des Unbewussten, noch der 1. Sexualwissenschaftler, noch das Siegel der Psychoanalyse war bzw. ist. Freud hat jedoch neben seinen Leistungen für die Wissenschaft Psychologie auch einige Bücher und Texte mit soziokulturellem Inhalt verfasst - Werke, die an den Fundamenten von Kultur & Gesellschaaft gerüttelt haben. Gerade dies wollten wir bewusst dem Text voranstellen, um auf eine vielfach einseitige Rezeption Freuds - auch an unserem Institut ("gender studies", ...) - hinzuweisen (Stichwort: Pansexualismus von Freuds Psychoanalyse bzw. auch Medicozentrismus). Ausserdem empfanden wir gerade diesen Teil seines Ouvres im Kontext unserer Vorlesung als äusserst interessant, denn die - hier natürlich sehr stark verkürzte - These, dass die Gesellschaft und die Kultur hauptverantwortlich für die Bildung von Neurosen beim Individuum sind, könnte man ebenso mit dem Begriff ´Kastration´ in Verbindung bringen. Auch hier wird der Mensch bei seiner Entfaltung behindert, ja gleichsam "beschnitten" bzw "zurechtgestutzt". Ausserdem haben wir einige Thesen seines Denkens präsentiert, die auch heute noch immer modern klingen bzw. für die damalige Zeit äusserst progressiv waren (fundamentale Bisexualität; frühkindliche Sexualität; homosexuelle Objektbildung "in allen Fällen" und dass diese auch noch bei den meisten latent erhalten bleibt; Wendung gegen die Vorstellung, dass Sex rein der Fortpflanzung dienen würde; Kultur entsteht durch Nicht-Auslebung, Sublimation und Umformung des "Perversionsrestes"; "entpathologisierte" Sexualität und damit verbunden die Zerstörung der Illussion von der Monstrosität der kindlichen und perversen Sexualität; Auflösung der Grenzlinie zwischen normaler und anormaler Sexualität; usw.). Gleichzeitig wollten wir aber natürlich auch unterstreichen, dass man Freuds Werke nicht ohne eine "geschichtliche Brille" lesen kann, dass man natürlich die Umstände der Zeit immer auch beachten muss, und dies bezieht sich natürlich - nicht nur, aber auch - auf seine Aussagen über das weibliche Geschlecht. Danach haben wir einige Begriffe, die Freud verwendet und die uns für ein tieferes Verständnis des Textes als notwendig erschienen, erklärt: "normale" Sexualität, Perversion, Neurose, Ödipuskomplex, Latenz, polymorph-pervers, Trieb & Partialtrieb.


Über infantile Sexualtheorien:

Bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts war man vorrangig der Meinung, dass Kinder zunächst asexuelle Wesen seien und der Geschlechtstrieb sich erst mit Einsetzen der Pubertät zu entwickeln beginnt. 1904/1905 publizierte Sigmund Freud jedoch sein Aufsehen erregendes Werk Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, in welchem er seine These erläutert, dass Kinder ab dem Säuglingsalter bereits über einen Sexualtrieb verfügen und dieser sich auch auf mannigfaltige Art und Weise äußere. Die Annahme das Kinder asexuell seien, ist für Freud ein schwerwiegender Irrtum, denn in der klassischen Psychoanalyse spielt die Phase von der Geburt bis zum Erreichen der Pubertät eine wesentliche Rolle, da er annimmt, dass die psychische Entwicklung in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sexualität steht. In der Intensität und dem zeitlichen Auftreten des spezifischen Sexualverhaltens in der Kindheit gibt es natürlich subjektive Schwankungen, doch sei jedes Kind an einem gewissen Punkt in seiner Entwicklung davon betroffen. Zentrale Thesen in der Entwicklung der kindlichen Sexualität sind der Ödipuskomplex, der Kastrationskomplex, sowie der Penisneid. Diese manifestieren sich wie folgt:

Ödipuskomplex:

Im Unbewussten des jungen Knaben findet sich laut Freud ein sexuelles Begehren gegenüber der eigenen Mutter, dieses ist verdrängt und unbewusst. Das Kind rivalisiert dementsprechend mit dem Vater um die Gunst der Mutter und will, um seinen Platz einzunehmen, diesen (unbewusst) töten. Das erste Sexualobjekt des Mädchens ist ebenfalls die Mutter. Bevor sie sich der anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau bewusst wird, rivalisiert sie mit dem Vater genauso wie ein Junge. Danach lehnt das Mädchen aus Wut über das „Fehlen ihres Penis“ ihre Klitoris, welche als das dem Penis homologe Organ gesehen wird, die Mutter ab, da dieser die Schuld an der „Kastration“ gegeben wird und die Entwicklung einer weiblichen Sexualität beginnt. Der Vater entwickelt sich dann zum Objekt des Begehrens.

Kastrationskomplex und Penisneid:

Die Entdeckung des anatomischen Geschlechtsunterschieds beim Kleinkind setzt laut Freud eine Entwicklung in Gang, die für das absolvieren der ödipalen Phase entscheidend ist. Diese Entwicklung verläuft bei Jungen und Mädchen unterschiedlich, basiert aber auf der Annahme, dass Kinder beiderlei Geschlechts, allen Geschlechtern einen Penis zuschreiben und als Normalfall betrachten.

Penisneid:

Beim Mädchen führt die Beobachtung, dass einige Menschen einen Penis besitzen und andere nicht, Freud zufolge zum unbewussten „Penisneid“ und zur Ablehnung der Mutter, dem „kastrierten Mann“. Das Mädchen macht die Mutter selbst dafür verantwortlich, keinen Penis zu haben und an ihrer Kastration Schuld zu tragen. Durch die Zuwendung des Mädchens zum Vater gerät es in die ödipale Situation, in der es den Penis des Vaters begehrt und letztlich, so zumindest Freud, unbewusst ein Kind von ihm empfangen möchte.

Kastrationskomplex:

Für den kleinen Jungen hat die Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes eine andere Bedeutung. Durch die Beobachtung dass manche Menschen, wie er, einen Penis besitzen und andere nicht, mutmaßt er, dass den Personen ohne Penis dieser durch Kastration abgenommen wurde. Aus diesem Grund sieht er sich selbst unbewusst, ebenfalls vom möglichen Verlust des Penis bedroht. Diese Angst bezeichnet man als Kastrationsangst. Diese Kastrationsangst kann durchaus positive Folgen für die Entwicklung des Kindes haben, wenn sie dazu führt, dass der Junge den unbewussten inzestuösen Wunsch nach seiner Mutter aufgibt, weil er befürchtet, dass der Vater ihn zur Strafe für sein Begehren kastrieren könnte.

Homosexualität: Homosexualität ist die Folge eines nicht überwundenen Kastrationskomplexes. Die Frau bleibe „Klitorisfixiert“, da sie sich immer noch das Wachsen dieser zu einem Penis erhofft und ihre Sexualität in Folge männlichen Charakter aufweist. Dieser „Männlichkeitskomplex“ kann in manifest homosexuelle Objektwahl ausgehen. Der Mann hingegen fasst die weiblichen Genitalien als „kastriert“ auf und empfindet sie als minderwertig. Daraus entwickelt sich im Extrem eine Hemmung der Objektwahl und bei Unterstützung durch organische Faktoren ausschließliche Homosexualität.

Im Text Über die infantilen Sexualtheorien beschäftigt sich Freud weiters mit den Theorien von Kindern bezüglich der Entstehung eines Kindes. Die sexuellen Aspekte des Kinderkriegens, sowie die Entstehung und Geburt eines Kindes stehen im Mittelpunkt.

Geschlechtsgleichheit: Kinder schreiben allen Menschen einen Penis zu. Kloakentheorie: Kind wird durch den Enddarm geboren. Ermöglicht Schwangerschaft von Mann und Frau. Nabel: Kind wird durch Öffnung des Nabels geboren, oder durch Aufschneiden des Bauches. Sadistische Koitustheorie: Der zufällig beobachtete Koitus der Eltern wird als Gewalttat des Vaters gegen die Mutter interpretiert und wird nicht in Zusammenhang mit der Schwangerschaft gebracht. Kusstheorie: Schwangerschaft wird durch Kuss hervorgerufen. Nahrungsmittel: Durch Essen bestimmter Nahrungsmittel tritt Schwangerschaft ein. Einmalig: Der Koitus findet einmal statt und dauert 24h, Schwangerschaften werden alle durch diesen einen Verkehr ausgelöst (dieser Punkt befindet sich noch in Bearbeitung!)

Häufige Kritikpunkte an Freud und der Psychoanalyse, sind im Allgemeinen die fehlende empirische Belegbarkeit sowie der Einwurf, dass Freud sich ausschließlich mit Neurotikern aus Wiens mittlerer Oberschicht um die Jahrhundertwende befasse, und seine Erkenntnisse & Schlüsse hieraus, nicht auf andere Kulturen anzuwenden sind. Insbesondere der Ödipuskomplex wird auf diese Weise kritisiert und am Beispiel anderer Kulturen sogar widerlegt. Dem ist entgegenzuhalten, dass Freud ausdrücklich immer wieder betont hat, dass er sich nur auf diese spezifische Kultur konzentriert.

Insbesondere die Theorien Freuds bezüglich der weiblichen Sexualität sind mittlerweile inakzeptabel und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Embryonen in den ersten Wochen nicht undifferenziert oder bisexuell sind, sondern eindeutig weiblich sind. Dadurch entbehrt es jeder biologischen Grundlage, die Frau als Ableitung vom Mann zu sehen. Ebenso wenig kann es als Zeichen biologischer Reifung angesehen werden, wenn die Frau im Laufe ihrer Entwicklung die klitoridale Erregbarkeit zugunsten der vaginalen aufgibt, denn physiologisch gehört zur vollen sexuellen Befriedigung der Frau die Erregbarkeit der Klitoris, der rein vaginale Orgasmus ist ein Mythos. Die antiquierten Rollenvorstellungen Freuds haben dazu geführt, dass im Moment ein sehr einseitiger, kritischer Diskurs zu Freuds Gesamtwerk geführt wird, ob dies angesichts seiner weiteren Errungenschaften ganz gerechtfertigt ist, sei jedoch dahingestellt. Hierzu muss man anmerken, dass Freuds Ansichten und Annahmen nicht in geschlossener Form vorliegen, weil er selbst viele seiner früheren Thesen nach und nach revidierte, entwickelte und gar verwarf, wenn sich ihm neue Erkenntnisse aufgedrängt haben, und die späteren ohne Kenntnis der früheren unverständlich bleiben. Auch wenn er in diesem Punkt eindeutig ein Kind seiner Zeit ist, vertrat er mit der Grundlegenden Bisexualität des Menschen doch einen progressiven Ansatz. 1925 schrieb er zu den Geschlechterrollen sogar: „…. dass alle menschlichen Individuen infolge ihrer bisexuellen Anlage und der gekreuzten Vererbung männliche und weibliche Charaktere in sich vereinigen, so dass die reine Männlichkeit und Weiblichkeit, theoretische Konstruktionen bleiben, mit ungesichertem Inhalt.“

Freud, Sigmund (1908): Über infantile Sexualtheorien, in: ders.: Studienausgabe Bd. 5 Sexualleben, Frankfurt/M.: Fischer 2000, 169-184.

Freud, Sigmund (1925): Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes, in: ders.: Studienausgabe Bd. 5 Sexualleben, Frankfurt/M.: Fischer 1972, 253-266.

--Yehudit 20. Mär 2007 (CET) --Maxi 20. Mär 2007 (CET)


Der Begriff der Kastration (J.-D. Nasio)

Einleitung

Das Wort Kastration in der Psychoanalyse, meint eine komplexe psychische Erfahrung , die das Kind im Unbewussten im Alter von ungefähr fünf Jahren erlebt und die entscheidenden Einfluss auf die Akzeptanz der zukünftigen Sexualität des Kindes hat. Das Wesentliche dieser Kastrationserfahrung ist, dass das Kind zum ersten Mal um den Preis der Angst, den anatomischen Geschlechtsunterschied anerkennt. Dem Kind war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass es Männer und Frauen gibt. Diesen Unterschied der Geschlechtlichkeit und das sich klar werden darüber, dass der eigene Körper Grenzen hat, muss das Kind nun akzeptieren.


Der Kastrationskomplex beim Knaben

Erster Abschnitt: Jeder hat einen Penis

Der Knabe geht davon aus, dass jedes Individuum im Besitz eines Penis, gleich seinem sei. Er nimmt folglich an, dass es keinen anatomischen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen gibt. Irgendwann merkt der Knabe jedoch, dass es zumindest eine Person ohne Penis gibt und ist sich durch diesen Anblick, seines eigenen Penis nicht mehr sicher. Dadurch gerät seine Annahme, der Universalität des Penis ins wanken.


Zweiter Abschnitt: Der Penis ist bedroht

Dem Knaben wird durch wiederholende Drohungen klar gemacht, seine autoerotischen Praktiken einzustellen. Diese Drohungen warnen das Kind ausdrücklich vor dem Verlust seines Penis, wenn er seine Berührungen fortsetzt. Jedoch beinhalten diese Drohungen aber ebenfalls, dass die Eltern dem Kind alle Hoffnung nehmen wollen, jemals den Platz im Liebesleben, anstelle des Vaters einnehmen zu können. Diese Drohungen, vor allem die des Vaters, sind der Ursprung des Über-Ichs.


Dritter Abschnitt: Es gibt Lebewesen ohne Penis, die Bedrohung ist also real

Hier findet die Entdeckung der weiblichen Genitalregion statt, wobei hier die Schamgegend des weiblichen Körpers gemeint ist. Das Kind registriert das Fehlen eines Penis. Der Anblick an sich scheint dem Kind anfangs nicht nahe zu gehen, durch die Erinnerung an die Drohungen, die der Knabe im vorigen zweiten Abschnitt, jedoch ständig zu hören bekommen hat, spürt er durch diese visuelle Wahrnehmung eine Gefahr, die er bisweilen nicht beobachtet hatte. Mit diesem Aspekt ist der Penisverlust nun als Wirkliches für ihn vorstellbar. Da der Junge aber in einer so affektvollen und narzisstischen Beziehung zu seinem Glied steht, kann er sich nicht eingestehen, dass es Lebwesen ohne ein solches gibt und spricht diesen dadurch ein penisartiges Organ zu und meint, dass es noch klein sei, aber ja noch wachsen würde.


Vierter Abschnitt: Die Mutter ist auch kastriert; Auftauchen der Angst

Auch nachdem der Junge das kleine Mädchen gesehen hat, glaubt er fest daran, dass die älteren und respektableren Frauen wie seine Mutter, mit einem Penis ausgestattet sind. Aber sobald er die Penislosigkeit der Mutter entdeckt, tritt bei ihm die Kastrationsangst endgültig auf. Man kann an dieser Stelle zusammenfassend sagen, dass der Anblick des weiblichen Körpers den Jungen zwar mit der Angst seinen Penis zu verlieren konfrontiert, damit es aber tatsächlich zu einem Kastrationskomplex kommen kann, bedarf es aber noch der Wiedererweckung der verbalen elterlichen Drohungen, die ihm gemahnt hatten, seine autoerotischen Praktiken einzustellen. Die zwei Hauptbedingungen des Kastrationskomplexes sind nun folglich, der Anblick des weiblichen Geschlechts und deren Penismangel, sowie die Wiedererweckung der verbalen elterlichen Drohungen. Hier bleibt noch zu sagen, dass die Kastrationsangst nicht tatsächlich empfunden wird, sondern unbewusst ist.


Letzter Abschnitt: Ende des Kastrationskomplexes und Ende des Ödipuskomplexes

Unter dem Erleben der Kastrationsangst nimmt der Junge das Gesetz des Verbots an und entscheidet sich somit für die Rettung seines Penis, auch wenn er dadurch auf die Mutter als Sexualpartnerin verzichten muss. Durch die Aufgabe der Mutter und dem Akzeptieren des väterlichen Gesetzes, erschöpft sich die Phase der ödipalen Liebe, wodurch die Anerkennung der maskulinen Identität möglich wird. Dieser ganze Prozess war fruchtbar für den Jungen, denn durch das Aufnehmen seines Mangels, wurde er fähig seine Grenzen herzustellen. Dadurch endet beim Knaben der Kastrationskomplex und auch der Ödipuskomplex löst sich auf.


Der Kastrationskomplex beim Mädchen

Erster Abschnitt: Jeder hat einen Penis (Die Klitoris ist ein Penis)

Das Mädchen weiß anfangs nichts von einem Unterschied der Geschlechter und ist zufrieden mit ihrer Vagina. Sie akzeptiert ihr klitorales Attribut, setzt dieses dem Penis des Jungen gleich und misst diesem Organ auch denselben Wert zu. Der Penis bleibt ein universelles Attribut, egal ob es sich als klitorales Organ beim Mädchen, oder als Penis beim Jungen zeigt.


Zweiter Abschnitt: Die Klitoris ist zu klein, um ein Penis zu sein („Ich bin kastriert worden“)

Hier entdeckt das Mädchen visuell, die männliche Genitalregion. Durch den Anblick des Penis muss es zugeben, dass sie nicht in Besitz eines „wirklichen“ Penis ist. Beim Jungen bilden sich die Auswirkungen des Anblicks erst nach und nach heraus, wobei beim Mädchen hingen, sofort feststeht, dass es das was es soeben gesehen hat, ebenfalls und sofort haben möchte. Sie erkennt somit beim ersten Anblick, dass sie kastriert worden ist.


Dritter Abschnitt: Die Mutter ist auch kastriert; Wiederauftauchen des Hasses gegen die Mutter

Zuerst handelt es sich beim erkennen der eigenen Kastration um ein „individuelles Unglück“, doch mit der Zeit entdeckt das Mädchen andere Frauen, darunter auch seine Mutter, die auch keinen „wirklichen“ Penis besitzen. Daraufhin wird die Mutter, angesichts der Tatsachen dass sie dem Kind keine phallischen Attribute übermitteln konnte und ihr nicht beibringen konnte, den weiblichen Körper gebührend zu schätzen, verachtet. Der ursprüngliche Hass der ersten Trennung beim Stillen, der bisher verdrängt wurde, taucht nun in Form von unaufhörlichen Vorwürfen wieder auf. Durch die Entdeckung der Kastration der Mutter, trennt sich das Mädchen ein zweites Mal von ihr und wählt nun den Vater als Liebesobjekt.


Letzter Abschnitt: Die drei Ausgänge des Kastrationskomplexes: Entstehen des Ödipuskomplexes

Sobald dem Mädchen ihr Penismangel klar geworden ist, gibt es drei verschiedene Haltungen die es einnehmen kann, die für das Schicksal ihrer Weiblichkeit entscheidend sind:


1) Kein Penisneid

Das Mädchen ist so erschrocken aufgrund des anatomischen Nachteils, dass sie sich von jeglicher Sexualität abwendet. Es weigert sich mit den Knaben zu rivalisieren und hat daher keinen Penisneid.


2) Wunsch mit einem männlichen Penis ausgestattet zu sein

Das Mädchen ist angesichts des Mangels in dem Glauben, irgendwann einmal ebenfalls einen so großen Penis zu besitzen, wie sie dies bei einem Jungen gesehen hat, um dadurch den Männern gleich zu werden. Es leugnet die Tatsache einer Kastration und lebt mit der Hoffnung, eines Tages in Besitz eines Penis zu sein. Diese Vorstellung eines Tages ein Mann zu sein, bleibt Ziel ihres Lebens. Dieser Penisneid ist der Wunsch mit einem männlichen Penis ausgestattet zu sein. Die Klitoris bleibt als „kleiner Penis“ die dominant erogene Zone.


3) Der Wunsch, Penissubstitute zu haben

Hier findet die Anerkennung der Kastration statt. Diese weibliche Haltung die Freud als normal bezeichnet, lässt sich durch drei wichtige Veränderungen kennzeichnen:


a) Wechsel des geliebten Partners: Die Mutter überlässt dem Vater den Platz

Die Mutter ist alle drei Abschnitte hindurch der vom Mädchen geliebte Partner, bis zu dem Zeitpunkt, indem es entdeckt, dass auch die Mutter seit jeher kastriert ist. Es empfindet Verachtung und wendet sich dem Vater zu, von dem es erwartet, dass er positiv auf den Wunsch nach einem Penis antworten wird. Es kommt hier zu einem Wechsel des Liebesobjekts und es ist nun der Vater, an den das Mädchen seien zärtlichen Gefühle richtet. So beginnt der weibliche Ödipuskomplex, der der Frau das ganze Leben lang erhalten bleibt.


b) Wechsel der erogenen Zone: Die Klitoris überlässt der Vagina den Platz

Der „Klitoris-Penis“ erhält solange seine erogene Vorherrschaft, bis die Kastration der Mutter bemerkt wird. Durch die Anerkennung der eigenen Kastration sowie die der Mutter und durch die Orientierung der Liebe zum Vater hin, kommt es beim Mädchen zu einer Verschiebung der Libido. Zwischen Kindheit und Adoleszenz verlagert sich die Besetzung der Klitoris, allmählich zur Vagina. Penisneid bedeutet nun, den Penis im Koitus zu genießen und die Vagina wird als Herberge des Penis geschätzt.


c) Wechsel des begehrten Objekts: Der Penis überlässt einem Kind den Platz

Hier wandelt sich der Wunsch dem Penis im Koitus zu genießen, in den Wunsch ein Kind zu gebären um. Die Übertragung der Erogenität der Klitoris auf die Vagina, entspricht dem Übergang des Wunsches, den Penis im Körper aufzunehmen, zum Wunsch Mutter zu sein.


Nasio, Juan David (1999): Der Begriff der Kastration, in: ders.: 7 Hauptbegriffe der Psychoanalyse. Wien: Turia+Kant 1999, 7-19.


--Res 23:17, 26. Mär 2007 (CEST)

Kontext

SE Kastration. (Kadi SS 2007)