"Selbstbegrenzung – ein kategorischer Imperativ für den Homo sapiens"

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Michael Käfer über einen Text von Arthur Spiegler



Welche Umwelt ist schützenswert?

Spiegler gibt auf diese Frage eine allgemeinere und eine speziellere Antwort.

a) Ganz allgemein ist die Umwelt schützenswert, die der Mensch zu seinem Überleben braucht. Diese Überzeugung wird wohl eher vom Hausverstand, als von einer Wissenschaft hervorgebracht und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie jemand allen Ernstes nicht hätte. Aber zu ihrer Begründung unten mehr.

b) Spezieller fordert Spiegler den Schutz von Landschaften, Dorf- und Kleinstadtbildern, etc. Zusammengefasst von allen Landschaftsbildern, die als Spiegel unserer Gesellschaft dienen können.


Womit kann das Schützenswerte der Umwelt begründet werden?

a) Dass die dem Menschen zum Überleben nützliche Umwelt schützenswert ist, wird kein Mensch leugnen, der sich ja als solcher bewusst sein wird, ein denkendes Tier zu sein. D.h. außer Geist auch noch ein Körper und somit Teil der Natur zu sein. Für ein halbes Tier wird es wohl nicht schlecht sein, sein Überleben zu sichern. Und da schließlich, wie Spiegler sagt, auch das denkende Tier immer bis zu einem gewissen Grad von der Natur abhängig bleibt, ergibt sich die Notwendigkeit von Umweltschutz wie von selbst. Eine tiefere, weniger augenscheinliche Begründung würde mir hier unsinnig und unnötig erscheinen. Auch Spiegler gibt keine.

Die beiden Imperative die Spiegler vorschlägt, 1. Begrenzung des Bevölkerungswachstums und 2. der Ansprüche, stammen eindeutig aus empirischen Beobachtungen. Man kann schätzen wie viele Menschen auf der Welt leben können und man kann schätzen, wie viele es bald sein werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit des 1. Imperativs. Wären die Fakten andere, würden sich auch ganz andere Imperative ergeben (gäbe es zu wenige Menschen, wäre ein gegenteiliger Imperativ erforderlich).

Die beiden Imperative entspringen also den bloßen Fakten und nicht einer theoretischen oder politischen Meinung. Feldmäuse überleben auf natürlichen Wiesen; kultiviert man die Wiesen, vermehren sich die Mäuse, bis eine Krankheit alle ausrottet. Der Mensch ist fähig zu denken und man kann, glaube ich, ganz nüchtern behaupten, dass es in bestimmten Situationen nützlich sein wird, die Geburtenrate zu vermindern. Ein Kollege hat während des Seminars den 1. Imperativ als „konservativ“ kritisiert. Aber insofern er das Überleben des Menschen erhalten soll, finde ich „Erhaltung“ hier eigentlich besser, als „Fortschritt“ (wäre dann Auslöschung der Menschheit). War der Einwand politisch gemeint, verstehe ich ihn ebenso wenig. Es wäre traurig, wenn die miserablen Reichtums- und Herrschaftsverhältnisse des kapitalistischen Systems gleichsam von außen, durch eine Bevölkerungskatastrophe, überwunden werden müssen (wie im Tierreich). Freiwillige Selbstbegrenzung, die aus dem Inneren des Menschen selbst entspringt, wäre hingegen „anarchistisch“, „autonom“ (im Gegensatz zu konservativ) zu nennen.

Überhaupt gefällt mir das „Prinzip Selbstbegrenzung“. Zunächst würde ich es als weniger beliebig charakterisieren, als die beiden Imperative. Obwohl der Autor das nicht ausdrücklich formuliert, beruhen diese ja jeweils bloß auf beliebigen Fakten, aus denen sie mit Notwendigkeit folgen. Selbstbegrenzung beruht nicht auf Fakten, sondern sie folgt aus der Ansicht, dass der Mensch Homo sapiens oder denkendes Tier ist. Selbstbegrenzung ist eine Regel, die sich ein freies Wesen selbst auferlegt.

Sie ist also keine Begrenzung, die von Außen kommt. Das Tier ist unfrei und begrenzt, es wird bestimmt. Der Mensch ist nicht völlig Sklave äußerer, fremder Gesetze (Naturgesetze, Instinkt), denen er gehorchen muss, er kann sich selbst bestimmen. Auch schließt Selbstbegrenzung völlige Unbestimmtheit, bloß negative Freiheit, mit einem Wort die Haltlosigkeit des Relativismus aus. Und schließlich: dass selbst der freieste Mensch immer auch ein Tier bleibt, erinnert den Homo sapiens immer an die Grenzen seiner Selbstbestimmtheit. Somit halte ich dieses Prinzip alles in allem doch für verteidungsürdig. Auch wenn es dann schon fast so aussieht, als würde der Mensch einfach rechtfertigen wollen, zu tun, was er eh schon immer getan hat, würde ich Selbstbegrenzung letztens noch von strikter Selbstdisziplin (oder Selbstkasteiung) unterscheiden, um ihr den unsympathischen Charakter der letzteren zu nehmen.

Eine andere Frage, die im Seminar aufgetaucht ist, war die nach der Vereinbarung von individueller Freiheit mit der Forderung weniger Kinder zu machen. Mit dem Prinzip Selbstbegrenzung (im Gegensatz zu fremden, aufgezwungenen Gesetzen) wäre diese Vereinbarung von Individuum und Erfordernissen der Gesellschaft unmittelbar gegeben. Sogar Inder oder Straßenkehrer werden dieses einfache Prinzip verstehen können, man braucht dazu gar kein äußerst intellektueller, westeuropäischer Philosophiestudent zu sein. (Übrigens ist ja nicht gesagt, dass grundsätzlich Arthur Spiegler recht hat, sondern die Vernunft des Tieres Mensch; und so ist es auch möglich, dass ein Inder Herrn Spiegler in einem kurzen Gespräch überzeugt, dass es unvernünftig wäre, weniger Kinder zu zeugen).

b) Die Begründung, warum ausgerechnet Landschaften schützenswert sein sollen, ist mir dagegen weniger klar geworden. In gewisser Weise stimme ich Spiegler im Ergebnis (Schützenswürdigkeit von Landschaften) zu; aber seine Begründungsversuche leuchten mir nicht ein.

Spiegler meint, dass besonders die von der Landwirtschaft geprägten Kulturlandschaften unseren Gesellschafts- und Kulturstand widerspiegeln. Wenn es nun aber einmal so ist, dass auch die Landwirtschaft industrialisiert wird und bloß auf möglichst rationeller betriebswirtschaftlicher Kalkulation basiert, wieso soll man sich selbst mit der Erhaltung alter Landschaftsbilder belügen? Diese sind ohnehin schon leeren Fluren gewichen, die von Großbauern (und ausgebeuteten, ausländischen Hilfsarbeitern) in entfremdeten Arbeitsweisen (monoton, anspruchslos, Ohnmacht gegenüber viel zu komplexen Maschinen) bestellt werden.

Diese erhaltenen Landschaften hätten zwar den Wert, den andere historische Museumsobjekte auch haben; es wäre doch aber nahe liegender zu fordern, dass das Problem an der Wurzel gepackt wird: wenn man keine Spiegelbilder einer auf Kapital und materiellem Wert basierenden Gesellschaft will, wäre es doch besser, das Urbild zu bekämpfen, als falsche Spiegelbilder zu erhalten.

Da man die technischen Fortschritte aber auch nicht einfach einem kulturellen Rückschritt in eine „bessere“ Vergangenheit opfern kann (das würde am Ende in die Tierwelt zurück- und am Anfang vermutlich direkt in Ernährungsprobleme führen; außerdem war der Bauernberuf seit seinem Beginn in der Steinzeit kein angenehmer), bleibt wohl nur eine Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse.


Literatur:

Arthur Spiegler, Selbstbegrenzung – ein kategorischer Imperativ für den Homo sapiens, in: Umwelt Ethik, Gerhard Pretzmann (Ed.), Graz, Stocker 2001