"Gärten und Parks - Vom Jagdrevier des Paradieses zum atomaren Entsorgungspark"

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Reinhard Stanzl über einen Text von Elmar Treptow



Elmar Treptow ist emeritierter Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximillians-Universität München. Schwerpunkte in Forschung und Lehre setzte er in der Sozialphilosophie, politische Philosophie, Theorie der Dialektik, Ideologiekritik, Geschichte der Philosophie (Aristoteles, Hegel, Marx), Philosophie des alten Orients (Indien, China, Ägypten) und Naturästhetik (1).

Ausgangspunkt für Treptow ist die Feststellung zweier Sackgassen des klassischen Naturverständnisses. Einerseits die Verklärung der Natur, in der sie das Heile und Gute repräsentiert, und andererseits die Dämonisierung der Natur, als erlösungsbedürftig und tranzendabel. Im Gegensatz zu diesen beiden Standpunkten sieht Treptow die erhabene Natur als grenzüberschreitendes Kreislaufsystem, als komplexe Systeme die durch Wechselwirkung und rückbezügliche Prozesse miteinander verbunden sind. Für die Natur ist dies ein obwohl dynamisch, doch stabiles Gleichgewicht.

Jedoch kann es zu strukturellen Grenzüberschreitungen kommen, welche Resultat von nicht mehr kompensierbaren äußeren Einflüssen und inneren Spannungen sind. Entsprechend dem Untertitel ist es die "ökologische Ästhetik" die sich, laut Treptow, mit diesen Selbstorganisationen und deren Grenzüberschreitungen beschäftigt. Es geht um das Erleben dieser komplexen Systeme durch den Menschen, die Lust oder die Unlust die ihm dadurch widerfährt.

Treptows Entwurf einer ökologischen Ästhetik ist eine praktische Perspektive, welche sich auf den anthropologischen und historischen Wunsch nach einer Gesellschaft, welche das Erleben der Natur nach ihrem eigenen Maße (, dem Maße der Natur) bezieht.


Stellt man sich die Frage, welche Umwelt schützenswert ist, so ist mit Treptow hier zu antworten, die erhabene Natur. "[S]ie ist gleichbedeutend damit, dass die selbständige, sich selbst organisierende Natur unendlich-unerschöpfbar Kreislaufsysteme hervorbringt und umwandelt, wobei die grenzüberschreitenden Umorganisationsprozesse rückbezüglich verlaufen respektive an sich zweckmäßig, aber für den Menschen sowohl zweckmäßig wie unzweckmäßig sind, indem sie die Bedingungen des Lebens und des Todes sind; die in dieser Weise die Kraft und den Zeit-Raum des Menschen überragende große Natur wird von ihm mit den widersprüchlichen Gefühlen der Lust und Unlust erlebt; sie können die Formen der Bewunderung und Schaudern, Staunen und Schrecken oder Ehrfurcht und Furcht annehmen"(4).

Einen Einblick in diese Erhabenheit gewähren bestimmte Formen der Gärten und Parks. Ihr zentrales Kennzeichen ist deren Nutzwert, denn sie dienen dazu menschliche Bedürfnisse zu Befriedigen, seien es leibliche, wie die Erzeugung von Lebensmitteln, oder geistige, wie die der Erholung in der Kontemplation. Alle Formen von Gärten und Parks sind Sphären der erhabenen Natur en miniature. Vom Garten von Alkinoos bei Homer, der alt-ägyptischen Gartenkunst, die hängenden Gärten der Semiramis, den Gärten der Philosophen, den römischen Villenanlagen, der islamischen Gartenkultur (spanische Alhambra) bis zu den Gärten der Renaissance entwickelte sich immer ein Gleichgewicht zwischen Architektur und Natur.

Mit dem französischen Garten des Barocks und dem englischen Garten entstanden jedoch zwei sich bipolar gegenüberstehende Gartenströmungen. Barocke Gärten dienten den Bedürfnissen der Repräsentation am absolutistischen Hof (siehe Versailles, Schloss Schönbrunn, usw.). Es entstand eine Künstlichkeit der Natur, welche sich in der vollkommenen Symmetrisierung und Geometrisierung ausdrückte. Auf der anderen Seite spiegeln sich bürgerliche und liberale Interessen im englischen Garten wider. Er soll der Natur eine unbeschränkte organische Entfaltung gewähren und, mit minimalsten Eingriffen, frei wuchern.

Typisch für den englischen Garten ist die hohe Variation der Perspektive; Nahsichten, Durchblicke, und Fernsichten lösen einander ab und versuchen den Blick zu streuen. Je nach Anordnung und Ausführung einzelner Gartenelemente werden unterschiedliche Stimmungen im Betrachter erzeugt.

Auch die chinesischen und japanische Gärten vermitteln das Schöne und das Erhabene. Neben der spirituellen und meditativen Atmosphäre von Heiterkeit und Schwerelosigkeit steht kontrastreich auch das Bedrohliche und Schreckliche, wie schroffe Felsen, dunkle Höhlen, tosende Wasserfälle, verkrüppelte Bäume und Ruinen.

Sowohl der englische Garten als auch die fernöstliche Gartenkunst erzeugen somit ein "[...] organisiertes Abbild der Natur in ihrer rückbezüglichen intensiven Unendlichkeit"(5). Die gesamte Natur wird als Prozess der Selbstorganisation und Selbstverwandlung erlebbar gemacht.

Warum ist es aber genau jenes Erhabene der Natur, welches wir trachten sollten, im Kleinen des Gartens bzw. Parks, aber auch im Großen unserer gesamten Umwelt, zu schauen und eventuell herzustellen?

Womit lässt sich diese Schützenswürdigkeit der Umwelt begründen?

Ungeachtet der zuvor angeführten Pole des traditionellen Naturverständnisses, zeigt sich, dass die Natur von sich aus Gleichgewichtszustände produziert, aber auch wieder zerstört. Sie übersteigt jede menschliche Entgegensetzung und ist die Grundlage jeder gesellschaftlichen Praxis.

Denn auch die Gesellschaft produziert, basierend auf den dynamisch stabilen Gleichgewichten der Natur, selbstständige und aber auch sich verselbstständigende Kreislaufsysteme, welche uns in Formen der Lust und Unlust versetzen. In unserer Zeit ist ein solches faszinierend schrecklich erhabenes System das ökonomische Wachstum, mit ihrem Sachzwang der Produktionssteigerung. Es überschreitet augenscheinlich "[...] die Grenzen der qualitativ bestimmten natürlichen und gesellschaftlichen Maße [...],"(6) und begründet damit die Schädigung der äußeren und der menschlichen Natur durch dessen extensive Nutzung.

Insgesamt lässt sich nach Treptow ein Triumvirat ausmachen, wie das Erleben der Natur in ihrem eigenen Maße herabgesetzt wird; "erstens durch das verselbständigte maßlose ökonomische Wachstum [...]; zweitens durch die naturtranszendierenden monotheistischen Religionen, und drittens durch die idealistische Philosophie, vor allem durch Kants Konzeption der naturtranszendierenden Vernunft."(7) Sie stehen dem individuellen und gesellschaftlichen Eigeninteresse entgegen die Natur in ihrer ökologischen Ästhetik, als komplexe Systeme der dynamisch stabilen Gleichgewichte, in denen er leiblich und geistig verankert ist, mit Lust und Unlust, zu erleben. Deshalb gilt es die äußere und die menschliche Natur in diesem Sinne zu schützen und so das Erhabene der Natur und des Menschen im eigenen Maße zu befördern.



Fußnoten:

(1) http://www.philosophie.uni-muenchen.de/fakultaet/lehreinheiten/philosophie_1/personen/treptow/index.html (09.10.2008)

(2) http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10264&ausgabe=200612 (09.10.2008)

(4) Ebd. S.10

(5) Ebd. S.190

(6) Ebd. S.10

(7) Ebd. S.10


Literatur:

Treptow, Elmar, Die erhabene Natur: Entwurf einer ökologischen Ästhetik, (Würzburg, Königshausen & Neumann, 2001)